Ach, was soll’s, dann sag ich halt doch was zum Thema Heimatministerium.

Kürzlich bekam ich eine Anfrage, als Talkgast an einer TV-Sendung teilzunehmen. Es war eine große Sendung in den Öffentlich-Rechtlichen. Thema sollte grob „Heimat“ sein. Na gut, dachte ich, höre ich mal, was die sich so vorstellen, und welche Rolle sie für mich vorgesehen hatten. 

Es kam zu einem recht langen Vorgespräch am Telefon mit der Redakteurin. Durch die Blume wurde recht schnell klar, dass ich mal wieder das Migratenmaskottchen geben sollte. Was ich denn von der Debatte um das Heimatministerium halte, und von der Islamdebatte. Ich hab genervt die Augen verdreht, ein bisschen gegähnt und ungefähr sowas gesagt:

„Das Konzept eines Heimatministeriums ist anachronistischer Schwachsinn und dumpfer Stimmenfang bei Altnazis. Leider ist das so stumpf, dass das selbst der dümmste Nazi durchschaut. Ein Heimatministerium passt nicht in eine globalisierte Welt, wo wir alle permanent in Bewegung sind. Die ganze Debatte ist ein bescheuertes weißes Rauschen, bei der auf Pawlow’sche Reflexe gesetzt wird. Diese vermeintliche Islamdebatte ist genauso bescheuert. Entweder respektieren wir das Grundgesetz und die darin verankerte Religionsfreiheit, oder nicht. Und überhaupt – was sollen diese beknackten Diskussionen, wenn es in der Pflege, in der Bildung und überhaupt überall an Ressourcen und Lösungsansätzen fehlt und ich mir in Hamburg keine größere Wohnung leisten kann, obwohl ich gut verdiene? Mich langweilt das alles.“

Zwei Tage später wurde ich per Mail wieder ausgeladen aus der Sendung.

Ob das jetzt mit dem Vorgespräch zu tun hatte oder nicht, lasse ich mal dahin gestellt. Vielleicht haben sie ein geeignetes Migrantenmaskottchen gefunden, womöglich mit Kopftuch, oder vielleicht haben sie sich einfach was anderes vorgestellt. Wer weiß das schon.

Jedenfalls – falls sich jemand nochmal dafür interessiert, wie ich zu den aktuellen „Debatten“ stehe, kann er das hier nachlesen. Ich stehe als Migrantenmaskottchen nicht mehr zur Verfügung, und ich kümmere mich jetzt um interessantere Sachen! 

 

 

 

 

Das Beste, was man sich dieser Tage tun kann, ist, sich das hier ein, zwei, dreimal anzuschauen. „Man zahlt teuer für die Freiheit.“ Frohe Ostern, zusammen! 

 

Happy women’s day  mit Mona Haydar und einem der top 25 feminist anthems 2017.

Dies ist die Geschichte, wie ich einmal mit 25 Nazis nach Budapest und wieder zurück flog. Have a pleasant flight. 

Sie fallen schon am Gate auf, an diesem sonnigen Wintermorgen am Hamburger Flughafen. Circa 25 Männer, alle so zwischen 20 und 50, die meisten von ihnen mit kahl geschorenem Kopf, andere mit schnittiger HJ-Frisur, die inzwischen auch die Hipster für sich entdeckt haben, Tattoos auf den Armen, lugen aus den Ausschnitten ihrer Pullover hervor, kriechen die rasierten Nacken hoch, zieren die klobigen Knöchel der Hände. Runen, Blitze, 88, Dreispitze, Keltenkreuze. Sie tragen Carmouflage, einige von ihnen Springerstiefel, die obligatorischen Thor Steinar Pullis, die meisten schleppen dicke Siegelringe an den Fingern. Subtil ist anders. Sie gehören nicht alle zusammen, soweit ich das beobachten kann, schön ans äußere Ende meiner Sitzreihe gequetscht, mit meinem Buch und meinem Unwohlsein. Es sind kleinere und größere Grüppchen, mal zu zweit, mal zu viert, teilweise auch Paare. Ja, auch Frauen. 

Es sind zu viele, als dass das ein Zufall sein könnte. Auch, weil sie so eindeutig nicht zusammen gehören. Außer, dass sie zusammen gehören, mit ihren Codes und ihrem Menschenhass. Ich schaue die anderen Passagiere an, die zusammen mit mir und unseren tätowierten Freunden darauf warten, den Flieger nach Budapest zu besteigen. Einige scheinen von den illustren Mitreisenden gar keine Notiz zu nehmen, andere beäugen sie leicht angewidert und schauen dann auf den Boden. Was mag da los sein, und warum wollen die Nazis heute alle nach Budapest?

Im Flieger wird es dann ziemlich eng, nicht nur wegen der ziemlich vollen Maschine. Die Männer sitzen nicht alle zusammen, auch die, die gemeinsam reisen, sind verteilt über das gesamte Flugzeug und kaum dass die Anschnallzeichen erloschen sind, kommen zwei von ihnen in die Mitte, gesellen sich zu ihren Kumpels, die eine Reihe vor mir sitzen. Ich versuche weiter, mich auf mein Buch zu konzentrieren, aber die körperliche Präsenz des Typen mit dem ziemlich schlecht übertätowierten Hakenkreuz im Nacken, keine 2 Meter vor mir, macht es mir ziemlich schwer, mich mit Literatur zu beschäftigen. Also lausche ich. Es wird der Kurs von Euro zum Forint diskutiert, Bierpreise, und wie billig man Fleischplatten essen kann in Ungarn. Nebenbei immer wieder Sprüche wie „Mit Vorwärts kennen wir uns ja aus“. Lautes Gelächter. „Hast du gesehen, Merkel, und ihre Scheiße mit der bunten Gesellschaft!“ Lautes Gegröle. Subtil ist anders. 

In Budapest trennen sich unsere Wege zum Glück dann schnell. Trotzdem bleibt die Frage, was die wohl alle hier wollen, an diesem Wochenende. 
Am Abend treffe ich Freunde. Die aus der bunten Gesellschaft – zwei Brasilianer aus Berlin, einen Schweden aus Österreich, und zusammen besuchen wir eine ungarische Freundin. Dort erzähle ich dann von der komischen Fracht meines Eurowings Fluges. Der Gastgeberin geht sofort ein Licht auf. „Ah, warte mal“, sagt sie, und googlet. „Ah, tatsächlich!“ Und so werden wir alle aufgeklärt: Am 11. Februar begehen die Nazis in Ungarn den sogenannten „Tag der Ehre“ (Ja, genau. Igitt). So wie andere zum Hurricane oder zum Melt pilgern, pilgern Nazis aus ganz Europa nach Budapest und feiern alte Nazis mit neuen Nazis für ihr Nazitum. „Igitt“, sage ich immer wieder. Der österreichische Schwede hält eine flammende Rede auf die Demokratie, und dass Schweden da ja unvergleichlich sei. Der Brasilianer widerspricht, ich erzähle vom neuen deutschen Heimatministerium, und so vergeht der Abend, mit Wein und gutem Essen und irgendwann habe ich die Nazis auch vergessen. 

Am nächsten Tag spazieren wir alle zusammen durch die Stadt. Politik bleibt auch an diesem Tag Thema Nummer eins, unsere ungarische Gastgeberin zeigt uns die breit über die Stadt gepflasterte Anti- George Soros-Kampagne, und ein ziemlich übles Denkmal, mitten in der Stadt. Irgendwie sind doch alle verrückt geworden in Europa. 

Als wir am späten Nachmittag vom Burgpalast wieder hinunter in Richtung Stadt schlendern, hören wir sie dann wieder. Laute Sprechchöre durch Megaphone, überall Polizeiwagen und die passenden Polizisten. Auf einer Brücke über uns hat sich eine kleine Antifa-Gruppe positioniert, lässt Fahnen wehen und skandiert eigene Sprechchöre. Als wir unter der Brücke hindurch laufen, fallen wir quasi direkt in sie hinein – meine „Freunde“ aus dem Flugzeug, die inzwischen noch andere Freunde getroffen haben – man hört Italienisch, Deutsch, Polnisch und auch Schwedisch. Die Präsenz ist – obgleich die Gruppe eher zerstreut wirkt – erdrückend. Glatzen, Springerstiefel und höhnisches Gelächter, Mittelfinger in Richtung Antifa und Polizei, einige singen irgendwas, und ich möchte am liebsten auf die Straße kotzen.  

 

An dem Nachmittag dauert es eine Weile, bis ich mich wieder erholt habe von der Begegnung. Zum Glück steht für uns ein Besuch in einem Jazzclub an, wir sehen ein absolut fantastisches Konzert und ich weiß wieder, warum Kunst so heilsam ist. 

Meine letzte Befürchtung nun – ob die Glatzen wohl alle am Montag auch wieder mit mir zurück nach Hamburg fliegen … Und ja, natürlich sind sie auch am Montag wieder da. Der Flieger ist diesmal kaum halb voll, weshalb sie diesmal noch mehr auffallen als vorher. Die Grüppchen, die sich noch am Freitag in Hamburg nicht kannten, grüßen sich jetzt freundlich, sitzen zusammen, tauschen Geschichten aus. Man zeigt sich, was man alles Schöne gekauft hat – neue Siegelringe, neue T-Shirts mit eindeutigen Zeichen, einer hat sogar einen Stahlhelm in einer Souveniertüte dabei. So sieht also Nazitourismus aus. Schon ziemlich verrückt, dass sie sich wohl stark genug fühlen, sich nicht einmal mehr verstecken zu müssen.

 

Ein letztes Stoßgebet – „Bitte, mach, dass ich nicht auch noch neben so einem sitzen muss im Flieger“, das Pärchen hinter mir in der Schlange fragt mich, ob ich auch auf dem Hinflug schon das Vergnügen hatte, ja, wir seufzen uns gegenseitig zu, bestätigen uns in unserem Ekel. 

Meine Verbindung zur göttlichen Abteilung scheint durch die fiese braune Energie gestört zu sein, neben mir – zum Glück mit einem leeren Platz dazwischen, sitzt ein glatzköpfiger Schrank und ich klopfe mir nach 100 Minuten Flug innerlich für meine Selbstbeherrschung auf die Schulter, dass ich ihm nicht auf den Schoß gekotzt habe. Stattdessen habe ich aus dem Fenster gestarrt und das Hörbuch zu „Why I’m no longer talking to white people about race“ von Reni Eddo Lodge gehört. Schien mir irgendwie passend.

Beim Verlassen des Terminals in Hamburg spreche ich dann noch schnell die Zollbeamtin an, sage, dass da so eine Gruppe mit im Flieger war, die sich ziemlich eindeutig verfassungsfeindlich und volksverhetzend geäußert haben, die kämen gleich hier auch vorbei, vielleicht wolle sie sich die mal näher anschauen. Ob sie’s getan hat, weiß ich nicht, ich muss raus, eine Zigarette rauchen.

In der S-Bahn nach Hause schließlich entspanne ich mich zum ersten Mal. Mir gegenüber sitzt ein ägyptisches Pärchen, neben mir eine Frau aus Indonesien, die Bahn ist voll mit Menschen aller Hautfarben, viele Sprachen werden gesprochen. Ich kann endlich wieder atmen. Normale Welt. Da kommt mir ein Gedanke – so, wie ich mich in dieser Nazi-Airline gefühlt habe, fühlen diese erbärmlichen Typen sich wahrscheinlich jeden Tag in der S-Bahn, und plötzlich habe ich fast ein kleines Bisschen Mitleid mit ihnen. Aber nur fast, und auch nur ein bisschen. 

Trotzdem bin ich ausnahmsweise mal froh, am Nachmittag in meinem friedlich-gentrifizierten Viertel anzukommen, wo die Sonne lacht und ich mir nun ein Curry und ein paar Samosas beim Inder meines Vertrauens bestellen werde. 

… ja, so, SO stolz …

Wenn ich in den letzten zwei Jahren oft gedacht habe, es kann nicht mehr besser werden, und wenn ich wirklich oft sehr emotional und sehr bewegt war über den Erfolg von „Längst Woanders“ – so übertrifft dies nun noch einmal alles.

Diese Woche ist die arabische Übersetzung meines Buches erschienen. Als ich die Fahnen zur Freigabe bekommen und gelesen habe, kamen mir, und ich schäme mich nicht, das zuzugeben, wirklich die Tränen. Mein Text, in einer Sprache, die ich eigentlich schreiben können könnte, wenn mein Leben anders verlaufen wäre, und die meiner ganzen, großen Familie nun endlich die Möglichkeit gibt, zu lesen, was ich geschrieben habe. Übersetzung ist ein Wunder, Übersetzung ist eine Kunst, die viel zu wenig gewürdigt wird, und ohne Übersetzungen bleibt so vielen Menschen auf der Welt Literatur vorenthalten. 

Deshalb bedanke ich mich hiermit nicht nur bei meinem arabischen Verlag, Al-Arabi-Publishing, sondern auch bei meinem Übersetzer, Mohamed Al-Sayed, für all die Arbeit, und das Vertrauen in den Text! Tausend Dank, ihr habt mir einen Traum erfüllt.

Bestellen kann man das arabische e-book hier – oder aber beim Verlag selbst hier das gedruckte Buch. Und aussehen tut es so: 

Arabische Übersetzung

Rasha Khayat, übersetzt

Ich war im Sudan, und das war so …

Eine der letzten Begegnungen, kurz vor meiner Abreise, mitten in der Nacht am Flugahfen sah so aus: Ich betrete den Abflugterminal und sofort nimmt mir ein junger Mann den Koffer ab, begleitet mich zum Check-In und stellt den Koffer auf die Waage. Als ich ihm einen 50 Pfund-Schein in die Hand drücke (umgerechnet ungefähr fünf Euro), da ich kein Kleingeld mehr hatte, kramt er in seiner Tasche und gibt mir 30 Pfund Wechselgeld. Ich protestiere und sage: „Nein, nein, ist schon in Ordnung!“, aber er protestiert noch lauter. Es kostet halt nur 20 Pfund, und mehr will er auch nicht haben, selbst von einer Europäerin nicht.

Das mag für den einen oder anderen vielleicht komisch klingen, aber so eine Art von Korrektheit – altmodisch würde man es vielleicht „Redlichkeit“ nennen – habe ich bislang auf keiner meiner Reisen erlebt. Damit will ich nicht sagen, dass ich mich sonst abzocken lasse, aber ich habe auch noch nie Wechselgeld für mein „Bakhshish“ bekommen, in keinem Land der Welt.

Ich bin in Khartoum, um mit jungen Autoren zu arbeiten. An der Universität und im Goethe Institut. Und um die Arabische Übersetzung meines Romans vorzustellen. Es ist eine Woche, die wie im Rausch vergeht, so dicht ist das Programm, so intensiv die Eindrücke. Zum ersten Mal in meinem Leben gebe ich Interviews auf Arabisch und muss erkennen, dass die Sprache, die ich eigentlich beherrschen sollte, mir den Dienst versagt, wenn ich über etwas anderes reden soll als über die Familie, das Wetter oder das Essen (was in meiner Familie meist als Gesprächsstoff ausreicht). Überhaupt ist es eine Woche der Ersten Male.

Seminar an der Ahfad Uni

 

Zum ersten Mal stehe ich in einem Hörsaal vor Studentinnen und soll ihnen etwas über Creative Writing beibringen. Die Studentinnen besuchen die Ahfad Universität für Frauen in Umdurman, eine Universität, die bereits 1966 gegründet wurde, um Frauen Bildung und Gleichberechtigung zu ermöglichen. Die jungen Frauen in „meinem“ Hörsaal studieren alle Medizin, Jura, Ingenieurwesen oder Informationstechnik. Trotzdem haben sie sich alle eingetragen, ein Seminar für Creative Writing bei einer deutschen Autorin mitzumachen. Wir reden über Figurengestaltung und die Rolle von Literatur als gesellschaftlicher Spiegel, ich lasse die Studentinnen Figuren entwickeln und vor der Gruppe vorstellen – da wird eine weibliche Figur beschrieben, die mit 15 vergewaltigt wird und wegen ihrer streng gläubigen Eltern austragen muss. Eine männliche Figur zieht gegen seinen Willen in den Krieg und kommt traumatisiert zurück. Eine weitere weibliche Figur hat Angstzustände und wird medikamentenabhängig. Die Geschichten, die aus diesen Figuren entstehen, sind noch trauriger als die gezeichneten Figuren selbst, und dennoch ohne Selbstmitleid, ohne Opferpose oder Larmoyanz erzählt. Ich bin so stolz auf meine jungen Studentinnen und gleichzeitig zutiefst berührt von ihrer Offenheit und Energie und schäme mich plötzlich für die Masse an westlicher Gegenwartsliteratur die gefühlt nur als millenialem Ennui besteht. Am liebsten würde ich bleiben und ein Semester lang mit diesen jungen Autorinnen arbeiten.

Später, ich bin noch immer völlig ergriffen von dem Tag an der Ahfad, erzählt mir eine junge Frau, dass die Ahfad-Frauen etwas ganz Besonderes sind, und dass man sie auch in höherem Alter noch auf 500 Metern Entfernung auf der Straße erkennen kann. „Sie sind selbstbewusster und kämpferischer als die meisten anderen Frauen, nicht nur im Sudan“, sagt sie. 

Interview im Radio

Am Abend der Lesung aus der Arabischen Übersetzung kommen fast 150 Leute ins Goethe Institut. Die Fragerunde am Schluss dauert fast zwei Stunden, selten habe ich in Lesungen so viele gute Fragen gestellt bekommen – kluge Fragen, literarische Fragen, einige auch politisch, aber nicht ein einziges Mal den üblich-deutschen „Warum sind Sie so gut integriert und wie autobiographisch ist Ihr Werk?“-Mist. Die Besucher sind zu 80% unter 30, es sind junge Frauen, junge Männer, alle gemischt, am Ende werden Selfies gemacht und Facebook-Kontakte getauscht, sie erzählen mir alle von ihrer Arbeit, die einen schreiben, die anderen machen Musik, andere wiederum unterrichten selbst, sind Ingenieure oder Journalisten, aber alle sind interessiert, ehrlich interessiert, warm und herzlich – und ja, auch das ist ein Klischee, aber was soll man machen, wenn’s einfach so ist.

Lesung im Institut

 

 

Am letzten Tag bekomme ich dann noch die Stadt gezeigt und gewissermaßen einen Backstage-Pass für Khartoum, wie das so ist, wenn man mit Locals unterwegs ist. Wieder fällt auf – niemand will Bakhshish, weder der Junge, der im Souk den Parkplatz bewacht, noch der Guide im Nationalmuseum. Im Souk werde ich weder schräg angeschaut noch belagert, und mein Begleiter versichert mir, das habe nichts mit ihm zu tun, so sei das hier einfach. Und ich glaube ihm das sogar. Ich bin weit und breit die einzige weiße Frau, in Begleitung eines Sudanesen, und keinen interessiert’s so richtig. Niemand will mir Ramsch verkaufen, meine Gewürze und meinen Kaffee bekomme ich zum üblichen Ladenpreis. 

Im sudanesischen Frühstücksfernsehen

Später beim Essen sagt mein Begleiter dann ein bisschen kopfschüttelnd zu mir: „Du bist aber keiner richtige Deutsche, du hast zu viel arabisches Blut“, und wie aus der Pistole geschossen sage ich: „Danke!“

Ich weiß, dass das nicht so ganz stimmt, ich bin schon sehr deutsch, und eigentlich auch immer beleidigt, wenn man mir sagt, ich sei keine richtige Deutsche. Aber aus dem Mund eines Sudanesen klingt das plötzlich wie ein Kompliment und ich muss zugeben – irgendwas ist da schon dran.

Khartoum hat ein Stückchen meines Herzens gestohlen, das muss ich sagen. Auch wenn’s meine wahre Liebe – Kairo – nie vom Treppchen schmeißen wird (trotz Ramsch und Bakhshish – ich bleib‘ der „Umm al Dunya“ treu…). Trotzdem ist meine Sehnsucht jetzt auch wieder größer. Schön und spanned, aufregend und aufwühlend, eine Woche in der ich gelernt habe, dass mein Gehirn auch in drei Sprachen gleichzeitig funktioniert, dass man auch an den unwahrscheinlichsten Orten eine verwandte Seele treffen kann, und dass Leimoon & Na’naa einfach das beste Getränk der Welt bleibt. Und der Nil flüstert zum Abschied leise: „Komm schnell wieder, Rasha!“

Nur ein kleiner Gruß für euch, aus New York.

Ich habe grad das große Glück und die Ehre, Stipendiatin am berühmten Ledig House des OMI International Arts Center in New York zu sein. Es ist wundervoll, wir schreiben, tauschen uns aus, wandern über Felder und Wiesen und produzieren hoffentlich neue, tolle Dinge. Und am Wochenende haben wir vorgelesen. Das sah so aus: 

Lesung in New York

Lesung in New York

Bald ist es soweit, Bundestagswahl. Aber keine Angst, die Welt wird sich auch am Montag noch weiter drehen. 

In einer Woche wählen wir. Aller Wahrscheinlichkeit wird Angela Merkel noch einmal Kanzlerin, ein bisschen fühlt es sich an wie Bundesliga in den letzten Jahren, man schaut vielmehr auf die Champions League-Plätze, Meister wird ja sowieso Bayern.

Und genau da geht’s schon los. Die AfD steigt in die Champions League auf. Aktuelle Umfragen sehen die gut beanzugten Nazis als drittstärkste Kraft in den Bundestag einziehen, und ich gebe zu, jedesmal, wenn ich darüber nachdenke, möchte ich kotzen. 

Seit Wochen geht es in sämtlichen Medien gefühlt nur noch darum – um das Sich-distanzieren, um das vermeintliche Demontieren, ums Anfeuern und Zurückfeuern mit den fröhlichen Rechten. Mann, Mann, Mann, die feiern bestimmt täglich mit viel Schampus, so viel Aufmerksamkeit, wie die im Moment bekommen. Wenn sie bis vor Kurzem noch zumindest unter 10 Prozent lagen – spätestens seit der kostenlosen breit aufgestellten Medienkampagne fühlt sich auch der letzte unentschlossene, verrostete Rückwärtsgewandte auch ermutigt, bei Goebbels, äh, Gauland sein Kreuz zu machen. Immerhin sind die jetzt richtiger Mainstream, das Dschungelcamp, GNTM oder Nickleback unter den Parteien. 

Egal. Wir können das jetzt nicht mehr verhindern. Es wird passieren, alle werden nächsten Sonntag den Atem anhalten, dann am Abend betroffen gucken, sagen, man „habe das so nicht kommen sehen“, man „müsse die Situation jetzt analysieren“, „sehen, wo die Ziele verfehlt wurden“, aber auch „die Leistung der Mannschaft anerkennen“. Alles wie in der Bundesliga. 

Was wir jetzt alle tun sollten – uns mit dem Gedanken abfinden, dass mindestens 12 Prozent in unserem reichen, satten, wohlständigen, freien Land kein Problem damit haben, eine Partei zu wählen, die offen verfassungsfeindlich agiert und Volksverhetzung betreibt. Und dann sollten wir alle Mittel und Wege finden, die anderen Parteien, unseren Rechtsstaat und uns gegenseitig zu stärken und dabei zu unterstützen, dass wir nicht immer weiter in die braune Spirale rutschen. Wir können uns engagieren, auch und vor allem außerhalb der beschränkten Welt eines Displays oder Bildschirms und in sozialen Medien. Vielleicht mal in der echten Welt mit anpacken. Freiheit ist was, wofür es sich einzusetzen lohnt, sag ich mal. 

Ich selbst habe schon gewählt; was oder wen, verrate ich nicht, aber ich hab brav meine Briefwahl abgeschickt, denn ich sitze grad in der neusten Oligarchie rum, im Trump-Land, und ehrlich: sogar hier ist die Welt noch schön, trotz Apokalypse, und die Menschen – zumindest die, mit denen ich bisher so gesprochen habe – verarbeiten zwar ihren Schock noch, aber sind schon mit bewundernswerter Energie wieder dabei, nach vorn zu schauen und zu gehen. Vielleicht schaffen wir das ja auch. 

Also – auch wenn das Ergebnis wahrscheinlich schon feststeht, Champions League inklusive, geht alle am Sonntag wählen, macht euer Kreuz nicht bei den Anzugnazis und dann schauen wir weiter, Kotztüte und Aspirin in der Hand! 

 

 

Kann nicht mehr atmen, nicht mehr schlafen. Deshalb bin ich abgehauen.

Seit Wochen werden Barrikaden gebaut und Stacheldraht und Zäune umstellen unsere Nachbarschaft. Seit Wochen kreisen Helikopter über unsere Häuser, Polizei wird immer mehr, mit Pferden, Autos, Motorrädern, man fährt durch seine, SEINE Straßen, die man seit Jahren jeden Tag benutzt, wird angehalten, „Tschuldigung, Ihren Ausweis bitte“, ich so: „Äh, ich wohne hier!“, er so: „Tschuldigung, wir kontrollieren jeden!“

Schon Wochen vorher kriegt man kaum mehr Luft, wir werden eingepfercht, hat eigentlich irgendwer gefragt, ob wir damit einverstanden sind? Palästinensischer Check-Point vor meiner Tür, ägyptischer Polizeistaat. Geisterstadt von Staatsgewalt, verrammelte Geschäfte, gespenstisch leere Straßen, keine Autos, kaum Menschen, Stille, Schotten dicht.

Ihr macht alles kaputt, vor allem Ihr, die 20 großen Zwerge, und Ihr, die autonomen Hooligans, wer auch immer ihr seid. Ihr macht uns unser Hamburg kaputt, und alles, wofür es steht. 

Ihr macht alles kaputt, Ihr brennt und schmeißt und zerstört einfach nur. Macht das doch bei euch zu Hause, aber nicht bei uns! Ihr macht alles kaputt, macht, dass nur Bilder von Autos in Flammen, eingeworfenen Fenstern, und plündernden, grölenden Horden bleiben werden. Ihr macht alles kaputt, macht, dass die Welt jetzt so auf uns guckt.

Ihr macht alles kaputt, Ihr, die 20 großen, feigen Zwerge, die ihr währenddessen euer Dinner schmeißt, und dann – die größte Farce – zusammen hört: „Alle Menschen werden Brüder“ – merkt Ihr, wie der Beethoven in seinem Grab rotiert? Ihr macht alles kaputt, mit eurem perversen Machtspiel, und wofür? Für Fotos auf den Titelseiten? Dafür macht Ihr unsere Stadt kaputt? „Alle Menschen werden Brüder“, Trump und Erdogan und Putin, draußen brennt die Stadt. 

Ihr macht alles kaputt, Chaos mit Ansage, 20.000 Polizisten, die bestimmt nicht alle Bock auf Prügeln haben, klar, aber auch Ihr, Ihr 20.000, Ihr habt viel kaputt gemacht. Aggression, Sexismus, Gewalt, und oft ganz ohne Grund. Ich weiß, das ist der beschissenste Job in diesen Tagen, trotzdem, müsstet nicht grad Ihr da Ruhe bewahren und Vorbilder sein? Nein, Ihr habt auch viel kaputt gemacht mit eurem Machtgehabe, „wir sind sowieso am längeren Hebel!“. 

1000 Gestalten

1000 Gestalten

 

Ihr macht alles kaputt, macht, dass die 1000 Gestalten und die 20.000 und Beginner tanzenden Demonstranten vergessen werden, sofort schon vergessen sind, dass Bilder bleiben wie aus einem Bürgerkrieg. Das hat alles nichts mehr mit Politik zu tun, mit Protest oder Demokratie. Ihr alle seid uns allen wenigstens, wenigstens ein „Es tut uns leid!“ schuldig! 

Ich kann nicht atmen, kann nicht schlafen, immer ist mir übel, deswegen bin ich weg. Ihr habt’s geschafft, habt mich erfolgreich vertrieben, zumindest für ein paar Tage. Danke, Ihr macht alles kaputt, und dass wir, denen diese schöne, freie, friedliche Stadt eigentlich gehört, nicht da bleiben können, um sie zu schützen. Widerstand war zwecklos, das ist alles nicht okay.

Ihr macht alles kaputt, und habt uns unsere Stadt weggenommen! 

** Nachtrag: Ich habe diesen Post am frühen Samstag Morgen verfasst, unmittelbar nach der schwarzen Nacht vom Freitag, 7.7., die mir sehr nah ging. Ich habe an dem Tag gesehen, wie Polizisten am Rande der großen Demo auf völlig unbeteiligte Menschen eingeknüppelt haben und später, wie ein paar Asis brennende Sachen von Dächern keine 500 Meter von meinem Haus entfernt runter geworfen haben. Der Text spricht aus meinem Schock und meiner Verstörung heraus.

16 Monate Lesereise mit Längst Woanders. Viel gelernt, viel gesehen und viel erlebt. Und viele Fragen, die mir bleiben.

Als Autor auf einer Bühne zu stehen, vorzulesen und anschließend mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen, ist eine komische Sache. Als Autor (und in meinem Falle auch noch als Übersetzer) sitzt man ja meistens allein und zurück gezogen in seinem Kämmerlein, denkt, liest, schreibt, beobachtet lieber, als dass man selbst Teil des Geschehens wäre. Zumindest geht es mir so, und auch vielen Kollegen. Man ist quasi von Natur aus eher nicht so die Rampensau, und für mich war das ein langer Weg, diese Aufregung und diese Scheu zu verlieren, mich auf einer Bühne mit meiner Arbeit der Öffentlichkeit zu stellen. Inzwischen klappt das ganz gut und macht auch Spaß, eine gewisse Routine hat sich eingestellt, oftmals wiederholen sich die Fragen der Besucher und ich habe das Gefühl, ich kann mit den meisten Dingen ganz gut umgehen.

Trotzdem gibt es nach wie vor Dinge, die mich irritieren, auch lange nach den Lesungen noch beschäftigen, Begegnungen, die hängen bleiben und Fragen, die an mich heran getragen werden und die dann in mir tagelang brüten.

Wenn mir im Anschluss an Lesungen zum Beispiel Besucher wahnsinnig persönliche Geschichten erzählen, über eigene Migrations- und Entortungserfahrungen, oftmals unglaublich traurige Geschichten über Rassismus, Verlorenheit und Angst. Einerseits freut es mich dann immer sehr, dass diese Leser und Zuhörer in meiner Arbeit etwas finden, was sie anspricht, ihnen vielleicht sogar Trost gibt, aber manchmal weiß ich auch einfach nicht, wie ich dann anders adäquat reagieren soll, als stumm zu nicken, ihnen alles Gute zu wünschen und mir dann leicht belämmert und unzulänglich vorzukommen. 

Oder die immer wiederkehrende Frage, ob ich die Deutschen auch so sehe wie Layla, meine Romanfigur. Diese Frage kommt dann immer mit einem halb beleidigten, halb entsetzten Gesichtsausdruck, das sei ja schon sehr negativ, heißt es dann oft. Und so kommt sie dann durch, die gekränkte deutsche Seele, die sich in solchen Dingen so ungern in Frage stellt, die Layla im Roman so anprangert, und die sie so wütend macht, und so gern ich in solchen Situationen auch sagen möchte: „Nein, das sind vor allem Laylas Ansichten“, so sehr muss ich dann einfach vor mir und auch den anderen zugeben: „Ehrlich gesagt, ja, manchmal schon, manchmal muss ich Layla einfach zustimmen!“ 

Das Wort „Überfremdung“ zum Beispiel habe ich nie so oft live und im persönlichen Gespräch gehört wie im Verlaufe dieses Lesungsjahres. „Ist ja schön und gut, was Sie da erzählen, aber die Überfremdung …“ Was mache ich denn dann damit? Ich möchte ja niemanden beleidigen, nur frage ich mich dann, ob diese Menschen mir eigentlich zugehört haben in diesen letzten 90 Minuten einer Veranstaltung … 

Ich habe viel über Flüchtlinge und Integration diskutieren sollen, über Dinge, von denen ich eigentlich gar nichts oder nicht viel verstehe, über arabische und deutsche Politik, über Islam, über Menschenrechte. Man möchte uns so gern zu Experten oder öffentlichen Kommentatoren machen, vielleicht wegen unserer Biographie, vielleicht auch einfach, weil man von Autoren erwartet, eher eine menschliche Perspektive hören zu können als eine politische oder abstrakte. Verstehen tue ich das nicht, warum man mich zum Islam befragt, wo ich doch weder Islamwissenschaftlerin noch praktizierende Muslimin bin, oder warum ausgerechnet ich beantworten soll, wie denn meine eigene Integration so gut gelungen sei, wo doch Deutsch im wahrsten Sinne meine Muttersprache ist, die Sprache in der ich denke, lese, schreibe und träume. Warum eigentlich nie jemand über Literatur reden will, oder über Sprache, wo das doch eigentlich das ist, womit wir als Schreibende uns am besten auskennen. 

All das und noch viele Fragen und Gedanken mehr nehme ich mit aus den letzten 16 Monaten und werde einiges vermutlich auch weiterhin nicht richtig verstehen. 

Letztlich wird aber immer das Schöne überwiegen, die vielen wunderbaren Gespräche und Begegnungen, überraschende Freundschaften und eine ganze Menge Anerkennung, die ich mir niemals hätte träumen lassen, damals, als ich anfing zu schreiben. Längst Woanders hat mir viele Reisen gegeben, Preisnominierungen, und die Möglichkeit, nun das weiter machen zu dürfen, was ich immer tun wollte – schreiben. 

Heute Abend lese ich ein letztes Mal (vorerst), hier zu Hause, anschließend haue ich das Honorar direkt mit ein paar Freunden auf den Kopf und sage jetzt mal einfach: Danke! Danke an alle und alles, für sämtliche Einladungen, Interviews, Gespräche, Besuche, für Schönes und Nachhallendes, und für Gedanken, die ich mitnehmen werde. 

Und dann – auf zu neuen Büchern.