Ich war im Sudan, und das war so …

Eine der letzten Begegnungen, kurz vor meiner Abreise, mitten in der Nacht am Flugahfen sah so aus: Ich betrete den Abflugterminal und sofort nimmt mir ein junger Mann den Koffer ab, begleitet mich zum Check-In und stellt den Koffer auf die Waage. Als ich ihm einen 50 Pfund-Schein in die Hand drücke (umgerechnet ungefähr fünf Euro), da ich kein Kleingeld mehr hatte, kramt er in seiner Tasche und gibt mir 30 Pfund Wechselgeld. Ich protestiere und sage: „Nein, nein, ist schon in Ordnung!“, aber er protestiert noch lauter. Es kostet halt nur 20 Pfund, und mehr will er auch nicht haben, selbst von einer Europäerin nicht.

Das mag für den einen oder anderen vielleicht komisch klingen, aber so eine Art von Korrektheit – altmodisch würde man es vielleicht „Redlichkeit“ nennen – habe ich bislang auf keiner meiner Reisen erlebt. Damit will ich nicht sagen, dass ich mich sonst abzocken lasse, aber ich habe auch noch nie Wechselgeld für mein „Bakhshish“ bekommen, in keinem Land der Welt.

Ich bin in Khartoum, um mit jungen Autoren zu arbeiten. An der Universität und im Goethe Institut. Und um die Arabische Übersetzung meines Romans vorzustellen. Es ist eine Woche, die wie im Rausch vergeht, so dicht ist das Programm, so intensiv die Eindrücke. Zum ersten Mal in meinem Leben gebe ich Interviews auf Arabisch und muss erkennen, dass die Sprache, die ich eigentlich beherrschen sollte, mir den Dienst versagt, wenn ich über etwas anderes reden soll als über die Familie, das Wetter oder das Essen (was in meiner Familie meist als Gesprächsstoff ausreicht). Überhaupt ist es eine Woche der Ersten Male.

Seminar an der Ahfad Uni

 

Zum ersten Mal stehe ich in einem Hörsaal vor Studentinnen und soll ihnen etwas über Creative Writing beibringen. Die Studentinnen besuchen die Ahfad Universität für Frauen in Umdurman, eine Universität, die bereits 1966 gegründet wurde, um Frauen Bildung und Gleichberechtigung zu ermöglichen. Die jungen Frauen in „meinem“ Hörsaal studieren alle Medizin, Jura, Ingenieurwesen oder Informationstechnik. Trotzdem haben sie sich alle eingetragen, ein Seminar für Creative Writing bei einer deutschen Autorin mitzumachen. Wir reden über Figurengestaltung und die Rolle von Literatur als gesellschaftlicher Spiegel, ich lasse die Studentinnen Figuren entwickeln und vor der Gruppe vorstellen – da wird eine weibliche Figur beschrieben, die mit 15 vergewaltigt wird und wegen ihrer streng gläubigen Eltern austragen muss. Eine männliche Figur zieht gegen seinen Willen in den Krieg und kommt traumatisiert zurück. Eine weitere weibliche Figur hat Angstzustände und wird medikamentenabhängig. Die Geschichten, die aus diesen Figuren entstehen, sind noch trauriger als die gezeichneten Figuren selbst, und dennoch ohne Selbstmitleid, ohne Opferpose oder Larmoyanz erzählt. Ich bin so stolz auf meine jungen Studentinnen und gleichzeitig zutiefst berührt von ihrer Offenheit und Energie und schäme mich plötzlich für die Masse an westlicher Gegenwartsliteratur die gefühlt nur als millenialem Ennui besteht. Am liebsten würde ich bleiben und ein Semester lang mit diesen jungen Autorinnen arbeiten.

Später, ich bin noch immer völlig ergriffen von dem Tag an der Ahfad, erzählt mir eine junge Frau, dass die Ahfad-Frauen etwas ganz Besonderes sind, und dass man sie auch in höherem Alter noch auf 500 Metern Entfernung auf der Straße erkennen kann. „Sie sind selbstbewusster und kämpferischer als die meisten anderen Frauen, nicht nur im Sudan“, sagt sie. 

Interview im Radio

Am Abend der Lesung aus der Arabischen Übersetzung kommen fast 150 Leute ins Goethe Institut. Die Fragerunde am Schluss dauert fast zwei Stunden, selten habe ich in Lesungen so viele gute Fragen gestellt bekommen – kluge Fragen, literarische Fragen, einige auch politisch, aber nicht ein einziges Mal den üblich-deutschen „Warum sind Sie so gut integriert und wie autobiographisch ist Ihr Werk?“-Mist. Die Besucher sind zu 80% unter 30, es sind junge Frauen, junge Männer, alle gemischt, am Ende werden Selfies gemacht und Facebook-Kontakte getauscht, sie erzählen mir alle von ihrer Arbeit, die einen schreiben, die anderen machen Musik, andere wiederum unterrichten selbst, sind Ingenieure oder Journalisten, aber alle sind interessiert, ehrlich interessiert, warm und herzlich – und ja, auch das ist ein Klischee, aber was soll man machen, wenn’s einfach so ist.

Lesung im Institut

 

 

Am letzten Tag bekomme ich dann noch die Stadt gezeigt und gewissermaßen einen Backstage-Pass für Khartoum, wie das so ist, wenn man mit Locals unterwegs ist. Wieder fällt auf – niemand will Bakhshish, weder der Junge, der im Souk den Parkplatz bewacht, noch der Guide im Nationalmuseum. Im Souk werde ich weder schräg angeschaut noch belagert, und mein Begleiter versichert mir, das habe nichts mit ihm zu tun, so sei das hier einfach. Und ich glaube ihm das sogar. Ich bin weit und breit die einzige weiße Frau, in Begleitung eines Sudanesen, und keinen interessiert’s so richtig. Niemand will mir Ramsch verkaufen, meine Gewürze und meinen Kaffee bekomme ich zum üblichen Ladenpreis. 

Im sudanesischen Frühstücksfernsehen

Später beim Essen sagt mein Begleiter dann ein bisschen kopfschüttelnd zu mir: „Du bist aber keiner richtige Deutsche, du hast zu viel arabisches Blut“, und wie aus der Pistole geschossen sage ich: „Danke!“

Ich weiß, dass das nicht so ganz stimmt, ich bin schon sehr deutsch, und eigentlich auch immer beleidigt, wenn man mir sagt, ich sei keine richtige Deutsche. Aber aus dem Mund eines Sudanesen klingt das plötzlich wie ein Kompliment und ich muss zugeben – irgendwas ist da schon dran.

Khartoum hat ein Stückchen meines Herzens gestohlen, das muss ich sagen. Auch wenn’s meine wahre Liebe – Kairo – nie vom Treppchen schmeißen wird (trotz Ramsch und Bakhshish – ich bleib‘ der „Umm al Dunya“ treu…). Trotzdem ist meine Sehnsucht jetzt auch wieder größer. Schön und spanned, aufregend und aufwühlend, eine Woche in der ich gelernt habe, dass mein Gehirn auch in drei Sprachen gleichzeitig funktioniert, dass man auch an den unwahrscheinlichsten Orten eine verwandte Seele treffen kann, und dass Leimoon & Na’naa einfach das beste Getränk der Welt bleibt. Und der Nil flüstert zum Abschied leise: „Komm schnell wieder, Rasha!“