Wir leben in einer komischen Zeit. Einer Zeit der Extreme. Sieht man jeden Tag, fühlt man, merkt man.

Da wird man vor einigen Wochen noch von Meldungen erschüttert, wie irgendwelche Hohlköpfe ihren Frust, ihre Aggressionen und ihre Dummheit an Flüchtlingsheimen auslassen und Brandsätze da rein werfen; man schämt sich in Grund und Boden und denkt – vor allem als selbst ausländischer Mensch – „einfach nur noch auswandern“! Wenige Tage später wird Deutschland überrollt von einer gefühlt noch nie dagewesenen Welle des zivilen Engagements, der Solidarität und Hilfsbereitschaft. Auf unvergleichliche Weise koordinieren sich Menschen, um Flüchtlingen zu helfen. Das alles kann man dann in Echtzeit auf sämtlichen medialen Kanälen verfolgen.

Ich selbst war in den letzten Wochen auch immer mal wieder an den Hamburger Messehallen, um beim Sortieren der Kleiderspenden usw. zu helfen. Man spürt eine regelrechte Euphorie bei allen Beteiligten, ein richtig gehendes „Hilfe-High“. Richtig seltsam fühlt es sich dann an, wenn man Videos sieht, wo Menschen an Bahnhöfen ankommende Flüchtlinge mit lauten Gesängen und Applaus begrüßen. Versteht mich nicht falsch, ich finde das wunderbar, und alles, was ich in den letzten Wochen darüber gesehen, gehört und selbst erlebt habe, rührt mich regelmäßig zu Tränen. Dieses Ausmaß von Empathie habe ich ehrlich gesagt diesem Land bis vor zwei Wochen gar nicht zugetraut.

Trotzdem will mich seit ein paar Tagen auch so ein seltsames Gefühl nicht verlassen. Kann das lange gut gehen? Diese Euphorie? Dieser Überschwang an Gefühl? Und vor allem: wo kommt das plötzlich her? Ich erinnere mich noch, als ich im Januar nach den Charlie-Hebdo-Anschlägen und den ersten Pegida-Aufmärschen Freunde zum Demonstrieren animieren wollte, stieß ich auf ziemlich viel Zögerlichkeit.

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Ich habe ja eine Vermutung. Eine ziemlich konservative, die wahrscheinlich dem Credo meiner Oma entspringt, die immer zu sagen pflegte: „Alles in Maßen.“ Vielleicht ist es so: Wir leben in dieser wahnsinnig schnellen, sehr ich-bezogenen Welt. Alles kann, muss, soll in Echtzeit geteilt und vermittelt werden – Arbeit, Freizeit, Spaß. Und wenn uns das zu viel wird, gibt es eine ganze Entschleunigungsindustrie, von Achtsamkeitsseminaren über Bastelkurse und Apps (!!), die dabei helfen sollen, die eigene Erreichbarkeit zu regulieren. Alles ist extrem. Alles ist schnell. Alles muss immer sofort. Muss effizient.

Dabei haben wir vielleicht verlernt, dass Gefühle Zeit brauchen. Dass echte, starke Haltungen nicht per Knopfdruck entstehen. Dass alles, was unter Extrembedingungen erlebt und „gefühlt“ und produziert wird, ganz oft keinen langfristigen Bestand hat. Kommt diese Gefühlswelle grad vielleicht auch deshalb zustande, weil Mensch diese eigentlich urmenschlichen Emotionen so lange gedeckelt, aus seinem Leben wegrationalisiert hat? Freuen sich die Leute grad auch deshalb so, weil sie endlich mal wieder fühlen und Gefühle zeigen dürfen?

Wenn sich zum Beispiel Menschen plötzlich darüber wundern, dass man ja mit ganz einfachen Dingen, ganz einfachen Fragen schon sehr viel erreichen kann, frage ich mich: Wie habt ihr denn gelebt die letzten Jahre? Wo ist denn diese ganz selbstverständliche Zwischenmenschlichkeit hin, die ich noch zu Hause gelernt habe? Dass man Menschen, die sich auf der Straße suchend umschauen, fragt: „Hey, kann ich helfen?“, oder jemandem mal eben sein Auto leiht, der es kurzfristig braucht? So aus der Mode gekommene Dinge wie „Nachbarschaft“ oder christlich gesprochen „Nächstenliebe“ werden offenbar grad neu entdeckt und wie alles, was neu ist, nun mit so viel Überschwang zelebriert, dass es mir manchmal fast unheimlich vorkommt.

Alles, was zur Zeit in Sachen Flüchtlingshilfe passiert, finde ich grandios, keine Frage. Aber eines würde ich mir trotzdem wünschen: Dass wir alle was daraus lernen für’s eigene Leben: Es ist nicht damit getan, jetzt ein paar Wochen euphorisch Spenden zu sortieren und Geld zu spenden. Was in diesem Land im Moment passiert, wird langfristige Folgen haben. Ich hoffe, dass möglichst viele Menschen das Glück haben werden, in Deutschland bleiben zu dürfen. Aber – die werden auch dann noch, wenn Wintermäntel und Wollsocken fertig sortiert sind, noch Hilfe und Unterstützung brauchen. Wer jetzt euphorisch „Refugees Welcome!“ ruft, der ist in der Verantwortung, diese Beziehung, die er da zu vielleicht einem, zwei oder mehr Menschen aufbaut, auch aufrecht zu halten. Auch, wenn die Masseneuphorie abgeebbt ist.

Und da kommen dann diese altmodischen Werte wieder ins Spiel: Die sollte man in seinem Überschallleben nie, nie, nie vergessen. Ich glaube, das ist das, was man jetzt lernen kann! Einfach immer weiter machen. Muss ja nicht immer so euphorisch sein! Wer übrigens in Hamburg gern zupacken möchte, ist zB hier gut aufgehoben! Wir sehen uns dann da!

Nachdem ich hier länger nichts geschrieben habe (ja, warum nur … erzähl ich bald!!), will ich diesen Sonntag mal nutzen, über etwas zu reden, was mich seit Wochen wahnsinnig umtreibt. Das Thema „Flüchtlinge“.

Und damit sind wir auch schon beim Grundproblem, was ich habe – dass man sagen muss, „Das Thema“ … Sind doch Menschen, verdammt noch mal!!

Dieses „Thema“ ist zur Zeit ja allgegenwärtig. Zum Glück nicht nur die negativen Seiten. Nein, überall um mich herum engagieren sich Menschen, sammeln, helfen, bieten privat und institutionalisiert Hilfe an, in allen Formen und Farben. Das finde ich fantastisch und hoffe, das geht immer weiter so. Das macht mir Hoffnung!

Aber ich muss es hier einfach sagen – Es kotzt mich an, und zwar ohne Ende, dass da, wo geholfen wird, genauso viel Unfrieden und Gewalt gestiftet wird. Es kotzt mich an, dass Menschen allen Ernstes Flüchtlingsheime angreifen, dass Anwohner von wohlhabenden Gegenden dagegen protestieren, dass Flüchtlinge in ihrer Nachbarschaft aufgenommen und betreut werden. Es kotzt mich an, dass rechte Idioten und „besorgte Bürger“ (bäh!!) Hilfsaufrufe angreifen und Helfer mit Flaschen bewerfen. Mich kotzt die Stimmung an, die einem Tag für Tag entgegen schlägt, wenn man „Das Thema“ anspricht. Sätze wie „Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber…“ – Die könnt ihr euch echt schenken, Leute!

Ich will nicht die 100ste sein, die betont, dass diese Menschen, die unter großen persönlichen, finanziellen, psychischen und körperlichen Risiken ihre Heimat verlassen haben, um eine Chance auf ein würdiges Leben zu bekommen, in einem der reichsten und sichersten Länder dieser Welt. Nein, das solltet ihr alle wissen. Zumindest, wenn ihr ab und zu die Tagesschau einschaltet.

Viel mehr muss ich hier mal meiner Wut Luft machen darüber, dass genau das offenbar von so vielen Leuten nicht gesehen und wertgeschätzt wird – dass wir nämlich in genau so einem Land leben!! Wir können den Wasserhahn aufdrehen und das Wasser daraus trinken. Wir alle haben ein schönes, warmes, sicheres Dach über dem Kopf, und wenn wir es nicht haben, dann hilft der Staat. Wir können auf die Straße gehen, ohne Angst zu haben, dass uns eine Bombe von oben trifft oder Gewehrkugeln von hinten. Wir können essen, worauf wir Lust haben, wann immer wir Lust drauf haben – mit anderen Worten: Wir können leben! Und zwar mehr als gut!

Dass diese Tatsache mit so wenig Dankbarkeit quittiert wird, dass man sich derart bedroht fühlt in seinem wohlstandsverdummten Umfeld, dass man sich bemüßigt fühlt, Orte anzugreifen, wo Menschen unter ziemlich unwürdigen Umständen aushalten müssen (ja, geht euch mal Erstunterkünfte von Flüchtlingen anschauen!! Da will KEINER von euch auch nur eine Nacht verbringen!), das kotzt mich so unglaublich an!

Wir haben alles! Das kann man doch wohl teilen! Und man kann sich doch mal öffnen, den Leuten zuhören, auf sie zugehen, eine Hand reichen und mal fragen – „Hey, wie war das denn, was führt dich hierher, was kann ich tun, damit du weniger Heimweh hast?

Denn eins sage ich euch – niemand flüchtet freiwillig! Egal, woher … Schämt euch, wenn ihr auch nur einmal dran gedacht haben solltet, Flüchtlinge schlecht zu behandeln!! Und wenn wir schon vom Schämen sprechen – wenn ich solche Dinge lese, dann schäme ICH mich, für das Land in dem ich so gut lebe …

Abschließend bitte einfach nur mal auf den Text hören, ab Minute 5:12 und schämen …

Gestern stand ich einmal mehr mit einigen Tausend Hamburgern auf dem Gerhard-Hauptmann-Platz, wunderbarerweise direkt vor der Weltbühne des Thalia Theaters, um einer Kundgebung zur Solidarität mit Paris und auch mit den Muslimen in Deutschland zuzuhören.

Ich war mit einer Gruppe Freunden unterwegs, und wir haben einige sehr gute, sehr emotionale, sehr menschliche Reden hören können, die besten meiner Ansicht nach von Mustafa Yoldas, Vorsitzender des Schura Rat der islamischen Gemeinschaften in Hamburg e.V. und Dirk Ahrens, Diakonisches Werk Hamburg und Mitglied der Kirchenleitung der Nordkirche. Hat einmal mehr Hoffnung gemacht, aber mich persönlich auch wütend. Wütend, weil man sich plötzlich wieder gezwungen sieht, für Dinge auf die Straße zu gehen, die im Jahr 2015 als so selbstverständlich gelten sollten – Freiheit, Toleranz, Menschlichkeit!

Und mir kam einmal mehr in den Sinn, dass ich es einfach traurig finde, wie wenig sich vor allem meine Generation traut, sich einzumischen. Mehrfach und von verschiedenen Freunden habe ich in den letzten Tagen gehört: „Ja, das ist echt alles so schlimm grad, mit Pegida und so. Aber irgendwie fühle ich mich nicht klug genug, dazu Stellung zu beziehen. Das können andere doch so viel besser.“

Denen möchte ich heute folgendes sagen:
Ihr Lieben,

wir leben in einem ziemlich schönen Land. Es ermöglicht uns sehr viele Freiheiten, Privilegien und ein wirklich gutes Leben, in Sicherheit und Wohlstand. Das sind keine Selbstverständlichkeiten. Dass wir alle tun und sagen dürfen, was wir denken und wollen, das verdanken wir einer funktionierenden Demokratie, einem starken Sozialsystem und den Menschen, die dieses System am Laufen halten. Und wenn diese Dinge plötzlich so infrage gestellt werden durch immer stärker werdende extreme Positionen, egal ob durch Pegida-Idioten oder radikale Terroristen welcher Gesinnung auch immer, dann ist es an der Zeit, sowas wie gesellschaftliche Verantwortung anzunehmen. Dafür muss man nicht studiert haben oder über umfassendes politisches Wissen verfügen. Ihr alle habt Freunde, Familie, Bekannte, Kollegen, die ausländischer Herkunft sind. Ihr genießt die Freiheit, die euch diese Gesellschaft ermöglicht. Es wird Zeit, allerhöchste Zeit, dass wir uns gesammelt hinter diese Menschen stellen, mit ihnen sprechen, Grenzen abbauen, statt noch mehr Zäune zu errichten. Und mir geht es hierbei nicht um islamistische Terroristen, natürlich nicht. Mit Terroristen und Radikalen (sie gehören doch zum selben menschenverachtenden Pflock, die Terroristen und die Pegia-Idioten!), das zeigt die Geschichte, ist ja nun nicht zu diskutieren. Aber die Gegenposition, die muss einfach stärker bleiben. Dem beschissenen Populismus von Pegida muss der Nährboden entzogen werden. Und das geht nur durch Denken, durch Reden, durch Verbinden!

Meine Mutter, eine blonde deutsche Frau, erzählte gestern am Telefon, dass auch auf ihrer Arbeit inzwischen diffuse ausländerfeindliche Dinge gesagt werden. Ihre Antwort, stark und radikal: „Hört mal, ihr redet hier auch von meinen Kindern!“

Auch wenn ich zwar auf dem Papier Moslem bin, herkunftsbedingt sozusagen, verstehe ich mich eher als Agnostiker. Ich habe nie eine religiöse Erziehung genossen und ich möchte mich deshalb hier auch nicht als Sprachrohr für Muslime hinstellen. Aber ich habe einen arabischen Vater, meine arabische Herkunft empfinde ich als starken Teil meines Ich, ebenso wie meinen deutschen Teil, und ich kann es einfach nicht mit ansehen, wenn hier, in diesem schönen, freien Land, plötzlich wieder brauner Scheiß geredet wird, offen, unverblümt und salonfähig.

In diesem Sinne bitte ich euch alle, eure Scheu, euch einzumischen und Stellung zu beziehen, zu überwinden. Denkt mit! Gestaltet diese Gesellschaft mit! Im Namen des Humanismus und der Demokratie, nicht im Namen der paar Tausend Vollidioten in Dresden und anderswo! Es waren knapp 4000 Menschen gestern in Hamburg. Es hätten 40.000 sein müssen!

 

 

Diese letzten paar Tage waren, wenn man so in die Welt blickt, traurig und beängstigend und skurril.

Am Montag stand ich noch mit 5000 anderen Menschen am Glockengießerwall in Hamburg, um gegen die Pegida-Schwachmaten zu demonstrieren. Das gab Hoffnung, man dachte sich, ach, es sind eben Schwachmaten, die Guten und die Denkenden sind in der Mehrheit. 48 Stunden später kommt es dann zu dem katastrophalen Anschlag auf das Magazin Charlie Hebdo in Paris. Alles ist anders, schon wieder, in wenigen Sekunden.

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In meinem Freundeskreis wird seither wild diskutiert – emotional, verwirrt, ängstlich. Was ist das denn bitte für eine Zeit, in der wir grad leben, wo ausgemachte Rechte in schicken Anzügen demnächst wohl in den Bundestag einziehen und bärtige junge Männer einfach mal 12 Menschen abknallen? Fragen werden aufgeworfen, wie kann es so weit kommen, dass junge Menschen sich derart gehirnwaschen lassen, dass sie zu diesen eiskalten Tötungsmaschinen werden? Was ist die adäquate Reaktion auf solche grausamen Taten? Ist das Abdrucken der Hebdo-Karikaturen nun Provokation oder Widerstand? Kann man diesen Terrortypen nicht den Geldhahn zudrehen? Woher bekommen die überhaupt ihr Geld? Am Ende sagt immer irgendwer irgendwas von meine deutschen Werte!“ – und dann geht dieses ganze Thema los …

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den 11. September 2001. Da war das alles ganz ähnlich. Nur viel verwirrender und frischer. Meine Generation kannte Terroristen nicht als Teil ihres Nachrichtenalltags. Die Generation unserer Eltern ist aufgewachsen mit Baader, Meinhof und Konsorten, und auch wenn es sich bei denen im Vergleich zur aktuellen Terrorsituation geradezu um die Bewohner von Schlumpfhausen handelt, so gab es doch ein Bewusstsein für Wut und Gewalt, die sich völlig unangekündigt und willkürlich zeigen konnte.

Mir macht die Zeit, in der ich lebe grad auch viel Angst. Ich finde die politische Entwicklung in diesem Land irritierend und beängstigend, finde die Vereinfachung in der öffentlichen Diskussion gefährlich, finde es furchtbar, dass sich ein Großteil meiner Generation aus Hilf- und Ratlosigkeit in die Bequemlichkeit eines betroffenen Schulterzuckens zurück zieht.

Ich habe auch keine Antworten auf die oben gestellten und dieser Tage immer wieder aufkeimenden Fragen. Ich habe noch keinen Weg gefunden, mit weniger Angst und Sorge morgens Zeitung zu lesen. Aber eins steht fest – nur, weil man keine Antworten hat und die Zeitungslektüre wenig Spaß bringt zur Zeit, darf man den Mund nicht halten und aufhören, Haltung und Position zu beziehen. „Nichts nährt Populismus besser als das kollektive Beschweigen von Angstthemen durch die Medien“, hieß es gestern in einem sehr guten Essay.

Dem schließe ich mich an. Meinungs- und Pressefreiheit sind in unserem Grundgesetz verankert und zentrale Säule eines demokratischen Systems. Wer sich innerhalb dieses demokratischen Systems aufhält, darin lebt, seine Vorzüge genießt, hat sich damit abzufinden, dass diese im Grundgesetz verankerte Freiheit über dem Empfinden des Einzelnen steht. Get over yourself already, mich beleidigen auch viele Dinge, die ich hinnehmen muss: Kristina Schröder, Der FC Bayern und nicht zuletzt Pegida. Aber ich muss damit leben und darf nicht einfach mit der Uzi ins Bayern-Stadion marschieren! Egal, in wessen Namen!

In Hamburg findet am Montag ab 18 Uhr am Gerhart-Hauptmann-Platz wieder eine Demo statt. Ihr solltet hingehen!

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Heimat, das ist ja vor allem in letzter Zeit, dank dem ganzen Schwachsinn von Pegida und der CSU-Offensive, Migrationsmitbürger, mögen doch bitte nur noch Deutsch sprechen, ein bisschen ein dreckiges Wort.

Überhaupt ist es vor allem unter vermeintlichen intellektuellen Menschen ein ziemlich uncooler Begriff. Benutzt man ihn, wird man belächelt, ja gar ausgelacht. Und trotzdem stolpert man immer wieder darüber, wenn mal wieder ein neuer „Heimat“-Roman erscheint, die vermeintliche Renaissance des „Heimat“-Films ausgerufen wird. Man beachte allerdings die Anführungsstriche. Ohne die kleinen Ironiehäkchen darf man ja solche Begriffe („Liebe“ ist auch so ein Wort) nicht mehr verwenden heutzutage. Zu schnell wird man sonst in die rechtskonservative Ecke gestellt.

Menschen mit komischen Namen, wie ich, oder mit dunkler Haut und dunklen Haaren bekommen solche Begriffe aber auch gern mal ganz ironiefrei an den Kopf geworfen. „Ah, fahren Sie in die Heimat über die Feiertage?“, fragte mich mal eine wohlwollende Dame am Schalter, als ich vor Jahren mal ein Busticket nach Prag über Silvester kaufte. Ich lächelte artig und erklärte, nein, ich wolle nur mit meinem Freund ein paar Tage Urlaub machen.

Völlig ironiefrei beschäftigt sich dieser Tage auch das DB-Magazin Mobil mit dem Thema und befragt diverse Autoren, Künstler und Promis zu ihrem Heimatbegriff. Eine Freundin brachte mir das Blatt mit und wies mich auf den Text von Fatih Akin hin. „Ich hab viel an dich gedacht dabei“, sagt sie. „Heimat sei ein Zustand im Kopf“, sagt Fatih Akin, der selbst durch und durch Hamburger (um genau zu sein, Ottenser) ist.

Kürzlich bekam ich auch ein Buch geschenkt von einem Freund, der selbst vor nicht allzu langer Zeit nach Hamburg gezogen ist. Vorn aufs Vorsatzblatt schrieb er mir eine Widmung, die mir fast die Tränen in die Augen trieb: „Weil Du Hamburg zum Zuhause machst.“

Mit anderen Worten, der Heimatbegriff hat sich in den letzten Tagen und Wochen mal wieder in mein Bewusstsein geschlichen und ich mache mir Gedanken darüber. Hat auch mit meiner letzten Reise zu tun, auf der ich mich zum 1000sten Mal gefragt hab, „verdammte Scheiße, wie kann man sich bloß an so unterschiedlichen Ecken dieser Welt gleichermaßen derart zu Hause fühlen?“ Das ist nämlich ehrlich gesagt ganz schön anstrengend mitunter.

Als ich vor genau einem Jahr nach Hamburg zurück gezogen bin, war das so ziemlich der schönste Tag meines Lebens. Mein Zuhause hatte mich wieder, und ich mein Zuhause. Für mich war und ist das was sehr Besonderes, einen solchen Ort gefunden zu haben, der so viel Raum in meinem Herzen erobert hat, dass ich ihn wohl nie mehr freiwillig verlassen werde. Zumindest nicht für länger. Und dann komme ich aber wieder nach Kairo, oder wie im Frühjahr nach Jeddah, und fühle mich genauso wohl, will genauso wenig weg und habe Heimweh und große Sehnsucht, sobald ich im Flieger sitze. Wohin und in welche Richtung, das weiß ich dann immer gar nicht so genau. Nur, dass ich dann immer schrecklich durcheinander bin und tagelang herum laufe wie Falschgeld, im Versuch, mich zu sortieren.

Wenn ich aufzählen sollte, was „Heimat“ oder „Zuhause“ für mich ist – dann fallen mir so viele verschiedene Dinge ein – die Hafenkräne gegenüber der Landungsbrücke 10 mit all den Möwen und Schiffen, das Wohnzimmer meiner Tante in Jeddah mit dem ganzen Lärm einer riesigen Verwandtschaft, der Midan Tahrir in Kairo mit all seinem Smog und 24-Stunden-Stau. Und wenn all diese Bilder sich vermischen, sich überlagern, einander in die Quere kommen, dann ist „Zuhause“ das stundenlange Telefonat mit meinem besten Freund, der mich immer auffangen, einloten und beruhigen kann.

Und wenn ich in der Zeitung von Nazi-Aufmärschen in Köln oder von Steinigungen in Saudi Arabien oder großflächigen Verhaftungen in Ägypten lese, dann fällt mir auch wieder ein, dass „Heimat“ eben nicht nur schön und gut ist, sondern eben auch weh tut und Dinge anstellt, mit denen man ganz und gar nicht einverstanden ist.

„Heimat im Kopf“ finde ich deshalb auch schwierig. In meinem Kopf mischen sich da zu viele Dinge, werden zum Nebel über der Elbe oder eben dem Smog über dem Nil. Heimat, denke ich dann, sollte was Klare sein, ein eindeutiges, klares Gefühl. Wie Liebe. Andererseits – wie klar oder eindeutig ist man schon manchmal in diesen großen, komplexen Dingen wie Liebe. Oder eben Heimat.

Dann halte ich es lieber mit meinem Freund Rudi, der mir diese herrliche Widmung geschrieben hat, und denke, Heimat, das ist wohl die glückliche Kombination aus einem Ort und einer Handvoll Menschen, in der einem sowohl das eine wie das andere gleichermaßen am Herzen liegt. Und glücklich ist, wer das wenigstens einmal in seinem Leben erleben darf. Ich selbst, so denke ich inzwischen, nachdem sich die Unruhe und der Nebel über Heimatlosigkeitsgefühl und Zerrissenheit mal wieder gelegt hat, habe noch viel mehr Glück – ich habe viele Heimaten, mindestens drei bis vier Orte, an denen ich Menschen und Dinge finde, die mir ein Zuhausegefühl geben. Und wo ich auch einfach mal bleiben könnte. Oder hin zurückkehren kann. Das ist es wohl – Heimat ist da, wo man immer wieder gern hin zurück kommt …

Jetzt an Weihnachten ist Zuhause dann auch wieder Mamas Nussecken, Peter Alexanders Weihnachtsalbum und jede Menge Sekt mit meinen Cousinen. Im Januar ist es dann wieder mein Hafen mit seinen Kränen, und im Februar … wer weiß…

Liebe Leute – ich sage euch also: Bitte legt die Menschen nicht so fest mit diesem „Heimat“-Dings. Gerade wir, die wir komische Namen oder ein anderes Aussehen haben, wir brauchen eben manchmal mehr als nur einen Ort, mehr als nur eine Sprache, mehr als nur einen Schlag Mensch. Und dafür brauchen wir gefälligst weder ein Deutsch-Gebot noch Integrationspolizei!

Zum Schluss noch ein „Heimat“-Lied, ganz ohne Ironie, von der tollen, tollen Anna Depenbusch. Heimat ist halt nicht einfach. Wie Liebe. Hört man ja.

In diesem Sinne – Frohe Weihnachten! Am besten mit einer Portion Heimatfilme!!

 

Aufmerksame Leser dieses Forums wissen ja mittlerweile, wie sehr ich Cairo, dem ganzen ägyptischen Land und den Menschen dort zugetan bin. Für mich ist das hier mein zweites Zuhause.

Die ganze Revolutionsbewegung dort hat auch diesen Blog mitinspiriert. Und seither verfolge ich, wie viele andere wohl auch, mal mit Freude, oft mit Sorge, Wut und Traurigkeit, wie es politisch und gesellschaftlich dort weiter geht.

Speziell bei diesem letzten Aufenthalt hatte ich so gespaltene Gefühle wie selten zuvor. Die politische Situation in Cairo ist alles andere als spaßig zur Zeit. Präsident Sisi hat das Land unter ein festes Joch der Militärdiktatur eingespannt, die Zahl der politischen Häftlinge rangiert seit seinem Amtsantritt irgendwo in den hohen 10.000ern, sagt und liest und hört man, Menschenrechte gibt es de facto nicht mehr. Meine Gastgeberin dieses Jahr, die bereits seit zehn Jahren in Cairo lebt und für verschiedene NGOs arbeitet, meint, es sei so schlimm wie noch nie. Viele ihrer Freunde sitzen im Gefängnis, man hat keinerlei Redefreiheit mehr, Paranoia hat sich blitzartig ausgebreitet unter der Bevölkerung. Vermehrt sieht man wieder Bilder von Sisi in Läden, auf der Straße und an Autoscheiben kleben. Die Propaganda-Maschine sei so effektiv, so meine Mitbewohnerin, dass sie selbst völlig erschrocken war, wie sie letztes Jahr plötzlich den Wahlslogan „Sisi-Ra’esi“ (Sisi – Mein Präsident) nicht mehr aus dem Kopf bekam. „Das ist die totale Gehirnwäsche, die nach dem Fuck-up der Muslimbrüder auf komplett fruchtbaren Boden gefallen ist“, meint sie.

Grad gestern hat ein befreundeter Journalist noch ein Bild getwittert, auf dem zu sehen ist, wie er und seine Kollegen von einem Polizisten in Zivil und mit Waffe im Hosenbund abgeführt werden, weil sie am Tahrir drehen wollten. „Wir hatten alle Genehmigungen, trotzdem mussten wir mit“, sagt er. Eine Journalistenfreundin erzählt mir, bei ihr werde wöchentlich angeklopft, Equipment abgeholt, Kollegen zum Verhör zitiert. Das also ist nun wieder Alltag in Ägypten …

Für heute und morgen sind Demonstrationen angekündigt, Islamisten wollen auf die Straße gehen und haben zu Protesten aufgerufen. Die Regierung ihrerseits hat offen angekündigt, dass scharf geschossen werden darf, sollte jemand tatsächlich wagen, zu demonstrieren. Alles widerlich.

Auch die Rolle des Westens, mal wieder – sie haben in Sisi dann auch wieder einen Partner im sogenannten Kampf gegen die Islamisierung gefunden, auch Deutschland füttert den Polizeistaat ordentlich. Alles im Namen der Sicherheit.

Handfeste Diktatur ist zurück im Land, „Sout el Horeyya“, das war mal, ayyam zaman.

Das war also die Woche in Cairo – und dann, dann kam Luxor.

Meine Freundin und ich wollten noch eine Woche Urlaub dranhängen und fliegen in den Süden. Ein bisschen bedrückt von der Stimmung und die Befürchtung, es könnte wohl reichlich anstrengend werden, wenn zwei Mädels irgendwo Urlaub machen, wo allem Anschein nach kaum mehr ein Tourist hinkommt und man alle 1,5 Meter Kamele, Pyramiden, Papyrus, Felukken und Kutschfahrten angedreht bekommt.

Der Ehrlichkeit halber sage ich gleich, ja, auch das war zwischenzeitlich der Fall. Aber … sehr, sehr viel weniger als befürchtet, und in erster Linie waren sämtliche Menschen, mit denen wir zu tun hatten, wahnsinnig nett, aufgeschlossen, freundlich und sanft. Ich hatte unglaublich schöne Gespräche mit den Jungs im Hotel, mit Leuten in Restaurants, mit Menschen an den Archäologischen Sehenswürdigkeiten. Der Anblick des leergefegten Tal der Könige bricht einem fast das Herz. Wo vor ein paar Jahren noch tausende Menschen täglich an den Königstempeln Schlange standen, waren wir komplett alleine.

Gähnende Leere im Tal der Könige

Gähnende Leere im Tal der Könige

 

Für uns als Touristen war das natürlich fantastisch – wann kann man sich schon mal so in Ruhe und ohne Gedränge solche einmaligen Dinge ansehen. Aber für die Menschen dort ist es eine absolute Katastrophe. Dass sich Touristen auch 3 Jahre nach der Revolution noch nicht trauen, das Land zu bereisen, bricht dem Land wirtschaftlich komplett das Genick. „Zum Glück haben die meisten hier große Familien, die auch Landwirtschaft betreiben, so können sie sich gegenseitig ernähren“, meint Moussa, der Typ, der unser Hotel leitet. Er hat es im Gegensatz zu vielen anderen geschafft, auch während der Krise seinen Laden am Laufen zu halten, mehr schlecht als recht. Und er hat Visionen. „Ich will Eco-Tourismus in Ägypten voran treiben, mit Kindern hier arbeiten, damit sie ein Bewusstsein für Umwelt und ihr Erbe bekommen. Aber wie denn ohne Touristen? Ich mein, Leute, es sind jetzt vier Jahre, es reicht langsam.“

Der Staat, so eine Bekannte, zahlt inzwischen sogar Futterbeihilfe an Besitzer von Pferdekutschen in Luxor und Umgebung, damit die Tiere nicht verenden. Das Bild ist wahnsinnig deprimierend und bricht mir das Herz. Zumal man bei den Leuten kein bisschen Bitterkeit spürt, oder Resignation. Sie machen weiter. Und warten tapfer ab, fegen vor ihren Läden, beleuchten ihre Schaufenster, dekorieren ihre Felukken, falls sich heute doch mal ein Tourist verirrt.

Am deutlichsten wird die Situation, wenn man am Nilufer die Flotte gähnend leerer, still vor sich hin schlafender Nil-Kreuzer anschaut. Davon fuhren früher täglich 3-4 den Nil rauf und runter. Heute verrosten und verstauben sie.

Die schlafenden Schiffe von Luxor

Die schlafenden Schiffe von Luxor

 

Ich komme mit all den Eindrücken noch immer nicht klar, auch jetzt, ein paar Tage nach meiner Rückkehr ins schöne, gemütliche, meinungsfreie, satte Deutschland nicht. Klar, Militärdiktatur ist großer, großer Mist, und dafür sind seit 2011 sicher nicht hunderte Menschen gestorben und tausende ins Gefängnis gewandert. Aber wenn man so auf die schlafenden Dampfer von Luxor schaut, denkt man sich, dass es auch okay ist, wenn den Leuten hier Demokratie grad herzlich egal ist, hauptsache, die Familie bekommt mal wieder was zu essen.

… die gibt’s gar nicht.

Dachte ich zumindest, als eine Kollegin mir kürzlich erzählte, es gäbe im Arabischen tatsächlich ein Verb, das übersetzt „sich wie Hitler verhalten“ bedeute.

Also hab ich meinen Hans Wehr, also das kanonische Arabisch-Wörterbuch geschnappt und nachgeschlagen. Und – tadaaaa: Hatlara, Tahatlara. Seite 1339. Übersetzerhumor 🙂

 

Arabisch kennt keine Grenzen.

Arabisch kennt keine Grenzen.

 

 

Das wurde ja auch mal wieder Zeit. Endlich zurück in Cairo, endlich zurück in der tollsten, lautesten, lebendigsten Stadt der Welt.

Ich hatte das große Glück, eingeladen worden zu sein als Teilnehmerin eines Workshops für deutsch-arabische Übersetzer, veranstaltet vom Deutschen Übersetzerfonds und vom Goethe Institut. Zusammen mit neun anderen Kollegen aus Deutschland und Ägypten haben wir eine tolle, intensive, hochspannende Woche verbracht, voll mit Eindrücken, Erlebnissen und natürlich Literatur.

Goethe Kairo

Goethe Institut Cairo

 

Was haben wir gemacht? Jeder der zehn Teilnehmer hat ein Projekt mitgebracht, einen Roman, ein Theaterstück, Gedichte, die er oder sie übersetzt, entweder aus dem Arabischen ins Deutsche oder eben umgekehrt. Und dann wurde gearbeitet. Texte wurden auseinander gepflückt, Formulierungen diskutiert, Schwierigkeiten geteilt, Probleme gelöst und hitzige Diskussionen geführt: „Wie sehr darf ich als Übersetzer in den Text eingreifen?“, „Was mache ich mit starken Dialekten?“, „Wie löse ich Wortspiele auf, die in der Zielsprache keine Entsprechung haben?“, „Darf ich einen Text ‚verbessern‘, wenn der Ursprungstext holperig und schief klingt?“, „Dient die Übersetzung in erster Linie dem Text oder dem Leser?“, „Was mache ich, wenn mich der Text so sehr aufwühlt, dass ich kaum mehr Abstand einnehmen kann?“.

Wahnsinnig spannend, was da so bei rumkommt – man macht sich ja als Nichtübersetzer, bzw als normaler Leser wohl selten Gedanken darüber, wie sehr sich Übersetzer den Kopf manchmal zerbrechen. Manchmal sicher sogar mehr als die Autoren selbst, meinten einige Kollegen. Ich selbst habe auch ganz neuen Respekt vor der deutschen Sprache gewonnen, nachdem eine der arabischen Kolleginnen ihr Projekt, „Das amerikanische Hospital“ von Michael Kleeberg vorgestellt hat – wie zum Teufel überträgt man 5 Seiten ins Arabische, auf denen der Autor wahnsinnig gekonnt, fein und subtil mit der Doppeldeutigkeit von „dahin“ spielt – „dahin“ im Sinne von „weg, vorbei“, und eben „dahin“ als Richtungsangabe.

Wir deutschen Teilnehmer sind dann auch ein wenig neidisch aus der Woche gegangen – denn während arabische Literatur auf dem deutschen Markt aus ihrer winzigen Nische nicht hinaus zu kommen scheint, sich weder Verlage noch Leser offenbar für die literarische Vielfalt der arabischen Länder interessieren, ist deutsche Literatur in den arabischen Ländern offenbar nicht nur sehr beliebt, sondern auch gefragt. Wir besuchen zum Beispiel das „National Center for Translation“, eine staatliche Organisation in Ägypten, die ausschließlich dafür zuständig ist, Übersetzung zu fördern und übersetzte Bücher heraus zu bringen … Hallo Deutschland, wo bleibt denn das Gegenstück hier?!

 

Ich vor dem National Centre for Traslation in Cairo.

Ich vor dem National Centre for Traslation in Cairo.

 

Immer wieder kamen wir auf die Frage, warum kaum ein deutscher Verlag Mut und Lust hat, sich diesem Teil der Welt zu widmen. Freilich gibt es den sehr engagierten kleinen Lenos Verlag, und eben den schweizer Unionsverlag, die bereits seit Jahrzehnten vorbildliche Arbeit leisten, aber warum schafft es so selten ein guter arabischer Roman ins Programm eines Mainstreamverlages? Sind deutsche Leser wirklich so wenig interessiert? Sind die Geschichten dann doch zu fremd, zu weit weg? Liegt es an den Übersetzungen? Warum sind so viele zeitgenössische, auch wirklich gute Titel zwar in englischer, französischer und vermehrt auch italienischer Übersetzung erhältlich, während man als Übersetzer bei den deutschen Verlagen nach wie vor gegen Wände rennt?
Was meint ihr?

Wir konnten es uns auch nicht erklären … Vielleicht wisst ihr als Leser ja mehr als wir … Dann weiht uns bitte ein!

So oder so – für mich war es eine großartige Woche, in der ich viel gelernt habe, und trotz aller grau-schwarzen Prognosen in Sachen arabischer Literatur in Deutschland nehme ich viel neue Lust und Motivation mit an den heimischen Schreibtisch. Und so als ganz persönlichen Schlusssatz – Danke, liebe Leute, Kollegen, Organisatoren, Ermöglicher!! Es war super!

In diesem Sinne: Leute, lest mehr arabische Romane, Gedichte, Theaterstücke!

Ich hatte kürzlich die schöne Möglichkeit, zusammen mit 3 anderen, sehr reizenden Damen an einer Interview-Runde für ein Dossier in der aktuellen Brigitte teilzunehmen. Thema: „Sind Freunde die bessere Familie.“

Das Gespräch war wahnsinnig spannend und zeitweise recht hitzig, wir haben über 2 Stunden heiß diskutiert und ich war wirklich überrascht, was für unterschiedliche Positionen da zusammenkamen.

Das Heft ist heute erschienen – spannend!

 

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Die zwei Schwestern Rihan und Faia Younan haben mit ihrem Clip „Für unsere Länder“ ein kleines virales Wunder geschaffen. Mit seiner Einfachheit und Intensität hat der Clip inzwischen Millionen von Clicks auf Youtube.

Worum es geht – eigentlich ganz einfach: Begleitet von klassischen Liedern der großen Fairouz erinnern die beiden Frauen an die unmenschlichen Kriegszustände im Nahen Osten, aber auch zugleich an die Schönheit all dieser Länder. Während Rihan einfach nur ohne viel Pathos Land für Land die Kriegsverbrechen aufzählt, singt Faia die Lieder von Fairouz über „Beirut„, „Al Quds“ und „Baghdad„.

In dieser Einfachheit liegt die Kraft dieses Videos. Man kann sich dem intensiven Blick und den eindringlichen Stimmen nicht entziehen. Sie sprechen tausenden von Menschen aus der Seele – was man an der inzwischen weltweiten Verbreitung des Clips sehen kann. Das Schöne – es geht einfach nur um Frieden. Und den menschlichen Schmerz, der aus diesen jahrelangen Zuständen entsteht …

Die beiden Schwestern stammen selbst aus Syrien, leben aber seit über zehn Jahren in Schweden.

Und hier dann noch die Übersetzung des Textes, in Klammern die jeweiligen Lieder, die dazwischen gesungen werden.

(Song: Qara’tou Majdaki)

Syrien – 3 Jahre und mehr –

Ein verrückter, egoistischer und unlogischer Krieg.

3 Jahre, in denen Seelen, Herzen und Verstand zerstört wurden.

Ein Krieg, der sich heimlich durch die Tür geschlichen hat, ohne zu klopfen,

um sich in den Häusern festzusetzen und ihre Bewohner zu erniedrigen.

Ein Krieg, in dem Frauen und Kinder versklavt wurden,

ein Krieg, der die Mütter des Landes zum Weinen gebracht

und seine Männer ausgebrannt hat.

Ein Krieg, der keinen Anfang kannte und von seinem Ende träumt.

(Songs: Qara’tou Majdaki und Baghdad)

Und im Irak findet seit 10 Jahren eine Befreiung statt.

Eine Befreiung von Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Tyrannei

Ersetzt durch größere Tyrannei, Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Eine Befreiung, die die Menschen aus ihrem Land vertrieben hat,

eine Befreiung, die spaltet, was schon zerklüftet war,

die zerbricht, was schon zerbrochen war.

Eine Befreiung, die das irakische Volk an den Rand drängte,

ganz gleich, welcher Religion oder welchem Volk sie angehören.

Eine Befreiung, die die Menschen versklavt und das Vaterland zerstört hat.

(Songs: Baghdad und Li Beirut)

Seit 40 Jahren

erleidet der Libanon und sein Volk viele Kriege –

Bürgerkriege, Religionskriege, Befreiungskriege,

sowie aggressive Invasionen, er bezahlt den Preis für die Unruhen der Region, für internationale Kompromisse und Deals

40 Jahre, in denen der kleine Libanon große Narben und tägliche Unruhen erleidet,

40 Jahre Schmerzen, zumeist still und duldsam.

(Songs: Li Beirut und Zahrat el-Mada’en)

Palästina – der Kompass für alle Konflikte

Größter und Ältester von allen

Mehr als 60 Jahre Verletzungen,

Generationen, die die mangelnde Logik der Vergangenheit bezeugen,

und die Barbarei von heute und die Angst von Morgen.

Verbannung, Ausbeutung, Entzug von Rechten,

gefolgt von der Entziehung von Land.

Mehr als 60 Jahre, in denen eine Geographie fast vollständig verschwand,

damit Grenzen gezogen werden konnten.

Grenzen, die Herzen und Verstand foltern,

Grenzen, die nicht aufgelöst werden.

Sodass sie in Vergangenheit und Zukunft kleben bleiben.

Grenzen, die Widerstand und Willensstärke schüren,

um eine lebendige und beständige Nation zu erschaffen.

(Song: Mawtini – Nationalhymne von Palästina)

Meine Heimat

Meine Heimat

Glanz und Schönheit, Erhabenheit und Geziertheit

Sind in deinen Hügeln, sind in deinen Hügeln

Leben und Freiheit, Freude und Hoffnung

Sind in deiner Luft, Sind in deiner Luft

Werde ich dich sehen? Werde ich dich sehen?

Sicher und angenehm

Gesund und geehrt

Werde ich dich sehen?