Die letzten Tage war mehrfach zu lesen, dass der junge deutsche Schriftsteller Jörg Albrecht in Abu Dhabi verhaftet wurde und auch nach seiner Freilassung 10 Tage lang keine Ausreisegenehmigung bekommen hat.

Nun ist der Fall offenbar bearbeitet und Albrecht darf zurück nach Hause. Das freut mich, und klar, das muss schon ein Schock sein. Aber ich habe in den letzten Tagen einige Male mit Freunden darüber diskutiert, und bleibe bei meiner Ansicht – Selbst Schuld. Wer in einem solchen Land auf offener Straße sein iPad zückt und Fotos von Botschaftsgebäuden macht, der darf sich über nichts wundern. Ihr seid nicht in Kreuzberg, wo euer iPhone euer verlängerter Zeigefinger ist.

Und: in Ländern wie den Emiraten oder auch anderen arabischen Ländern, wo Religionspolizei, Geheimdienst und Milizen zuständig sind für Staatsraison, da ist einfach absolute Obervorsicht angebracht. Die Tatsache, dass sich das gesamte Feuilleton über die Causa Albrecht so echauffiert und bei Facebook Petitionen rumgeschickt werden, macht mir aber deutlich, wie naiv offenbar doch die meisten Menschen sind, die diese Teile der Welt bereisen oder eben mittelbar mit den Alltag dort konfrontiert werden (oh-oh, es ist nicht alles nur „Oh, die Gewürze, Oh die Gastfreundschaft, Oh die Kamele, Oh, die Fliegenden Teppiche!“). Leute, das kann einfach passieren! Alles halb so wild!

Vor einigen Jahren war ich mit meinem damaligen Freund mal in Beirut. Wir waren bei der Familie einer Freundin untergebracht, mitten im Süden der Stadt, in Hisbollah-City, der Dahia. Da die Familie daheim kein Internet hatte, sind wir jeden Morgen in ein Café ums Eck, haben Kaffee getrunken und Emails gecheckt. Am dritten Morgen kamen plötzlich zwei junge Typen an unseren Tisch, sicher nicht älter als 17 oder 18, stellten sich vor uns, reichten uns die Hand und sagten wörtlich: „Hi, we’re from Hisbollah, who are you?“ Wir waren ziemlich geschockt, die beiden verhörten uns erstmal, wer wir sind, was wir hier jeden Tag mit unseren Laptops machen, woher wir kommen, und so weiter. Dann forderten sie uns relativ unmissverständlich auf, mit ihnen mitzukommen. Wir versuchten zu erklären, dass wir nur Touristen sind und auf dem Weg nach Baalbeck, uns die römischen Ausgrabungen anschauen. „What is this book?“, fragte dann der eine und blätterte meinen Lonely Planet durch und studierte ganz genau die Stellen, die ich mit Post-its markiert hatte. Es gab also keine Widerrede, wir mussten mitkommen. Mein Freund, eher ein ruhiger Typ, wurde noch stiller, und der eine Typ ging ihn immer wieder an: „Why are you, scared, why are you scared?“ Ich – selbst völlig fertig mit den Nerven – versuchte noch, auf arabisch ein paar Witze zu machen, obwohl in meinem Kopf schon die Köpfungsvideos liefen.

Sie führten uns durch die Gassen der Dahia in ein Wohnhaus, wo wir im Erdgeschoss in eine Art schrammelige Büroetage gebracht wurden und in einem Zimmer mit Ledersofa warten. Mein Freund raunte mir zu: „Die haben hier bestimmt Waffen in den Schränken.“ Allerdings, das konnte ich mir auch gut vorstellen. Es kam eine nette Frau mit Kopftuch ins Zimmer, stellte uns nochmal all die Fragen wie die Jungs, ließ sich unsere Pässe geben und die Telefonnummer die Familie, bei der wir untergebracht waren. Nach ungefähr zehn Minuten – mir schlottern noch immer die Knie bei der Erinnerung – kam sie mit unseren Pässen zurück, gab sie uns zusammen mit ihrer Visitenkarte (Hisbollah Press Office, noch immer mein liebstes Souvenir aus diesem Urlaub) und versicherte uns, dass die Leute nur die Sicherheit des Viertels im Sinn hätten und wir uns keine Gedanken machen sollen. Es dient nur der Sicherheit der Stadt und somit auch unserer eigenen.

Damit wurden wir in einen völlig verstrahlten Tag entlassen, und ich brauchte erstmal eine Stunde, mich von dem Schock zu erholen. Ich bin immer noch dankbar, dass mein Freund mich dann überredet hat, unseren Ausflug doch noch zu machen, um uns abzulenken. Trotzdem sind wir den ganzen Urlaub über ziemlich paranoid geblieben. Selbst am Flughafen, am Rückreisetag haben wir überall vermeintliche Hisbollahs gesehen.

Urlaubssouvenir

Soviel dazu – Leute, so was passiert! Regt euch ab! In diesen Ländern ist das Alltag. Onlinepetitionen sind ja schön und gut, aber manchmal auch einfach ne Nummer oder zwei übertrieben. Und man hält ja nun auch nicht einfach seine Hand ins Haifischbecken.

Und zu dem Thema, dass Jörg Albrecht sich fühlt wie in einem Kafka-Roman, wie er in seinem Interview mit der Zeit sagt – als ich in Cairo vor ein paar Jahren mal mein Multi-Entry-Visum beantragen wollte, wurde ich zunächst zwei Stunden lang von Pontius nach Pilatus geschickt in einem Gebäude, das dem Verwaltungsschloss aus Asterix erobert Rom alle Ehre macht, dann wurde mein Pass einkassiert, ich bekam weder einen Abholzettel noch sonst einen Hinweis darauf, wie und wo ich meinen Pass am Folgetag wieder bekommen würde, und wurde am nächsten Tag von einer rigiden Frau am Ärmel durch fünf Flure gezogen und angebrüllt, weil ich meinen Pass über Nacht in der Mugamma’a gelassen hatte. Danke Ägypten. Aber – So ist das; Kafka lebt, lieber Jörg Albrecht, nicht nur in den Emiraten, sondern überall in der arabischen Welt!

In diesem Sinne – gute Heimreise, und beim nächsten Mal n bisschen besser informieren!

 

Vor einer Weile zeigte mir ein ägyptischer Freund in Berlin den wunderbaren Film „Tracks of Cairo“.

Der Film stellt verschiedene Musiker und Bands aus Cairo vor und zeigt sie bei der Arbeit und bei Live-Auftritten. Gemeinsam suchten wir sämtliche Tracks und Songs aus dem Film zusammen. Nur einen Song konnten wir nicht finden; weder auf der Tracklist des Films noch bei intensivsten Internetrecherchen. Es war ein elektronisches Stück mit einer wunderschönen, fern-abwesenden, intensiven Frauenstimme, die immerzu flüsterte „Anta al Hawa“ (Du bist der Wind). Irgendwann haben wir aufgegeben und mein ägyptischer Freund schnitt das Stück einfach als Soundfile aus dem Film heraus für mich.

Vor ein paar Tagen habe ich durch Zufall endlich die Sängerin dieses tollen Songs gefunden. Yasmine Hamdan heißt sie, und kommt aus Beirut. Und am Freitag hatte ich das große Glück, sie im wunderschönen Hamburger Nochtspeicher live erleben zu können.

Dem breiteren Publikum ist Yasmine Hamdan seit Kurzem vielleicht bekannt aus ihrem kleinen Cameo-Auftritt in Jim Jarmuschs letztem Film Only Lovers Left Alive (großartiger Film, übrigens!). Tatsächlich macht sie aber schon seit über zehn Jahren Musik. Mit Indie-Projekten wie Y.A.S. und Soapkills ist sie in den arabischen Ländern schon lange erfolgreich.

Ich war unsicher, was oder wen ich im Nochtspeicher zu erwarten hatte. Arabische Musik, die nicht unbedingt in die grauenvolle Kategorie „Weltmusik“ fällt, ist ja nun nicht gerade ein Publikumsmagnet in Deutschland. Umso überraschter war ich, dass das Hamburger Konzert ausverkauft war. Das Publikum rangierte von Hipstern und jungen  Menschen meines Alters bis hin zum (seltsam…) klassischen Bildungsbürger spätmittleren Semesters in Tweed und Stöckelschuh. Man trank Wein und Aperol Spritz, alles etwas schräg.

Yasmine Hamdan schien das nicht so richtig zu interessieren. Klein, zierlich und unfassbar sexy kommt eine schöne Frau zusammen mit ihren 3 Musikern auf die Bühne und liefert von der ersten Sekunde an ein energiegeladenes Rock n Roll-Feuerwerk der Extraklasse ab. Dass die meisten Leute zwar sichtlich angetan, aber eben typisch deutsch nur vor der Bühne stehen, wohlwollend mit dem Kopf wippen und brav am Ende der Songs applaudieren, anstatt zu tanzen und sich von der großartigen Musik mitreißen zu lassen, irritiert die Band scheinbar nicht. Mich stört’s schon ein bisschen, wie immer, aber wir lassen uns den Spaß nicht verderben und tanzen, jubeln und feiern einfach für uns und mit Yasmine.

 Die Stücke, die ich mir inzwischen auch auf der aktuellen CD Ya Nass angehört habe, sind für den Auftritt neu arrangiert und instrumentiert. Während das Album recht ruhig und melancholisch daher kommt, steigern sich die Songs live in wahre Klangorgien. Yasmine flirtet, meditiert, leidet und feiert jede Silbe, die sie singt und transportiert in ihrer Sinnlichkeit und dank ihrer rauen, tiefen Stimme eine Energie, die man bei Konzerten nur ganz selten erlebt.

Mich persönlich berühren die Songs derart, dass mir mehrmals die Tränen kommen. Meiner Begeleiterin, die übrigens kein Arabisch spricht, ging es genauso, was ja nur heißen kann, dass Yasmine Hamdan sich auch so verständlich macht, durch ihre Aura, durch ihre Musik und ihre Präsenz.

Eins der besten Konzerte, das ich seit Langem erlebt habe – ich bin verliebt!

Und ich hoffe, mein ägyptischer Freund liest das jetzt – Hey Amin, ich hab den Song gefunden!!