Herzlich willkommen zu einer neuen Folge „Migrationstango mit Rasha Khayat“.

Ich bin mal wieder auf Lesetour. In einer norddeutschen Kleinstadt, in der Stadtbücherei, an einem Samstag Nachmittag. In der Stadt sind die Bürgersteige hochgeklappt, irgendwas zwischen Ruhe und Beklemmung beschleicht den Besucher aus dem benachbarten Hamburg. Die Gastgeberinnen sind freundliche weiße Damen mittelalten Semesters, ebenso wie das Publikum, eigentlich alles wie immer.

In der hinteren Ecke der Bücherei sehe ich eine junge Frau mit Kopftuch und mit einem Akkordeon in der Hand und denke sofort: „Oh, bitte nicht!“ Nicht, weil ich etwas gegen kopftuchtragende Akkordeonspielerinnen hätte, im Gegenteil. Mir schwant nur, dass es sich bei der jungen Frau mal wieder um einen „Vorzeigeflüchtling“ handelt, wie sie in letzter Zeit häufiger bei meinen Lesungen angeschleppt wurden.

Ich spreche die junge Frau zunächst auf Deutsch an: „Hey, machst du hier gleich Musik?“, sie entschuldigt sich auf Arabisch, dass sie erst seit 4 Monaten in Deutschland ist und noch kaum Deutsch spricht. Wir setzen uns abseits auf einen Tisch und unterhalten uns auf Arabisch. Sie heißt Haifa, ist 31 Jahre alt, kommt natürlich aus Syrien und wurde von einer der Gastgeberinnen gebeten, in der Pause der Veranstaltung Musik zu machen. „Keine Ahnung“, sagt sie, „ich hab das Akkordeon bekommen und soll jetzt gleich was spielen. Ich kann überhaupt keine Lieder für’s Akkordeon, aber was soll’s.“ Wir lachen beide und tauschen Telefonnummern aus. „Ich komm mal zu dir nach Hamburg und koche dir Molokhiyya“, sagt sie.

Im Foyer der Bücherei wird ein großes Büffet mit arabischen Keksen, Börek und ein Samowar aufgebaut. „Interkulturelle Lesung mit Rasha Khayat“ heißt es auf dem Plakat, und am liebsten möchte ich hinlaufen, durchstreichen und „Orientalistische Lesung“ schreiben.

Die Gastgeber bitten mich nach vorn und das Publikum zur Ruhe, Begrüßungsworte werden gesprochen. Und dann wird Haifa nach vorn gezerrt. Mit eisernem Griff um die Schulter drückt die patente 80er-Jahre-bewegte Sozialarbeiterin Haifa an sich und erklärt ausgesprochen laut, was gleich passiert: „Das ist Haifa!“ (Natürlich hat Haifa keinen Nachnamen. Warum auch) „Haifa kommt aus Syrien.“ (Kurze dramatische Atempause) „Sie ist auch geflüchtet!“ (Was für ein Triumph für die Sozialarbeiterin! Eine Flüchtlingin hat sie mitgebracht!) „Natürlich ist die Verständigung noch etwas schwer.“ (Ach … Aber wenn Haifa weiter so laut angebrüllt wird, dann versteht sie bestimmt bald alles!) „Aber sie ist in einem meiner Deutschkurse für Frauen und aus ihrer Biographie habe ich erfahren, dass sie in Syrien Musiklehrerin war. Da habe ich gleich gedacht, das merke ich mir für die nächste Veranstaltung!“ (Genau! Gib ihr auch noch ein paar Orangen zum Jonglieren, lass das Flüchtlingsmädchen tanzen wie ein Zirkusäffchen!) „Haifa wird nachher in der Pause für uns ein paar Lieder aus ihrer Heimat spielen, dazu gibt es dann vorne arabischen Tee und Gebäck!“ Haifa lässt das alles bewundernswert stoisch über sich ergehen und wirft mir nur ab und zu mal vielsagende Blicke zu.

Ich lese dann zunächst einmal eine Stelle aus meinem Roman vor, wo der arabische Junge von der Lehrerin vor seine neue Klasse gestellt und mit seinem arabischen Vater sehr laut gesprochen wird. Ob’s irgendwer bemerkt hat?! Während ich lese, rauscht im Hintergrund der Samowar und ich fühle, wie sich alle auf die Kekse freuen.

In der Pause springen dann wirklich alle auf und Haifa sitzt allein mit ihrem Akkordeon auf der Bühne vor leeren Stühlen und quetscht stoisch auf das Akkordeon ein, während sich die weißen Wohlwollenden an den orientalischen Keksen laben. Was genau Haifa spielt, kann ich nicht erkennen, schnappe aber neben mir den ausgesprochen empörten Kommentar der Sozialarbeiterin auf: „Das ist ja europäische Musik!! Das sind ja gar keine syrischen Lieder!“ Wie auf Kommando spielt Haifa dann auch noch Jingle Bells, einen Halbton zu tief.

Jetzt muss eigentlich nur noch Bill Murray durch die Tür kommen und das Szenario wäre perfekt. Man kann sich sowas echt nicht ausdenken, auch wenn man’s noch so sehr versuchte … Und nein, das ist keine Ausnahme, kein absurder Einzelfall …

Eine gute Freundin kommentiert die Vergabe des Deutschen Buchpreises an Bodo Kirchhoff vor ein paar Tagen so: „Kann es sein, dass Bodo Kirchhoffs nun preisgekrönter Roman um weiße, hochgebildete Westeuropäer geht, deren existientielle Ödnis von einem stummen braunen Flüchtlingskind geheilt wird?“

Ob das wirklich der Fall ist, weiß ich nicht, ich hab das Buch nicht gelesen, werde es auch nicht lesen. Aber ehrlich gesagt könnte dieser Satz meiner Freundin auch das Fazit der Geschichte von Haifa und dem Samowar sein.

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Ich bin deprimiert. Seit Wochen. Bin müde, ausgelaugt, angespannt, wütend und auch ein bisschen resigniert.

Rechter Terror in Deutschland gehört mittlerweile zur Tagesordnung – und warum sagt eigentlich niemand das T-Wort??! Es ist doch genau das! Es werden gottverdammte Bomben gelegt, aus Fremdenfeindlichkeit! Dinge fliegen in die Luft, Menschen werden schwer verletzt … Der Tag der Deutschen Einheit ist zuletzt zur Farce verkommen. Und auch wenn ich kein großer Fan von Einheitsfeierei bin, dieses Ausmaß von Hass, von verrohtem Vokabular verursacht mir derartige Übelkeit, dass ich eigentlich nur ununterbrochen kotzen möchte. Landtagswahlergebnisse, die keine schöne Zukunft für den Bundestag erahnen lassen. Sobald man das Internetz anklickt, seine Timeline anguckt – Die Fresse von Petry, Afd-Schwachmaten, Pegidisten-Idiotie in Bildern, Videos, Artikeln. Ich kann einfach nicht mehr. Gefühlt potenziert sich Hass, Gewalt, Verrohung und Dummheit eigentlich nur. Wichtige Aktivisten und Journalisten wie Lamya Kadoor und Hasnein Kazim werden bedroht, beschimpft und müssen unter Personenschutz gestellt werden. Das ist doch alles nicht mehr normal!!!

Dazu kommt: Trump, Brexit, Aleppo … Ich will eigentlich nur noch den ganzen Tag Videos von Panda-Babys angucken, nur damit ich dieser (digitalen) Welt ein bisschen entfliehen kann.

Hinzu kommen meine eignen Begegnungen mit Menschen. Ich war auf unzähligen Bühnen und Panels in den letzten Monaten. Habe vorgelesen, geredet, diskutiert, mit Lesern, Veranstaltern und Journalisten. Ich hatte das Gefühl, zum Integrationsmaskottchen zu verkommen, ach guck dir mal das Migrantenmädchen mit den großen Augen an. Unliebsame Grundschulerinnerungen werden wach. Menschen sagen Dinge zu mir wie: „Ja, das muss man ja erstmal sehen, dass das nicht alles Kesselflicker sind, die da kommen“, oder „Ich möchte ja, dass sich die Syrerin in Hamburg wohl fühlt, aber dass sie in meinem Haus betet, das will ich einfach nicht!“ Ich zweifle am Sinn dessen, was ich seit Monaten tue, und denke, wozu eigentlich ununterbrochen gegen all diese verstockten Köpfe und seltsamen Gedanken schreiben, reden, bloggen, arbeiten, wenn sich scheinbar alles nur in die falsche Richtung bewegt…

Kurz gesagt: die ewige Wiederholung des Gleichen, des manchmal sehr, sehr grausamen Gleichen, wie in Dresden in den letzten Wochen. Ich wollte einfach nicht mehr. Wo sind die Panda-Babys …

Und dann war ich gestern aus. Endlich mal wieder aus, raus, mit einer Freundin, einfach so, in Hamburg, erst was essen und dann zu einem Konzert. Gespielt hat die grandiose, wundervolle libanesische Band Mashrou Leila, die ich vor Jahren schon in Cairo einmal live erlebt habe und die damals das Stadion fast abgebrannt haben mit all ihrer Energie. Ich hab mich riesig auf das Konzert gefreut, dachte aber auch, na, ob das so funktioniert, mit den bekanntermaßen sehr steifen Hamburger Konzertgängern … Aber war mir eigentlich auch egal, ich wollte tanzen, wollte Frauke Petry, Dresden und Trump vergessen und einfach nur tanzen und Musik hören.

Mashrou Leila in Hamburg

Mashrou Leila in Hamburg

 

Und dann hat es funktioniert! Es hat aber sowas von funktioniert. In der gut besuchten Fabrik kamen junge Frauen mit Kopftuch, offensichtlich schwule arabische Jungs, weiße Bildungsbürger und Schanzenhipster zusammen, haben sich zunächst ein bisschen skeptisch beäugt, aber kaum dass die Band die Bühne betreten hat, waren alle Grenzen niedergerissen, alle haben die fantastische Musik abgefeiert, haben zusammen getanzt, gejubelt, geklatscht und laut mitgesungen. Alle waren froh und glücklich und bester Laune, auch die Band. Ohne Zwang, ohne dass man irgendwem gesagt hätte: jetzt müsst ihr euch alle lieb haben und integriert sein und weltoffen tun! Es ging einfach so. Ganz natürlich. Mit Musik und Tanz und ein paar Bier!

Da war ich nun wochenlang deprimiert und schwer, und plötzlich ist Musik und alles ist wieder ein bisschen heller. Und ich fühle mich weniger hoffnungslos … Danke dafür, Mashrou Leila! Und an alle anderen: Wenn jemand noch einmal die Wichtigkeit von Kunst infrage stellt, dem sei dies hier eine Lehre! Kunst verbindet, schafft Gemeinsamkeit, geht ans Gefühl, ohne zu belehren, ohne von oben herab zu argumentieren, ohne zu brüllen und zu streiten! Nur Kunst kann das!! Macht Kunst, viel mehr Kunst, und hört auf zu labern!!!

 

… ist kein echtes Wort, hat mein Lektor damals gesagt, als wir an meinem Roman gearbeitet haben, und wollte mich überzeugen, das Wort zu streichen, zu ersetzen.

Habe ich nicht gemacht, ich habe drauf bestanden, dass, wenn man im Englischen so etwas Schönes wie „Displacement“ sagen darf, muss das Deutsche auch so ein Wort bekommen. Es ist ein Wort für’s 21. Jahrhundert. Und wenn’s irgendwann in den Duden aufgenommen wird – denkt dran, ich hab’s erfunden 😉

Und mal wieder drüber geschrieben, also die Entortung. Diesmal für „Art and Thought“, das Magazin des Goethe Instituts, für die Ausgabe – na? – „Displacement“. Den Essay kann man hier auf Deutsch, Englisch oder Arabisch nachlesen. Oder auf das Bild klicken und zum gesamten E-Paper gelangen. Viel Spaß!

Displacement

Displacement

 

Ich freue mich so sehr über diese schöne, ehrenvolle Einladung!

Seit heute bin ich Resident Writer, neben drei weiteren Autoren – aus Schweden, Korea und Russland – im Rahmen des Übersetzungs- und Creative Writing Programms der University of East Anglia, dem British Writers‘ Centre und des British Centre for Translation. Ich freue mich auf spannende Sessions mit Übersetzern, Autoren, Panel-Diskussionen und Buchparties, mit klugen Menschen über schöne Literatur reden 🙂 In diesem Sinne – Cheers aus Norwich, in Good Ol‘ Brexitannia.

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Resident Writer

… und irgendwie nichts mehr in Ordnung ist. So wie heute. Und man dann begreifen muss. Begreifen, dass man die Welt nicht mehr versteht, in der man lebt.

Heute Nacht hat es in Hamburg schwer gewittert. Richtig laut war es, direkt über meinem Haus, es hat geknallt, grell geblitzt, wie aus Eimern geschüttet, fast zwei Stunden lang, zwischen halb 3 und halb 5 morgens. Apokalypse, denke ich.

Ohne zynisch oder esoterisch werden zu wollen – aber das muss doch ein Zeichen gewesen sein, heute Nacht. Ein Sturm über Europa. Wer hat denn damit gerechnet, dass das wirklich passieren kann? Dass eine doch so deutliche Mehrheit der Briten sich gegen Europa entscheiden? Ich persönlich jedenfalls nicht. Dass es knapp wird, okay, geschenkt. Aber am Ende muss doch der gesunde Menschenverstand siegen, hatte ich gehofft.

Und nun ist es Realität, und ich weiß selbst nicht, warum mich das so tief trifft. Ich bin kein Ökonom, ich habe von Wirtschaft oder europäischer Bürokratie keine nennenswerte Ahnung. Was genau dieses Referendum für unsere Märkte, Börsen, Handel bedeutet – Kein Plan.

Ich weiß nur eins: Mich macht diese Nachricht unendlich traurig, besorgt und wütend. Und nicht nur, weil England meine erste große Liebe war, was Auslandserfahrungen angeht, weil ich Literatur (Austen! Bronte! Harry Potter!), Kunst und vor allem Musik (Bowie!) von der Insel so wahnsinnig schätze und immer als Bereicherung begriffen habe.

Wie kann es denn sein, dass Menschen, denen es so gut geht, die alles haben, was man sich wünschen kann – Wohlstand, Sicherheit, Freiheit – sich so verblenden lassen, so kurzsichtig entscheiden, sich von grauenvollen Populisten den gesunden Menschenverstand vernebeln lassen wie die Kinder vom Rattenfänger von Hameln. Das darf doch alles nicht wahr sein …

Ist denn differenziertes Denken mittlerweile so out, weil so schwer und anstrengend, dass man guten Gewissens die Zukunft ganzer Generationen aufs Spiel setzt? Ich könnte echt ausrasten.

Ich sage es immer und immer und immer wieder – solange bis mich jemand hört: Leute, wir haben ALLES in diesem schönen Europa! Dass wir nicht den ganzen Tag Feuerwerke abbrennen, weil Europa so ein geniales Konzept ist und uns so viel ermöglicht – Gegenwart, Zukunft, so Kleinigkeiten halt – das erklärt mir mal!! Klar, es gibt immer und überall Dinge, die man verbessern kann. Aber dann lasst uns das auch machen!! Lasst uns in die Hände spucken und loslegen – wir können dieses schöne Europa mit all seinen Freiheiten und Möglichkeiten doch nicht ein paar engstirnigen, geistig zurück gebliebenen Menschenfeinden überlassen!

Ich habe heute noch mehr Angst vor der nächsten Bundestagswahl als zum Beispiel letzte Woche. Bitte, bitte, bitte baut keinen Scheiß da draußen! Wacht auf! Packt an! Nicht nur auf Facebook oder sonstwo im Internet! Draußen auf der Straße, in der Bildung, in Gruppen, in der Kunst. Den Menschen zeigen, was es wirklich bedeutet, dass unser Gesetz so wunderbare Dinge festlegt wie: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.
Wenn doch eins klar geworden ist gestern, dann dass wir, die wir an diese Idee von Europa glauben, die wir an Recht und Menschlichkeit und Freiheit und Offenheit glauben, genauso leidenschaftlich in Erscheinung treten müssen wie diese rechten Marktschreier.

Was besseres als die Worte von Astrid Lindgren fällt mir dazu nicht ein – die wusste sowieso am besten, wie es geht. In diesem Sinne …

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Astrid Lindgren

… bin ich, denn Weil Wir Längst Woanders Sind ist auf der Shortlist des Klaus-Michael-Kühne-Preises 2016 und damit einer von acht nominierten Titeln im Rennen um das beste Romandebüt. Im September werden alle 8 Nominierten beim Harbour Front Festival lesen, am Ende wird der Sieger gekürt. Spannend, aufregend, wundervoll!

Preis für bestes Romandebüt

Preis für bestes Romandebüt

Es muss übrigens nicht immer Arabistan sein …

Ich schreibe ja nicht ausschließlich Texte über traurige Migrantenkinder und beschäftige mich inhaltlich eigentlich auch ganz gern mit Literatur jenseits von Migrationsvordergrundkram. Das interessiert momentan niemanden so richtig, is auch okay, aber manchmal muss man sich seiner selbst ja mal wieder vergewissern, weil man sonst anfängt, sich tierisch zu langweilen. Daher hier mal eine Kurzgeschichte von mir, die nüschte mit Orientalien zu tun hat, sondern einfach nur lustig ist. Und die in der ZEIT abgedruckt war. Wer das Bild anklickt, kommt zur Online-Version des Textes. Viel Spaß damit!

Mahler Klagt

Mahler Klagt

 

Am Sonntag hatte ich die Ehre und das wahnsinnig große Vergnügen, bei 1Live Klubbing zur Radiolesung eingeladen gewesen zu sein. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, das Gespräch, die Lesung, das Publikum.

Deshalb teile ich es hier gern mit euch. Wer möchte, kann auf das Bild klicken, gelangt dann in die Mediathek und kann sich die komplette Sendung im Podcast anhören. Es war ein echtes Fest! Danke Einslive, danke Mike Litt!

Einslive Klubbing

Einslive Klubbing

 

Meine Oma pflegte immer zu sagen: „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Stammt eigentlich von Matthias Claudius, aber egal. Lesereisen sind, so kommt’s mir derzeit vor, nochmal ein besonderer Fundus für zukünftige Erzählungen…

Der Mensch ist ein komisches Tier. Ein Tier, das gern viel sagt, wenn der Tag lang ist, und zu allem und jedem eine Meinung hat. Und natürlich meistens die richtige. Wenn ich zum Beispiel mit meinen Jungsfreunden Bundesliga gucke, und ja, es ist ein Klischee – ist jeder von ihnen der bessere Trainer, der bessere Schiri, der bessere Spieler. Glasklar, mit uns auf dem Platz hätte das keine 4:0-Klatsche gegeben. Und das, obwohl wir alle Ende 30 sind und schon kurzatmig werden, wenn wir nur die Einkaufstüten in den vierten Stock schleppen. Aber egal, wen kümmern schon Fakten. Hauptsache, wir wissen es besser. Einbildung ist auch ’ne Bildung, um nochmal meine Oma zu zitieren.

Seit einer Woche bin ich auf Lesetour mit meinem Roman. Nach einigen wirklich schönen Festivals sind dies nun die ersten 1:1-Erfahrungen mit Lesern, die nur meinetwegen kommen und zuhören. Mal ganz abgesehen davon, dass es tierisch Spaß macht und ich mir noch letztes Jahr um diese Zeit nicht mal im Traum hätte ausmalen können, dass ich vor 140 Leuten im Frankfurter Literaturhaus lese, kommen nun auch die alten Zweifel hoch. Da hab ich also einen Roman über Saudi Arabien geschrieben, über’s Deplatziertsein und das Aufwachsen zwischen zwei sehr gegensätzlichen Kulturen. Ich wusste immer sehr genau, was ich da erzählen möchte und wie. Und mir war klar, das wird nicht jedem gefallen. Das ist auch völlig okay. Und dass man mit Fragen und Unverständnis rechnen muss, wenn man eine rein private Geschichte über ein so überpolitisiertes und negativ überrepräsentiertes Land schreibt, war irgendwie auch klar.
Umso mehr hat’s mich überrascht und gefreut, dass ich seit der Veröffentlichung so viele Zuschriften bekommen habe von Lesern (vornehmlich welche mit Migrationsvordergrund, sollte ich sagen), die in diesem Buch etwas finden, was sie anspricht, womit sie etwas anfangen können. Das hat mich wahnsinnig gefreut! Und freut mich auch immer noch – schreibt mir gern weiter!

Nun aber also – war klar, dass das irgendwann auch passiert – die ersten Begegnungen mit Lesern, die es eben nicht verstehen. Die glauben, es viel besser zu wissen, die ein anderes Buch erzählt haben wollen. Eines, das ihre Vorurteile spiegelt, das von geprügelten Frauen und brutalen Männern erzählt, von der Übermacht der Diktatur und das den Islam verteufelt. Tja, all das sucht man in Weil wir längst woanders sind vergeblich – sorry!

Bei einer Lesung letztens sagte eine Dame älteren Semesters und dem Anschein nach auch ohne sichtbaren Migrationsvordergrund: „Aber diese Ehe, von der Sie da erzählen, die muss ja am Ende sowieso scheitern.“

„Interessant“, sagte ich. „Wie kommen Sie zu dieser Annahme? Nicht einmal ich weiß, wie es Layla in ein paar Jahren ergehen wird …“

„Ja, das ist doch völlig klar“; sagte die Dame. „In so einem Land kann doch so eine Frau nicht glücklich werden.“

„Und das wissen Sie, weil Sie so viel Zeit in Saudi Arabien verbracht haben?“, gab ich zurück.

„Nein, aber man liest ja so einiges.“

Tadaa – Alles, was in meinem Buch über die deutschen Vorurteile den Arabern gegenüber steht, hat diese Dame mir in 2 Minuten bestätigt – und merkt es nicht einmal. Sie insistiert weiter und wirft sich echauffiert in ihrem Stuhl zurück und schüttelt mit dem Kopf. Ich schüttle auch den Kopf und zucke mit den Schultern. Es tut mir aufrichtig leid, dass ich nicht das Buch geschrieben habe, das diese Dame und vielleicht auch einige andere gern gelesen hätten. Komischerweise fasse ich das nicht als Scheitern auf, sondern vielmehr als Erfolg – denn ich habe genau das Buch geschrieben, das ich schreiben wollte, und mit solchen Reaktionen fühle ich mich sehr bestätigt. Warum sind es immer diejenigen, die noch nie in ihrem Leben mit der arabischen Kultur in Berührung gekommen sind, die immer alles besser wissen? Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, wie meine Jungs die besseren Fußballtrainer wären – Wunschdenken!

Ich möchte nicht auf Grund meiner vermeintlichen Authentizität ob meiner Herkunft behaupten, ich hätte die Weisheit bezüglich Saudi Arabien mit dem Löffel gefressen. Dafür muss man nur ein paar Einträge hier im Blog lesen. Und so ratlos mich dieses Land auch immer wieder macht – für mich bedeutet es eben auch etwas anderes, und meine Wahrnehmung ist eine andere als die, die hierzulande durch’s Internet geprägt ist. Und das Buch ist ein Angebot, sich meiner Sicht auf diese Welt zu öffnen.

Wenn jemand handwerklich oder ästhetisch etwas auszusetzen hat an meinem Text, ist das natürlich völlig in Ordnung. Es ist mein erstes Buch, ich habe sehr viel Mühe und Arbeit investiert, um die richtige Stimme zu finden. Ich werde lernen, keine Frage, und das nächste und das übernächste Buch werden sicher anders und Resultat dieses Lernprozesses sein. Aber was ich inhaltlich erzähle, das müsst ihr schon mir überlassen, ob es euch gefällt oder nicht.

Und überhaupt – es geht ja gar nicht in erster Linie um Saudi Arabien, sondern um das Leben als buntes Mischwerk und all die Freuden und Tränen, die das so mit sich bringt. Und wenn mir dann Menschen persönlich schreiben, sie hätten sich wieder gefunden, sich bei Lesungen für das Buch, für die Geschichte bedanken oder selbst so herzzerreißend über dieses Buch berichten, auch dann fühle ich mich verstanden – von denen, die so sind wie ich, die Brüche in sich fühlen, die man nur schwer erklären kann. Und dafür bin ich dankbar. Und die anderen, die Besserwisser – die sind zum Glück bislang noch weit in der Unterzahl, und auch für die bin ich dankbar, denn hier sehe ich eine Chance. Alle werde ich nicht erreichen, das ist mir klar. Aber vielleicht einen, oder zwei. Das ist schon ne ganze Menge.

Die Tour geht weiter, die Daten findet ihr oben in der Terminspalte – vielleicht sehen wir uns irgendwo und diskutieren miteinander!

Liebe Leute, es ist soweit – „Weil wir längst woanders sind“ ist in der Welt, man kann es in Buchläden sehen, streicheln und kaufen. Ich habe die letzten Tage auf der Leipziger Buchmesse verbracht und dem kleinen Buch dabei geholfen, seine ersten Schritte zu gehen.

Und weil bisher so viel Tolles rundum Längst Woanders passiert sind, will ich euch gern dran teilhaben lassen. Hier mal eine kleine, ausgewählte Presseschau.

Zunächst mal war ich ganz ehrenvoll auf dem Blauen Sofa vom ZDF zu Gast und hab mit Katty Salié ein bisschen über den Roman geplaudert. Wenn ihr das Bild anklickt, kommt ihr zu dem Beitrag in der Mediathek

Mit Katty Salié auf dem Blauen Sofa

Mit Katty Salié auf dem Blauen Sofa

 

Dann gab es – ich bin fast ohnmächtig geworden – eine ganz wundervolle Besprechung in der ZEIT. Irre, irre.

ZEIT Artikel

ZEIT Artikel

 

Und dann war ich in den letzten Tagen mehrfach im Radio – am besten hat’s mir bei Funkhaus Europa gefallen, mit Carolina Quesada. Hier könnt ihr hören, was wir so bequatscht haben. Aber auch bei meinem Heimatsender, dem NDR war’s schön, wie ihr hier hören könnt.

Apropos Radio – Gesa Wegeng, Büchererxpertin bei 1Live, hat mich mit ihrer Besprechung ja fast aus den Socken gehauen … DANKE!! Kleiner Sneak-Peak zu meiner Lesung bei 1Live Klubbing im Mai.

Es war alles fantastisch, groß und irgendwie noch immer ziemlich unfassbar. Mein wundervoller Verlag hat mein Bild riesig aufgeblasen und auf eine Säule geklebt – da wird einem dann schon mal schwummerig.

DuMont Messestand

DuMont Messestand

 

Ansonsten sage ich Danke an alle, die sich gemeldet haben mit freundlichen Worten, alle, die bei Lesungen waren, zugehört haben, sich interessieren und kluge Fragen stellen. Die Reise geht jetzt erst los.