Ich bin deprimiert. Seit Wochen. Bin müde, ausgelaugt, angespannt, wütend und auch ein bisschen resigniert.

Rechter Terror in Deutschland gehört mittlerweile zur Tagesordnung – und warum sagt eigentlich niemand das T-Wort??! Es ist doch genau das! Es werden gottverdammte Bomben gelegt, aus Fremdenfeindlichkeit! Dinge fliegen in die Luft, Menschen werden schwer verletzt … Der Tag der Deutschen Einheit ist zuletzt zur Farce verkommen. Und auch wenn ich kein großer Fan von Einheitsfeierei bin, dieses Ausmaß von Hass, von verrohtem Vokabular verursacht mir derartige Übelkeit, dass ich eigentlich nur ununterbrochen kotzen möchte. Landtagswahlergebnisse, die keine schöne Zukunft für den Bundestag erahnen lassen. Sobald man das Internetz anklickt, seine Timeline anguckt – Die Fresse von Petry, Afd-Schwachmaten, Pegidisten-Idiotie in Bildern, Videos, Artikeln. Ich kann einfach nicht mehr. Gefühlt potenziert sich Hass, Gewalt, Verrohung und Dummheit eigentlich nur. Wichtige Aktivisten und Journalisten wie Lamya Kadoor und Hasnein Kazim werden bedroht, beschimpft und müssen unter Personenschutz gestellt werden. Das ist doch alles nicht mehr normal!!!

Dazu kommt: Trump, Brexit, Aleppo … Ich will eigentlich nur noch den ganzen Tag Videos von Panda-Babys angucken, nur damit ich dieser (digitalen) Welt ein bisschen entfliehen kann.

Hinzu kommen meine eignen Begegnungen mit Menschen. Ich war auf unzähligen Bühnen und Panels in den letzten Monaten. Habe vorgelesen, geredet, diskutiert, mit Lesern, Veranstaltern und Journalisten. Ich hatte das Gefühl, zum Integrationsmaskottchen zu verkommen, ach guck dir mal das Migrantenmädchen mit den großen Augen an. Unliebsame Grundschulerinnerungen werden wach. Menschen sagen Dinge zu mir wie: „Ja, das muss man ja erstmal sehen, dass das nicht alles Kesselflicker sind, die da kommen“, oder „Ich möchte ja, dass sich die Syrerin in Hamburg wohl fühlt, aber dass sie in meinem Haus betet, das will ich einfach nicht!“ Ich zweifle am Sinn dessen, was ich seit Monaten tue, und denke, wozu eigentlich ununterbrochen gegen all diese verstockten Köpfe und seltsamen Gedanken schreiben, reden, bloggen, arbeiten, wenn sich scheinbar alles nur in die falsche Richtung bewegt…

Kurz gesagt: die ewige Wiederholung des Gleichen, des manchmal sehr, sehr grausamen Gleichen, wie in Dresden in den letzten Wochen. Ich wollte einfach nicht mehr. Wo sind die Panda-Babys …

Und dann war ich gestern aus. Endlich mal wieder aus, raus, mit einer Freundin, einfach so, in Hamburg, erst was essen und dann zu einem Konzert. Gespielt hat die grandiose, wundervolle libanesische Band Mashrou Leila, die ich vor Jahren schon in Cairo einmal live erlebt habe und die damals das Stadion fast abgebrannt haben mit all ihrer Energie. Ich hab mich riesig auf das Konzert gefreut, dachte aber auch, na, ob das so funktioniert, mit den bekanntermaßen sehr steifen Hamburger Konzertgängern … Aber war mir eigentlich auch egal, ich wollte tanzen, wollte Frauke Petry, Dresden und Trump vergessen und einfach nur tanzen und Musik hören.

Mashrou Leila in Hamburg

Mashrou Leila in Hamburg

 

Und dann hat es funktioniert! Es hat aber sowas von funktioniert. In der gut besuchten Fabrik kamen junge Frauen mit Kopftuch, offensichtlich schwule arabische Jungs, weiße Bildungsbürger und Schanzenhipster zusammen, haben sich zunächst ein bisschen skeptisch beäugt, aber kaum dass die Band die Bühne betreten hat, waren alle Grenzen niedergerissen, alle haben die fantastische Musik abgefeiert, haben zusammen getanzt, gejubelt, geklatscht und laut mitgesungen. Alle waren froh und glücklich und bester Laune, auch die Band. Ohne Zwang, ohne dass man irgendwem gesagt hätte: jetzt müsst ihr euch alle lieb haben und integriert sein und weltoffen tun! Es ging einfach so. Ganz natürlich. Mit Musik und Tanz und ein paar Bier!

Da war ich nun wochenlang deprimiert und schwer, und plötzlich ist Musik und alles ist wieder ein bisschen heller. Und ich fühle mich weniger hoffnungslos … Danke dafür, Mashrou Leila! Und an alle anderen: Wenn jemand noch einmal die Wichtigkeit von Kunst infrage stellt, dem sei dies hier eine Lehre! Kunst verbindet, schafft Gemeinsamkeit, geht ans Gefühl, ohne zu belehren, ohne von oben herab zu argumentieren, ohne zu brüllen und zu streiten! Nur Kunst kann das!! Macht Kunst, viel mehr Kunst, und hört auf zu labern!!!