Nachdem Mubarak nun schon über eine Woche seinen Posten geräumt hat und die Revolution nun in die nächste, anstrengende Phase geht, nachdem Gaddafi in Libyen grade sein halbes Volk abschlachtet und mal wieder kaum Empörung von Politik, Öffentlichkeit und Medien zu hören ist, nachdem die Mehrheit der Menschen Bahrein immer noch auf der Landkarte suchen, kommen die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ganz allmählich aus ihrem Winterschlaf und holen nach, was sie schon vor Wochen hätten beginnen müssen. Sie versuchen zumindest, zu informieren. Manchmal sogar ganz gut.

Einen Beitrag, den ich sehr gelungen finde für ein populäres Kulturformat, ist dieser hier von Titel Thesen Temperamente.  Der Schriftsteller Alaa Al-Aswany und der ägyptische Intellektuelle Amr Hamzawy machen deutlich, dass die Situation im Nahen Osten von uns bisher bewusst ignoriert worden ist, und dass man sich nur wundern kann, dass wir uns wundern. Schön. Überhaupt, ich empfehle jedem, der sich jetzt oder auch schon früher für Ägypten und insbesondere für Kairo interessiert, Alaa Al-Aswanys Roman Der Jakubijan-Bau. Ein schönes Stück gut lesbare Literatur über die ägyptische Gesellschaft im 20. Jahrhundert. Gibt’s auch als sehr sehenswerten Film, allerdings nur in arabischer Sprache und mit englischen Untertiteln.

Während die Situation in Cairo seit gestern Mittag mehr und mehr zu eskalieren scheint, hat die verschnarchte deutsche Presse nur teilweise zu den weitaus schnelleren, kompetenteren und engagierteren internationalen Kollegen aufgeholt. Während die Situation in Cairo seit gestern Mittag mehr und mehr zu eskalieren scheint, hat die verschnarchte deutsche Presse nur teilweise zu den weitaus schnelleren, kompetenteren und engagierteren internationalen Kollegen aufgeholt.

Zumindest Spiegel Online hat inzwischen auch einen Liveticker eingerichtet, der jedoch in seiner Akkuratesse, Geschwindigkeit und Quellenvielfalt nach wie vor weit hinter den Liveblog des Guardian zurück fällt. Wo beispielsweise in den deutschen Medien, sei es Print, Netz oder TV, konnte man diese Bilder sehen, die Ausweise zeigen, die bei den sogenannten Mubarak-Verfechtern gefunden wurden. Polizeiausweise, Parteiausweise von Mubaraks Nationalpartei. Wo Kommentare lesen wie die von Jack Shenker, der gestern nicht nur Mohamed El Baradei interviewt, sondern auch mit Leuten gesprochen hat, die angeben, das man ihnen 100 LE (ca. 20 Euro) gezahlt hat, um in organisierten Schlägertrupps im Stadtzentrum Unruhe zu schaffen?

Während gestern um die Mittagszeit dutzende Männer auf Kamelen und Pferden in die Mengen der Demonstranten am Midan at-Tahrir geritten sind und die Menschen nieder geknüppelt haben, lief im ZDF eine Kochsendung. Über die Begründung, die offenbar seitens N24 und n-tv für dieses Versagen gegeben wird, ist mehr als nur hanebüchen: Mangelndes Zuschauerinteresse an einer Dauerberichterstattung. Danke, Fernsehen, dass du uns einmal mehr vorgibst, was wir sehen wollen!Auch sogenannte Hintergrundberichte in Print und TV lösen bei mir und auch anderen Kollegen, die die Region gut kennen und regelmäßig darüber berichten, nur Kopfschütteln aus. Das letzte Beispiel hierfür ist die absolut peinliche Vorstellung bei Hart aber Fair gestern Abend. Kann mir mal jemand erklären, warum man immer, immer, immer, sobald irgendwo das Wort „Gottestaat“ fällt, Michel Friedman aus der Mottenkiste kramen muss? Ein Anruf bei der Deutschen Welle hätte genügt, liebe ARD, und ihr hättet Studiogäste haben können, die die Situation im Nahen Osten nicht nur besser einschätzen können, sondern – ein entschiedener Vorteil gegen die meisten anderen Korrespondenten der Öffentlich-Rechtlichen – sogar die Sprache sprechen und vielleicht sogar ein bisschen mehr Interesse für ein Thema aufbringen, als Plasbergs Gäste, die sich scheinbar eine Stunde vor Aufzeichnung noch schnell bei Wikipedia informiert haben.

Diese Verhalten verärgert mich von Tag zu Tag mehr, auch weil ein solches Nachhinken mangelnde Haltung erkennen lässt. Mangelnde Haltung, das trifft auch auf die deutsche Politik zu. Während David Cameron, englischer Premier – zugegeben auch etwas verspätet, aber zumindest mit Nachdruck – sich bereits gestern Vormittag geäußert hat, brauchte die Bundesregierung tatsächlich bis heute Vormittag, um ein Statement gemeinsam mit den anderen EU-Staaten zu veröffentlichen. Was sagt uns das denn über die Positionierung der europäischen Außenpolitik? Timothy Garton Ash hat im Guardian einen sehr schönen Kommentar dazu verfasst. Lieber Westen, überlegt euch was!

Positives gibt es von kleineren, unabhängigen Publikationen zu vermelden. So hat die aktuelle Ausgabe von Jungle World ein sehr schönes Cover und Themenheft hinbekommen. Auch das Magazin Zenith sowie natürlich Qantara von der Deutschen Welle sind hier unbedingt zu nennen.

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