Es gibt Bücher, die verändern das eigene Leben, weil sie etwas in einem zum Klingen bringen. Die etwas erzählen, was einen so tief anrührt, dass man die Welt danach anders sehen kann. Und Autoren, von denen man sich wünscht, dass sie nie aufhören, solche Bücher zu schreiben. 

Olga Grjasnowa schreibt genau solche Bücher. Ehe ich aber von ihrem neuen, fantastischen Buch erzähle, muss ich ein paar Dinge vorweg schicken. 

Im Jahr 2010 nahm ich im Rahmen eines Stipendiums an einer Autorenwerkstatt teil. Vorab bekamen wir die Texte der anderen Teilnehmer zur Lektüre, um sie dann in der Werkstatt diskutieren zu können. Unter anderem bekam ich 80 Seiten eines Manuskripts mit dem wundervollen Titel „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ zugeschickt. Der Text hat mich so unglaublich erschüttert, angerührt und glücklich gemacht, weil er nicht nur von der Unmöglichkeit und Verzweiflung von Trauer und Heimatlosigkeit erzählt, sondern sich auch auf eine Weise Rassismus und Politik vornimmt, wie ich es noch nie vorher gelesen hatte – mit ganz viel Gefühl, mit unglaublich sachlicher, brutaler Nüchternheit – und mit giftigem Humor. Beim Lesen lachte ich, weinte ich, immer schön im Wechsel, und war unfassbar beeindruckt und neidisch auf so viel Kraft. Und dachte die ganze Zeit: „Hoffentlich kannst du dich beim Workshop mit der anfreunden!“

Und so kam es dann auch – wir wurden für die Dauer der Werkstatt im selben Zimmer einquartiert und freundeten uns an. Heute, sieben Jahre später, sind wir noch immer befreundet, inzwischen sogar ziemlich eng. Wenn ich also nun hier über ihr neues Buch schreibe, dann nicht als unabhängige Leserin, sondern auch als Freundin, und das ist ja immer so eine Sache, die mitunter den Blick vernebeln kann, oder man bekommt nachgesagt, nur Werbung für die Freunde zu machen. 

Aber ich bin eben auch großer Fan von Olga als Autorin, und ihr neues Buch hätte ich ohnehin ungeduldig erwartet und gelesen. 

Das neue Buch also, „Gott ist nicht schüchtern“, erscheint morgen und handelt, grob gesagt, vom Syrien-Krieg. Genauer handelt es von Amal, einer jungen Schauspielerin, und Hammoudi, einem jungen Arzt. Der Roman setzt ein, als die ersten, zaghaften Proteste im Land losgehen, Ende 2010, Anfang 2011. Amal nimmt an Demonstrationen gegen das Assad-Regime teil und fühlt sich zunächst mal auf Grund der Position ihres Vaters beim Militär unangreifbar. Hammoudi kehrt seinerseits nur für einen kurzen geplanten Besuch nach Syrien zurück, er lebt in Paris, will in Kürze dort eine Stelle antreten und ist mit einer jungen Französin verlobt. In Syrien will er nur seinen Pass verlängern um dann sein neues, altes Leben in Europa wieder aufzunehmen. 

Natürlich kommt dann alles anders als geplant, wie das so ist, wenn von jetzt auf gleich ein Krieg ausbricht. Hammoudi bekommt die Willkür der Behörden zu spüren und keinen neuen Pass. Amal wird verhaftet und gefoltert und wieder verhaftet und wieder gefoltert und schafft es zunächst, nach Beirut zu entkommen. 

Es beginnt das, was Medien allerorten in den letzten zwei Jahren so schön abstrakt als „Fluchtgeschichten“ beschreiben. Wir lesen von der Brutalität und sinnlosen Gewalt des Krieges, von der Willkür von Behörden überall auf der Welt, von Menschen, die eigentlich nie etwas zu tun haben wollten mit der Situation, in der sie grad stecken, denen nun keine Wahl mehr bleibt und die einfach immer weiter machen müssen. Die keine Zeit haben, anzuhalten, es sich anders zu überlegen, umzudrehen, die Menschen und Dinge und Leben verlieren, die sich keine Hoffnung mehr erlauben dürfen. 

All das steht da, auf den knapp 300 Seiten des Romans, in genau der Mischung aus harter Nüchternheit und Gefühl, die schon beim „Russen“ so einnehmend, so fesselnd war, nur nun noch viel besser. „Gott ist nicht schüchtern“ ist absolut. Es lässt keinen Moment einen Zweifel daran, dass es in diesem Krieg (in welchem eigentlich nicht?) kein Richtig und kein Falsch mehr gibt, dass unsere Kategorien, zu urteilen, hier nicht mehr greifen. Und es lässt uns keine Wahl – wir müssen hinschauen. Wir müssen Amal und Hammoudi dabei zusehen, wie ihre Leben ausgehebelt werden und wie sie irgendwie versuchen, die Kontrolle wieder zu gewinnen, ohne dabei ihr Leben zu lassen. Die „Flüchtlingsgeschichten“ bekommen plötzlich Gesichter. Und wen das kalt lässt, dem würde man das Buch gern mitten ins Gesicht dreschen. 

Der Roman strotzt vor Materialfülle, er wurde recherchiert, mit Interviews, mit Reisen an die Orte des Geschehens, mit vielen, vielen Geschichten aus dem echten Leben. Das weiß ich als Freundin, aber das kann man nun auch nachlesen, in Interviews mit der Autorin. Keine Sekunde hat man das Gefühl, das, was da steht, sei nicht wahr, und gleichzeitig will man die ganze Zeit brüllen: „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ 

Es ist das richtige Buch zur richtigen Zeit, ja, aber auch eines für die Zeit danach – weil irgendwie ja immer die richtige Zeit ist, um über Menschen nachzudenken, und darüber, was jeder eigentlich mit sich rumschleppt an Geschichte und Geschichten. Und was das mit den Menschen, aber auch mit ihren Lebensläufen, Lebensträumen und Lebensplänen macht. 

Olga Grjasnowa findet Worte für Dinge, für die es keine Worte gibt. Und allein das ist so mutig, dass man nur den Hut ziehen kann vor diesem Buch. Man sollte es zur Schullektüre machen, es in jedem Wohnzimmer, in jedem Lesezirkel, an jedem Stammtisch lesen. Es ist eines von diesen Büchern, das – und davon bin ich überzeugt – jeden seiner Leser irgendwie verändern wird. Hoffentlich sind es ganz, ganz viele! 

Das wurde ja auch mal wieder Zeit. Endlich zurück in Cairo, endlich zurück in der tollsten, lautesten, lebendigsten Stadt der Welt.

Ich hatte das große Glück, eingeladen worden zu sein als Teilnehmerin eines Workshops für deutsch-arabische Übersetzer, veranstaltet vom Deutschen Übersetzerfonds und vom Goethe Institut. Zusammen mit neun anderen Kollegen aus Deutschland und Ägypten haben wir eine tolle, intensive, hochspannende Woche verbracht, voll mit Eindrücken, Erlebnissen und natürlich Literatur.

Goethe Kairo

Goethe Institut Cairo

 

Was haben wir gemacht? Jeder der zehn Teilnehmer hat ein Projekt mitgebracht, einen Roman, ein Theaterstück, Gedichte, die er oder sie übersetzt, entweder aus dem Arabischen ins Deutsche oder eben umgekehrt. Und dann wurde gearbeitet. Texte wurden auseinander gepflückt, Formulierungen diskutiert, Schwierigkeiten geteilt, Probleme gelöst und hitzige Diskussionen geführt: „Wie sehr darf ich als Übersetzer in den Text eingreifen?“, „Was mache ich mit starken Dialekten?“, „Wie löse ich Wortspiele auf, die in der Zielsprache keine Entsprechung haben?“, „Darf ich einen Text ‚verbessern‘, wenn der Ursprungstext holperig und schief klingt?“, „Dient die Übersetzung in erster Linie dem Text oder dem Leser?“, „Was mache ich, wenn mich der Text so sehr aufwühlt, dass ich kaum mehr Abstand einnehmen kann?“.

Wahnsinnig spannend, was da so bei rumkommt – man macht sich ja als Nichtübersetzer, bzw als normaler Leser wohl selten Gedanken darüber, wie sehr sich Übersetzer den Kopf manchmal zerbrechen. Manchmal sicher sogar mehr als die Autoren selbst, meinten einige Kollegen. Ich selbst habe auch ganz neuen Respekt vor der deutschen Sprache gewonnen, nachdem eine der arabischen Kolleginnen ihr Projekt, „Das amerikanische Hospital“ von Michael Kleeberg vorgestellt hat – wie zum Teufel überträgt man 5 Seiten ins Arabische, auf denen der Autor wahnsinnig gekonnt, fein und subtil mit der Doppeldeutigkeit von „dahin“ spielt – „dahin“ im Sinne von „weg, vorbei“, und eben „dahin“ als Richtungsangabe.

Wir deutschen Teilnehmer sind dann auch ein wenig neidisch aus der Woche gegangen – denn während arabische Literatur auf dem deutschen Markt aus ihrer winzigen Nische nicht hinaus zu kommen scheint, sich weder Verlage noch Leser offenbar für die literarische Vielfalt der arabischen Länder interessieren, ist deutsche Literatur in den arabischen Ländern offenbar nicht nur sehr beliebt, sondern auch gefragt. Wir besuchen zum Beispiel das „National Center for Translation“, eine staatliche Organisation in Ägypten, die ausschließlich dafür zuständig ist, Übersetzung zu fördern und übersetzte Bücher heraus zu bringen … Hallo Deutschland, wo bleibt denn das Gegenstück hier?!

 

Ich vor dem National Centre for Traslation in Cairo.

Ich vor dem National Centre for Traslation in Cairo.

 

Immer wieder kamen wir auf die Frage, warum kaum ein deutscher Verlag Mut und Lust hat, sich diesem Teil der Welt zu widmen. Freilich gibt es den sehr engagierten kleinen Lenos Verlag, und eben den schweizer Unionsverlag, die bereits seit Jahrzehnten vorbildliche Arbeit leisten, aber warum schafft es so selten ein guter arabischer Roman ins Programm eines Mainstreamverlages? Sind deutsche Leser wirklich so wenig interessiert? Sind die Geschichten dann doch zu fremd, zu weit weg? Liegt es an den Übersetzungen? Warum sind so viele zeitgenössische, auch wirklich gute Titel zwar in englischer, französischer und vermehrt auch italienischer Übersetzung erhältlich, während man als Übersetzer bei den deutschen Verlagen nach wie vor gegen Wände rennt?
Was meint ihr?

Wir konnten es uns auch nicht erklären … Vielleicht wisst ihr als Leser ja mehr als wir … Dann weiht uns bitte ein!

So oder so – für mich war es eine großartige Woche, in der ich viel gelernt habe, und trotz aller grau-schwarzen Prognosen in Sachen arabischer Literatur in Deutschland nehme ich viel neue Lust und Motivation mit an den heimischen Schreibtisch. Und so als ganz persönlichen Schlusssatz – Danke, liebe Leute, Kollegen, Organisatoren, Ermöglicher!! Es war super!

In diesem Sinne: Leute, lest mehr arabische Romane, Gedichte, Theaterstücke!