Ach, was soll’s, dann sag ich halt doch was zum Thema Heimatministerium.

Kürzlich bekam ich eine Anfrage, als Talkgast an einer TV-Sendung teilzunehmen. Es war eine große Sendung in den Öffentlich-Rechtlichen. Thema sollte grob „Heimat“ sein. Na gut, dachte ich, höre ich mal, was die sich so vorstellen, und welche Rolle sie für mich vorgesehen hatten. 

Es kam zu einem recht langen Vorgespräch am Telefon mit der Redakteurin. Durch die Blume wurde recht schnell klar, dass ich mal wieder das Migratenmaskottchen geben sollte. Was ich denn von der Debatte um das Heimatministerium halte, und von der Islamdebatte. Ich hab genervt die Augen verdreht, ein bisschen gegähnt und ungefähr sowas gesagt:

„Das Konzept eines Heimatministeriums ist anachronistischer Schwachsinn und dumpfer Stimmenfang bei Altnazis. Leider ist das so stumpf, dass das selbst der dümmste Nazi durchschaut. Ein Heimatministerium passt nicht in eine globalisierte Welt, wo wir alle permanent in Bewegung sind. Die ganze Debatte ist ein bescheuertes weißes Rauschen, bei der auf Pawlow’sche Reflexe gesetzt wird. Diese vermeintliche Islamdebatte ist genauso bescheuert. Entweder respektieren wir das Grundgesetz und die darin verankerte Religionsfreiheit, oder nicht. Und überhaupt – was sollen diese beknackten Diskussionen, wenn es in der Pflege, in der Bildung und überhaupt überall an Ressourcen und Lösungsansätzen fehlt und ich mir in Hamburg keine größere Wohnung leisten kann, obwohl ich gut verdiene? Mich langweilt das alles.“

Zwei Tage später wurde ich per Mail wieder ausgeladen aus der Sendung.

Ob das jetzt mit dem Vorgespräch zu tun hatte oder nicht, lasse ich mal dahin gestellt. Vielleicht haben sie ein geeignetes Migrantenmaskottchen gefunden, womöglich mit Kopftuch, oder vielleicht haben sie sich einfach was anderes vorgestellt. Wer weiß das schon.

Jedenfalls – falls sich jemand nochmal dafür interessiert, wie ich zu den aktuellen „Debatten“ stehe, kann er das hier nachlesen. Ich stehe als Migrantenmaskottchen nicht mehr zur Verfügung, und ich kümmere mich jetzt um interessantere Sachen! 

 

 

 

 

Das Beste, was man sich dieser Tage tun kann, ist, sich das hier ein, zwei, dreimal anzuschauen. „Man zahlt teuer für die Freiheit.“ Frohe Ostern, zusammen! 

 

Happy women’s day  mit Mona Haydar und einem der top 25 feminist anthems 2017.

… ja, so, SO stolz …

Wenn ich in den letzten zwei Jahren oft gedacht habe, es kann nicht mehr besser werden, und wenn ich wirklich oft sehr emotional und sehr bewegt war über den Erfolg von „Längst Woanders“ – so übertrifft dies nun noch einmal alles.

Diese Woche ist die arabische Übersetzung meines Buches erschienen. Als ich die Fahnen zur Freigabe bekommen und gelesen habe, kamen mir, und ich schäme mich nicht, das zuzugeben, wirklich die Tränen. Mein Text, in einer Sprache, die ich eigentlich schreiben können könnte, wenn mein Leben anders verlaufen wäre, und die meiner ganzen, großen Familie nun endlich die Möglichkeit gibt, zu lesen, was ich geschrieben habe. Übersetzung ist ein Wunder, Übersetzung ist eine Kunst, die viel zu wenig gewürdigt wird, und ohne Übersetzungen bleibt so vielen Menschen auf der Welt Literatur vorenthalten. 

Deshalb bedanke ich mich hiermit nicht nur bei meinem arabischen Verlag, Al-Arabi-Publishing, sondern auch bei meinem Übersetzer, Mohamed Al-Sayed, für all die Arbeit, und das Vertrauen in den Text! Tausend Dank, ihr habt mir einen Traum erfüllt.

Bestellen kann man das arabische e-book hier – oder aber beim Verlag selbst hier das gedruckte Buch. Und aussehen tut es so: 

Arabische Übersetzung

Rasha Khayat, übersetzt

Ich war im Sudan, und das war so …

Eine der letzten Begegnungen, kurz vor meiner Abreise, mitten in der Nacht am Flugahfen sah so aus: Ich betrete den Abflugterminal und sofort nimmt mir ein junger Mann den Koffer ab, begleitet mich zum Check-In und stellt den Koffer auf die Waage. Als ich ihm einen 50 Pfund-Schein in die Hand drücke (umgerechnet ungefähr fünf Euro), da ich kein Kleingeld mehr hatte, kramt er in seiner Tasche und gibt mir 30 Pfund Wechselgeld. Ich protestiere und sage: „Nein, nein, ist schon in Ordnung!“, aber er protestiert noch lauter. Es kostet halt nur 20 Pfund, und mehr will er auch nicht haben, selbst von einer Europäerin nicht.

Das mag für den einen oder anderen vielleicht komisch klingen, aber so eine Art von Korrektheit – altmodisch würde man es vielleicht „Redlichkeit“ nennen – habe ich bislang auf keiner meiner Reisen erlebt. Damit will ich nicht sagen, dass ich mich sonst abzocken lasse, aber ich habe auch noch nie Wechselgeld für mein „Bakhshish“ bekommen, in keinem Land der Welt.

Ich bin in Khartoum, um mit jungen Autoren zu arbeiten. An der Universität und im Goethe Institut. Und um die Arabische Übersetzung meines Romans vorzustellen. Es ist eine Woche, die wie im Rausch vergeht, so dicht ist das Programm, so intensiv die Eindrücke. Zum ersten Mal in meinem Leben gebe ich Interviews auf Arabisch und muss erkennen, dass die Sprache, die ich eigentlich beherrschen sollte, mir den Dienst versagt, wenn ich über etwas anderes reden soll als über die Familie, das Wetter oder das Essen (was in meiner Familie meist als Gesprächsstoff ausreicht). Überhaupt ist es eine Woche der Ersten Male.

Seminar an der Ahfad Uni

 

Zum ersten Mal stehe ich in einem Hörsaal vor Studentinnen und soll ihnen etwas über Creative Writing beibringen. Die Studentinnen besuchen die Ahfad Universität für Frauen in Umdurman, eine Universität, die bereits 1966 gegründet wurde, um Frauen Bildung und Gleichberechtigung zu ermöglichen. Die jungen Frauen in „meinem“ Hörsaal studieren alle Medizin, Jura, Ingenieurwesen oder Informationstechnik. Trotzdem haben sie sich alle eingetragen, ein Seminar für Creative Writing bei einer deutschen Autorin mitzumachen. Wir reden über Figurengestaltung und die Rolle von Literatur als gesellschaftlicher Spiegel, ich lasse die Studentinnen Figuren entwickeln und vor der Gruppe vorstellen – da wird eine weibliche Figur beschrieben, die mit 15 vergewaltigt wird und wegen ihrer streng gläubigen Eltern austragen muss. Eine männliche Figur zieht gegen seinen Willen in den Krieg und kommt traumatisiert zurück. Eine weitere weibliche Figur hat Angstzustände und wird medikamentenabhängig. Die Geschichten, die aus diesen Figuren entstehen, sind noch trauriger als die gezeichneten Figuren selbst, und dennoch ohne Selbstmitleid, ohne Opferpose oder Larmoyanz erzählt. Ich bin so stolz auf meine jungen Studentinnen und gleichzeitig zutiefst berührt von ihrer Offenheit und Energie und schäme mich plötzlich für die Masse an westlicher Gegenwartsliteratur die gefühlt nur als millenialem Ennui besteht. Am liebsten würde ich bleiben und ein Semester lang mit diesen jungen Autorinnen arbeiten.

Später, ich bin noch immer völlig ergriffen von dem Tag an der Ahfad, erzählt mir eine junge Frau, dass die Ahfad-Frauen etwas ganz Besonderes sind, und dass man sie auch in höherem Alter noch auf 500 Metern Entfernung auf der Straße erkennen kann. „Sie sind selbstbewusster und kämpferischer als die meisten anderen Frauen, nicht nur im Sudan“, sagt sie. 

Interview im Radio

Am Abend der Lesung aus der Arabischen Übersetzung kommen fast 150 Leute ins Goethe Institut. Die Fragerunde am Schluss dauert fast zwei Stunden, selten habe ich in Lesungen so viele gute Fragen gestellt bekommen – kluge Fragen, literarische Fragen, einige auch politisch, aber nicht ein einziges Mal den üblich-deutschen „Warum sind Sie so gut integriert und wie autobiographisch ist Ihr Werk?“-Mist. Die Besucher sind zu 80% unter 30, es sind junge Frauen, junge Männer, alle gemischt, am Ende werden Selfies gemacht und Facebook-Kontakte getauscht, sie erzählen mir alle von ihrer Arbeit, die einen schreiben, die anderen machen Musik, andere wiederum unterrichten selbst, sind Ingenieure oder Journalisten, aber alle sind interessiert, ehrlich interessiert, warm und herzlich – und ja, auch das ist ein Klischee, aber was soll man machen, wenn’s einfach so ist.

Lesung im Institut

 

 

Am letzten Tag bekomme ich dann noch die Stadt gezeigt und gewissermaßen einen Backstage-Pass für Khartoum, wie das so ist, wenn man mit Locals unterwegs ist. Wieder fällt auf – niemand will Bakhshish, weder der Junge, der im Souk den Parkplatz bewacht, noch der Guide im Nationalmuseum. Im Souk werde ich weder schräg angeschaut noch belagert, und mein Begleiter versichert mir, das habe nichts mit ihm zu tun, so sei das hier einfach. Und ich glaube ihm das sogar. Ich bin weit und breit die einzige weiße Frau, in Begleitung eines Sudanesen, und keinen interessiert’s so richtig. Niemand will mir Ramsch verkaufen, meine Gewürze und meinen Kaffee bekomme ich zum üblichen Ladenpreis. 

Im sudanesischen Frühstücksfernsehen

Später beim Essen sagt mein Begleiter dann ein bisschen kopfschüttelnd zu mir: „Du bist aber keiner richtige Deutsche, du hast zu viel arabisches Blut“, und wie aus der Pistole geschossen sage ich: „Danke!“

Ich weiß, dass das nicht so ganz stimmt, ich bin schon sehr deutsch, und eigentlich auch immer beleidigt, wenn man mir sagt, ich sei keine richtige Deutsche. Aber aus dem Mund eines Sudanesen klingt das plötzlich wie ein Kompliment und ich muss zugeben – irgendwas ist da schon dran.

Khartoum hat ein Stückchen meines Herzens gestohlen, das muss ich sagen. Auch wenn’s meine wahre Liebe – Kairo – nie vom Treppchen schmeißen wird (trotz Ramsch und Bakhshish – ich bleib‘ der „Umm al Dunya“ treu…). Trotzdem ist meine Sehnsucht jetzt auch wieder größer. Schön und spanned, aufregend und aufwühlend, eine Woche in der ich gelernt habe, dass mein Gehirn auch in drei Sprachen gleichzeitig funktioniert, dass man auch an den unwahrscheinlichsten Orten eine verwandte Seele treffen kann, und dass Leimoon & Na’naa einfach das beste Getränk der Welt bleibt. Und der Nil flüstert zum Abschied leise: „Komm schnell wieder, Rasha!“

Nur ein kleiner Gruß für euch, aus New York.

Ich habe grad das große Glück und die Ehre, Stipendiatin am berühmten Ledig House des OMI International Arts Center in New York zu sein. Es ist wundervoll, wir schreiben, tauschen uns aus, wandern über Felder und Wiesen und produzieren hoffentlich neue, tolle Dinge. Und am Wochenende haben wir vorgelesen. Das sah so aus: 

Lesung in New York

Lesung in New York

Unser Innenminister hat sich vergangene Woche mal wieder mit dem Thema „Leitkultur“ in die Öffentlichkeit gestellt und zum Glück wurde das im Großen und Ganzen mit Spott und Ablehnung beantwortet.

Ihr fragt mich, hier und im echten Leben, immer wieder: „Aber was ist sie denn, die Leitkultur? Und brauchen wir die nicht zur erfolgreichen Integration? Und was ist denn nun typisch Deutsch? Bist Du Deutsche oder Araberin? Sag doch mal, was man tun muss, damit Integration gelingt!“

Auf Letzteres habe ich schlicht keine Antwort. Und das Wort „Leitkultur“ finde ich, wie die meisten anderen, die in den letzten Tagen dazu Stellung bezogen haben, ziemlich widerlich, weil es einfach einen gewissen Nazi-Geruch verströmt. Das ewige Leiden und Ringen um eine sogenannte Leitkultur finde ich eher peinlich und überflüssig. Wer will sich denn anmaßen zu bestimmen, was zu diesem Land gehört und was nicht? 

Was mich persönlich angeht und die Frage, was ich denn nun bin, oder wer, und welche Rolle eine „Leitkultur“ in meinem Leben spielt, dazu kann ich nur Folgendes sagen:

Ich bin Tochter meiner Eltern, die mir beigebracht haben, meinen Verstand einzusetzen und auf mein Herz zu hören. Ich bin Nachfahrin einer Familie, die aus Moslems und katholischen und evangelischen Christen besteht, die aus Pakistan, Saudi Arabien, Schlesien und dem Ruhrgebiet stammen. Ich bin Tochter des Meeres, und bin zu Hause da, wo ganz viel Wasser ist. Ich bin Tochter der Wüste und mein Herz geht auf, wenn die Sonne scheint und dabei ein lauter Gebetsruf über eine große, versmogte Stadt hallt. Ich bin Tochter des Nordens, und mein Herz geht auf, wenn ein rauer Wind über die Elbe weht und ich am Hafen Schiffe zählen kann. Ich bin Tochter des tiefen Westens, wo die Sonne verstaubt

Ich bin Tochter von Astrid Lindgren und Naguib Mahfouz, von Thomas Mann und Virginia Woolf. Ich lebe in den Wuthering Heights und schicke Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Ich bin Tochter von Udo Jürgens, David Bowie und Fairouz, die tanzen kann, egal, welcher Rhythmus spielt. 

Ich bin Tochter einer Gesellschaft, die einem Arbeiterkind mit Migrationshintergrund ermöglicht hat, all das zu sein, zu schreiben und zu erzählen. 

Und wenn andere auch all das sein dürfen sollen, ohne etwas ablehnen oder ablegen zu müssen, dann gebt ihnen Bildung, gebt ihnen Chancen. Nicht Zäune, nicht Ausgrenzung, nicht Leitkultur. 

 

Hurra. Yasmine Hamdan hat ein neues Album! 

Eine Journalistenfreundin fragte mich neulich: „Sag mal, Du bist doch Fan von Yasmine Hamdan. Erklär mir das mal, ich will über ihr neues Album schreiben, aber ich versteh den Hype nicht so richtig.“ 

Nun ja. Also ich habe ja vor ein paar Jahren hier schon einmal über Yasmine Hamdan geschrieben, als sie 2014 auf Clubtour in Deutschland war. Bekannt geworden ist sie dann durch Jim Jarmushs wunderschönen Film Only Lovers Left Alive. Danach waren dann Konzerte in Europa gut besucht bis ausverkauft und vor allem das wohlwollende Kulturpublikum hat sich ihrer angenommen. 

Dieser Tage kommt ein neues Album, Al Jamilat (Die Schönen), Nachfolger des wie ich finde großartigen Ya Nass. Ich finde auch das neue Album toll, auch wenn mir der Vorgänger besser gefällt. Al Jamilat ist insgesamt poppiger, zugänglicher, man möchte sagen „europäischer“, oder (Achtung, dreckiges Wort) „kommerzieller“. Yasmine Hamdans Spezialität sind mystisch-melancholische Elektrostücke, ein bisschen Brian Eno, ein bisschen Folk, versetzt mit Referenzen auf und Verbeugungen vor klassischer arabischer Musik. Ihre Stimme wird immer durch zwei, drei, vier Filter gehaucht, weshalb sie immer irgendwie geisterhaft und abwesend klingt. Von all dem gibt es auf Al Jamilat nun nochmal ein paar Schippchen mehr als auf Ya Nass; ein bisschen raus fällt für mich der Titelsong, Al Jamilat, der irgendwie klingt wie orientalisierter Hippie-Rock.

Das alles muss man mögen, klar. Was mir persönlich aber an Yasmine Hamdan so gut gefällt ist, dass sie so eindeutig die großen Diven der arabischen Musikgeschichte zitiert, vor allem die großartige, ewige Fairuz, Grande Dame arabischer Musik, dabei das Pathos dieser Zeiten ein bisschen beiseite fegt, aber die Melancholie als Essenz dieser alten Songs zu erhalten schafft. In der aktuellen arabischen Musik macht das kaum jemand – cool klingen und trotzdem sichtbar traditionell bleiben. In den Artikeln, die in den letzten Jahren über sie geschrieben wurden, wird sie immer wieder als „Grenzgängerin zwischen den Kulturen“ und all so Quatsch beschrieben. Das würde ja heißen, dass aktuelle arabische Kultur eine Moderne nicht kennt, das ist natürlich völliger Blödsinn. Die Band Mashrou Leila, über die ich hier auch schon geschrieben habe, macht das ja seit Jahren hervorragend, ebenso (wenn auch ganz anders) die wundervolle Souad Massi, von der ich immer noch hoffe, dass sie irgendwann mal auf eine größere Europatour geht. Aber – daher vielleicht der Hype. Oder einfach nur, weil sie halt unfassbar sexy ist … 

Also – Nix Grenzgänger. Das ist wohl nur Code für „kann man auch als weißer Europäer hören“. Es ist moderne arabische Musik. Gute, moderne arabische Musik. Bei Yasmine Hamdan muss man dazu auch sagen, dass sich die Musik live und auf der Bühne nochmal ganz anders anhört, anders arrangiert und transportiert wird als auf dem Album. Im Mai ist sie dann wieder in Hamburg, im Mojo, ich hab natürlich schon meine Karte, und werde dann hier erzählen, wie’s war und ob tatsächlich ein paar orientalische Hippies vorkamen.

Einstweilen hier schon mal das neue Video und ein ganz hervorragendes Interview.

 

Es gibt Bücher, die verändern das eigene Leben, weil sie etwas in einem zum Klingen bringen. Die etwas erzählen, was einen so tief anrührt, dass man die Welt danach anders sehen kann. Und Autoren, von denen man sich wünscht, dass sie nie aufhören, solche Bücher zu schreiben. 

Olga Grjasnowa schreibt genau solche Bücher. Ehe ich aber von ihrem neuen, fantastischen Buch erzähle, muss ich ein paar Dinge vorweg schicken. 

Im Jahr 2010 nahm ich im Rahmen eines Stipendiums an einer Autorenwerkstatt teil. Vorab bekamen wir die Texte der anderen Teilnehmer zur Lektüre, um sie dann in der Werkstatt diskutieren zu können. Unter anderem bekam ich 80 Seiten eines Manuskripts mit dem wundervollen Titel „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ zugeschickt. Der Text hat mich so unglaublich erschüttert, angerührt und glücklich gemacht, weil er nicht nur von der Unmöglichkeit und Verzweiflung von Trauer und Heimatlosigkeit erzählt, sondern sich auch auf eine Weise Rassismus und Politik vornimmt, wie ich es noch nie vorher gelesen hatte – mit ganz viel Gefühl, mit unglaublich sachlicher, brutaler Nüchternheit – und mit giftigem Humor. Beim Lesen lachte ich, weinte ich, immer schön im Wechsel, und war unfassbar beeindruckt und neidisch auf so viel Kraft. Und dachte die ganze Zeit: „Hoffentlich kannst du dich beim Workshop mit der anfreunden!“

Und so kam es dann auch – wir wurden für die Dauer der Werkstatt im selben Zimmer einquartiert und freundeten uns an. Heute, sieben Jahre später, sind wir noch immer befreundet, inzwischen sogar ziemlich eng. Wenn ich also nun hier über ihr neues Buch schreibe, dann nicht als unabhängige Leserin, sondern auch als Freundin, und das ist ja immer so eine Sache, die mitunter den Blick vernebeln kann, oder man bekommt nachgesagt, nur Werbung für die Freunde zu machen. 

Aber ich bin eben auch großer Fan von Olga als Autorin, und ihr neues Buch hätte ich ohnehin ungeduldig erwartet und gelesen. 

Das neue Buch also, „Gott ist nicht schüchtern“, erscheint morgen und handelt, grob gesagt, vom Syrien-Krieg. Genauer handelt es von Amal, einer jungen Schauspielerin, und Hammoudi, einem jungen Arzt. Der Roman setzt ein, als die ersten, zaghaften Proteste im Land losgehen, Ende 2010, Anfang 2011. Amal nimmt an Demonstrationen gegen das Assad-Regime teil und fühlt sich zunächst mal auf Grund der Position ihres Vaters beim Militär unangreifbar. Hammoudi kehrt seinerseits nur für einen kurzen geplanten Besuch nach Syrien zurück, er lebt in Paris, will in Kürze dort eine Stelle antreten und ist mit einer jungen Französin verlobt. In Syrien will er nur seinen Pass verlängern um dann sein neues, altes Leben in Europa wieder aufzunehmen. 

Natürlich kommt dann alles anders als geplant, wie das so ist, wenn von jetzt auf gleich ein Krieg ausbricht. Hammoudi bekommt die Willkür der Behörden zu spüren und keinen neuen Pass. Amal wird verhaftet und gefoltert und wieder verhaftet und wieder gefoltert und schafft es zunächst, nach Beirut zu entkommen. 

Es beginnt das, was Medien allerorten in den letzten zwei Jahren so schön abstrakt als „Fluchtgeschichten“ beschreiben. Wir lesen von der Brutalität und sinnlosen Gewalt des Krieges, von der Willkür von Behörden überall auf der Welt, von Menschen, die eigentlich nie etwas zu tun haben wollten mit der Situation, in der sie grad stecken, denen nun keine Wahl mehr bleibt und die einfach immer weiter machen müssen. Die keine Zeit haben, anzuhalten, es sich anders zu überlegen, umzudrehen, die Menschen und Dinge und Leben verlieren, die sich keine Hoffnung mehr erlauben dürfen. 

All das steht da, auf den knapp 300 Seiten des Romans, in genau der Mischung aus harter Nüchternheit und Gefühl, die schon beim „Russen“ so einnehmend, so fesselnd war, nur nun noch viel besser. „Gott ist nicht schüchtern“ ist absolut. Es lässt keinen Moment einen Zweifel daran, dass es in diesem Krieg (in welchem eigentlich nicht?) kein Richtig und kein Falsch mehr gibt, dass unsere Kategorien, zu urteilen, hier nicht mehr greifen. Und es lässt uns keine Wahl – wir müssen hinschauen. Wir müssen Amal und Hammoudi dabei zusehen, wie ihre Leben ausgehebelt werden und wie sie irgendwie versuchen, die Kontrolle wieder zu gewinnen, ohne dabei ihr Leben zu lassen. Die „Flüchtlingsgeschichten“ bekommen plötzlich Gesichter. Und wen das kalt lässt, dem würde man das Buch gern mitten ins Gesicht dreschen. 

Der Roman strotzt vor Materialfülle, er wurde recherchiert, mit Interviews, mit Reisen an die Orte des Geschehens, mit vielen, vielen Geschichten aus dem echten Leben. Das weiß ich als Freundin, aber das kann man nun auch nachlesen, in Interviews mit der Autorin. Keine Sekunde hat man das Gefühl, das, was da steht, sei nicht wahr, und gleichzeitig will man die ganze Zeit brüllen: „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ 

Es ist das richtige Buch zur richtigen Zeit, ja, aber auch eines für die Zeit danach – weil irgendwie ja immer die richtige Zeit ist, um über Menschen nachzudenken, und darüber, was jeder eigentlich mit sich rumschleppt an Geschichte und Geschichten. Und was das mit den Menschen, aber auch mit ihren Lebensläufen, Lebensträumen und Lebensplänen macht. 

Olga Grjasnowa findet Worte für Dinge, für die es keine Worte gibt. Und allein das ist so mutig, dass man nur den Hut ziehen kann vor diesem Buch. Man sollte es zur Schullektüre machen, es in jedem Wohnzimmer, in jedem Lesezirkel, an jedem Stammtisch lesen. Es ist eines von diesen Büchern, das – und davon bin ich überzeugt – jeden seiner Leser irgendwie verändern wird. Hoffentlich sind es ganz, ganz viele! 

Bildung ist gut. Bildung ist wichtig. Darüber sind sich die meisten einig. Vor allem, seitdem die Welt von einem Tsunami der Idiotie überrollt worden zu sein scheint. Worte sinnvoll und mit Bedacht aneinander reihen zu können, das mutet in diesen Tagen des Geschreis und Gebrülls geradezu wie ein Ausnahmetalent an. Nur einer von vielen Gründen, warum Büchereien nicht sterben dürfen! 

Meine Familie hatte nie übermäßig viel Geld. Wir hatten alles, was wir brauchten, Gott sei Dank, aber gewisse Güter waren eben immer mit den Preisschildern „Ausnahme“ oder „Luxus“ versehen. Dies galt vor allem für Dinge, die die Freizeitgestaltung betrafen – Sportverein, Tanzstunden, Markenkleidung. Zu seinem zehnten Geburtstag wünschte sich mein kleiner Bruder mal explizit „eine Jeans, die nicht von Aldi ist.“ Und auch Bücher gab es meistens nur zum Geburtstag oder zu Weihnachten. 

Eine Mitgliedschaft in der Bücherei kostete damals aber nur einmalig zwei Mark. Dafür bekam man eine Ausleihkarte und durfte so viele Bücher und Hörspielkassetten ausleihen, wie man wollte. Ich war im Himmel. Und verbrachte fortan jeden Samstag in der Gladbecker Stadtbücherei. Jede Woche fuhr ich ein ganzes Fahrradkörbchen voll Bücher mit nach Hause, die ich dann in der Woche darauf wieder eintauschte. Ich las alles. Wirklich alles. Pferde- und Mädchenbücher, Klassiker und Comics. Weil es ging. Weil ich einfach alles in mein Körbchen packen, zur Ausleihe tragen und mitnehmen konnte, unter der einzigen Bedingung, dass ich die Sachen zum eingestempelten Termin wieder zurück brachte. 

Aber der uneingeschränkte Zugang zu Büchern und Geschichten war nicht der einzige Grund, warum die Stadtbücherei meine gesamte Kindheit und Jugend über mein Lieblingsort war. Es war ein Ort, an dem man einfach sein konnte. Da herrschte Stille, man konnte in Ecken und Winkeln sitzen, blättern, Menschen beobachten, Spiele spielen oder stundenlang Hörspiele hören. Ich hatte mich in der Schule nie besonders wohl gefühlt, zu laut, zu langweilig, zu viele Leute. In der Bücherei konnte ich mich konzentrieren. 

Da gab es Leute, die mir etwas über Bücher erzählten, da gab es ein kommunales Kino mit Filmen, die man sonst nirgendwo im Ruhrgebiet zu sehen bekam, da gab es Vorlesestunden, da gab es immer spannende Menschen. Mit anderen Worten – da war immer was los, auch wenn man nicht so viel Geld zur Verfügung hatte. 

Ich verdanke „meiner“ Stadtbücherei eine ganze Menge. Nicht zuletzt die Tatsache, dass ich aus dem Lesen und Schreiben inzwischen meinen Beruf gemacht habe. Vor allem aber, dass ich mich als Kind und Jugendliche weniger alleine gefühlt habe, dank all der Geschichten, die mir für nur einmalig 2 Mark zugänglich waren. 

Im vergangenen Jahr habe ich in vielen Büchereien im ganzen Land gelesen, und jedesmal überkam mich dieses warme, liebevolle Gefühl, zu Hause zu sein. Dort gab es unzählige nette Gespräche mit Lesern und Bibliothekaren. Vor allem aber immer und allerorts die gleiche Klage: Die Stadtbüchereien kämpfen um ihre Existenz. Zu wenig Mittel, zu wenige Mitglieder, nicht genug Aufmerksamkeit von Bürgern und Politik. 

In Frankenthal bei Mannheim, meiner letzten Lesung auf meiner Tour, versprach ich dann der Bibliotheksleiterin, ich würde bei Gelegenheit mal einen Liebesbrief an die Stadtbüchereien schreiben. 
Der Gedanke, dass diese Orte der Geschichten und der Konzentration ganz allmählich verschwinden, ist grauenhaft. Dass Bibliotheken nur noch kalte Orte sind, an denen hauptsächlich Computer stehen, wo man sich nicht mehr umschauen, sich nicht mehr aufhalten kann oder möchte – wer kann das denn wollen oder gut finden? Für mich ist und bleibt die Bücherei nicht nur der Ort, an dem es Bücher und damit Wissen gibt – sondern auch ein Ort, an dem es still ist, wo Konzentration etwas Schönes ist, wo man leise sein muss und sich besinnen kann. 

Und ja, das alles ist romantisch und konservativ und kulturpessimistisch. Ist mir aber egal. Wir alle sehen gerade, wo mangelnde Bildung – Herzens- UND Hirnbildung – hinführt. Und wir alle finden es schrecklich und erschreckend. Da kann es jedenfalls nicht schaden, sich an den Ort zu erinnern, der viel zur eigenen Herzens- und Hirnbildung beigetragen hat und sich zu fragen, was passiert, wenn es diese Orte irgendwann nicht mehr gibt. 

In diesem Sinne möchte ich mich explizit bei allen Bibliothekaren bedanken, dass ihr die Fahnen hoch haltet, vor allem in kleinen Städten, wo es so wenig Angebot für Kinder und Jugendliche gibt, die aus nicht so ganz wohlhabenden Verhältnissen kommen. Und ich freue mich über jede Einladung in eine dieser Büchereien und komme immer sehr gern!