Vor ein paar Wochen hatte ich noch einmal kurz über Manal Al-Sharif geschrieben, und darüber, dass die Aktion „Women 2 Drive“ ins Stocken geraten und die Facebook-Seite von Manal Al-Sharif etwas stiller geworden zu scheint. Und prompt erscheint Manal Al-Sharif in ganz großem Rahmen wieder in der Öffentlichkeit. Im Nachhinein war die zeitweise Verstummung wahrscheinlich dem Ramadan zuzuschreiben, wo die Leute sich eher zurück ziehen, Zeit mit der Familie verbringen, usw.

Jedenfalls – Am Sonntag trat Manal in der saudischen (!) TV-Sendung Eda’at auf, wo sie fast eine Stunde lang dem Moderator Turki Al-Dakheel von der Initiative, von ihrer Verhaftung und ihrer Hoffnung für die Zukunft der Frauen in Saudi Arabien erzählt. Es ist ihr erstes Interview überhaupt.

Das Interview ist zu lang, es hier komplett zu übersetzen, daher hier nur eine kurze Zusammenfassung.

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Nachdem vor ca zwei Monaten die Kampagne „Women 2 Drive“ in Saudi Arabien ins Leben gerufen wurde, und kurz darauf ihre Initiatorin Manal AlSharif für mehrere Tage in Haft blieb, ist es still geworden um die Kampagne und die Frage, ob Frauen nun fahren dürfen oder nicht.

Manal AlSharif selbst scheint nach ihrer Haft eher verhalten, äußert sich nicht mehr öffentlich zu dem Thema und betont nur immer wieder, dass sie nie jemanden habe verletzen wollen. Andererseits hört man aus Saudi Arabien selbst immer wieder, dass immer wieder einzelne Frauen hinter’m Steuer gesehen werden, und dass ihnen – erfreulicherweise – kaum jemand negative Beachtung schenkt.

Vielleicht ist das der Weg – die sanfte Veränderung, sodass sich die Öffentlichkeit langsam an das Bild gewöhnen kann. Ich sage: Ran an’s Steuer, meine Damen, und zeigt’s den Posern in ihren Audis 🙂

Die gute Nachricht zuerst. Nach neun Tagen Gefängnis ist die Saudi-Araberin Manal Al-Sharif wieder auf freiem Fuße. Die Bedingungen ihrer Freilassung sind allerdings unklar.

Im Internet kursiert ein Statement, angeblich von Al-Sharif selbst heraus gegeben, das ihre Freilassung kommentiert. Darin bedankt sie sich in erster Linie bei König Abdallah und den Imamen der Zwei Heiligen Stätten für die Entscheidung, sie aus der Haft zu entlassen, entschuldigt sich dafür. dass ihre Motive missverstanden worden seien (sie habe sich nie als etwas anderes verstanden als eine treue Bürgerin Saudi Arabiens und als gläubige Muslimin), und lässt im Unklaren, inwieweit sie sich nun weiter für das Recht der Frauen im Königreich, sich selbst hinter’s Steuer zu setzen engagieren wird.

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Inzwischen haben auch die deutschen Medien das Thema aufgenommen und berichten von der jungen Frau, die in Saudi Arabien in Haft sitzt, weil sie Auto fuhr; die Tagesschau, die Zeit und der österreichische Standard brachten heute Beiträge dazu. Auch Amnesty International hat den Fall verurteilt.

Über den Verbleib vom AlSharif ist bislang nichts bekannt, vermutlich sitzt sie noch in Haft. Ihr Anwalt, Adnan Saleh hat sich bisher nicht öffentlich geäußert. Doch die Welle hat sich in Bewegung gesetzt, keine Frage! Es bleibt zu hoffen, dass all die öffentliche Aufmerksamkeit Manal nutzt, und nicht am Ende noch schadet!

 

Vor ungefähr einer Woche habe ich diesen Beitrag hier bei Jadaliyya, dem großartigen Onlinemagazine zum Thema Nahost, gefunden; ein Aufruf an die Frauen in Saudi Arabien, sich gegen das Fahrverbot für Frauen im Königreich zu wehren, und sich am 17. Juni hinter’s Steuer zu setzen.

Der Aufruf stammte von einer Kampagne um Manal Alsharif, eine junge Saudi, die den Stein ins Rollen gebracht, den Aufruf bei Youtube gestartet und die entsprechende Facebook-Gruppe gegründet hatte.

Der Aufruf betont, dass es im saudischen Gesetz und im Koran keinerlei Basis für ein Fahrverbot für Frauen gibt, und dass es im Lande viele Frauen gibt, die sich einen kostspieligen Fahrer oder Taxifahrten nicht leisten können. Wegen der gesetzlich festgelegten Geschlechtertrennung sind Frauen auch von der Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs ausgeschlossen. „Toll“, dachte ich, „mal sehen, ob das klappt“; ihr werdet euch erinnern, dass ich vor einiger Zeit hier schon mal was über die Frauen und ihre Einstellung zum Autofahren geschrieben habe.

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Vor einer Weile hatte ich hier bereits meine persönliche Einschätzung zum revolutionären Potenzial in Saudi Arabien aufgeschrieben.

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es in Saudi Arabien zumindest in absehbarer Zeit nicht zu ähnlichen Bewegungen und Ausschreitungen wie in Bahrein, Libyen oder Ägypten kommen wird, auch weil der saudische König vor einigen Tagen bereits das zweite Wohltätigkeitspaket in Milliardenhöhe unter sein Volk gebracht hat. Damit sollen Löhne aufgestockt, Sozialleistungen wie Arbeitslosen- und Wohngeld, Studiengebühren, Versicherungen und vieles mehr bezahlt werden.

Die Saudis reagieren im Allgemeinen gut und wohlwollend auf diese Bemühungen des Königshauses, wie unter anderem die bekannte Bloggerin Sabria Jawhar schreibt. Nichts desto trotz, so ist Sabrias Blog wie auch anderen Quellen zu entnehmen ist, werden Forderungen nach echten Reformen im Königreich immer lauter. Man muss wissen, dass dies die saudische Protestkultur ist. „Protest“ besteht darin, dass man dem Staatsoberhaupt Briefe schreibt und seine konkreten Wünsche und Vorstellungen zur Verbesserung der Situation im Lande formuliert. Es passt nicht in die Mentalität und das Selbstverständnis der Saudis, ihren sehr respektierten König zum Abtreten aufzufordern. Sie möchten MIT ihm arbeiten, nicht gegen ihn.

So auch die junge Journalistin Mona Kareem, die vor einigen Tagen eine „Revolutionserklärung der Frauen Saudi-Arabiens“ formuliert hat. Neben Arabisch, Englisch und Französisch kann man die Erklärung hier auch auf Deutsch lesen. Am Ende ihres Artikels schreibt Bloggerin Eman Fahad, typisch für einen Saudi, dass sie sich keine Sorgen um ihr Land mache. Mit einer Bevölkerung, in der 40% unter 20 sind und im medialen Zeitalter aufwachsen, und einer breiten und gut vernetzten Expatgemeinde sei echte Veränderung nur eine Frage der Zeit. Für mich persönlich drückt dieser Satz all das aus, was ich von Saudis kenne und was ich an ihnen so mag: sie vertrauen. Und haben Hoffnung. Inshallah.

In einem mal wieder wunderbaren Artikel beschreibt Robert Fisk das, was derzeit im Nahen Osten vor sich geht, als die erschütterndste, lebhafteste und gleichzeitig (für den Außenstehenden) lähmendste Zeit seit dem Osmanischen Reich. „Schock und Ehrfurcht“ seien die richtigen Worte, meint er.

Und neben den inzwischen seit Wochen anhaltenden revolutionären Bewegungen und Unruhen blickt Fisk in seinem Text auch auf Saudi Arabien. Ich selbst schaue auch nach Saudi Arabien. Da lebt meine arabische Familie, Onkel, Tanten, jede Menge Cousinen und Cousins, mit vielen haben wir engen Kontakt.Und ich bin wirklich furchtbar neugierig, was sie dort von den Ereignissen in Nahost (Fußnote: Lieber Spiegel Online, ES GIBT KEIN LAND, DAS ARABIEN HEISST!!!! Das ist der Nahe Osten!! Ich wäre sehr dankbar, wenn man im 21. Jahrhundert nicht mehr über diese orientalistischen Termini stolpern würde. Danke.) – also, von den Ereignissen in Nahost halten, was sie davon überhaupt mitbekommen, wie die Weltlage überhaupt dort rezipiert wird.

Aber mit Saudis über Politik reden, das ist schwer. Zum einen natürlich, weil in einem Land, in dem eine absolute Monarchie regiert, auch strengste Zensur und damit keinerlei Debattenkultur herrscht. Denn Diskutieren will ja auch gelernt sein. Unterhaltungen über Themen wie zum Beispiel das Fahrverbot für Frauen verlaufen dann meistens so:

Ich: „Aber wieso dürfen Frauen denn bei euch immer noch nicht Auto fahren?“
Cousine: „Das steht so im Gesetz. Sie wollten es schon vor einer Weile ändern, aber bis jetzt ist noch nichts passiert.“
Ich (schon leicht rot angelaufen): „Aber das geht doch nicht! Da müsst ihr doch was gegen unternehmen! Aus welchem Grund sollten Frauen nicht fahren dürfen?!“
Cousine (stoisch): „Vielleicht ändern sie es ja dieses Jahr.“

Und so wird es jedem gehen, der einmal versucht hat, mit einem Saudi über soziale oder politische Gegebenheiten in dem Land zu diskutieren. Stoisch wird mit den Schultern gezuckt (stoisch, oder doch phlegmatisch …), nein, es ist besser, wenn man sich nicht einmischt, das bringt nur Unbequemes mit sich. Außerdem, und das darf man natürlich nicht außer acht lassen, darf man ja seine Meinung gar nicht sagen. Auf freie öffentliche Meinungsäußerung stehen Geld- und Gefängnisstrafen.

Und bequem hat es trotz eiserner Monarchie ein Großteil der Bevölkerung noch immer. Dem sehr beliebten König Abdallah gelingt es (noch), durch sein Weihnachtsmann-Regime mittels Geld zumindest provisorisch die Wunden der saudischen Gesellschaft zu verarzten. Erst in der vergangenen Woche hat der König nach dreimonatiger Abwesenheit wegen medizinischer Behandlung in den USA sein Volk anlässlich seiner Rückkehr mit einer ziemlich großen Summe bedacht. „Ein Geschenk an das Volk“ sei das, und solle soziale Maßnahmen wie zum Beispiel Arbeitslosenversorgung, Wohnungsbau und Ausbildung investiert werden.

Doch unter der Oberfläche brodelt es schon seit einer Weile. Bevölkerungswachstum und damit einhergehende Arbeitslosigkeit und Armut gehen auch an einem der reichsten Länder der Erde nicht vorbei. Erst vor wenigen Wochen haben hunderte Männer still in der Hauptstadt Riyadh protestiert. Denn 2011 ist schon das zweite Jahr in Folge, in dem das ganze Land durch massive Regenfälle nahezu zum Stillstand gekommen ist. Mangelnde Bauweisen und eine nahezu nicht vorhandene Kanalisation führten zu schlimmen Überschwemmungen und Schäden an Häusern und Straßen. Menschen konnten nicht zur Arbeit oder aus ihren Büros, Schulen oder Universitäten, sie übernachteten tagelang in Hörsälen und Krankenhäusern. Nachdem die Überschwemmungen schon im letzten Jahr mehrere Tote gefordert haben, hatte das Königshaus zugesagt, in Straßen- und Kanalbau zu investieren und Schäden zu beheben. Es geschah nichts, und die Szenen von 2010 wiederholten sich.Sowohl westliche und arabische Journalisten wie auch Blogger aus Saudi Arabien selbst fragen sich, wie groß das revolutionäre Potential im Magischen Königreich wirklich ist, und wirken allesamt unsicher. Klar scheint allen zu sein, dass das Erdbeben, das den Nahen Osten erfasst hat, auch an Saudi Arabien nicht spurlos vorbei gehen kann und wird. Doch eine so wuchtige „Thaura“ wie in Ägypten, die erwartet wohl keiner auf den Straßen von Jeddah oder Riyadh. Doch das Königreich ist zu komplex, zu kompliziert sind die Machtstrukturen des Hauses Sauds mit dem Rest der Welt, als dass sich eine halbwegs zuverlässige Prognose abgeben ließe.

Natürlich spielt Öl eine große Rolle, und Amerika und Europa und allerlei internationale diplomatische Verstrickungen. Davon verstehe ich aber nicht viel, vor allem nicht von Öl. Aber ich weiß, dass die Saudis ihren König im Allgemeinen und diesen König im Besonderen sehr respektieren und auch verehren. Das Volk ist konservativ, nicht nur was seine Auslegung des Islam angeht, sondern auch und vor allem in seinen Werten und Vorstellungen. Sie halten den König für weise und für den Mann, der schon am besten wissen wird, was gut ist für sein Volk. Viele fürchten, wer oder was auf den sehr modern eingestellten Abdallah folgen wird. Und so lange noch genug Geld für die ein oder andere Finanzspritze da ist, werden sich wohl die kleineren Proteste schnell zum Schweigen bringen lassen.

Schwierig wird es erst, wenn das mal nicht mehr geht, oder wenn der über 80-jährige König einem vielleicht weniger großzügigen Herrscher Platz machen muss.Sollte Abdallah nicht jetzt schon, im Zuge dieses Panarabischen Frühlings, anfangen, sein junges Volk (über 40% sind unter Dreißig) in Richtung Demokratie zu erziehen? Könnte man als erste Maßnahmen die Zensur lockern, öffentliche Debatten erlauben und sogar fördern, ebenso wie die Formierung von politischen Parteien erlauben, sodass, wenn es – in vermutlich nicht allzu ferner Zukunft – zu einem Wechsel an der Spitze des Königreiches kommt, das Volk umgehen kann mit einer vielleicht etwas längeren Leine? Oder sind diese Ideen und Ansätze zu humanistisch, zu demokratisch? Wann weiß man, wann ein Volk reif ist für Demokratie? Bei uns hat es mehr als hundert Jahre gebraucht von den ersten Ansätzen bis zu einer voll funktionsfähigen Republik.

Was zur Zeit im Nahen Osten vor sich geht, ist vermutlich die spannendste, weitreichendste politische Entwicklung seit dem Ende des kalten Krieges. Was seit ein paar Wochen in Nordafrika und im arabischen Mittelmeerraum geschieht, wird die Welt verändern, das ist inzwischen keine Neuigkeit mehr. Dass Saudi Arabien dabei eine zentrale Rolle spielen wird, auch nicht. Umso spannender wird es sein, sich weitreichender und tiefer mit diesem seltsamen, geheimnisvollen Wüstenreich zu beschäftigen.

Als (zugegeben sehr weiten) Bogen kann ich hier allen Interessierten noch einmal Robert Fisk ans Herz legen, und sein Opus Magnum, „The great war for civilisation“, dass es leider und wie ich finde, völlig unverständlicherweise bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Vielleicht sollte ich mich mal an die Arbeit machen ….

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