„Weil wir längst woanders sind“ – Best of 2016 . Danke an alle, die dieses Jahr dabei waren! Es war wirklich wunderbar.

 

Best of 2016

Best of 2016

Wie die meisten Menschen, die alt genug dafür sind, erinnere ich mich noch sehr genau daran, wie und wo und mit wem ich den 11. September 2001, also 9/11 erlebt habe.

Ich war 22, verbrachte den Sommer mit einigen Freunden in Spanien. Als wir am Abend vom Strand kamen und aus Gewohnheit den Fernseher anschalteten, waren sie da – die Bilder der brennenden, rauchenden Türme, Flugzeuge, spanische Nachrichtensprecher, die viel zu schnell redeten, als dass wir etwas hätten verstehen können. Ich weiß noch genau, dass ich wie versteinert da stand, versuchte, mit meinem alten Nokia Handy eine SMS an meinen Bruder in Deutschland zu schreiben und zu fragen, was da los sei. Ich war völlig fassungslos. Ein Freund aus unserer Reisegruppe schien weniger geschockt, weniger fassungslos als wir anderen. Er saß auf dem Sofa, schaute auf den Fernseher, lachte ziemlich laut und sagte dann so etwas wie: „Jedem das, was er verdient.“

Damals fand ich das schrecklich und zynisch. Ich verstand diese Abgeklärtheit nicht. Heute denke ich oft an diesen Tag und an diese Reaktion. Diesen Satz, „jedem das, was er verdient“. Inzwischen haben wir zahllose Terroranschläge erlebt, Kriege und politische Super GAUs. Ist das denn wirklich das, was wir verdienen? Hatte er wirklich recht, der Freund, damals?

Als ich heute Morgen in einem Hotel irgendwo in Bayern wach wurde und erfuhr, wie sich Amerika entschieden hatte, hatte ich zunächst – wie vermutlich wir alle – gehofft, ich sei noch nicht ganz wach, sei noch in einem bösen Traum gefangen. Dann, als klar war, ich war wach und es ist die gruselige Wahrheit, kam mir sofort wieder dieser Freund von damals, kam mir sofort wieder 9/11 in den Sinn. Wieder dieses Gefühl von Ohnmacht, Nichtverstehen. Aber diesmal kommt noch etwas hinzu. Das Gefühl von Einsamkeit. Da sitze ich in unserem kleinen neuen Utopia – wer hätte es gedacht, am Jahrestag der Reichskristallnacht fühlt sich Deutschland 2016 plötzlich an wie ein kleines, noch halbwegs heiles Paradies zwischen den Großwesiren Putin und Erdogan, zwischen den Nachwuchsdiktatoren Le Pen, Orban, Hofer, Wilders und der Brexitnation –  und  habe ernsthaft Angst. Angst vor der Zukunft, Angst vor der Bundestagswahl 2017.

Alles scheint plötzlich möglich, die schweigende Masse, die immer nur an ihren Stammtischen geblieben ist, geht nun wählen. Und entscheidet sich gegen alles, was ich und viele andere so felsenfest glauben, verteidigen und für richtig halten. Weil es scheinbar nicht für sie funktioniert. Wie soll das weiter gehen, wo sollen wir von hier aus hin?

Ich texte mit einem guten Freund in Hamburg, wir schreiben uns von unserer Angst, von unserer Fassungslosigkeit. „Haben wir das wirklich verdient?“, fragen wir uns.

Vielleicht. Vielleicht haben wir zu lange gelacht über die Idee eines Präsident Trump. Vielleicht haben wir nur unzulänglich und zu langsam Zusammenhänge sehen wollen. Vielleicht geht es uns zu gut und unsere Moralhoheit ist zu gemütlich. Vielleicht – nein, nicht vielleicht – ganz sicher haben wir zu lange still gehalten, haben zu wenig getan.

„Jetzt müssen wir aber wirklich was machen. Ich weiß nicht, was, aber irgendwas müssen wir uns einfallen lassen“, schreibe ich schließlich nach einigen Stunden, in denen der Schock etwas sacken konnte. „Für deine Tochter“, schreibe ich. „Wir wollen doch in ein paar Monaten nicht aufwachen und die Petry ist Kanzlerin!“

Und genau das sollten wir – will ich nun auch. Heute noch, heute verarbeite ich diesen Schock, trauere ein bisschen um all die Werte, das Weltbild, das so tief in mir verwurzelt ist. Aber ab morgen muss etwas anders werden. Wir müssen uns irgendwie organisieren, informieren, verbinden – diese Katastrophe, die da so damoklesschwertig über uns hängt, die muss verhindert werden. Wir alle, alle, alle sind verantwortlich!

Wie das gehen soll, das weiß ich nicht – „Mit einer Schreibmaschine die Katastrophe abwenden wollen“, wie Erich Kästner über Kurt Tucholsky gesagt hat, das scheint naiv. Aber ich kann ja auch nichts anderes. Irgendetwas werde ich mir, werden wir uns überlegen, irgendwas muss man ja tun können. Und ich will einfach nicht nichts tun – weil ich nicht zu denen gehört haben will, die es verdienen, am Ende.

kurt-tucholsky