Manchmal weiß man ja erst, was man im Leben braucht, wenn man ganz plötzlich mitten hinein fällt. 

Vor ein paar Jahren blieb ich mal im Leben stecken. Es ging nicht vor und nicht zurück, alle fühlte sich schwer und falsch an. Damals, es war 2010, packte ich meine Koffer und ging nach Kairo, für fünf Monate. Ich bezog eine kleine Dachhütte im 26. Stock, schaute jeden Tag hinunter auf Sandsteinfassaden, abgeblätterte Farbe, schmiedeeiserne Balkone, Wäscheleinen, staubige Oleanderbäume und ein Meer von Satellitenschüsseln. Ich verliebte mich unendlich in diese Stadt, in ihr Licht, ihren Lärm, ihre Energie. Nach und nach löste sich etwas in mir, der Kopf wurde klarer, mitten im ägyptischen Smog, Gedanken und Seele wieder frei. Täglich ging ich durch die Straßen, abends schrieb ich. Am Ende war die Idee zu einem Roman geboren und ich – musste einfach mal weit weg, um wieder bei mir anzukommen.

Die letzten Monate in Hamburg fühlten sich festgesteckt an. Festgesteckt in einem Manuskript, das nicht vor ging und nicht zurück, festgesteckt in Geldverdienjobs, festgesteckt im Winter. Alles fühlte sich wie Kampf an, war leer, und so gar nicht ich selbst. 

Wie vom Schicksal so gewollt, kam nun die Einladung, als Resident Writer nach Marseille zu fahren, ins Künstlerzentrum La Marelle. Ich flog los, leer, ausgebrannt, ein bisschen wintertrüb. 

Und dann die ewig gleiche Erkenntnis: Der Süden wirkt wahre Wunder. Marseille, je t’adore, denke ich schon bei meiner ersten Zigarette am Flughafen nach der Landung. Das Licht in allen Farben Rot und Rosa, man hört die Möwen, riecht das Meer. Ich beziehe eine Wohnung mit kleinem schmiedeeisernen Balkon, schaue auf Sandsteinfassaden, Wäscheleinen, sogar einen staubigen Oleander gibt es im Hof. Ich verbringe zehn Tage damit, durch die Straßen zu wandern, Farben und Lärm und Energien aufzusaugen, mir das Meer und die Geschichte anzuschauen, mir davon erzählen zu lassen, wie es sich so lebt, hier, in Frankreichs Melting Pot. Jeden Tag kommt ein bisschen mehr Ich zu mir zurück, jeden Tag verblasst der wintertrübe Seelenschatten ein bisschen mehr. Ich lese „Herkunft“ von Saša Stanišić, weine, lache und bin einfach nur glücklich, dass es Menschen gibt, die der Welt solche Bücher schenken.

Auf dem Heimweg eines Abends stehe ich an einer Kreuzung, strahlend vor Glück über das goldene Licht, als ein netter älterer Herr sich aus seinem Autofenster beugt und mir lächelnd zuruft: „Madame, vous-etes très elegante, très charmante!“, lacht, winkt und fährt weiter. Ich rufe nur: „Merci!“ und lache auch, fühle, wie das Lachen und das Licht mein Herz voll macht. 

Man sollte das immer mal wieder tun, jemandem einfach so sagen, dass er oder sie „Très elegante“ und „très charmente“ ist. Das hört doch jeder gern!

Im August darf ich zurück nach Marseille, in die Wohnung mit dem spinnenbewebten Balkon. Ich werde bis dahin schreiben, an dem Manuskript, das bis vor ein paar Wochen so festgesteckt sich anfühlte. Ich kann’s schon jetzt kaum erwarten!