Meine Oma pflegte immer zu sagen: „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Stammt eigentlich von Matthias Claudius, aber egal. Lesereisen sind, so kommt’s mir derzeit vor, nochmal ein besonderer Fundus für zukünftige Erzählungen…

Der Mensch ist ein komisches Tier. Ein Tier, das gern viel sagt, wenn der Tag lang ist, und zu allem und jedem eine Meinung hat. Und natürlich meistens die richtige. Wenn ich zum Beispiel mit meinen Jungsfreunden Bundesliga gucke, und ja, es ist ein Klischee – ist jeder von ihnen der bessere Trainer, der bessere Schiri, der bessere Spieler. Glasklar, mit uns auf dem Platz hätte das keine 4:0-Klatsche gegeben. Und das, obwohl wir alle Ende 30 sind und schon kurzatmig werden, wenn wir nur die Einkaufstüten in den vierten Stock schleppen. Aber egal, wen kümmern schon Fakten. Hauptsache, wir wissen es besser. Einbildung ist auch ’ne Bildung, um nochmal meine Oma zu zitieren.

Seit einer Woche bin ich auf Lesetour mit meinem Roman. Nach einigen wirklich schönen Festivals sind dies nun die ersten 1:1-Erfahrungen mit Lesern, die nur meinetwegen kommen und zuhören. Mal ganz abgesehen davon, dass es tierisch Spaß macht und ich mir noch letztes Jahr um diese Zeit nicht mal im Traum hätte ausmalen können, dass ich vor 140 Leuten im Frankfurter Literaturhaus lese, kommen nun auch die alten Zweifel hoch. Da hab ich also einen Roman über Saudi Arabien geschrieben, über’s Deplatziertsein und das Aufwachsen zwischen zwei sehr gegensätzlichen Kulturen. Ich wusste immer sehr genau, was ich da erzählen möchte und wie. Und mir war klar, das wird nicht jedem gefallen. Das ist auch völlig okay. Und dass man mit Fragen und Unverständnis rechnen muss, wenn man eine rein private Geschichte über ein so überpolitisiertes und negativ überrepräsentiertes Land schreibt, war irgendwie auch klar.
Umso mehr hat’s mich überrascht und gefreut, dass ich seit der Veröffentlichung so viele Zuschriften bekommen habe von Lesern (vornehmlich welche mit Migrationsvordergrund, sollte ich sagen), die in diesem Buch etwas finden, was sie anspricht, womit sie etwas anfangen können. Das hat mich wahnsinnig gefreut! Und freut mich auch immer noch – schreibt mir gern weiter!

Nun aber also – war klar, dass das irgendwann auch passiert – die ersten Begegnungen mit Lesern, die es eben nicht verstehen. Die glauben, es viel besser zu wissen, die ein anderes Buch erzählt haben wollen. Eines, das ihre Vorurteile spiegelt, das von geprügelten Frauen und brutalen Männern erzählt, von der Übermacht der Diktatur und das den Islam verteufelt. Tja, all das sucht man in Weil wir längst woanders sind vergeblich – sorry!

Bei einer Lesung letztens sagte eine Dame älteren Semesters und dem Anschein nach auch ohne sichtbaren Migrationsvordergrund: „Aber diese Ehe, von der Sie da erzählen, die muss ja am Ende sowieso scheitern.“

„Interessant“, sagte ich. „Wie kommen Sie zu dieser Annahme? Nicht einmal ich weiß, wie es Layla in ein paar Jahren ergehen wird …“

„Ja, das ist doch völlig klar“; sagte die Dame. „In so einem Land kann doch so eine Frau nicht glücklich werden.“

„Und das wissen Sie, weil Sie so viel Zeit in Saudi Arabien verbracht haben?“, gab ich zurück.

„Nein, aber man liest ja so einiges.“

Tadaa – Alles, was in meinem Buch über die deutschen Vorurteile den Arabern gegenüber steht, hat diese Dame mir in 2 Minuten bestätigt – und merkt es nicht einmal. Sie insistiert weiter und wirft sich echauffiert in ihrem Stuhl zurück und schüttelt mit dem Kopf. Ich schüttle auch den Kopf und zucke mit den Schultern. Es tut mir aufrichtig leid, dass ich nicht das Buch geschrieben habe, das diese Dame und vielleicht auch einige andere gern gelesen hätten. Komischerweise fasse ich das nicht als Scheitern auf, sondern vielmehr als Erfolg – denn ich habe genau das Buch geschrieben, das ich schreiben wollte, und mit solchen Reaktionen fühle ich mich sehr bestätigt. Warum sind es immer diejenigen, die noch nie in ihrem Leben mit der arabischen Kultur in Berührung gekommen sind, die immer alles besser wissen? Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, wie meine Jungs die besseren Fußballtrainer wären – Wunschdenken!

Ich möchte nicht auf Grund meiner vermeintlichen Authentizität ob meiner Herkunft behaupten, ich hätte die Weisheit bezüglich Saudi Arabien mit dem Löffel gefressen. Dafür muss man nur ein paar Einträge hier im Blog lesen. Und so ratlos mich dieses Land auch immer wieder macht – für mich bedeutet es eben auch etwas anderes, und meine Wahrnehmung ist eine andere als die, die hierzulande durch’s Internet geprägt ist. Und das Buch ist ein Angebot, sich meiner Sicht auf diese Welt zu öffnen.

Wenn jemand handwerklich oder ästhetisch etwas auszusetzen hat an meinem Text, ist das natürlich völlig in Ordnung. Es ist mein erstes Buch, ich habe sehr viel Mühe und Arbeit investiert, um die richtige Stimme zu finden. Ich werde lernen, keine Frage, und das nächste und das übernächste Buch werden sicher anders und Resultat dieses Lernprozesses sein. Aber was ich inhaltlich erzähle, das müsst ihr schon mir überlassen, ob es euch gefällt oder nicht.

Und überhaupt – es geht ja gar nicht in erster Linie um Saudi Arabien, sondern um das Leben als buntes Mischwerk und all die Freuden und Tränen, die das so mit sich bringt. Und wenn mir dann Menschen persönlich schreiben, sie hätten sich wieder gefunden, sich bei Lesungen für das Buch, für die Geschichte bedanken oder selbst so herzzerreißend über dieses Buch berichten, auch dann fühle ich mich verstanden – von denen, die so sind wie ich, die Brüche in sich fühlen, die man nur schwer erklären kann. Und dafür bin ich dankbar. Und die anderen, die Besserwisser – die sind zum Glück bislang noch weit in der Unterzahl, und auch für die bin ich dankbar, denn hier sehe ich eine Chance. Alle werde ich nicht erreichen, das ist mir klar. Aber vielleicht einen, oder zwei. Das ist schon ne ganze Menge.

Die Tour geht weiter, die Daten findet ihr oben in der Terminspalte – vielleicht sehen wir uns irgendwo und diskutieren miteinander!

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Post schreiben soll. Zum einen pragmatischerweise – ich habe grad wahnsinnig viel zu tun und nicht so recht den Kopf frei zum bloggen. Zum anderen, weil mich das Geschrei um diese schrecklichen Ereignisse in Köln komplett irre und auch irgendwie depressiv macht.

Es sind gute bis sehr gute Texte geschrieben worden dazu; der beste meiner Ansicht nach von Hilal Sezgin in der Zeit. Gestern noch hat Nadia Shehade von Shehadistan einen ziemlich krawalligen, aber ich finde, großartigen Text formuliert. Ich dachte – ach, ich halt da einfach mal die Klappe und lass andere machen.

Aber irgendwie liegt mir das alles quer im Magen. Klar ist das grauenhaft, was da in Köln passiert ist, da gibt’s überhaupt keine Diskussion!  Wenn eine Horde organisierter Arschlöcher andere Menschen, friedliche, feiernde Menschen angehen, angreifen, beklauen, gar vergewaltigen – das ist absolut inakzeptabel. Jeder, der da mitgemacht hat, gehört zur Rechenschaft gezogen und bestraft. Jedes Opfer verdient es, zu seinem Recht zu kommen, in Form von Anerkennung der Tat, gesetzmäßiger Bestrafung der Täter, auch eine Entschuldigung der Polizei, die offenbar gepennt hat, und meinetwegen auch der Täter, wenn das irgendwie geht. Da gibt’s für mich überhaupt nichts zu diskutieren. Aber das ist halt Aufgabe der Polizei und der Staatsanwaltschaft und nicht die eines ausgeflippten Lynchmobs!

Was ich nämlich genauso schlimm finde (ich versuche, eine Formulierung zu finden, die nicht relativiert, was diesen Frauen passiert ist – das will ich nämlich keinesfalls!) – seither explodiert um uns alle herum eine mediale und sozialmediale Hetze, die vermutlich den Hetzern von ’33 alle Ehre gemacht hätten. Ich öffne mein Facebook, öffne eine Zeitungswebsite, schaue am Kiosk auf die Titelseiten und muss auf einmal denken (und zwar immer wieder): „In was für einem kackrassistischen Land lebe ich denn da eigentlich plötzlich bitte?!“ Das geht doch alles gar nicht, dass Magazine und Zeitungen Titelseiten gestalten, wo nackte Frauenkörper von schwarzen Händen begrapscht werden, wenn die gottverdammte CSU und der braune Pegida-Sumpf sich diese Ereignisse zu nutzen machen und solche grauenvollen Verbrechen vor ihren Karren spannen. Dass plötzlich Leute, mit denen man seit Jahren befreundet ist oder arbeitet, kluge Leute, studierte Leute – dass die plötzlich so Sachen sagen wie: „Ich bin ja kein Rassist, aber …“

Leute, geht’s noch??! Ich denke seit den Anschlägen von Charlie Hebdo im letzten Januar, dass es nicht schlimmer werden kann mit der rechts-hysterischen Stimmung hier im Land. Und ja, zugegeben, die Nachrichtenlage grad ist wirklich beängstigend; mich macht das auch fertig!

Aber ehrlich – ein Vergewaltiger ist ein Vergewaltiger, weil er ein Arschloch ist, nicht, weil er „arabisch oder nordafrikanisch aussehend“ ist! Da geht’s doch wieder los – schön alles über einen Kamm scheren, den Pegidisten und AfDlern die tumbe Lemmingmasse in die Arme treiben! Richtig geil gemacht, Massenmedien … Und nein, nicht nur die Bild Zeitung, sondern auch der Focus, der WDR und sogar die SZ gießen jetzt Öl ins Feuer. Leute, ihr habt ne Verantwortung, dass diese dreckige Stimmung hier im Land nicht noch angefeuert wird!! Dass wir, als „arabisch und nordafrikanisch aussehende Menschen“, die wir weder Leute vergewaltigen noch sonst wie kriminell sind, sondern friedlich leben, arbeiten, Steuern zahlen, und vielleicht sogar soziales Engagement zeigen, sich nicht permanent entschuldigen, verstecken oder rechtfertigen müssen! Das ist doch einfach nur verdammter Mist!

Ich schäme mich wahnsinnig zur Zeit; und nein, nicht wegen meines arabischen Aussehens oder Namens, sondern für diejenigen, die immer so viel besser, klüger, kultivierter sein wollen als die wilden Wüstenbarbaren, die uns angeblich offenbar grad überrennen! Was genau wissen wir denn eigentlich über all die Dinge, über die grad so laut geschrien wird, hm?!

Know your facts or shut your mouth, und mögen alle Nazis and Vergewaltiger, welcher Hautfarbe oder Nationalität auch immer, kollektiv vom Blitz getroffen werden und von der Erde verschwinden.

Thank you and good night!

 

****UPDATE*****

Facebook hat diesen Artikel kürzlich blockiert. Ätsch, ich versuch’s trotzdem wieder 🙂

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Ich kann nicht besonders gut backen. Wenn’s sein muss, schaffe ich mal einen Käsekuchen, oder einen simplen Marmorkuchen. Weihnachtsplätzchen, Muffins und der ganze Kram sind mir viel zu aufwändig. Kochen war schon immer mehr meine Abteilung.

Umso erstaunter war ich, als mir eine Freundin aus England schrieb, ich müsste „unbedingt, sofort und unverzüglich“ bei der aktuellen Staffel von „The Great British Bake-Off“ einschalten. Wer’s nicht kennt: Eine Runde von 12 Kandidaten versammeln sich auf einem pastellig-bunten englischen Landgut und backen um die Wette. Woche für Woche bekommen sie von den Juroren Aufgaben gestellt – Brote, Hochzeitstorten, Konfekt – und müssen diese dann in der gegebenen Zeit möglichst hübsch umsetzen. Mit anderen Worten – eine Kochshow wie so viele andere, nur mit Kuchen. (Es scheint auch eine deutsche Variante zu geben, Das Große Backen, da ich aber keinen Fernseher besitze, ist diese Sendung bisher nicht in mein Leben getreten).

Jedenfalls – The Great British Bake-Off. Meine Freundin schrieb, es gäbe da eine Kandidatin, die sei ganz toll, so witzig, so unterhaltsam, und sie hätte eine Torte in Form eines Pfaus gebacken. „Musst du sehen!“. Ich bin nicht grundsätzlich avers gegen Trash-TV, ich hege eine offene Leidenschaft für die Sendung um den Kardashian-Clan und gucke auch ab und zu mal „The Voice“. Also schalte ich mal die Kuchen-Sendung ein, kann ja nicht schaden.

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Die Kandidatin, die in England offenbar im Verlaufe der Staffel ein regelrechter Star wurde, heißt Nadiya Hussain. Sie ist 30 Jahre alt, verheiratet und Mutter dreier Kinder. Die britische Presse spiegelt wieder, was sie so beliebt macht – ihr Humor, ihre Selbstironie, wenn sie mal ein Gebäck vergeigt, ihre expressive Gesichtsakrobatik und ihr lebhaftes Temperament. Auf Twitter ist sie der Hit, das Internet ist voll mit Nadiya-GIFs. Toll, ich bin schon nach 30 Minuten völlig gehookt.

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Warum aber hier drüber schreiben, fragt ihr. Ich sag’s einfach gerade heraus: Nadiya Hussain trägt Kopftuch. Im Fernsehen. In einer populären Unterhaltungssendung. Und sie redet NICHT über Islam, Gewalt gegen Frauen oder die Tatsache, dass sie ein Kopftuch trägt. Sie redet über Kuchen, Hefeteig, bunte Glasur und Marzipanrosen. Und man mag es kaum glauben: KEINEN STÖRT’S! Niemand – weder in der Sendung, noch in der Presse, die ich dazu bisher gelesen habe – verliert auch nur ein Wort über das Kopftuch, fragt nach, was ihr Mann denn dazu sagt, dass sie einfach so wagt, Kuchen zu backen, oder sucht nach dem Zusammenhang von Islam und Buttercreme.

Nadiya Hussain

Ich hab mir dann gleich mal vorgestellt, was bei uns hier in Deutschland los wäre, in einer vergleichbaren Situation. Man sieht den Bild-Titel ja schon förmlich vor sich: „Kopftuch-Frau gewinnt TV-Spektakel“. Anne Will und Günther Jauch würden sie einladen und befragen, wie das denn ist, mit Kopftuch Kuchen zu backen. Der deutsche Kopftuchfetisch würde zu voller Fahrt auflaufen und diese Frau komplett auf ihr Erscheinungsbild reduzieren. Zur Hölle mit der Tatsache, dass sie einen Pfau aus Schokolade formen kann – Wie steht sie denn zum Thema „Frauen im Islam“?

Nun ist es ja so, dass Großbritannien durch seine Kolonialgeschichte insgesamt eine viel multikulturellere (wenn auch sicher nicht unproblematische) Gesellschaft sind als wir, und das Bild einer verschleierten Frau im Abendprogramm eben auch nichts Besonderes mehr ist. Aber – ist das nicht auch herrlich und erstrebenswert? Dass man die jungen Frauen mit Schleier endlich nicht mehr reduziert auf das, was sie auf dem Kopf tragen? Dass man mal drüber weg sieht, und ihnen viel spannendere Fragen stellt – wie zum Beispiel man einen Pfau aus Schokolade formt? Ist doch schon verrückt, dass einem da dann auf einmal auffällt, wie selten so ein Fall (wenn überhaupt) mal in unseren Massenmedien vorkommt.

Mit anderen Worten: Nadiya Hussain kann für uns alle ein Beispiel sein: Raus aus der Kopftuchfetisch-Falle, hin zur Normalität. Hoffentlich sieht man das bald auch bei uns endlich mal öfter im Fernsehen – Wäre doch cool, wenn die nächste Gewinnerin bei The Voice ein Kopftuch tragen würde, und man über sie nur lesen würde, wie engelsgleich sie singt! Lasst das Kopftuch im Kopf endlich unsichtbar werden!

Und esst mehr Kuchen!

Wir leben in einer komischen Zeit. Einer Zeit der Extreme. Sieht man jeden Tag, fühlt man, merkt man.

Da wird man vor einigen Wochen noch von Meldungen erschüttert, wie irgendwelche Hohlköpfe ihren Frust, ihre Aggressionen und ihre Dummheit an Flüchtlingsheimen auslassen und Brandsätze da rein werfen; man schämt sich in Grund und Boden und denkt – vor allem als selbst ausländischer Mensch – „einfach nur noch auswandern“! Wenige Tage später wird Deutschland überrollt von einer gefühlt noch nie dagewesenen Welle des zivilen Engagements, der Solidarität und Hilfsbereitschaft. Auf unvergleichliche Weise koordinieren sich Menschen, um Flüchtlingen zu helfen. Das alles kann man dann in Echtzeit auf sämtlichen medialen Kanälen verfolgen.

Ich selbst war in den letzten Wochen auch immer mal wieder an den Hamburger Messehallen, um beim Sortieren der Kleiderspenden usw. zu helfen. Man spürt eine regelrechte Euphorie bei allen Beteiligten, ein richtig gehendes „Hilfe-High“. Richtig seltsam fühlt es sich dann an, wenn man Videos sieht, wo Menschen an Bahnhöfen ankommende Flüchtlinge mit lauten Gesängen und Applaus begrüßen. Versteht mich nicht falsch, ich finde das wunderbar, und alles, was ich in den letzten Wochen darüber gesehen, gehört und selbst erlebt habe, rührt mich regelmäßig zu Tränen. Dieses Ausmaß von Empathie habe ich ehrlich gesagt diesem Land bis vor zwei Wochen gar nicht zugetraut.

Trotzdem will mich seit ein paar Tagen auch so ein seltsames Gefühl nicht verlassen. Kann das lange gut gehen? Diese Euphorie? Dieser Überschwang an Gefühl? Und vor allem: wo kommt das plötzlich her? Ich erinnere mich noch, als ich im Januar nach den Charlie-Hebdo-Anschlägen und den ersten Pegida-Aufmärschen Freunde zum Demonstrieren animieren wollte, stieß ich auf ziemlich viel Zögerlichkeit.

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Ich habe ja eine Vermutung. Eine ziemlich konservative, die wahrscheinlich dem Credo meiner Oma entspringt, die immer zu sagen pflegte: „Alles in Maßen.“ Vielleicht ist es so: Wir leben in dieser wahnsinnig schnellen, sehr ich-bezogenen Welt. Alles kann, muss, soll in Echtzeit geteilt und vermittelt werden – Arbeit, Freizeit, Spaß. Und wenn uns das zu viel wird, gibt es eine ganze Entschleunigungsindustrie, von Achtsamkeitsseminaren über Bastelkurse und Apps (!!), die dabei helfen sollen, die eigene Erreichbarkeit zu regulieren. Alles ist extrem. Alles ist schnell. Alles muss immer sofort. Muss effizient.

Dabei haben wir vielleicht verlernt, dass Gefühle Zeit brauchen. Dass echte, starke Haltungen nicht per Knopfdruck entstehen. Dass alles, was unter Extrembedingungen erlebt und „gefühlt“ und produziert wird, ganz oft keinen langfristigen Bestand hat. Kommt diese Gefühlswelle grad vielleicht auch deshalb zustande, weil Mensch diese eigentlich urmenschlichen Emotionen so lange gedeckelt, aus seinem Leben wegrationalisiert hat? Freuen sich die Leute grad auch deshalb so, weil sie endlich mal wieder fühlen und Gefühle zeigen dürfen?

Wenn sich zum Beispiel Menschen plötzlich darüber wundern, dass man ja mit ganz einfachen Dingen, ganz einfachen Fragen schon sehr viel erreichen kann, frage ich mich: Wie habt ihr denn gelebt die letzten Jahre? Wo ist denn diese ganz selbstverständliche Zwischenmenschlichkeit hin, die ich noch zu Hause gelernt habe? Dass man Menschen, die sich auf der Straße suchend umschauen, fragt: „Hey, kann ich helfen?“, oder jemandem mal eben sein Auto leiht, der es kurzfristig braucht? So aus der Mode gekommene Dinge wie „Nachbarschaft“ oder christlich gesprochen „Nächstenliebe“ werden offenbar grad neu entdeckt und wie alles, was neu ist, nun mit so viel Überschwang zelebriert, dass es mir manchmal fast unheimlich vorkommt.

Alles, was zur Zeit in Sachen Flüchtlingshilfe passiert, finde ich grandios, keine Frage. Aber eines würde ich mir trotzdem wünschen: Dass wir alle was daraus lernen für’s eigene Leben: Es ist nicht damit getan, jetzt ein paar Wochen euphorisch Spenden zu sortieren und Geld zu spenden. Was in diesem Land im Moment passiert, wird langfristige Folgen haben. Ich hoffe, dass möglichst viele Menschen das Glück haben werden, in Deutschland bleiben zu dürfen. Aber – die werden auch dann noch, wenn Wintermäntel und Wollsocken fertig sortiert sind, noch Hilfe und Unterstützung brauchen. Wer jetzt euphorisch „Refugees Welcome!“ ruft, der ist in der Verantwortung, diese Beziehung, die er da zu vielleicht einem, zwei oder mehr Menschen aufbaut, auch aufrecht zu halten. Auch, wenn die Masseneuphorie abgeebbt ist.

Und da kommen dann diese altmodischen Werte wieder ins Spiel: Die sollte man in seinem Überschallleben nie, nie, nie vergessen. Ich glaube, das ist das, was man jetzt lernen kann! Einfach immer weiter machen. Muss ja nicht immer so euphorisch sein! Wer übrigens in Hamburg gern zupacken möchte, ist zB hier gut aufgehoben! Wir sehen uns dann da!

Gestern stand ich einmal mehr mit einigen Tausend Hamburgern auf dem Gerhard-Hauptmann-Platz, wunderbarerweise direkt vor der Weltbühne des Thalia Theaters, um einer Kundgebung zur Solidarität mit Paris und auch mit den Muslimen in Deutschland zuzuhören.

Ich war mit einer Gruppe Freunden unterwegs, und wir haben einige sehr gute, sehr emotionale, sehr menschliche Reden hören können, die besten meiner Ansicht nach von Mustafa Yoldas, Vorsitzender des Schura Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg e.V. und Dirk Ahrens, Diakonisches Werk Hamburg und Mitglied der Kirchenleitung der Nordkirche. Hat einmal mehr Hoffnung gemacht, aber mich persönlich auch wütend. Wütend, weil man sich plötzlich wieder gezwungen sieht, für Dinge auf die Straße zu gehen, die im Jahr 2015 als so selbstverständlich gelten sollten – Freiheit, Toleranz, Menschlichkeit!

Und mir kam einmal mehr in den Sinn, dass ich es einfach traurig finde, wie wenig sich vor allem meine Generation traut, sich einzumischen. Mehrfach und von verschiedenen Freunden habe ich in den letzten Tagen gehört: „Ja, das ist echt alles so schlimm grad, mit Pegida und so. Aber irgendwie fühle ich mich nicht klug genug, dazu Stellung zu beziehen. Das können andere doch so viel besser.“

Denen möchte ich heute folgendes sagen:
Ihr Lieben,

wir leben in einem ziemlich schönen Land. Es ermöglicht uns sehr viele Freiheiten, Privilegien und ein wirklich gutes Leben, in Sicherheit und Wohlstand. Das sind keine Selbstverständlichkeiten. Dass wir alle tun und sagen dürfen, was wir denken und wollen, das verdanken wir einer funktionierenden Demokratie, einem starken Sozialsystem und den Menschen, die dieses System am Laufen halten. Und wenn diese Dinge plötzlich so infrage gestellt werden durch immer stärker werdende extreme Positionen, egal ob durch Pegida-Idioten oder radikale Terroristen welcher Gesinnung auch immer, dann ist es an der Zeit, sowas wie gesellschaftliche Verantwortung anzunehmen. Dafür muss man nicht studiert haben oder über umfassendes politisches Wissen verfügen. Ihr alle habt Freunde, Familie, Bekannte, Kollegen, die ausländischer Herkunft sind. Ihr genießt die Freiheit, die euch diese Gesellschaft ermöglicht. Es wird Zeit, allerhöchste Zeit, dass wir uns gesammelt hinter diese Menschen stellen, mit ihnen sprechen, Grenzen abbauen, statt noch mehr Zäune zu errichten. Und mir geht es hierbei nicht um islamistische Terroristen, natürlich nicht. Mit Terroristen und Radikalen (sie gehören doch zum selben menschenverachtenden Pflock, die Terroristen und die Pegia-Idioten!), das zeigt die Geschichte, ist ja nun nicht zu diskutieren. Aber die Gegenposition, die muss einfach stärker bleiben. Dem beschissenen Populismus von Pegida muss der Nährboden entzogen werden. Und das geht nur durch Denken, durch Reden, durch Verbinden!

Meine Mutter, eine blonde deutsche Frau, erzählte gestern am Telefon, dass auch auf ihrer Arbeit inzwischen diffuse ausländerfeindliche Dinge gesagt werden. Ihre Antwort, stark und radikal: „Hört mal, ihr redet hier auch von meinen Kindern!“

Auch wenn ich zwar auf dem Papier Moslem bin, herkunftsbedingt sozusagen, verstehe ich mich eher als Agnostiker. Ich habe nie eine religiöse Erziehung genossen und ich möchte mich deshalb hier auch nicht als Sprachrohr für Muslime hinstellen. Aber ich habe einen arabischen Vater, meine arabische Herkunft empfinde ich als starken Teil meines Ich, ebenso wie meinen deutschen Teil, und ich kann es einfach nicht mit ansehen, wenn hier, in diesem schönen, freien Land, plötzlich wieder brauner Scheiß geredet wird, offen, unverblümt und salonfähig.

In diesem Sinne bitte ich euch alle, eure Scheu, euch einzumischen und Stellung zu beziehen, zu überwinden. Denkt mit! Gestaltet diese Gesellschaft mit! Im Namen des Humanismus und der Demokratie, nicht im Namen der paar Tausend Vollidioten in Dresden und anderswo! Es waren knapp 4000 Menschen gestern in Hamburg. Es hätten 40.000 sein müssen!

 

 

Diese letzten paar Tage waren, wenn man so in die Welt blickt, traurig und beängstigend und skurril.

Am Montag stand ich noch mit 5000 anderen Menschen am Glockengießerwall in Hamburg, um gegen die Pegida-Schwachmaten zu demonstrieren. Das gab Hoffnung, man dachte sich, ach, es sind eben Schwachmaten, die Guten und die Denkenden sind in der Mehrheit. 48 Stunden später kommt es dann zu dem katastrophalen Anschlag auf das Magazin Charlie Hebdo in Paris. Alles ist anders, schon wieder, in wenigen Sekunden.

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In meinem Freundeskreis wird seither wild diskutiert – emotional, verwirrt, ängstlich. Was ist das denn bitte für eine Zeit, in der wir grad leben, wo ausgemachte Rechte in schicken Anzügen demnächst wohl in den Bundestag einziehen und bärtige junge Männer einfach mal 12 Menschen abknallen? Fragen werden aufgeworfen, wie kann es so weit kommen, dass junge Menschen sich derart gehirnwaschen lassen, dass sie zu diesen eiskalten Tötungsmaschinen werden? Was ist die adäquate Reaktion auf solche grausamen Taten? Ist das Abdrucken der Hebdo-Karikaturen nun Provokation oder Widerstand? Kann man diesen Terrortypen nicht den Geldhahn zudrehen? Woher bekommen die überhaupt ihr Geld? Am Ende sagt immer irgendwer irgendwas von meine deutschen Werte!“ – und dann geht dieses ganze Thema los …

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den 11. September 2001. Da war das alles ganz ähnlich. Nur viel verwirrender und frischer. Meine Generation kannte Terroristen nicht als Teil ihres Nachrichtenalltags. Die Generation unserer Eltern ist aufgewachsen mit Baader, Meinhof und Konsorten, und auch wenn es sich bei denen im Vergleich zur aktuellen Terrorsituation geradezu um die Bewohner von Schlumpfhausen handelt, so gab es doch ein Bewusstsein für Wut und Gewalt, die sich völlig unangekündigt und willkürlich zeigen konnte.

Mir macht die Zeit, in der ich lebe grad auch viel Angst. Ich finde die politische Entwicklung in diesem Land irritierend und beängstigend, finde die Vereinfachung in der öffentlichen Diskussion gefährlich, finde es furchtbar, dass sich ein Großteil meiner Generation aus Hilf- und Ratlosigkeit in die Bequemlichkeit eines betroffenen Schulterzuckens zurück zieht.

Ich habe auch keine Antworten auf die oben gestellten und dieser Tage immer wieder aufkeimenden Fragen. Ich habe noch keinen Weg gefunden, mit weniger Angst und Sorge morgens Zeitung zu lesen. Aber eins steht fest – nur, weil man keine Antworten hat und die Zeitungslektüre wenig Spaß bringt zur Zeit, darf man den Mund nicht halten und aufhören, Haltung und Position zu beziehen. „Nichts nährt Populismus besser als das kollektive Beschweigen von Angstthemen durch die Medien“, hieß es gestern in einem sehr guten Essay.

Dem schließe ich mich an. Meinungs- und Pressefreiheit sind in unserem Grundgesetz verankert und zentrale Säule eines demokratischen Systems. Wer sich innerhalb dieses demokratischen Systems aufhält, darin lebt, seine Vorzüge genießt, hat sich damit abzufinden, dass diese im Grundgesetz verankerte Freiheit über dem Empfinden des Einzelnen steht. Get over yourself already, mich beleidigen auch viele Dinge, die ich hinnehmen muss: Kristina Schröder, Der FC Bayern und nicht zuletzt Pegida. Aber ich muss damit leben und darf nicht einfach mit der Uzi ins Bayern-Stadion marschieren! Egal, in wessen Namen!

In Hamburg findet am Montag ab 18 Uhr am Gerhart-Hauptmann-Platz wieder eine Demo statt. Ihr solltet hingehen!

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Heimat, das ist ja vor allem in letzter Zeit, dank dem ganzen Schwachsinn von Pegida und der CSU-Offensive, Migrationsmitbürger, mögen doch bitte nur noch Deutsch sprechen, ein bisschen ein dreckiges Wort.

Überhaupt ist es vor allem unter vermeintlichen intellektuellen Menschen ein ziemlich uncooler Begriff. Benutzt man ihn, wird man belächelt, ja gar ausgelacht. Und trotzdem stolpert man immer wieder darüber, wenn mal wieder ein neuer „Heimat“-Roman erscheint, die vermeintliche Renaissance des „Heimat“-Films ausgerufen wird. Man beachte allerdings die Anführungsstriche. Ohne die kleinen Ironiehäkchen darf man ja solche Begriffe („Liebe“ ist auch so ein Wort) nicht mehr verwenden heutzutage. Zu schnell wird man sonst in die rechtskonservative Ecke gestellt.

Menschen mit komischen Namen, wie ich, oder mit dunkler Haut und dunklen Haaren bekommen solche Begriffe aber auch gern mal ganz ironiefrei an den Kopf geworfen. „Ah, fahren Sie in die Heimat über die Feiertage?“, fragte mich mal eine wohlwollende Dame am Schalter, als ich vor Jahren mal ein Busticket nach Prag über Silvester kaufte. Ich lächelte artig und erklärte, nein, ich wolle nur mit meinem Freund ein paar Tage Urlaub machen.

Völlig ironiefrei beschäftigt sich dieser Tage auch das DB-Magazin Mobil mit dem Thema und befragt diverse Autoren, Künstler und Promis zu ihrem Heimatbegriff. Eine Freundin brachte mir das Blatt mit und wies mich auf den Text von Fatih Akin hin. „Ich hab viel an dich gedacht dabei“, sagt sie. „Heimat sei ein Zustand im Kopf“, sagt Fatih Akin, der selbst durch und durch Hamburger (um genau zu sein, Ottenser) ist.

Kürzlich bekam ich auch ein Buch geschenkt von einem Freund, der selbst vor nicht allzu langer Zeit nach Hamburg gezogen ist. Vorn aufs Vorsatzblatt schrieb er mir eine Widmung, die mir fast die Tränen in die Augen trieb: „Weil Du Hamburg zum Zuhause machst.“

Mit anderen Worten, der Heimatbegriff hat sich in den letzten Tagen und Wochen mal wieder in mein Bewusstsein geschlichen und ich mache mir Gedanken darüber. Hat auch mit meiner letzten Reise zu tun, auf der ich mich zum 1000sten Mal gefragt hab, „verdammte Scheiße, wie kann man sich bloß an so unterschiedlichen Ecken dieser Welt gleichermaßen derart zu Hause fühlen?“ Das ist nämlich ehrlich gesagt ganz schön anstrengend mitunter.

Als ich vor genau einem Jahr nach Hamburg zurück gezogen bin, war das so ziemlich der schönste Tag meines Lebens. Mein Zuhause hatte mich wieder, und ich mein Zuhause. Für mich war und ist das was sehr Besonderes, einen solchen Ort gefunden zu haben, der so viel Raum in meinem Herzen erobert hat, dass ich ihn wohl nie mehr freiwillig verlassen werde. Zumindest nicht für länger. Und dann komme ich aber wieder nach Kairo, oder wie im Frühjahr nach Jeddah, und fühle mich genauso wohl, will genauso wenig weg und habe Heimweh und große Sehnsucht, sobald ich im Flieger sitze. Wohin und in welche Richtung, das weiß ich dann immer gar nicht so genau. Nur, dass ich dann immer schrecklich durcheinander bin und tagelang herum laufe wie Falschgeld, im Versuch, mich zu sortieren.

Wenn ich aufzählen sollte, was „Heimat“ oder „Zuhause“ für mich ist – dann fallen mir so viele verschiedene Dinge ein – die Hafenkräne gegenüber der Landungsbrücke 10 mit all den Möwen und Schiffen, das Wohnzimmer meiner Tante in Jeddah mit dem ganzen Lärm einer riesigen Verwandtschaft, der Midan Tahrir in Kairo mit all seinem Smog und 24-Stunden-Stau. Und wenn all diese Bilder sich vermischen, sich überlagern, einander in die Quere kommen, dann ist „Zuhause“ das stundenlange Telefonat mit meinem besten Freund, der mich immer auffangen, einloten und beruhigen kann.

Und wenn ich in der Zeitung von Nazi-Aufmärschen in Köln oder von Steinigungen in Saudi Arabien oder großflächigen Verhaftungen in Ägypten lese, dann fällt mir auch wieder ein, dass „Heimat“ eben nicht nur schön und gut ist, sondern eben auch weh tut und Dinge anstellt, mit denen man ganz und gar nicht einverstanden ist.

„Heimat im Kopf“ finde ich deshalb auch schwierig. In meinem Kopf mischen sich da zu viele Dinge, werden zum Nebel über der Elbe oder eben dem Smog über dem Nil. Heimat, denke ich dann, sollte was Klare sein, ein eindeutiges, klares Gefühl. Wie Liebe. Andererseits – wie klar oder eindeutig ist man schon manchmal in diesen großen, komplexen Dingen wie Liebe. Oder eben Heimat.

Dann halte ich es lieber mit meinem Freund Rudi, der mir diese herrliche Widmung geschrieben hat, und denke, Heimat, das ist wohl die glückliche Kombination aus einem Ort und einer Handvoll Menschen, in der einem sowohl das eine wie das andere gleichermaßen am Herzen liegt. Und glücklich ist, wer das wenigstens einmal in seinem Leben erleben darf. Ich selbst, so denke ich inzwischen, nachdem sich die Unruhe und der Nebel über Heimatlosigkeitsgefühl und Zerrissenheit mal wieder gelegt hat, habe noch viel mehr Glück – ich habe viele Heimaten, mindestens drei bis vier Orte, an denen ich Menschen und Dinge finde, die mir ein Zuhausegefühl geben. Und wo ich auch einfach mal bleiben könnte. Oder hin zurückkehren kann. Das ist es wohl – Heimat ist da, wo man immer wieder gern hin zurück kommt …

Jetzt an Weihnachten ist Zuhause dann auch wieder Mamas Nussecken, Peter Alexanders Weihnachtsalbum und jede Menge Sekt mit meinen Cousinen. Im Januar ist es dann wieder mein Hafen mit seinen Kränen, und im Februar … wer weiß…

Liebe Leute – ich sage euch also: Bitte legt die Menschen nicht so fest mit diesem „Heimat“-Dings. Gerade wir, die wir komische Namen oder ein anderes Aussehen haben, wir brauchen eben manchmal mehr als nur einen Ort, mehr als nur eine Sprache, mehr als nur einen Schlag Mensch. Und dafür brauchen wir gefälligst weder ein Deutsch-Gebot noch Integrationspolizei!

Zum Schluss noch ein „Heimat“-Lied, ganz ohne Ironie, von der tollen, tollen Anna Depenbusch. Heimat ist halt nicht einfach. Wie Liebe. Hört man ja.

In diesem Sinne – Frohe Weihnachten! Am besten mit einer Portion Heimatfilme!!

 

Aufmerksame Leser dieses Forums wissen ja mittlerweile, wie sehr ich Cairo, dem ganzen ägyptischen Land und den Menschen dort zugetan bin. Für mich ist das hier mein zweites Zuhause.

Die ganze Revolutionsbewegung dort hat auch diesen Blog mitinspiriert. Und seither verfolge ich, wie viele andere wohl auch, mal mit Freude, oft mit Sorge, Wut und Traurigkeit, wie es politisch und gesellschaftlich dort weiter geht.

Speziell bei diesem letzten Aufenthalt hatte ich so gespaltene Gefühle wie selten zuvor. Die politische Situation in Cairo ist alles andere als spaßig zur Zeit. Präsident Sisi hat das Land unter ein festes Joch der Militärdiktatur eingespannt, die Zahl der politischen Häftlinge rangiert seit seinem Amtsantritt irgendwo in den hohen 10.000ern, sagt und liest und hört man, Menschenrechte gibt es de facto nicht mehr. Meine Gastgeberin dieses Jahr, die bereits seit zehn Jahren in Cairo lebt und für verschiedene NGOs arbeitet, meint, es sei so schlimm wie noch nie. Viele ihrer Freunde sitzen im Gefängnis, man hat keinerlei Redefreiheit mehr, Paranoia hat sich blitzartig ausgebreitet unter der Bevölkerung. Vermehrt sieht man wieder Bilder von Sisi in Läden, auf der Straße und an Autoscheiben kleben. Die Propaganda-Maschine sei so effektiv, so meine Mitbewohnerin, dass sie selbst völlig erschrocken war, wie sie letztes Jahr plötzlich den Wahlslogan „Sisi-Ra’esi“ (Sisi – Mein Präsident) nicht mehr aus dem Kopf bekam. „Das ist die totale Gehirnwäsche, die nach dem Fuck-up der Muslimbrüder auf komplett fruchtbaren Boden gefallen ist“, meint sie.

Grad gestern hat ein befreundeter Journalist noch ein Bild getwittert, auf dem zu sehen ist, wie er und seine Kollegen von einem Polizisten in Zivil und mit Waffe im Hosenbund abgeführt werden, weil sie am Tahrir drehen wollten. „Wir hatten alle Genehmigungen, trotzdem mussten wir mit“, sagt er. Eine Journalistenfreundin erzählt mir, bei ihr werde wöchentlich angeklopft, Equipment abgeholt, Kollegen zum Verhör zitiert. Das also ist nun wieder Alltag in Ägypten …

Für heute und morgen sind Demonstrationen angekündigt, Islamisten wollen auf die Straße gehen und haben zu Protesten aufgerufen. Die Regierung ihrerseits hat offen angekündigt, dass scharf geschossen werden darf, sollte jemand tatsächlich wagen, zu demonstrieren. Alles widerlich.

Auch die Rolle des Westens, mal wieder – sie haben in Sisi dann auch wieder einen Partner im sogenannten Kampf gegen die Islamisierung gefunden, auch Deutschland füttert den Polizeistaat ordentlich. Alles im Namen der Sicherheit.

Handfeste Diktatur ist zurück im Land, „Sout el Horeyya“, das war mal, ayyam zaman.

Das war also die Woche in Cairo – und dann, dann kam Luxor.

Meine Freundin und ich wollten noch eine Woche Urlaub dranhängen und fliegen in den Süden. Ein bisschen bedrückt von der Stimmung und die Befürchtung, es könnte wohl reichlich anstrengend werden, wenn zwei Mädels irgendwo Urlaub machen, wo allem Anschein nach kaum mehr ein Tourist hinkommt und man alle 1,5 Meter Kamele, Pyramiden, Papyrus, Felukken und Kutschfahrten angedreht bekommt.

Der Ehrlichkeit halber sage ich gleich, ja, auch das war zwischenzeitlich der Fall. Aber … sehr, sehr viel weniger als befürchtet, und in erster Linie waren sämtliche Menschen, mit denen wir zu tun hatten, wahnsinnig nett, aufgeschlossen, freundlich und sanft. Ich hatte unglaublich schöne Gespräche mit den Jungs im Hotel, mit Leuten in Restaurants, mit Menschen an den Archäologischen Sehenswürdigkeiten. Der Anblick des leergefegten Tal der Könige bricht einem fast das Herz. Wo vor ein paar Jahren noch tausende Menschen täglich an den Königstempeln Schlange standen, waren wir komplett alleine.

Gähnende Leere im Tal der Könige

Gähnende Leere im Tal der Könige

 

Für uns als Touristen war das natürlich fantastisch – wann kann man sich schon mal so in Ruhe und ohne Gedränge solche einmaligen Dinge ansehen. Aber für die Menschen dort ist es eine absolute Katastrophe. Dass sich Touristen auch 3 Jahre nach der Revolution noch nicht trauen, das Land zu bereisen, bricht dem Land wirtschaftlich komplett das Genick. „Zum Glück haben die meisten hier große Familien, die auch Landwirtschaft betreiben, so können sie sich gegenseitig ernähren“, meint Moussa, der Typ, der unser Hotel leitet. Er hat es im Gegensatz zu vielen anderen geschafft, auch während der Krise seinen Laden am Laufen zu halten, mehr schlecht als recht. Und er hat Visionen. „Ich will Eco-Tourismus in Ägypten voran treiben, mit Kindern hier arbeiten, damit sie ein Bewusstsein für Umwelt und ihr Erbe bekommen. Aber wie denn ohne Touristen? Ich mein, Leute, es sind jetzt vier Jahre, es reicht langsam.“

Der Staat, so eine Bekannte, zahlt inzwischen sogar Futterbeihilfe an Besitzer von Pferdekutschen in Luxor und Umgebung, damit die Tiere nicht verenden. Das Bild ist wahnsinnig deprimierend und bricht mir das Herz. Zumal man bei den Leuten kein bisschen Bitterkeit spürt, oder Resignation. Sie machen weiter. Und warten tapfer ab, fegen vor ihren Läden, beleuchten ihre Schaufenster, dekorieren ihre Felukken, falls sich heute doch mal ein Tourist verirrt.

Am deutlichsten wird die Situation, wenn man am Nilufer die Flotte gähnend leerer, still vor sich hin schlafender Nil-Kreuzer anschaut. Davon fuhren früher täglich 3-4 den Nil rauf und runter. Heute verrosten und verstauben sie.

Die schlafenden Schiffe von Luxor

Die schlafenden Schiffe von Luxor

 

Ich komme mit all den Eindrücken noch immer nicht klar, auch jetzt, ein paar Tage nach meiner Rückkehr ins schöne, gemütliche, meinungsfreie, satte Deutschland nicht. Klar, Militärdiktatur ist großer, großer Mist, und dafür sind seit 2011 sicher nicht hunderte Menschen gestorben und tausende ins Gefängnis gewandert. Aber wenn man so auf die schlafenden Dampfer von Luxor schaut, denkt man sich, dass es auch okay ist, wenn den Leuten hier Demokratie grad herzlich egal ist, hauptsache, die Familie bekommt mal wieder was zu essen.

Die zwei Schwestern Rihan und Faia Younan haben mit ihrem Clip „Für unsere Länder“ ein kleines virales Wunder geschaffen. Mit seiner Einfachheit und Intensität hat der Clip inzwischen Millionen von Clicks auf Youtube.

Worum es geht – eigentlich ganz einfach: Begleitet von klassischen Liedern der großen Fairouz erinnern die beiden Frauen an die unmenschlichen Kriegszustände im Nahen Osten, aber auch zugleich an die Schönheit all dieser Länder. Während Rihan einfach nur ohne viel Pathos Land für Land die Kriegsverbrechen aufzählt, singt Faia die Lieder von Fairouz über „Beirut„, „Al Quds“ und „Baghdad„.

In dieser Einfachheit liegt die Kraft dieses Videos. Man kann sich dem intensiven Blick und den eindringlichen Stimmen nicht entziehen. Sie sprechen tausenden von Menschen aus der Seele – was man an der inzwischen weltweiten Verbreitung des Clips sehen kann. Das Schöne – es geht einfach nur um Frieden. Und den menschlichen Schmerz, der aus diesen jahrelangen Zuständen entsteht …

Die beiden Schwestern stammen selbst aus Syrien, leben aber seit über zehn Jahren in Schweden.

Und hier dann noch die Übersetzung des Textes, in Klammern die jeweiligen Lieder, die dazwischen gesungen werden.

(Song: Qara’tou Majdaki)

Syrien – 3 Jahre und mehr –

Ein verrückter, egoistischer und unlogischer Krieg.

3 Jahre, in denen Seelen, Herzen und Verstand zerstört wurden.

Ein Krieg, der sich heimlich durch die Tür geschlichen hat, ohne zu klopfen,

um sich in den Häusern festzusetzen und ihre Bewohner zu erniedrigen.

Ein Krieg, in dem Frauen und Kinder versklavt wurden,

ein Krieg, der die Mütter des Landes zum Weinen gebracht

und seine Männer ausgebrannt hat.

Ein Krieg, der keinen Anfang kannte und von seinem Ende träumt.

(Songs: Qara’tou Majdaki und Baghdad)

Und im Irak findet seit 10 Jahren eine Befreiung statt.

Eine Befreiung von Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Tyrannei

Ersetzt durch größere Tyrannei, Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Eine Befreiung, die die Menschen aus ihrem Land vertrieben hat,

eine Befreiung, die spaltet, was schon zerklüftet war,

die zerbricht, was schon zerbrochen war.

Eine Befreiung, die das irakische Volk an den Rand drängte,

ganz gleich, welcher Religion oder welchem Volk sie angehören.

Eine Befreiung, die die Menschen versklavt und das Vaterland zerstört hat.

(Songs: Baghdad und Li Beirut)

Seit 40 Jahren

erleidet der Libanon und sein Volk viele Kriege –

Bürgerkriege, Religionskriege, Befreiungskriege,

sowie aggressive Invasionen, er bezahlt den Preis für die Unruhen der Region, für internationale Kompromisse und Deals

40 Jahre, in denen der kleine Libanon große Narben und tägliche Unruhen erleidet,

40 Jahre Schmerzen, zumeist still und duldsam.

(Songs: Li Beirut und Zahrat el-Mada’en)

Palästina – der Kompass für alle Konflikte

Größter und Ältester von allen

Mehr als 60 Jahre Verletzungen,

Generationen, die die mangelnde Logik der Vergangenheit bezeugen,

und die Barbarei von heute und die Angst von Morgen.

Verbannung, Ausbeutung, Entzug von Rechten,

gefolgt von der Entziehung von Land.

Mehr als 60 Jahre, in denen eine Geographie fast vollständig verschwand,

damit Grenzen gezogen werden konnten.

Grenzen, die Herzen und Verstand foltern,

Grenzen, die nicht aufgelöst werden.

Sodass sie in Vergangenheit und Zukunft kleben bleiben.

Grenzen, die Widerstand und Willensstärke schüren,

um eine lebendige und beständige Nation zu erschaffen.

(Song: Mawtini – Nationalhymne von Palästina)

Meine Heimat

Meine Heimat

Glanz und Schönheit, Erhabenheit und Geziertheit

Sind in deinen Hügeln, sind in deinen Hügeln

Leben und Freiheit, Freude und Hoffnung

Sind in deiner Luft, Sind in deiner Luft

Werde ich dich sehen? Werde ich dich sehen?

Sicher und angenehm

Gesund und geehrt

Werde ich dich sehen?

 

 

 

Hurra Hurra. In der aktuellen Ausgabe des hübschen FLOW Magazins ist ein kleiner, feiner Hinweis auf die West-Östliche Diva! Ich freue mich! Und nichts wie ab zum Kiosk mit euch!

 

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