Vor genau zwei Wochen, am 25. Januar, begannen die Proteste in Kairo, und seither habe ich fast ununterbrochen am Computer geklebt, um die Ereignisse so gut es ging zu verfolgen.

Das war und ist nicht immer ganz einfach, zum einen wegen der schon erwähnten verschlafenen deutschen Medien, zum anderen wegen der zeitweise abgeschnittenen Internet- und Telefonverbindungen in Ägypten. Tagelang habe ich keine Nachricht bekommen von Freunden vor Ort, erst seit Donnerstag habe ich inzwischen von den meisten gehört, dass es ihnen gut geht, habe gehört, wer an den Protesten teilgenommen hat und wie es inzwischen auf den Straßen aussieht. Schließlich musste ich mich zwingen, mich ein paar Tage vom Internet und dem Verfolgen der Nachrichten abzulenken, um ein bisschen Distanz aufbauen zu können. Die Bilder und Berichte hatten mich zu sehr mitgenommen.

Inzwischen sind ein paar Tage vergangen und es ist Zeit für eine persönliche Zwischenbilanz.

Einerseits blutet mir das Herz, wenn ich sehe, dass die Straßen und Plätze, auf denen ich vor nur wenigen Monaten gelebt, gearbeitet und viel Zeit verbracht habe, nun umringt sind von Panzern, Militärs und teilweise schwer bewaffnete Menschen sich dort einfinden. Ich habe immer gern in Kairo gelebt, vor allem, weil ich mich nie unsicher oder bedroht gefühlt habe. Zum anderen aber rühren mich die Bilder und machen mich stolz, dieses Land und seine Leute, die so tapfer kämpfen, und sagen zu können, da sind auch meine Freunde dabei. Und am liebsten, das können sich einige sicher vorstellen, wäre ich selbst auch dabei!

Eine Frage, die ich in den letzten Tagen oft gestellt bekommen habe von Freunden, Verwandten und Lesern, ist: „Sag mal, war das wirklich so ein schlimmer Diktator? Das wusste ich gar nicht.“

Um es mit einem Wort zu sagen: Ja. Hosni Mubarak ist ein Despot, der um jeden Preis und mit allen Mitteln an seiner Macht schon seit Jahrzehnten festhält. Ägypten ist ein Land, in dem offiziell genauso viele Menschen leben wie in Deutschland, mindestens 60 % von ihnen können nicht lesen oder schreiben, eine offizielle Arbeitslosenzahl gibt es nicht, schätzungsweise haben 50% der arbeitsfähigen Menschen aber keine Jobs, und Bestechlichkeit in Behörden, Zensur und Folter sind im Land an der Tagesordnung. Das Durchschnittseinkommen liegt bei unter zehn Euro im Monat, die Lebenserhaltungskosten hingegen sind vor allem in den letzten drei bis vier Jahren in schwindelerregende Höhen geschossen. Eine demokratische, nicht gefälschte Wahl hat es unter Mubarak vermutlich nie gegeben, Grundrechte wie das Recht auf Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht sind mittels der Notstandsgesetze seit 30 Jahren außer Kraft gesetzt. Mit dieser Regelung hat es Mubarak geschafft, ein Land Jahrzehnte lang in Schreckstarre zu halten. Hinzu kommt die selbst für Kenner und sogenannte Experten undurchschaubare Organisation der staatlichen Sicherheitskräfte, der Polizei, des Militärs und des Geheimdienstes. Paul Amar hat auf Al Jadaliyya hierzu eine hervorragende Analyse geschrieben, die man bei der FAZ auch in deutscher Übersetzung lesen kann (Hurra! Endlich finden auch unsere Zeitungen die richtigen Quellen!).

Dass sich seit zwei Wochen hunderttausende von Menschen gegen diese Schreckstarre stemmen und die Notstandsgesetze außer Kraft setzen, ist schlicht überwältigend und spricht nur für den enormen Druck und das unbedingte Verlangen nach Freiheit, das diese Menschen seit 30 Jahren unterdrücken mussten. Dass wir hier im Westen nicht so viel davon wissen – wen wundert’s. Ist doch Ägypten für die meisten von uns nur Ziel für den Tauchurlaub im Sommer, und Kairo sieht man nur vom Bus aus, wenn man mit dem Reiseveranstalter die Pyramiden besucht. Die meisten schwärmen von den „freundlichen, herzlichen Menschen“, hin und wieder hört man auch von Touristenabzocke, aber das stört ja dann doch nicht, solange man so schön baden und urlauben kann. Wer kann sich schon mal mit einem Taxifahrer in Kairo unterhalten, mit einem Journalisten oder mit einer einfachen Geschäftsinhaberin? In meinen Monaten in Kairo habe ich viele schlimme Geschichten von diesen Menschen gehört, aber auch gesehen und gelernt, dass sie trotz ihrer Situation immer versuchen, herzlich und lebensfroh zu bleiben. Umso mehr sind sie mir ans Herz gewachsen und umso mehr fiebere ich jetzt mit ihnen, wenn sie die Dinge einfordern, die für uns hier draußen so selbstverständlich sind.

Inwieweit das gelingen wird, hängt, und das wird in den letzten Tagen bedrückend deutlich, auch und besonders vom Verhalten der Vereinten Nationen ab. Selbstverständlich werde ich mir nicht anmaßen zu behaupten, ich könne die komplexen diplomatischen Zusammenhänge verstehen, die mit so einem erzwungenen Regimewechsel einher gehen, vollständig verstehen. Und selbstverständlich ist es nicht damit getan, Despot und Pharao Mubarak in die Saudische Wüste zu schicken und das Volk dann sich selbst zu überlassen. Niemand möchte einen zweiten Irak. Aber die Zögerlichkeit, mit der die UN im Fall der ägyptischen Revolution agiert, ist geradezu beängstigend. Selten ist deutlicher geworden, welchen Preis sich die großen Mächte ihren Machterhalt willentlich und wissentlich kosten lassen. Zynische Weisheit nennt das der Philosoph Slavoj Zizek in seinem Beitrag zum Thema.

Was nun seit einigen Tagen in Kairo an den runden Tischen passiert, muss man mit Sorge und Vorsicht beobachten. Nicht, weil die ach-so-gefährlichen Muslimbrüder (buhuu, das Schreckgespenst der deutschen Presse!!) mit in die Verhandlungen eingestiegen sind. Nein, weil nun ein Mann die Verhandlungen leitet, den Mubarak selbst dorthin gesetzt hat. Mit Omar Suleiman führt ein ehemaliger Geheimdienstchef nun das Land in seine so ersehnte Post-Mubarak-Ära. Aber wie viel Mubarak, wie viel altes Regime bringt er mit? Wie wahrscheinlich ist es, dass unter der Führung eines solchen Mannes und Kabinetts, das ebenfalls voll ist von Mubaraks politischen Zöglingen, freie Wahlen stattfinden können, dass Folter und Zensur ein Ende haben werden? Sollte man sich nicht wundern, dass trotz des neu eingesetzten Parlaments und des neuen Vizepräsidenten, der de facto als agierender Präsident gilt, weiterhin Journalisten (internationale, sowie ägyptische) verschwinden oder festgenommen werden? Ebenso Aktivisten und Mitarbeiter von NGOs wie Human Rights Watch? Ein sehr beeindruckendes Interview hat der junge Wael Ghonim hierzu gegeben. Er war der Admin der Facebook-Gruppe „We are all Khaled Said“, und hatte als erstes zu den Protesten am 25. Januar aufgerufen. Ghonim ist kurz nach Beginn der Proteste festgenommen und erst heute wieder freigelassen worden.

Ich jedenfalls bleibe skeptisch und finde es viel bedenklicher, dass Merkel, Clinton und co mit den von Mubarak selbst eingesetzten Männern in Verhandlung treten, als wenn sie es mit den Muslimbrüdern täten.