Dies ist die Geschichte, wie ich einmal mit 25 Nazis nach Budapest und wieder zurück flog. Have a pleasant flight. 

Sie fallen schon am Gate auf, an diesem sonnigen Wintermorgen am Hamburger Flughafen. Circa 25 Männer, alle so zwischen 20 und 50, die meisten von ihnen mit kahl geschorenem Kopf, andere mit schnittiger HJ-Frisur, die inzwischen auch die Hipster für sich entdeckt haben, Tattoos auf den Armen, lugen aus den Ausschnitten ihrer Pullover hervor, kriechen die rasierten Nacken hoch, zieren die klobigen Knöchel der Hände. Runen, Blitze, 88, Dreispitze, Keltenkreuze. Sie tragen Carmouflage, einige von ihnen Springerstiefel, die obligatorischen Thor Steinar Pullis, die meisten schleppen dicke Siegelringe an den Fingern. Subtil ist anders. Sie gehören nicht alle zusammen, soweit ich das beobachten kann, schön ans äußere Ende meiner Sitzreihe gequetscht, mit meinem Buch und meinem Unwohlsein. Es sind kleinere und größere Grüppchen, mal zu zweit, mal zu viert, teilweise auch Paare. Ja, auch Frauen. 

Es sind zu viele, als dass das ein Zufall sein könnte. Auch, weil sie so eindeutig nicht zusammen gehören. Außer, dass sie zusammen gehören, mit ihren Codes und ihrem Menschenhass. Ich schaue die anderen Passagiere an, die zusammen mit mir und unseren tätowierten Freunden darauf warten, den Flieger nach Budapest zu besteigen. Einige scheinen von den illustren Mitreisenden gar keine Notiz zu nehmen, andere beäugen sie leicht angewidert und schauen dann auf den Boden. Was mag da los sein, und warum wollen die Nazis heute alle nach Budapest?

Im Flieger wird es dann ziemlich eng, nicht nur wegen der ziemlich vollen Maschine. Die Männer sitzen nicht alle zusammen, auch die, die gemeinsam reisen, sind verteilt über das gesamte Flugzeug und kaum dass die Anschnallzeichen erloschen sind, kommen zwei von ihnen in die Mitte, gesellen sich zu ihren Kumpels, die eine Reihe vor mir sitzen. Ich versuche weiter, mich auf mein Buch zu konzentrieren, aber die körperliche Präsenz des Typen mit dem ziemlich schlecht übertätowierten Hakenkreuz im Nacken, keine 2 Meter vor mir, macht es mir ziemlich schwer, mich mit Literatur zu beschäftigen. Also lausche ich. Es wird der Kurs von Euro zum Forint diskutiert, Bierpreise, und wie billig man Fleischplatten essen kann in Ungarn. Nebenbei immer wieder Sprüche wie „Mit Vorwärts kennen wir uns ja aus“. Lautes Gelächter. „Hast du gesehen, Merkel, und ihre Scheiße mit der bunten Gesellschaft!“ Lautes Gegröle. Subtil ist anders. 

In Budapest trennen sich unsere Wege zum Glück dann schnell. Trotzdem bleibt die Frage, was die wohl alle hier wollen, an diesem Wochenende. 
Am Abend treffe ich Freunde. Die aus der bunten Gesellschaft – zwei Brasilianer aus Berlin, einen Schweden aus Österreich, und zusammen besuchen wir eine ungarische Freundin. Dort erzähle ich dann von der komischen Fracht meines Eurowings Fluges. Der Gastgeberin geht sofort ein Licht auf. „Ah, warte mal“, sagt sie, und googlet. „Ah, tatsächlich!“ Und so werden wir alle aufgeklärt: Am 11. Februar begehen die Nazis in Ungarn den sogenannten „Tag der Ehre“ (Ja, genau. Igitt). So wie andere zum Hurricane oder zum Melt pilgern, pilgern Nazis aus ganz Europa nach Budapest und feiern alte Nazis mit neuen Nazis für ihr Nazitum. „Igitt“, sage ich immer wieder. Der österreichische Schwede hält eine flammende Rede auf die Demokratie, und dass Schweden da ja unvergleichlich sei. Der Brasilianer widerspricht, ich erzähle vom neuen deutschen Heimatministerium, und so vergeht der Abend, mit Wein und gutem Essen und irgendwann habe ich die Nazis auch vergessen. 

Am nächsten Tag spazieren wir alle zusammen durch die Stadt. Politik bleibt auch an diesem Tag Thema Nummer eins, unsere ungarische Gastgeberin zeigt uns die breit über die Stadt gepflasterte Anti- George Soros-Kampagne, und ein ziemlich übles Denkmal, mitten in der Stadt. Irgendwie sind doch alle verrückt geworden in Europa. 

Als wir am späten Nachmittag vom Burgpalast wieder hinunter in Richtung Stadt schlendern, hören wir sie dann wieder. Laute Sprechchöre durch Megaphone, überall Polizeiwagen und die passenden Polizisten. Auf einer Brücke über uns hat sich eine kleine Antifa-Gruppe positioniert, lässt Fahnen wehen und skandiert eigene Sprechchöre. Als wir unter der Brücke hindurch laufen, fallen wir quasi direkt in sie hinein – meine „Freunde“ aus dem Flugzeug, die inzwischen noch andere Freunde getroffen haben – man hört Italienisch, Deutsch, Polnisch und auch Schwedisch. Die Präsenz ist – obgleich die Gruppe eher zerstreut wirkt – erdrückend. Glatzen, Springerstiefel und höhnisches Gelächter, Mittelfinger in Richtung Antifa und Polizei, einige singen irgendwas, und ich möchte am liebsten auf die Straße kotzen.  

 

An dem Nachmittag dauert es eine Weile, bis ich mich wieder erholt habe von der Begegnung. Zum Glück steht für uns ein Besuch in einem Jazzclub an, wir sehen ein absolut fantastisches Konzert und ich weiß wieder, warum Kunst so heilsam ist. 

Meine letzte Befürchtung nun – ob die Glatzen wohl alle am Montag auch wieder mit mir zurück nach Hamburg fliegen … Und ja, natürlich sind sie auch am Montag wieder da. Der Flieger ist diesmal kaum halb voll, weshalb sie diesmal noch mehr auffallen als vorher. Die Grüppchen, die sich noch am Freitag in Hamburg nicht kannten, grüßen sich jetzt freundlich, sitzen zusammen, tauschen Geschichten aus. Man zeigt sich, was man alles Schöne gekauft hat – neue Siegelringe, neue T-Shirts mit eindeutigen Zeichen, einer hat sogar einen Stahlhelm in einer Souveniertüte dabei. So sieht also Nazitourismus aus. Schon ziemlich verrückt, dass sie sich wohl stark genug fühlen, sich nicht einmal mehr verstecken zu müssen.

 

Ein letztes Stoßgebet – „Bitte, mach, dass ich nicht auch noch neben so einem sitzen muss im Flieger“, das Pärchen hinter mir in der Schlange fragt mich, ob ich auch auf dem Hinflug schon das Vergnügen hatte, ja, wir seufzen uns gegenseitig zu, bestätigen uns in unserem Ekel. 

Meine Verbindung zur göttlichen Abteilung scheint durch die fiese braune Energie gestört zu sein, neben mir – zum Glück mit einem leeren Platz dazwischen, sitzt ein glatzköpfiger Schrank und ich klopfe mir nach 100 Minuten Flug innerlich für meine Selbstbeherrschung auf die Schulter, dass ich ihm nicht auf den Schoß gekotzt habe. Stattdessen habe ich aus dem Fenster gestarrt und das Hörbuch zu „Why I’m no longer talking to white people about race“ von Reni Eddo Lodge gehört. Schien mir irgendwie passend.

Beim Verlassen des Terminals in Hamburg spreche ich dann noch schnell die Zollbeamtin an, sage, dass da so eine Gruppe mit im Flieger war, die sich ziemlich eindeutig verfassungsfeindlich und volksverhetzend geäußert haben, die kämen gleich hier auch vorbei, vielleicht wolle sie sich die mal näher anschauen. Ob sie’s getan hat, weiß ich nicht, ich muss raus, eine Zigarette rauchen.

In der S-Bahn nach Hause schließlich entspanne ich mich zum ersten Mal. Mir gegenüber sitzt ein ägyptisches Pärchen, neben mir eine Frau aus Indonesien, die Bahn ist voll mit Menschen aller Hautfarben, viele Sprachen werden gesprochen. Ich kann endlich wieder atmen. Normale Welt. Da kommt mir ein Gedanke – so, wie ich mich in dieser Nazi-Airline gefühlt habe, fühlen diese erbärmlichen Typen sich wahrscheinlich jeden Tag in der S-Bahn, und plötzlich habe ich fast ein kleines Bisschen Mitleid mit ihnen. Aber nur fast, und auch nur ein bisschen. 

Trotzdem bin ich ausnahmsweise mal froh, am Nachmittag in meinem friedlich-gentrifizierten Viertel anzukommen, wo die Sonne lacht und ich mir nun ein Curry und ein paar Samosas beim Inder meines Vertrauens bestellen werde. 

Bald ist es soweit, Bundestagswahl. Aber keine Angst, die Welt wird sich auch am Montag noch weiter drehen. 

In einer Woche wählen wir. Aller Wahrscheinlichkeit wird Angela Merkel noch einmal Kanzlerin, ein bisschen fühlt es sich an wie Bundesliga in den letzten Jahren, man schaut vielmehr auf die Champions League-Plätze, Meister wird ja sowieso Bayern.

Und genau da geht’s schon los. Die AfD steigt in die Champions League auf. Aktuelle Umfragen sehen die gut beanzugten Nazis als drittstärkste Kraft in den Bundestag einziehen, und ich gebe zu, jedesmal, wenn ich darüber nachdenke, möchte ich kotzen. 

Seit Wochen geht es in sämtlichen Medien gefühlt nur noch darum – um das Sich-distanzieren, um das vermeintliche Demontieren, ums Anfeuern und Zurückfeuern mit den fröhlichen Rechten. Mann, Mann, Mann, die feiern bestimmt täglich mit viel Schampus, so viel Aufmerksamkeit, wie die im Moment bekommen. Wenn sie bis vor Kurzem noch zumindest unter 10 Prozent lagen – spätestens seit der kostenlosen breit aufgestellten Medienkampagne fühlt sich auch der letzte unentschlossene, verrostete Rückwärtsgewandte auch ermutigt, bei Goebbels, äh, Gauland sein Kreuz zu machen. Immerhin sind die jetzt richtiger Mainstream, das Dschungelcamp, GNTM oder Nickleback unter den Parteien. 

Egal. Wir können das jetzt nicht mehr verhindern. Es wird passieren, alle werden nächsten Sonntag den Atem anhalten, dann am Abend betroffen gucken, sagen, man „habe das so nicht kommen sehen“, man „müsse die Situation jetzt analysieren“, „sehen, wo die Ziele verfehlt wurden“, aber auch „die Leistung der Mannschaft anerkennen“. Alles wie in der Bundesliga. 

Was wir jetzt alle tun sollten – uns mit dem Gedanken abfinden, dass mindestens 12 Prozent in unserem reichen, satten, wohlständigen, freien Land kein Problem damit haben, eine Partei zu wählen, die offen verfassungsfeindlich agiert und Volksverhetzung betreibt. Und dann sollten wir alle Mittel und Wege finden, die anderen Parteien, unseren Rechtsstaat und uns gegenseitig zu stärken und dabei zu unterstützen, dass wir nicht immer weiter in die braune Spirale rutschen. Wir können uns engagieren, auch und vor allem außerhalb der beschränkten Welt eines Displays oder Bildschirms und in sozialen Medien. Vielleicht mal in der echten Welt mit anpacken. Freiheit ist was, wofür es sich einzusetzen lohnt, sag ich mal. 

Ich selbst habe schon gewählt; was oder wen, verrate ich nicht, aber ich hab brav meine Briefwahl abgeschickt, denn ich sitze grad in der neusten Oligarchie rum, im Trump-Land, und ehrlich: sogar hier ist die Welt noch schön, trotz Apokalypse, und die Menschen – zumindest die, mit denen ich bisher so gesprochen habe – verarbeiten zwar ihren Schock noch, aber sind schon mit bewundernswerter Energie wieder dabei, nach vorn zu schauen und zu gehen. Vielleicht schaffen wir das ja auch. 

Also – auch wenn das Ergebnis wahrscheinlich schon feststeht, Champions League inklusive, geht alle am Sonntag wählen, macht euer Kreuz nicht bei den Anzugnazis und dann schauen wir weiter, Kotztüte und Aspirin in der Hand! 

 

 

16 Monate Lesereise mit Längst Woanders. Viel gelernt, viel gesehen und viel erlebt. Und viele Fragen, die mir bleiben.

Als Autor auf einer Bühne zu stehen, vorzulesen und anschließend mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen, ist eine komische Sache. Als Autor (und in meinem Falle auch noch als Übersetzer) sitzt man ja meistens allein und zurück gezogen in seinem Kämmerlein, denkt, liest, schreibt, beobachtet lieber, als dass man selbst Teil des Geschehens wäre. Zumindest geht es mir so, und auch vielen Kollegen. Man ist quasi von Natur aus eher nicht so die Rampensau, und für mich war das ein langer Weg, diese Aufregung und diese Scheu zu verlieren, mich auf einer Bühne mit meiner Arbeit der Öffentlichkeit zu stellen. Inzwischen klappt das ganz gut und macht auch Spaß, eine gewisse Routine hat sich eingestellt, oftmals wiederholen sich die Fragen der Besucher und ich habe das Gefühl, ich kann mit den meisten Dingen ganz gut umgehen.

Trotzdem gibt es nach wie vor Dinge, die mich irritieren, auch lange nach den Lesungen noch beschäftigen, Begegnungen, die hängen bleiben und Fragen, die an mich heran getragen werden und die dann in mir tagelang brüten.

Wenn mir im Anschluss an Lesungen zum Beispiel Besucher wahnsinnig persönliche Geschichten erzählen, über eigene Migrations- und Entortungserfahrungen, oftmals unglaublich traurige Geschichten über Rassismus, Verlorenheit und Angst. Einerseits freut es mich dann immer sehr, dass diese Leser und Zuhörer in meiner Arbeit etwas finden, was sie anspricht, ihnen vielleicht sogar Trost gibt, aber manchmal weiß ich auch einfach nicht, wie ich dann anders adäquat reagieren soll, als stumm zu nicken, ihnen alles Gute zu wünschen und mir dann leicht belämmert und unzulänglich vorzukommen. 

Oder die immer wiederkehrende Frage, ob ich die Deutschen auch so sehe wie Layla, meine Romanfigur. Diese Frage kommt dann immer mit einem halb beleidigten, halb entsetzten Gesichtsausdruck, das sei ja schon sehr negativ, heißt es dann oft. Und so kommt sie dann durch, die gekränkte deutsche Seele, die sich in solchen Dingen so ungern in Frage stellt, die Layla im Roman so anprangert, und die sie so wütend macht, und so gern ich in solchen Situationen auch sagen möchte: „Nein, das sind vor allem Laylas Ansichten“, so sehr muss ich dann einfach vor mir und auch den anderen zugeben: „Ehrlich gesagt, ja, manchmal schon, manchmal muss ich Layla einfach zustimmen!“ 

Das Wort „Überfremdung“ zum Beispiel habe ich nie so oft live und im persönlichen Gespräch gehört wie im Verlaufe dieses Lesungsjahres. „Ist ja schön und gut, was Sie da erzählen, aber die Überfremdung …“ Was mache ich denn dann damit? Ich möchte ja niemanden beleidigen, nur frage ich mich dann, ob diese Menschen mir eigentlich zugehört haben in diesen letzten 90 Minuten einer Veranstaltung … 

Ich habe viel über Flüchtlinge und Integration diskutieren sollen, über Dinge, von denen ich eigentlich gar nichts oder nicht viel verstehe, über arabische und deutsche Politik, über Islam, über Menschenrechte. Man möchte uns so gern zu Experten oder öffentlichen Kommentatoren machen, vielleicht wegen unserer Biographie, vielleicht auch einfach, weil man von Autoren erwartet, eher eine menschliche Perspektive hören zu können als eine politische oder abstrakte. Verstehen tue ich das nicht, warum man mich zum Islam befragt, wo ich doch weder Islamwissenschaftlerin noch praktizierende Muslimin bin, oder warum ausgerechnet ich beantworten soll, wie denn meine eigene Integration so gut gelungen sei, wo doch Deutsch im wahrsten Sinne meine Muttersprache ist, die Sprache in der ich denke, lese, schreibe und träume. Warum eigentlich nie jemand über Literatur reden will, oder über Sprache, wo das doch eigentlich das ist, womit wir als Schreibende uns am besten auskennen. 

All das und noch viele Fragen und Gedanken mehr nehme ich mit aus den letzten 16 Monaten und werde einiges vermutlich auch weiterhin nicht richtig verstehen. 

Letztlich wird aber immer das Schöne überwiegen, die vielen wunderbaren Gespräche und Begegnungen, überraschende Freundschaften und eine ganze Menge Anerkennung, die ich mir niemals hätte träumen lassen, damals, als ich anfing zu schreiben. Längst Woanders hat mir viele Reisen gegeben, Preisnominierungen, und die Möglichkeit, nun das weiter machen zu dürfen, was ich immer tun wollte – schreiben. 

Heute Abend lese ich ein letztes Mal (vorerst), hier zu Hause, anschließend haue ich das Honorar direkt mit ein paar Freunden auf den Kopf und sage jetzt mal einfach: Danke! Danke an alle und alles, für sämtliche Einladungen, Interviews, Gespräche, Besuche, für Schönes und Nachhallendes, und für Gedanken, die ich mitnehmen werde. 

Und dann – auf zu neuen Büchern. 

 

Unser Innenminister hat sich vergangene Woche mal wieder mit dem Thema „Leitkultur“ in die Öffentlichkeit gestellt und zum Glück wurde das im Großen und Ganzen mit Spott und Ablehnung beantwortet.

Ihr fragt mich, hier und im echten Leben, immer wieder: „Aber was ist sie denn, die Leitkultur? Und brauchen wir die nicht zur erfolgreichen Integration? Und was ist denn nun typisch Deutsch? Bist Du Deutsche oder Araberin? Sag doch mal, was man tun muss, damit Integration gelingt!“

Auf Letzteres habe ich schlicht keine Antwort. Und das Wort „Leitkultur“ finde ich, wie die meisten anderen, die in den letzten Tagen dazu Stellung bezogen haben, ziemlich widerlich, weil es einfach einen gewissen Nazi-Geruch verströmt. Das ewige Leiden und Ringen um eine sogenannte Leitkultur finde ich eher peinlich und überflüssig. Wer will sich denn anmaßen zu bestimmen, was zu diesem Land gehört und was nicht? 

Was mich persönlich angeht und die Frage, was ich denn nun bin, oder wer, und welche Rolle eine „Leitkultur“ in meinem Leben spielt, dazu kann ich nur Folgendes sagen:

Ich bin Tochter meiner Eltern, die mir beigebracht haben, meinen Verstand einzusetzen und auf mein Herz zu hören. Ich bin Nachfahrin einer Familie, die aus Moslems und katholischen und evangelischen Christen besteht, die aus Pakistan, Saudi Arabien, Schlesien und dem Ruhrgebiet stammen. Ich bin Tochter des Meeres, und bin zu Hause da, wo ganz viel Wasser ist. Ich bin Tochter der Wüste und mein Herz geht auf, wenn die Sonne scheint und dabei ein lauter Gebetsruf über eine große, versmogte Stadt hallt. Ich bin Tochter des Nordens, und mein Herz geht auf, wenn ein rauer Wind über die Elbe weht und ich am Hafen Schiffe zählen kann. Ich bin Tochter des tiefen Westens, wo die Sonne verstaubt

Ich bin Tochter von Astrid Lindgren und Naguib Mahfouz, von Thomas Mann und Virginia Woolf. Ich lebe in den Wuthering Heights und schicke Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Ich bin Tochter von Udo Jürgens, David Bowie und Fairouz, die tanzen kann, egal, welcher Rhythmus spielt. 

Ich bin Tochter einer Gesellschaft, die einem Arbeiterkind mit Migrationshintergrund ermöglicht hat, all das zu sein, zu schreiben und zu erzählen. 

Und wenn andere auch all das sein dürfen sollen, ohne etwas ablehnen oder ablegen zu müssen, dann gebt ihnen Bildung, gebt ihnen Chancen. Nicht Zäune, nicht Ausgrenzung, nicht Leitkultur. 

 

Es gibt Bücher, die verändern das eigene Leben, weil sie etwas in einem zum Klingen bringen. Die etwas erzählen, was einen so tief anrührt, dass man die Welt danach anders sehen kann. Und Autoren, von denen man sich wünscht, dass sie nie aufhören, solche Bücher zu schreiben. 

Olga Grjasnowa schreibt genau solche Bücher. Ehe ich aber von ihrem neuen, fantastischen Buch erzähle, muss ich ein paar Dinge vorweg schicken. 

Im Jahr 2010 nahm ich im Rahmen eines Stipendiums an einer Autorenwerkstatt teil. Vorab bekamen wir die Texte der anderen Teilnehmer zur Lektüre, um sie dann in der Werkstatt diskutieren zu können. Unter anderem bekam ich 80 Seiten eines Manuskripts mit dem wundervollen Titel „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ zugeschickt. Der Text hat mich so unglaublich erschüttert, angerührt und glücklich gemacht, weil er nicht nur von der Unmöglichkeit und Verzweiflung von Trauer und Heimatlosigkeit erzählt, sondern sich auch auf eine Weise Rassismus und Politik vornimmt, wie ich es noch nie vorher gelesen hatte – mit ganz viel Gefühl, mit unglaublich sachlicher, brutaler Nüchternheit – und mit giftigem Humor. Beim Lesen lachte ich, weinte ich, immer schön im Wechsel, und war unfassbar beeindruckt und neidisch auf so viel Kraft. Und dachte die ganze Zeit: „Hoffentlich kannst du dich beim Workshop mit der anfreunden!“

Und so kam es dann auch – wir wurden für die Dauer der Werkstatt im selben Zimmer einquartiert und freundeten uns an. Heute, sieben Jahre später, sind wir noch immer befreundet, inzwischen sogar ziemlich eng. Wenn ich also nun hier über ihr neues Buch schreibe, dann nicht als unabhängige Leserin, sondern auch als Freundin, und das ist ja immer so eine Sache, die mitunter den Blick vernebeln kann, oder man bekommt nachgesagt, nur Werbung für die Freunde zu machen. 

Aber ich bin eben auch großer Fan von Olga als Autorin, und ihr neues Buch hätte ich ohnehin ungeduldig erwartet und gelesen. 

Das neue Buch also, „Gott ist nicht schüchtern“, erscheint morgen und handelt, grob gesagt, vom Syrien-Krieg. Genauer handelt es von Amal, einer jungen Schauspielerin, und Hammoudi, einem jungen Arzt. Der Roman setzt ein, als die ersten, zaghaften Proteste im Land losgehen, Ende 2010, Anfang 2011. Amal nimmt an Demonstrationen gegen das Assad-Regime teil und fühlt sich zunächst mal auf Grund der Position ihres Vaters beim Militär unangreifbar. Hammoudi kehrt seinerseits nur für einen kurzen geplanten Besuch nach Syrien zurück, er lebt in Paris, will in Kürze dort eine Stelle antreten und ist mit einer jungen Französin verlobt. In Syrien will er nur seinen Pass verlängern um dann sein neues, altes Leben in Europa wieder aufzunehmen. 

Natürlich kommt dann alles anders als geplant, wie das so ist, wenn von jetzt auf gleich ein Krieg ausbricht. Hammoudi bekommt die Willkür der Behörden zu spüren und keinen neuen Pass. Amal wird verhaftet und gefoltert und wieder verhaftet und wieder gefoltert und schafft es zunächst, nach Beirut zu entkommen. 

Es beginnt das, was Medien allerorten in den letzten zwei Jahren so schön abstrakt als „Fluchtgeschichten“ beschreiben. Wir lesen von der Brutalität und sinnlosen Gewalt des Krieges, von der Willkür von Behörden überall auf der Welt, von Menschen, die eigentlich nie etwas zu tun haben wollten mit der Situation, in der sie grad stecken, denen nun keine Wahl mehr bleibt und die einfach immer weiter machen müssen. Die keine Zeit haben, anzuhalten, es sich anders zu überlegen, umzudrehen, die Menschen und Dinge und Leben verlieren, die sich keine Hoffnung mehr erlauben dürfen. 

All das steht da, auf den knapp 300 Seiten des Romans, in genau der Mischung aus harter Nüchternheit und Gefühl, die schon beim „Russen“ so einnehmend, so fesselnd war, nur nun noch viel besser. „Gott ist nicht schüchtern“ ist absolut. Es lässt keinen Moment einen Zweifel daran, dass es in diesem Krieg (in welchem eigentlich nicht?) kein Richtig und kein Falsch mehr gibt, dass unsere Kategorien, zu urteilen, hier nicht mehr greifen. Und es lässt uns keine Wahl – wir müssen hinschauen. Wir müssen Amal und Hammoudi dabei zusehen, wie ihre Leben ausgehebelt werden und wie sie irgendwie versuchen, die Kontrolle wieder zu gewinnen, ohne dabei ihr Leben zu lassen. Die „Flüchtlingsgeschichten“ bekommen plötzlich Gesichter. Und wen das kalt lässt, dem würde man das Buch gern mitten ins Gesicht dreschen. 

Der Roman strotzt vor Materialfülle, er wurde recherchiert, mit Interviews, mit Reisen an die Orte des Geschehens, mit vielen, vielen Geschichten aus dem echten Leben. Das weiß ich als Freundin, aber das kann man nun auch nachlesen, in Interviews mit der Autorin. Keine Sekunde hat man das Gefühl, das, was da steht, sei nicht wahr, und gleichzeitig will man die ganze Zeit brüllen: „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ 

Es ist das richtige Buch zur richtigen Zeit, ja, aber auch eines für die Zeit danach – weil irgendwie ja immer die richtige Zeit ist, um über Menschen nachzudenken, und darüber, was jeder eigentlich mit sich rumschleppt an Geschichte und Geschichten. Und was das mit den Menschen, aber auch mit ihren Lebensläufen, Lebensträumen und Lebensplänen macht. 

Olga Grjasnowa findet Worte für Dinge, für die es keine Worte gibt. Und allein das ist so mutig, dass man nur den Hut ziehen kann vor diesem Buch. Man sollte es zur Schullektüre machen, es in jedem Wohnzimmer, in jedem Lesezirkel, an jedem Stammtisch lesen. Es ist eines von diesen Büchern, das – und davon bin ich überzeugt – jeden seiner Leser irgendwie verändern wird. Hoffentlich sind es ganz, ganz viele! 

Bildung ist gut. Bildung ist wichtig. Darüber sind sich die meisten einig. Vor allem, seitdem die Welt von einem Tsunami der Idiotie überrollt worden zu sein scheint. Worte sinnvoll und mit Bedacht aneinander reihen zu können, das mutet in diesen Tagen des Geschreis und Gebrülls geradezu wie ein Ausnahmetalent an. Nur einer von vielen Gründen, warum Büchereien nicht sterben dürfen! 

Meine Familie hatte nie übermäßig viel Geld. Wir hatten alles, was wir brauchten, Gott sei Dank, aber gewisse Güter waren eben immer mit den Preisschildern „Ausnahme“ oder „Luxus“ versehen. Dies galt vor allem für Dinge, die die Freizeitgestaltung betrafen – Sportverein, Tanzstunden, Markenkleidung. Zu seinem zehnten Geburtstag wünschte sich mein kleiner Bruder mal explizit „eine Jeans, die nicht von Aldi ist.“ Und auch Bücher gab es meistens nur zum Geburtstag oder zu Weihnachten. 

Eine Mitgliedschaft in der Bücherei kostete damals aber nur einmalig zwei Mark. Dafür bekam man eine Ausleihkarte und durfte so viele Bücher und Hörspielkassetten ausleihen, wie man wollte. Ich war im Himmel. Und verbrachte fortan jeden Samstag in der Gladbecker Stadtbücherei. Jede Woche fuhr ich ein ganzes Fahrradkörbchen voll Bücher mit nach Hause, die ich dann in der Woche darauf wieder eintauschte. Ich las alles. Wirklich alles. Pferde- und Mädchenbücher, Klassiker und Comics. Weil es ging. Weil ich einfach alles in mein Körbchen packen, zur Ausleihe tragen und mitnehmen konnte, unter der einzigen Bedingung, dass ich die Sachen zum eingestempelten Termin wieder zurück brachte. 

Aber der uneingeschränkte Zugang zu Büchern und Geschichten war nicht der einzige Grund, warum die Stadtbücherei meine gesamte Kindheit und Jugend über mein Lieblingsort war. Es war ein Ort, an dem man einfach sein konnte. Da herrschte Stille, man konnte in Ecken und Winkeln sitzen, blättern, Menschen beobachten, Spiele spielen oder stundenlang Hörspiele hören. Ich hatte mich in der Schule nie besonders wohl gefühlt, zu laut, zu langweilig, zu viele Leute. In der Bücherei konnte ich mich konzentrieren. 

Da gab es Leute, die mir etwas über Bücher erzählten, da gab es ein kommunales Kino mit Filmen, die man sonst nirgendwo im Ruhrgebiet zu sehen bekam, da gab es Vorlesestunden, da gab es immer spannende Menschen. Mit anderen Worten – da war immer was los, auch wenn man nicht so viel Geld zur Verfügung hatte. 

Ich verdanke „meiner“ Stadtbücherei eine ganze Menge. Nicht zuletzt die Tatsache, dass ich aus dem Lesen und Schreiben inzwischen meinen Beruf gemacht habe. Vor allem aber, dass ich mich als Kind und Jugendliche weniger alleine gefühlt habe, dank all der Geschichten, die mir für nur einmalig 2 Mark zugänglich waren. 

Im vergangenen Jahr habe ich in vielen Büchereien im ganzen Land gelesen, und jedesmal überkam mich dieses warme, liebevolle Gefühl, zu Hause zu sein. Dort gab es unzählige nette Gespräche mit Lesern und Bibliothekaren. Vor allem aber immer und allerorts die gleiche Klage: Die Stadtbüchereien kämpfen um ihre Existenz. Zu wenig Mittel, zu wenige Mitglieder, nicht genug Aufmerksamkeit von Bürgern und Politik. 

In Frankenthal bei Mannheim, meiner letzten Lesung auf meiner Tour, versprach ich dann der Bibliotheksleiterin, ich würde bei Gelegenheit mal einen Liebesbrief an die Stadtbüchereien schreiben. 
Der Gedanke, dass diese Orte der Geschichten und der Konzentration ganz allmählich verschwinden, ist grauenhaft. Dass Bibliotheken nur noch kalte Orte sind, an denen hauptsächlich Computer stehen, wo man sich nicht mehr umschauen, sich nicht mehr aufhalten kann oder möchte – wer kann das denn wollen oder gut finden? Für mich ist und bleibt die Bücherei nicht nur der Ort, an dem es Bücher und damit Wissen gibt – sondern auch ein Ort, an dem es still ist, wo Konzentration etwas Schönes ist, wo man leise sein muss und sich besinnen kann. 

Und ja, das alles ist romantisch und konservativ und kulturpessimistisch. Ist mir aber egal. Wir alle sehen gerade, wo mangelnde Bildung – Herzens- UND Hirnbildung – hinführt. Und wir alle finden es schrecklich und erschreckend. Da kann es jedenfalls nicht schaden, sich an den Ort zu erinnern, der viel zur eigenen Herzens- und Hirnbildung beigetragen hat und sich zu fragen, was passiert, wenn es diese Orte irgendwann nicht mehr gibt. 

In diesem Sinne möchte ich mich explizit bei allen Bibliothekaren bedanken, dass ihr die Fahnen hoch haltet, vor allem in kleinen Städten, wo es so wenig Angebot für Kinder und Jugendliche gibt, die aus nicht so ganz wohlhabenden Verhältnissen kommen. Und ich freue mich über jede Einladung in eine dieser Büchereien und komme immer sehr gern!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie die meisten Menschen, die alt genug dafür sind, erinnere ich mich noch sehr genau daran, wie und wo und mit wem ich den 11. September 2001, also 9/11 erlebt habe.

Ich war 22, verbrachte den Sommer mit einigen Freunden in Spanien. Als wir am Abend vom Strand kamen und aus Gewohnheit den Fernseher anschalteten, waren sie da – die Bilder der brennenden, rauchenden Türme, Flugzeuge, spanische Nachrichtensprecher, die viel zu schnell redeten, als dass wir etwas hätten verstehen können. Ich weiß noch genau, dass ich wie versteinert da stand, versuchte, mit meinem alten Nokia Handy eine SMS an meinen Bruder in Deutschland zu schreiben und zu fragen, was da los sei. Ich war völlig fassungslos. Ein Freund aus unserer Reisegruppe schien weniger geschockt, weniger fassungslos als wir anderen. Er saß auf dem Sofa, schaute auf den Fernseher, lachte ziemlich laut und sagte dann so etwas wie: „Jedem das, was er verdient.“

Damals fand ich das schrecklich und zynisch. Ich verstand diese Abgeklärtheit nicht. Heute denke ich oft an diesen Tag und an diese Reaktion. Diesen Satz, „jedem das, was er verdient“. Inzwischen haben wir zahllose Terroranschläge erlebt, Kriege und politische Super GAUs. Ist das denn wirklich das, was wir verdienen? Hatte er wirklich recht, der Freund, damals?

Als ich heute Morgen in einem Hotel irgendwo in Bayern wach wurde und erfuhr, wie sich Amerika entschieden hatte, hatte ich zunächst – wie vermutlich wir alle – gehofft, ich sei noch nicht ganz wach, sei noch in einem bösen Traum gefangen. Dann, als klar war, ich war wach und es ist die gruselige Wahrheit, kam mir sofort wieder dieser Freund von damals, kam mir sofort wieder 9/11 in den Sinn. Wieder dieses Gefühl von Ohnmacht, Nichtverstehen. Aber diesmal kommt noch etwas hinzu. Das Gefühl von Einsamkeit. Da sitze ich in unserem kleinen neuen Utopia – wer hätte es gedacht, am Jahrestag der Reichskristallnacht fühlt sich Deutschland 2016 plötzlich an wie ein kleines, noch halbwegs heiles Paradies zwischen den Großwesiren Putin und Erdogan, zwischen den Nachwuchsdiktatoren Le Pen, Orban, Hofer, Wilders und der Brexitnation –  und  habe ernsthaft Angst. Angst vor der Zukunft, Angst vor der Bundestagswahl 2017.

Alles scheint plötzlich möglich, die schweigende Masse, die immer nur an ihren Stammtischen geblieben ist, geht nun wählen. Und entscheidet sich gegen alles, was ich und viele andere so felsenfest glauben, verteidigen und für richtig halten. Weil es scheinbar nicht für sie funktioniert. Wie soll das weiter gehen, wo sollen wir von hier aus hin?

Ich texte mit einem guten Freund in Hamburg, wir schreiben uns von unserer Angst, von unserer Fassungslosigkeit. „Haben wir das wirklich verdient?“, fragen wir uns.

Vielleicht. Vielleicht haben wir zu lange gelacht über die Idee eines Präsident Trump. Vielleicht haben wir nur unzulänglich und zu langsam Zusammenhänge sehen wollen. Vielleicht geht es uns zu gut und unsere Moralhoheit ist zu gemütlich. Vielleicht – nein, nicht vielleicht – ganz sicher haben wir zu lange still gehalten, haben zu wenig getan.

„Jetzt müssen wir aber wirklich was machen. Ich weiß nicht, was, aber irgendwas müssen wir uns einfallen lassen“, schreibe ich schließlich nach einigen Stunden, in denen der Schock etwas sacken konnte. „Für deine Tochter“, schreibe ich. „Wir wollen doch in ein paar Monaten nicht aufwachen und die Petry ist Kanzlerin!“

Und genau das sollten wir – will ich nun auch. Heute noch, heute verarbeite ich diesen Schock, trauere ein bisschen um all die Werte, das Weltbild, das so tief in mir verwurzelt ist. Aber ab morgen muss etwas anders werden. Wir müssen uns irgendwie organisieren, informieren, verbinden – diese Katastrophe, die da so damoklesschwertig über uns hängt, die muss verhindert werden. Wir alle, alle, alle sind verantwortlich!

Wie das gehen soll, das weiß ich nicht – „Mit einer Schreibmaschine die Katastrophe abwenden wollen“, wie Erich Kästner über Kurt Tucholsky gesagt hat, das scheint naiv. Aber ich kann ja auch nichts anderes. Irgendetwas werde ich mir, werden wir uns überlegen, irgendwas muss man ja tun können. Und ich will einfach nicht nichts tun – weil ich nicht zu denen gehört haben will, die es verdienen, am Ende.

kurt-tucholsky

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge „Migrationstango mit Rasha Khayat“.

Ich bin mal wieder auf Lesetour. In einer norddeutschen Kleinstadt, in der Stadtbücherei, an einem Samstag Nachmittag. In der Stadt sind die Bürgersteige hochgeklappt, irgendwas zwischen Ruhe und Beklemmung beschleicht den Besucher aus dem benachbarten Hamburg. Die Gastgeberinnen sind freundliche weiße Damen mittelalten Semesters, ebenso wie das Publikum, eigentlich alles wie immer.

In der hinteren Ecke der Bücherei sehe ich eine junge Frau mit Kopftuch und mit einem Akkordeon in der Hand und denke sofort: „Oh, bitte nicht!“ Nicht, weil ich etwas gegen kopftuchtragende Akkordeonspielerinnen hätte, im Gegenteil. Mir schwant nur, dass es sich bei der jungen Frau mal wieder um einen „Vorzeigeflüchtling“ handelt, wie sie in letzter Zeit häufiger bei meinen Lesungen angeschleppt wurden.

Ich spreche die junge Frau zunächst auf Deutsch an: „Hey, machst du hier gleich Musik?“, sie entschuldigt sich auf Arabisch, dass sie erst seit 4 Monaten in Deutschland ist und noch kaum Deutsch spricht. Wir setzen uns abseits auf einen Tisch und unterhalten uns auf Arabisch. Sie heißt Haifa, ist 31 Jahre alt, kommt natürlich aus Syrien und wurde von einer der Gastgeberinnen gebeten, in der Pause der Veranstaltung Musik zu machen. „Keine Ahnung“, sagt sie, „ich hab das Akkordeon bekommen und soll jetzt gleich was spielen. Ich kann überhaupt keine Lieder für’s Akkordeon, aber was soll’s.“ Wir lachen beide und tauschen Telefonnummern aus. „Ich komm mal zu dir nach Hamburg und koche dir Molokhiyya“, sagt sie.

Im Foyer der Bücherei wird ein großes Büffet mit arabischen Keksen, Börek und ein Samowar aufgebaut. „Interkulturelle Lesung mit Rasha Khayat“ heißt es auf dem Plakat, und am liebsten möchte ich hinlaufen, durchstreichen und „Orientalistische Lesung“ schreiben.

Die Gastgeber bitten mich nach vorn und das Publikum zur Ruhe, Begrüßungsworte werden gesprochen. Und dann wird Haifa nach vorn gezerrt. Mit eisernem Griff um die Schulter drückt die patente 80er-Jahre-bewegte Sozialarbeiterin Haifa an sich und erklärt ausgesprochen laut, was gleich passiert: „Das ist Haifa!“ (Natürlich hat Haifa keinen Nachnamen. Warum auch) „Haifa kommt aus Syrien.“ (Kurze dramatische Atempause) „Sie ist auch geflüchtet!“ (Was für ein Triumph für die Sozialarbeiterin! Eine Flüchtlingin hat sie mitgebracht!) „Natürlich ist die Verständigung noch etwas schwer.“ (Ach … Aber wenn Haifa weiter so laut angebrüllt wird, dann versteht sie bestimmt bald alles!) „Aber sie ist in einem meiner Deutschkurse für Frauen und aus ihrer Biographie habe ich erfahren, dass sie in Syrien Musiklehrerin war. Da habe ich gleich gedacht, das merke ich mir für die nächste Veranstaltung!“ (Genau! Gib ihr auch noch ein paar Orangen zum Jonglieren, lass das Flüchtlingsmädchen tanzen wie ein Zirkusäffchen!) „Haifa wird nachher in der Pause für uns ein paar Lieder aus ihrer Heimat spielen, dazu gibt es dann vorne arabischen Tee und Gebäck!“ Haifa lässt das alles bewundernswert stoisch über sich ergehen und wirft mir nur ab und zu mal vielsagende Blicke zu.

Ich lese dann zunächst einmal eine Stelle aus meinem Roman vor, wo der arabische Junge von der Lehrerin vor seine neue Klasse gestellt und mit seinem arabischen Vater sehr laut gesprochen wird. Ob’s irgendwer bemerkt hat?! Während ich lese, rauscht im Hintergrund der Samowar und ich fühle, wie sich alle auf die Kekse freuen.

In der Pause springen dann wirklich alle auf und Haifa sitzt allein mit ihrem Akkordeon auf der Bühne vor leeren Stühlen und quetscht stoisch auf das Akkordeon ein, während sich die weißen Wohlwollenden an den orientalischen Keksen laben. Was genau Haifa spielt, kann ich nicht erkennen, schnappe aber neben mir den ausgesprochen empörten Kommentar der Sozialarbeiterin auf: „Das ist ja europäische Musik!! Das sind ja gar keine syrischen Lieder!“ Wie auf Kommando spielt Haifa dann auch noch Jingle Bells, einen Halbton zu tief.

Jetzt muss eigentlich nur noch Bill Murray durch die Tür kommen und das Szenario wäre perfekt. Man kann sich sowas echt nicht ausdenken, auch wenn man’s noch so sehr versuchte … Und nein, das ist keine Ausnahme, kein absurder Einzelfall …

Eine gute Freundin kommentiert die Vergabe des Deutschen Buchpreises an Bodo Kirchhoff vor ein paar Tagen so: „Kann es sein, dass Bodo Kirchhoffs nun preisgekrönter Roman um weiße, hochgebildete Westeuropäer geht, deren existientielle Ödnis von einem stummen braunen Flüchtlingskind geheilt wird?“

Ob das wirklich der Fall ist, weiß ich nicht, ich hab das Buch nicht gelesen, werde es auch nicht lesen. Aber ehrlich gesagt könnte dieser Satz meiner Freundin auch das Fazit der Geschichte von Haifa und dem Samowar sein.

what-is-orientalism

… ist kein echtes Wort, hat mein Lektor damals gesagt, als wir an meinem Roman gearbeitet haben, und wollte mich überzeugen, das Wort zu streichen, zu ersetzen.

Habe ich nicht gemacht, ich habe drauf bestanden, dass, wenn man im Englischen so etwas Schönes wie „Displacement“ sagen darf, muss das Deutsche auch so ein Wort bekommen. Es ist ein Wort für’s 21. Jahrhundert. Und wenn’s irgendwann in den Duden aufgenommen wird – denkt dran, ich hab’s erfunden 😉

Und mal wieder drüber geschrieben, also die Entortung. Diesmal für „Art and Thought“, das Magazin des Goethe Instituts, für die Ausgabe – na? – „Displacement“. Den Essay kann man hier auf Deutsch, Englisch oder Arabisch nachlesen. Oder auf das Bild klicken und zum gesamten E-Paper gelangen. Viel Spaß!

Displacement

Displacement

 

… und irgendwie nichts mehr in Ordnung ist. So wie heute. Und man dann begreifen muss. Begreifen, dass man die Welt nicht mehr versteht, in der man lebt.

Heute Nacht hat es in Hamburg schwer gewittert. Richtig laut war es, direkt über meinem Haus, es hat geknallt, grell geblitzt, wie aus Eimern geschüttet, fast zwei Stunden lang, zwischen halb 3 und halb 5 morgens. Apokalypse, denke ich.

Ohne zynisch oder esoterisch werden zu wollen – aber das muss doch ein Zeichen gewesen sein, heute Nacht. Ein Sturm über Europa. Wer hat denn damit gerechnet, dass das wirklich passieren kann? Dass eine doch so deutliche Mehrheit der Briten sich gegen Europa entscheiden? Ich persönlich jedenfalls nicht. Dass es knapp wird, okay, geschenkt. Aber am Ende muss doch der gesunde Menschenverstand siegen, hatte ich gehofft.

Und nun ist es Realität, und ich weiß selbst nicht, warum mich das so tief trifft. Ich bin kein Ökonom, ich habe von Wirtschaft oder europäischer Bürokratie keine nennenswerte Ahnung. Was genau dieses Referendum für unsere Märkte, Börsen, Handel bedeutet – Kein Plan.

Ich weiß nur eins: Mich macht diese Nachricht unendlich traurig, besorgt und wütend. Und nicht nur, weil England meine erste große Liebe war, was Auslandserfahrungen angeht, weil ich Literatur (Austen! Bronte! Harry Potter!), Kunst und vor allem Musik (Bowie!) von der Insel so wahnsinnig schätze und immer als Bereicherung begriffen habe.

Wie kann es denn sein, dass Menschen, denen es so gut geht, die alles haben, was man sich wünschen kann – Wohlstand, Sicherheit, Freiheit – sich so verblenden lassen, so kurzsichtig entscheiden, sich von grauenvollen Populisten den gesunden Menschenverstand vernebeln lassen wie die Kinder vom Rattenfänger von Hameln. Das darf doch alles nicht wahr sein …

Ist denn differenziertes Denken mittlerweile so out, weil so schwer und anstrengend, dass man guten Gewissens die Zukunft ganzer Generationen aufs Spiel setzt? Ich könnte echt ausrasten.

Ich sage es immer und immer und immer wieder – solange bis mich jemand hört: Leute, wir haben ALLES in diesem schönen Europa! Dass wir nicht den ganzen Tag Feuerwerke abbrennen, weil Europa so ein geniales Konzept ist und uns so viel ermöglicht – Gegenwart, Zukunft, so Kleinigkeiten halt – das erklärt mir mal!! Klar, es gibt immer und überall Dinge, die man verbessern kann. Aber dann lasst uns das auch machen!! Lasst uns in die Hände spucken und loslegen – wir können dieses schöne Europa mit all seinen Freiheiten und Möglichkeiten doch nicht ein paar engstirnigen, geistig zurück gebliebenen Menschenfeinden überlassen!

Ich habe heute noch mehr Angst vor der nächsten Bundestagswahl als zum Beispiel letzte Woche. Bitte, bitte, bitte baut keinen Scheiß da draußen! Wacht auf! Packt an! Nicht nur auf Facebook oder sonstwo im Internet! Draußen auf der Straße, in der Bildung, in Gruppen, in der Kunst. Den Menschen zeigen, was es wirklich bedeutet, dass unser Gesetz so wunderbare Dinge festlegt wie: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.
Wenn doch eins klar geworden ist gestern, dann dass wir, die wir an diese Idee von Europa glauben, die wir an Recht und Menschlichkeit und Freiheit und Offenheit glauben, genauso leidenschaftlich in Erscheinung treten müssen wie diese rechten Marktschreier.

Was besseres als die Worte von Astrid Lindgren fällt mir dazu nicht ein – die wusste sowieso am besten, wie es geht. In diesem Sinne …

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Astrid Lindgren