Ich hatte kürzlich die schöne Möglichkeit, zusammen mit 3 anderen, sehr reizenden Damen an einer Interview-Runde für ein Dossier in der aktuellen Brigitte teilzunehmen. Thema: „Sind Freunde die bessere Familie.“

Das Gespräch war wahnsinnig spannend und zeitweise recht hitzig, wir haben über 2 Stunden heiß diskutiert und ich war wirklich überrascht, was für unterschiedliche Positionen da zusammenkamen.

Das Heft ist heute erschienen – spannend!

 

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Die zwei Schwestern Rihan und Faia Younan haben mit ihrem Clip „Für unsere Länder“ ein kleines virales Wunder geschaffen. Mit seiner Einfachheit und Intensität hat der Clip inzwischen Millionen von Clicks auf Youtube.

Worum es geht – eigentlich ganz einfach: Begleitet von klassischen Liedern der großen Fairouz erinnern die beiden Frauen an die unmenschlichen Kriegszustände im Nahen Osten, aber auch zugleich an die Schönheit all dieser Länder. Während Rihan einfach nur ohne viel Pathos Land für Land die Kriegsverbrechen aufzählt, singt Faia die Lieder von Fairouz über „Beirut„, „Al Quds“ und „Baghdad„.

In dieser Einfachheit liegt die Kraft dieses Videos. Man kann sich dem intensiven Blick und den eindringlichen Stimmen nicht entziehen. Sie sprechen tausenden von Menschen aus der Seele – was man an der inzwischen weltweiten Verbreitung des Clips sehen kann. Das Schöne – es geht einfach nur um Frieden. Und den menschlichen Schmerz, der aus diesen jahrelangen Zuständen entsteht …

Die beiden Schwestern stammen selbst aus Syrien, leben aber seit über zehn Jahren in Schweden.

Und hier dann noch die Übersetzung des Textes, in Klammern die jeweiligen Lieder, die dazwischen gesungen werden.

(Song: Qara’tou Majdaki)

Syrien – 3 Jahre und mehr –

Ein verrückter, egoistischer und unlogischer Krieg.

3 Jahre, in denen Seelen, Herzen und Verstand zerstört wurden.

Ein Krieg, der sich heimlich durch die Tür geschlichen hat, ohne zu klopfen,

um sich in den Häusern festzusetzen und ihre Bewohner zu erniedrigen.

Ein Krieg, in dem Frauen und Kinder versklavt wurden,

ein Krieg, der die Mütter des Landes zum Weinen gebracht

und seine Männer ausgebrannt hat.

Ein Krieg, der keinen Anfang kannte und von seinem Ende träumt.

(Songs: Qara’tou Majdaki und Baghdad)

Und im Irak findet seit 10 Jahren eine Befreiung statt.

Eine Befreiung von Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Tyrannei

Ersetzt durch größere Tyrannei, Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Eine Befreiung, die die Menschen aus ihrem Land vertrieben hat,

eine Befreiung, die spaltet, was schon zerklüftet war,

die zerbricht, was schon zerbrochen war.

Eine Befreiung, die das irakische Volk an den Rand drängte,

ganz gleich, welcher Religion oder welchem Volk sie angehören.

Eine Befreiung, die die Menschen versklavt und das Vaterland zerstört hat.

(Songs: Baghdad und Li Beirut)

Seit 40 Jahren

erleidet der Libanon und sein Volk viele Kriege –

Bürgerkriege, Religionskriege, Befreiungskriege,

sowie aggressive Invasionen, er bezahlt den Preis für die Unruhen der Region, für internationale Kompromisse und Deals

40 Jahre, in denen der kleine Libanon große Narben und tägliche Unruhen erleidet,

40 Jahre Schmerzen, zumeist still und duldsam.

(Songs: Li Beirut und Zahrat el-Mada’en)

Palästina – der Kompass für alle Konflikte

Größter und Ältester von allen

Mehr als 60 Jahre Verletzungen,

Generationen, die die mangelnde Logik der Vergangenheit bezeugen,

und die Barbarei von heute und die Angst von Morgen.

Verbannung, Ausbeutung, Entzug von Rechten,

gefolgt von der Entziehung von Land.

Mehr als 60 Jahre, in denen eine Geographie fast vollständig verschwand,

damit Grenzen gezogen werden konnten.

Grenzen, die Herzen und Verstand foltern,

Grenzen, die nicht aufgelöst werden.

Sodass sie in Vergangenheit und Zukunft kleben bleiben.

Grenzen, die Widerstand und Willensstärke schüren,

um eine lebendige und beständige Nation zu erschaffen.

(Song: Mawtini – Nationalhymne von Palästina)

Meine Heimat

Meine Heimat

Glanz und Schönheit, Erhabenheit und Geziertheit

Sind in deinen Hügeln, sind in deinen Hügeln

Leben und Freiheit, Freude und Hoffnung

Sind in deiner Luft, Sind in deiner Luft

Werde ich dich sehen? Werde ich dich sehen?

Sicher und angenehm

Gesund und geehrt

Werde ich dich sehen?

 

 

 

Hurra Hurra. In der aktuellen Ausgabe des hübschen FLOW Magazins ist ein kleiner, feiner Hinweis auf die West-Östliche Diva! Ich freue mich! Und nichts wie ab zum Kiosk mit euch!

 

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Gestern schickte mir eine Freundin einen Link zu einem sehr amüsanten Artikel in der HuffPost, mit dem schönen Titel „Don’t date a girl who travels“, mit dem augenzwinkernden Hinweis, ich möge diesen doch dann einfach in Zukunft den Männern vorlegen, die in mein Leben stolpern.

Der Artikel rät – ebenfalls augenzwinkernd, nehme ich an- Menschen davon ab, sich auf eine Frau einzulassen, die viel und gern und exzessiv reist, denn diese Frauen sind gnadenlos unabhängig, geben ihre ganze Kohle für Flugtickets aus, sind schnell gelangweilt von Routine und geben allzu schnell ihrem Freiheitsdrang nach. Ich musste ziemlich lachen, treffen doch all diese Dinge, die dort aufgezählt werden, auf mich zu.

Mir ist das Lachen dann aber doch ein bisschen im Halse stecken geblieben, als ich so über mich und die Männer in meinem Leben nachdachte. Denn tatsächlich habe ich bislang die meisten und auch schönsten Reisen mit einer meiner besten Freundinnen unternommen.

Es ist erstaunlich, dass es mich, obgleich vor allem meine engen Freundschaften vor allem aus Menschen gemischten kulturellen Hintergrunds bestehen, und aus Menschen, die schon von Klein auf viel und oft in der Welt unterwegs waren, die reisen und viele Sprachen sprechen, die mir also sehr ähnlich sind, es mich bei Männern aber dann doch immer zu solchen hinzieht, die sich von diesen sehr wichtigen Aspekten meiner Persönlichkeit so radikal unterscheiden.

Sie kommen aus intakten, monokulturellen Kontexten, sind fest verwurzelt und verhaftet auf ihren 10 Quadratmetern Welt, und obgleich keiner von ihnen durch und durch spießig oder bewegungsfaul oder nicht neugierig war, so bleibt ein echtes Verstehen, ein Erfassen, ein „Mitgehen“ doch irgendwie immer aus.

Warum ist das so, frage ich mich. Warum haben es Menschen, die sich wahlweise als „Weltenbummler“, „Third-Culture-Kid“ oder „Nomaden“ verstehen, so schwer, einen Partner zu finden, der ihnen entspricht und ihr Tempo mitgeht? Oder auch – sucht man am Ende doch in seinem potenziellen Lieblingsmenschen das genaue Gegenteil von sich selbst, um etwas zu kompensieren, was man aus sich selbst heraus nicht findet? Also Abenteuer auf der einen Seite, und Ruhe und Stetigkeit auf der anderen – auf meiner- Seite. Und kann man überhaupt eine Balance finden? Wie weit dürfen die Unterschiede gehen, um wirklich einer Liebe eine Chance einzuräumen, und inwieweit muss man sich vielleicht doch in einigen grundlegenden Eigenschaften und Haltungen ähneln? Macht vor allem Männern diese radikale Unabhängigkeit doch am Ende Angst? Sind die meisten Menschen tatsächlich so wenig neugierig oder mutig, sich von ihren 10 Quadratmetern Welt runter zu wagen?

Ein Freund, der ebenfalls einen arabischen Vater und eine deutsche Mutter hat, und der sein Leben auch praktisch und beruflich zwischen diesen zwei Welten aufteilt, klagte mir vor Kurzem sein Leid, dass er einfach keine Frau findet, die diese beiden Seiten wirklich versteht und nachvollziehen kann. Eine Klage, die ich schon oft gehört habe von anderen Third-Culture-Kids. Denn irgendwie gibt es nach anfänglicher Aufregung und Neugier auf die Welt des anderen dann doch immer dieses bisschen (oder auch mehr) Irritation und eine Schwierigkeit, sich einzulassen auf einen Menschen, den es immer und beständig so sehr in die Ferne zieht.

Bis ich all diese Fragen abschließend für mich geklärt habe, gilt es wohl, einfach weiter auszuprobieren und zu testen, ob es nächstes Mal vielleicht doch passt. Und eben weiter mit meiner besten Freundin die Welt bereisen. Sie ist übrigens zu 50% Französin und spricht 4 Sprachen (5, wenn man Schwäbisch mitzählt) Und einstweilen: Bewerbungen für den nächsten potenziellen Reisebegleiter gern über die Kontaktseite 😉  …

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Die Nachrichten aus Gaza sind derzeit zugunsten anderer Brandherde auf der Welt ein wenig in den Hintergrund gerückt.

Trotz allem hat sich die Lage für die Menschen dort nicht verbessert. Im Gegenteil. Wir dürfen das nicht vergessen. Ein Ende der Israelischen Belagerung und der Angriffe ist nicht in Sicht.

Ich habe mich in letzter Zeit einige Male rechtfertigen müssen für mein Engagement, dafür, dass ich auf Demos gehe und ab und zu an dieser Stelle Position beziehe. Dazu möchte ich nichts weiter sagen außer dies: Ich sympathisiere keinesfalls und unter keinen Umständen mit den Verbrechern und Fanatikern der Hamas. Ihre Ideologie, Rhetorik und Handeln sind in meinen Augen ebenso verabscheuenswert wie die Ideologie, Rhetorik und Handeln der israelischen Regierung. Es gab in den letzten Wochen zum Glück genug Texte und Artikel und Berichte von Künstlern, Reportern und Autoren, die von beiden Seiten her versuchen, zu erklären, dass das Gros der Menschen in den betroffenen Gebieten das ebenso sieht. Hier sind einige der meiner Ansicht nach besten Texte, die ich in den letzten Wochen dazu gelesen habe, von dem israelischen Autor Etgar Keret, vom arabisch-israelischen Schriftsteller Sayed Kashua und ein Interview mit Daniel Barenboim.

Und für die Menschen, nicht für die Politik und den Machterhalt steht auch das Gedicht „عن إنسان“ des großen palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish. Es galt damals nicht explizit den Menschen von Gaza, sondern dem Palästinensischen Volk. Wenn ich es lese, oder und vor allem in der wunderschönen Vertonung der bezaubernden palästinensischen Sängerin Nai Barghouti höre, denke ich, Mahmoud Darwish würde es heute auch den Menschen von Gaza widmen wollen.

Über den Menschen 

Sie legten Ketten um seinen Mund

Und fesselten seine Hände an den Fels des Todes.

Und sagten: Du bist ein Mörder!

Sie nahmen ihm sein Essen und die Kleider und die Banner

Und warfen ihn in die Todeszelle.

Und sagten: Du bist ein Dieb!

Sie schnitten ihn von allen Häfen ab,

nahmen ihm seinen kleinen Liebling und sagten dann: Du bist ein Flüchtling!

Oh blutige Augen und Hände!

Die Nacht ist nicht unendlich.

Keine Zelle ist ewig, und auch nicht der Griff der Ketten!

Nero starb, doch Rom vergeht nicht … Sie kämpft mit ihren Augen!

Und die Saat der Ähren wird trocknen

Und das Tal mit Ähren füllen.

(Deutsch: Rasha Khayat)

Seit Wochen nunmehr tobt Krieg – mal wieder – in Gaza. Wir werden überflutet mit Bildern, Berichten und Kommentaren, die das Handeln Israels und auch der Hamas zu rechtfertigen versuchen. Erschreckende Rhetorik überall, Nazi-Vergleiche, verhärtete Fronten, nicht nur in der betroffenen Region, sondern – absurderweise – auch überall sonst, in der digitalen und der echten Ersten Welt.

Ich poste auf der Facebook-Seite dieses Blogs regelmäßig Artikel und Einschätzungen, die ganz klar Pro-Gaza, Pro-Palästina argumentieren; Ich bemühe mich, Texte und Interviews auszuwählen, die sich mit Polemik zurück halten und vor allem durch inhaltliche Argumentationsstärke zu überzeugen suchen. Es gibt eine Menge Reporter, aus Deutschland und dem Rest der Welt, die sich da mit sehr guter Arbeit und differenzierter Berichterstattung ehrenwert schlagen. Die die Region und ihre Menschen lange kennen, dort über Jahre gelebt haben und die Situation lange beobachten.

Dass ich persönlich mich für Palästina engagiere, in meinem kleinen, sehr bescheidenen Rahmen, ist schlicht meinem sehr starken Gefühl für Gerechtigkeit und meinem großen Mitgefühl und der Liebe geschuldet, die ich für diese Region und ihre Menschen empfinde. Ich kann es einfach nicht haben, wenn Menschen fundamentalste Rechte aus purer Willkür entzogen und derart gewaltsam Machtverhältnisse installiert und immer wieder erneuert werden, wie Israel es seit Jahrzehnten in Palästina und vor allem in Gaza tut. Ich halte mich da auch keineswegs für uninformiert oder verblendet. Ich verfolge die politische und gesellschaftliche Entwicklung in diesem Teil der Welt schon sehr viele Jahre und halte mich da für relativ gut und umfassend informiert. Und selbstverständlich sind mir auch die historischen Zusammenhänge und die unendlich verzwickte Situation  völlig klar.

Wie verfahren die Lage jedoch ist und wie unversöhnlich, spüre ich seit einigen Tagen tatsächlich innerhalb meines eigenen erweiterten Freundeskreises. Da engagieren sich Menschen, die ich als intelligent und differenziert denkend wahrnehme, dafür, die Brutalität Israels zu rechtfertigen. Es tauchen Artikel auf, die argumentieren, warum Israel nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, „sich zu wehren“. Es tauchen Artikel auf, die Pro-Palästina-Aktivisten als Nazis hinstellen. Artikel aus großen, seriösen Publikationen. Es wird von medialer Gehirnwäsche geredet. Die Bibel und der Holocaust sind (Verzeihung für die sehr unpassende Wortwahl) oftmals die Todschlagargumente.

Ich verfolge dann die Diskussionen, die sich in diesen Threads entspinnen und habe oft schon selbst die Finger auf den Tasten, um mich einzumischen; tue es dann aber doch nicht; Es scheint mir dann unendlich müßig, zu argumentieren, wo sich beide Seiten schon ihre Meinung gebildet haben. Man hat seine Seite gewählt, und wird einfach nicht davon abweichen. Zu emotional der Sachverhalt (oder vielleicht eher Emotionsverhalt), zu sehr in Zement gegossen die Haltungen (auch meine eigene, das will ich nicht bestreiten). Objektivität gibt es schon lange nicht mehr.

Mich macht das wahnsinnig wütend, dass ich mich plötzlich in der Situation finde, lang existierende Freundschaften zu überprüfen … Da weitet sich der Graben, der diese Region seit Jahrhunderten durchzieht, plötzlich auch bis in meine kleine, persönliche Welt aus. Weil sich einige Freunde als immer lautere Pro-Israel-Aktivisten engagieren und ich selbst den Impuls unterdrücken muss, selbst immer lauter zu werden. Und Lautstärke birgt auch immer die Gefahr von Unsachlichkeit. Denn sachliche Argumente, das sehen wir ja nun jeden Tag in den (sozialen) Medien – kommen ja bei keiner der beiden Seiten mehr an.

Radikalisierung im Kleinen. Das erschreckt mich wahnsinnig und verdeutlicht einmal mehr (ein 1000stes Mal mehr), dass es dort drüben, in Gaza, einfach keine schnelle Lösung geben wird. Denn wenn wir uns schon hier, in unserer kuscheligen Sicherheit, über Facebook streiten, wie sollen sich dann Menschen einigen, denen schlicht und ergreifend nichts mehr übrig bleibt und die täglich Angst haben müssen, ob sie noch ein Morgen erleben.

Ich denke dann an einen Satz, den vor Jahren mal jemand zu mir sagte, auch in einer solchen sehr emotionalen Diskussion: „It’s better not to care, Rasha.“ – Aber das kann ja auch nicht die Lösung sein …

 

Es gibt Fragen, die stellen sich einigen Menschen nie.Menschen, die zum Beispiel immer ein Auto hatten, haben immer mal wieder Schwierigkeiten, wenn es um die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel geht (als Ruhrpottkind weiß ich, wovon ich spreche…).

Menschen, die immer Geld hatten, werden sich selten fragen, wie sie ihre nächste Miete oder ihr nächstes Abendessen zahlen können.

Sich solche Fragen stellen zu können, selbst wenn man nicht in der entsprechenden Situation ist, es zu müssen, hat viel mit Empathie, aber auch mit Demut zu tun. In letzter Zeit, das hat mit meiner Arbeit im Moment zu tun, aber auch mit der Tatsache, dass ich derzeit immer mal wieder neue Menschen kennen lerne, mit denen man sich über das übliche „Und was machst du so?“ hinaus unterhält, wird mir wieder öfter die Frage gestellt, wo ich denn eigentlich herkomme.

Dabei krampft sich bei mir regelmäßig etwas zusammen. Zu alt und ungut die Erinnerungen, die mit solchen Gesprächen verbunden sind. Menschen, die plötzlich besonders laut und deutlich mit mir sprechen, als sei ich taub, die mir ein Kompliment aussprechen wollen, indem sie mein Deutsch loben.

Wenn ich sage: „Aus Hamburg“, folgt unweigerlich die Frage: „Ja, aber wo kommst du ursprünglich her?“ Antworte ich dann wahrheitsgemäß, ich sei in Dortmund geboren, wird meist entgegnet: „Aber woher kommt denn dein Name?“

Dann geht das Gespräch meistens richtig los. Saudi Arabien – ah, interessant. Schleier, Waffenexporte, Ölquellen, Islamisten. Wissen deine Eltern, dass du Alkohol trinkst? Was bedeutet das Tattoo auf deinem Arm? Jihad?

Einige Gespräche werden dann sehr schön, spannend und auch zu einem echten Austausch. Ich erfahre echtes Interesse an den Dingen, die ich über das Land, in dem ich aufgewachsen bin, zu sagen habe und es ergeben sich für alle Seiten bereichernde Diskussionen. Oft aber bleibt es an der Oberfläche, die trotz (oder vielleicht grad aufgrund?) des Aufgeklärtheitsgrades meiner Gegenüber mit Vorurteilen gepflastert sind. Vorurteile, die sich ganz offenbar nur schlecht auflösen lassen und manchmal sogar in Selbstgerechtigkeit und ein ganz eigentümliches Mitgefühl kippen.

Ich vermeide solche Gespräche am liebsten. Sie frustrieren mich. Ich bemitleide ja auch die Leute nicht offen und ins Gesicht, die zum Beispiel aus einem fränkischen Dorf oder der hessischen Provinz kommen.

Das alles wäre nicht wirklich ein Problem, wenn man einfach damit spielen dürfte, wie meine doppelblütigen Freunde (Teilfranzosen, Teillibanesen, Teilrussen, Teilirgendwas) und ich es meistens vor allem untereinander tun. Aber die Diskussion um die Herkunft in Deutschland geht immer noch einen Schritt weiter. Kaum hat man sich Menschen etwas persönlicher angenähert – egal ob im Job, damals in der Schule, oder unter potenziellen Freunden und Partnern – bekommt man suggeriert, dass es doch auch ein bisschen übertrieben sei und schräg, sich permanent über diese Herkunftsfrage zu definieren. „Aber du bist doch hier aufgewachsen. Hier zur Schule gegangen. Hast hier studiert.“ Was anfangs noch interessant, exotisch und von der anderen Seite her produzierter Gesprächsstoff war, ist jetzt geklärt, und man kann und muss sich doch jetzt bitte wieder integriert und auf derselben kulturellen Ebene unterhalten.

Das Problem, liebe Leute, ist nicht, dass ich mich selbst gern den ganzen Tag von euch, die ihr einzig euer Paderborn, Kaufbeuren oder Buxtehude kennt, abgrenzen möchte, sondern dass ich mit solchen Gesprächen schon auf den Sonderposten gesetzt, exponiert und als „Das Andere“ definiert, um nicht zu sagen exotisiert werde. Und dass man dann doch bitteschön doch aber auch wieder passend gemacht werden möchte, das kann man doch verstehen.

Als ich vor einigen Jahren mal eine Weile in London leben durfte, habe ich den frappanten Unterschied zu diesem, meinem Deutschland festgestellt. Ein Land wie England, das lange Erfahrungen mit Imperialismus und Einwanderern verschiedensten Ursprungs hat, hat natürlich auch durchaus mit Rassismus und solchen Problemen zu kämpfen. Aber diese wohlmeinende Exotisierung, die empfinde ich als etwas wahnsinnig Deutsches. Als Versuch, das Andere zu verstehen und sich selbst mundgerecht zu machen. In England bin ich nie gefragt worden, wo ich denn nun wirklich herkomme.

Empathie, das heißt nicht nur, versuchen zu verstehen, sondern auch Reinlassen. Sich hineinversetzen und annehmen, dass da jemand anders ist, mit anderen Erfahrungen, anderen Parametern, anderen Vorstellungen von der Welt und dem Leben. Und es als absoluten Luxus, und nicht als Selbstverständlichkeit zu begreifen, nicht permanent infrage gestellt zu werden und sich somit zumindest sehr viel leichter richtig zu fühlen in der Welt, die einen umgibt.

Und solange ich noch immer, im Jahr 2014, mit mittlerweile über 20 Jahren Deutschland-Leben auf dem Buckel gefragt (und damit in Frage gestellt) werde, wo ich eigentlich herkomme, wird es mir schwer fallen, zu sagen: „Aus Deutschland.“

Der große Autor, Denker und Orientalismusforscher Edward Said hat dieses Gefühl von Fremdsein und Anderssein und von allen Seiten passend gemacht werden zu müssen, in seiner Autobiographie „Out of Place“ ganz wunderschön eingefangen und in Worte gegossen: „With so many dissonances in my life I have learned actually to prefer not being quite right and out of place.“

Hier kann man sein letztes Interview sehen, in dem es sehr klug um genau diese Fragen geht.

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Beim Fußballschauen letzte Woche hat mich jemand gefragt, ob ich Brasilianerin sei. Die Haare, die Hautfarbe und das Temperament waren wohl der Grund dafür. Ich hab einfach mal „Ja“ gesagt. Dann war auch Ruhe im Karton. Es gibt sie nämlich doch, die Guten und die Schlechten Ausländer.

 

 

Die letzten Tage war mehrfach zu lesen, dass der junge deutsche Schriftsteller Jörg Albrecht in Abu Dhabi verhaftet wurde und auch nach seiner Freilassung 10 Tage lang keine Ausreisegenehmigung bekommen hat.

Nun ist der Fall offenbar bearbeitet und Albrecht darf zurück nach Hause. Das freut mich, und klar, das muss schon ein Schock sein. Aber ich habe in den letzten Tagen einige Male mit Freunden darüber diskutiert, und bleibe bei meiner Ansicht – Selbst Schuld. Wer in einem solchen Land auf offener Straße sein iPad zückt und Fotos von Botschaftsgebäuden macht, der darf sich über nichts wundern. Ihr seid nicht in Kreuzberg, wo euer iPhone euer verlängerter Zeigefinger ist.

Und: in Ländern wie den Emiraten oder auch anderen arabischen Ländern, wo Religionspolizei, Geheimdienst und Milizen zuständig sind für Staatsraison, da ist einfach absolute Obervorsicht angebracht. Die Tatsache, dass sich das gesamte Feuilleton über die Causa Albrecht so echauffiert und bei Facebook Petitionen rumgeschickt werden, macht mir aber deutlich, wie naiv offenbar doch die meisten Menschen sind, die diese Teile der Welt bereisen oder eben mittelbar mit den Alltag dort konfrontiert werden (oh-oh, es ist nicht alles nur „Oh, die Gewürze, Oh die Gastfreundschaft, Oh die Kamele, Oh, die Fliegenden Teppiche!“). Leute, das kann einfach passieren! Alles halb so wild!

Vor einigen Jahren war ich mit meinem damaligen Freund mal in Beirut. Wir waren bei der Familie einer Freundin untergebracht, mitten im Süden der Stadt, in Hisbollah-City, der Dahia. Da die Familie daheim kein Internet hatte, sind wir jeden Morgen in ein Café ums Eck, haben Kaffee getrunken und Emails gecheckt. Am dritten Morgen kamen plötzlich zwei junge Typen an unseren Tisch, sicher nicht älter als 17 oder 18, stellten sich vor uns, reichten uns die Hand und sagten wörtlich: „Hi, we’re from Hisbollah, who are you?“ Wir waren ziemlich geschockt, die beiden verhörten uns erstmal, wer wir sind, was wir hier jeden Tag mit unseren Laptops machen, woher wir kommen, und so weiter. Dann forderten sie uns relativ unmissverständlich auf, mit ihnen mitzukommen. Wir versuchten zu erklären, dass wir nur Touristen sind und auf dem Weg nach Baalbeck, uns die römischen Ausgrabungen anschauen. „What is this book?“, fragte dann der eine und blätterte meinen Lonely Planet durch und studierte ganz genau die Stellen, die ich mit Post-its markiert hatte. Es gab also keine Widerrede, wir mussten mitkommen. Mein Freund, eher ein ruhiger Typ, wurde noch stiller, und der eine Typ ging ihn immer wieder an: „Why are you, scared, why are you scared?“ Ich – selbst völlig fertig mit den Nerven – versuchte noch, auf arabisch ein paar Witze zu machen, obwohl in meinem Kopf schon die Köpfungsvideos liefen.

Sie führten uns durch die Gassen der Dahia in ein Wohnhaus, wo wir im Erdgeschoss in eine Art schrammelige Büroetage gebracht wurden und in einem Zimmer mit Ledersofa warten. Mein Freund raunte mir zu: „Die haben hier bestimmt Waffen in den Schränken.“ Allerdings, das konnte ich mir auch gut vorstellen. Es kam eine nette Frau mit Kopftuch ins Zimmer, stellte uns nochmal all die Fragen wie die Jungs, ließ sich unsere Pässe geben und die Telefonnummer die Familie, bei der wir untergebracht waren. Nach ungefähr zehn Minuten – mir schlottern noch immer die Knie bei der Erinnerung – kam sie mit unseren Pässen zurück, gab sie uns zusammen mit ihrer Visitenkarte (Hisbollah Press Office, noch immer mein liebstes Souvenir aus diesem Urlaub) und versicherte uns, dass die Leute nur die Sicherheit des Viertels im Sinn hätten und wir uns keine Gedanken machen sollen. Es dient nur der Sicherheit der Stadt und somit auch unserer eigenen.

Damit wurden wir in einen völlig verstrahlten Tag entlassen, und ich brauchte erstmal eine Stunde, mich von dem Schock zu erholen. Ich bin immer noch dankbar, dass mein Freund mich dann überredet hat, unseren Ausflug doch noch zu machen, um uns abzulenken. Trotzdem sind wir den ganzen Urlaub über ziemlich paranoid geblieben. Selbst am Flughafen, am Rückreisetag haben wir überall vermeintliche Hisbollahs gesehen.

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Soviel dazu – Leute, so was passiert! Regt euch ab! In diesen Ländern ist das Alltag. Onlinepetitionen sind ja schön und gut, aber manchmal auch einfach ne Nummer oder zwei übertrieben. Und man hält ja nun auch nicht einfach seine Hand ins Haifischbecken.

Und zu dem Thema, dass Jörg Albrecht sich fühlt wie in einem Kafka-Roman, wie er in seinem Interview mit der Zeit sagt – als ich in Cairo vor ein paar Jahren mal mein Multi-Entry-Visum beantragen wollte, wurde ich zunächst zwei Stunden lang von Pontius nach Pilatus geschickt in einem Gebäude, das dem Verwaltungsschloss aus Asterix erobert Rom alle Ehre macht, dann wurde mein Pass einkassiert, ich bekam weder einen Abholzettel noch sonst einen Hinweis darauf, wie und wo ich meinen Pass am Folgetag wieder bekommen würde, und wurde am nächsten Tag von einer rigiden Frau am Ärmel durch fünf Flure gezogen und angebrüllt, weil ich meinen Pass über Nacht in der Mugamma’a gelassen hatte. Danke Ägypten. Aber – So ist das; Kafka lebt, lieber Jörg Albrecht, nicht nur in den Emiraten, sondern überall in der arabischen Welt!

In diesem Sinne – gute Heimreise, und beim nächsten Mal n bisschen besser informieren!

 

Vor einer Weile zeigte mir ein ägyptischer Freund in Berlin den wunderbaren Film „Tracks of Cairo“.

Der Film stellt verschiedene Musiker und Bands aus Cairo vor und zeigt sie bei der Arbeit und bei Live-Auftritten. Gemeinsam suchten wir sämtliche Tracks und Songs aus dem Film zusammen. Nur einen Song konnten wir nicht finden; weder auf der Tracklist des Films noch bei intensivsten Internetrecherchen. Es war ein elektronisches Stück mit einer wunderschönen, fern-abwesenden, intensiven Frauenstimme, die immerzu flüsterte „Anta al Hawa“ (Du bist der Wind). Irgendwann haben wir aufgegeben und mein ägyptischer Freund schnitt das Stück einfach als Soundfile aus dem Film heraus für mich.

Vor ein paar Tagen habe ich durch Zufall endlich die Sängerin dieses tollen Songs gefunden. Yasmine Hamdan heißt sie, und kommt aus Beirut. Und am Freitag hatte ich das große Glück, sie im wunderschönen Hamburger Nochtspeicher live erleben zu können.

Dem breiteren Publikum ist Yasmine Hamdan seit Kurzem vielleicht bekannt aus ihrem kleinen Cameo-Auftritt in Jim Jarmuschs letztem Film Only Lovers Left Alive (großartiger Film, übrigens!). Tatsächlich macht sie aber schon seit über zehn Jahren Musik. Mit Indie-Projekten wie Y.A.S. und Soapkills ist sie in den arabischen Ländern schon lange erfolgreich.

Ich war unsicher, was oder wen ich im Nochtspeicher zu erwarten hatte. Arabische Musik, die nicht unbedingt in die grauenvolle Kategorie „Weltmusik“ fällt, ist ja nun nicht gerade ein Publikumsmagnet in Deutschland. Umso überraschter war ich, dass das Hamburger Konzert ausverkauft war. Das Publikum rangierte von Hipstern und jungen  Menschen meines Alters bis hin zum (seltsam…) klassischen Bildungsbürger spätmittleren Semesters in Tweed und Stöckelschuh. Man trank Wein und Aperol Spritz, alles etwas schräg.

Yasmine Hamdan schien das nicht so richtig zu interessieren. Klein, zierlich und unfassbar sexy kommt eine schöne Frau zusammen mit ihren 3 Musikern auf die Bühne und liefert von der ersten Sekunde an ein energiegeladenes Rock n Roll-Feuerwerk der Extraklasse ab. Dass die meisten Leute zwar sichtlich angetan, aber eben typisch deutsch nur vor der Bühne stehen, wohlwollend mit dem Kopf wippen und brav am Ende der Songs applaudieren, anstatt zu tanzen und sich von der großartigen Musik mitreißen zu lassen, irritiert die Band scheinbar nicht. Mich stört’s schon ein bisschen, wie immer, aber wir lassen uns den Spaß nicht verderben und tanzen, jubeln und feiern einfach für uns und mit Yasmine.

 Die Stücke, die ich mir inzwischen auch auf der aktuellen CD Ya Nass angehört habe, sind für den Auftritt neu arrangiert und instrumentiert. Während das Album recht ruhig und melancholisch daher kommt, steigern sich die Songs live in wahre Klangorgien. Yasmine flirtet, meditiert, leidet und feiert jede Silbe, die sie singt und transportiert in ihrer Sinnlichkeit und dank ihrer rauen, tiefen Stimme eine Energie, die man bei Konzerten nur ganz selten erlebt.

Mich persönlich berühren die Songs derart, dass mir mehrmals die Tränen kommen. Meiner Begeleiterin, die übrigens kein Arabisch spricht, ging es genauso, was ja nur heißen kann, dass Yasmine Hamdan sich auch so verständlich macht, durch ihre Aura, durch ihre Musik und ihre Präsenz.

Eins der besten Konzerte, das ich seit Langem erlebt habe – ich bin verliebt!

Und ich hoffe, mein ägyptischer Freund liest das jetzt – Hey Amin, ich hab den Song gefunden!!

 

Der allgemeine Konsens über die arabischen Länder ist, dass es sich um reine Männergesellschaften handelt und die Frauen nicht nur nichts zu sagen haben, sondern auch wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden.

Und für ein Land wie Saudi Arabien gilt dieses Bild in noch viel größerem Ausmaß. Keine Frage – die Fakten sprechen für sich: Frauen dürfen ohne die Einwilligung ihrer Ehemänner bzw. des Vaters oder eines sonstigen männlichen Vormunds (der sogenannte Muhrim) so gut wie nichts: sie dürfen kein Bankkonto eröffnen, keine Verträge unterschreiben, nicht verreisen  und keine Job annehmen. Dass Frauen nach wie vor nicht fahren dürfen, hat in den letzten zwei Jahren auch bei uns immer wieder die Runden in den Nachrichten gemacht.

Stimmt alles. Finde ich auch nicht gut. Im Gegenteil. Ich finde es nicht nur hinterwäldlerisch, menschenfeindlich und vermessen, sondern schlicht und ergreifend auch unpraktisch. Wie viel einfacher könnte das Leben sein, wenn Frau ihre Kinder selbst von der Schule abholen oder einfach eine Kreditkarte beantragen könnte.

Nichts desto trotz ist es ebenso vermessen und arrogant von Menschen auf der anderen Seite der Erde, zu glauben, dies sei die ganze Wahrheit und die Frauen dort leben 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr in einem Gefängnis, wo sie die Mund höchstens mal zum essen aufmachen dürfen. Wenn’s der Ehemann erlaubt, freilich nur.

Denn – wer zu Hause tatsächlich das Regiment führt, das ist nicht selten (ich würde sogar sagen in 90% der Fälle) die Frau. Und in einem Land, wo das Leben hauptsächlich zu Hause stattfindet, ist das schon eine ganze Menge Macht.

Zwei Beispiele nur von unserer jüngsten Reise dafür, dass die Herren nach der Arbeit beim Betreten ihres Heims ihre Männlichkeit einfach an der Garderobe abgeben müssen.

Szene 1:

S. ist ein junger Mann von 25 Jahren, frisch verheiratet mit einer entzückenden Frau, gemeinsam haben sie eine einjährige Tochter. Nun musste sich S. die Mandeln entfernen lassen. Die ganze Familie ist in Aufruhr. Der arme Junge. Oh Gott. Die Großmutter lässt Suppe ins Krankenhaus schicken, Bilder vom Krankenbett werden per WhatsApp an die ganze Familie geschickt, bei jedem Telefonat geht es die nächsten 48 Stunden um nichts anderes als um das Schicksal des armen Kranken. Einige Tage später trifft sich die Großfamilie zum Essen. S. – noch immer sichtlich angeschlagen – kann kaum sprechen, lächelt sich tapfer durch den Abend. Bis zum Essen. Der Arme kann kaum seinen Tee schlucken, geschweige denn etwas von dem gegrillten Fisch zu sich nehmen.

Sofort versammeln sich seine Großmutter, seine Mutter und seine Frau um ihn. Sie reden auf ihn ein. Er muss essen, um wieder gesund zu werden. Der Arzt hat doch gesagt, nach 3 Tagen muss er feste Nahrung zu sich nehmen. Sie schubsen und drängeln ihn, nicht nur verbal, sondern auch körperlich. Der Arme sitzt, die Hände im Schoß gefaltet, die Backen dick von der OP, ausdruckslos da und zwingt sich einen Bissen einer gegrillten Garnele rein, quält sich sichtlich, ich habe großes Mitleid. Er versucht, zu sagen, dass es einfach nicht geht. Dann reißt die Großmutter ihm die Gabel aus der Hand, spießt ein großes Stück Fisch auf, drückt seiner Frau die Gabel in die Hand und fordert sie auf, ihren Mann gefälligst zum Essen zu bringen. Sie drücken dem armen Jungen die Gabel geradezu in den Mund. Minutenlang geht das so. Da sitzt nun die junge Ehefrau, den Teller auf dem Schoß, und hält ihrem jungen Ehemann die Gabel hin, in der anderen Hand eine Serviette, damit er sich nicht bekleckert. Wie bei einem Kleinkind. Und niemand schreitet ein. Das ist einfach so. Da muss man als Mann diese Entwürdigung einfach mal hinnehmen. Hier haben nämlich nur die Frauen was zu sagen.S. isst unter sichtlichen Schmerzen 4 Stückchen Fisch.

Szene 2 (es handelt sich hierbei nicht um dieselben Mütter und Söhne wie bei Szene 1…)

M. ist 14 Jahre alt. Er ist gut erzogen, respektvoll, springt immer sofort, wenn seine Mutter, seine Großmutter oder sonst wer etwas von ihm möchte – ein Glas Wasser, eine Einstellung an ihrem iPad oder den Wechsel des TV-Kanals.

Bei einem Ausflug ans Meer sitzt man zusammen am Strand und döst in der Hitze. M.s Mutter lamentiert über die positiven Aspekte von Hautpeelings, auch mit Sand. Wie gut das doch für die Haut ist. Wie frisch und wie gesund. „Stimmt doch, oder?“, fragt sie in meine Richtung. Ich weiß nicht, warum ich auf einmal Teil der Konversation bin, nicke aber nur müde. „Jaja, das ist total gut. Mache ich zu Hause auch manchmal.“

„Siehst du, M.!“, kreischt sie plötzlich so laut, dass ich von meiner Liege hochschrecke. „Rasha macht das auch. Geh und hol dir Sand und reib dir das Gesicht ab. Gegen deine Pickel.“ Ich habe sofort großes Mitleid. M. versinkt schamvoll in seinem Liegestuhl und sieht sehr arm aus. Jetzt soll sich der arme Junge vor den Augen seiner Verwandten aus Deutschland mit Sand das Gesicht abreiben… M.s Mutter insistiert aber immer weiter, schubst ihn, geht schließlich selbst in die Küche und kommt mit einer kleinen Schüssel zurück. „Hier“, sagt sie und drückt ihrem Sohn die Schale in die Hand. „Füll die mit Sand und reib dich ab.“ Widerwillig quält sich M. aus seinem Stuhl, nimmt die Schüssel und trollt sich ein paar Meter der Strand hinunter. Als er zurück kommt, wird er sofort überführt. „Du hast es nicht gemacht!“, keift die Mutter. „Doch, hab ich“, versucht sich der verzweifelte M. zu retten. „Lüg mich nicht an, ich bin deine Mutter. Ich weiß, wenn du nicht tust, was ich dir sage.“ M. lässt verzweifelt den Kopf hängen.

Er setzt sich wieder auf den Stuhl, schöpft Sand in seine Schale und lässt einige Sekunden lang den Blick in die Ferne schweifen, als könnte ihn irgendwas dahinten retten.
Dann reibt er sich sein Gesicht ab.

Was will ich damit sagen… Dass die sehr starken und dominanten arabischen Mütter und Großmütter sich ihre Söhne sehr respektvoll und eben auch ein bisschen verweichlicht heranziehen, und ihre Töchter zu ebensolchen Drachen zu machen versuchen, wie sie es selbst sind. Ich kenne kaum eine arabische Frau, egal welchen Alters, die ihren Ehemann nicht vollkommen in der Tasche hat. Und wenn sie dann noch das ultimative Ziel erreicht und ein gutes Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter aufgebaut hat, dann kann man mit diesen armen Jungs wirklich nur noch Mitleid haben. Denn wer seinen Sohn oder seinen Mann so im Griff hat, der hat in der Regel auch kein Problem damit, die Unterschriften und Einwilligungen zu bekommen, die es offiziell braucht um zu reisen oder Kaufverträge zu unterschreiben. Man (also Frau) arbeitet schlicht innerhalb des Systems zu ihren Gunsten.

Mit den Frauenrechten in Saudi Arabien ist es noch lange nicht gut bestellt, aber die Fortschritte sind überall sichtbar. Frauen der Generation 25plus sind mittlerweile zu großen Teilen berufstätig, viele haben eigene Firmen, wie zum Beispiel Catering oder PR. Zuletzt konnte man sogar in Deutschland lesen, dass die größte Zeitung des Landes nun eine weibliche Chefredakteurin hat. Ist alles nicht viel im Vergleich zu dem, was wir hier bei uns gewöhnt sind. Aber ich bin sehr zuversichtlich, angesichts dieser starken Generation, die dort heran wächst.

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West-östliche Diva