Hurra. Yasmine Hamdan hat ein neues Album! 

Eine Journalistenfreundin fragte mich neulich: „Sag mal, Du bist doch Fan von Yasmine Hamdan. Erklär mir das mal, ich will über ihr neues Album schreiben, aber ich versteh den Hype nicht so richtig.“ 

Nun ja. Also ich habe ja vor ein paar Jahren hier schon einmal über Yasmine Hamdan geschrieben, als sie 2014 auf Clubtour in Deutschland war. Bekannt geworden ist sie dann durch Jim Jarmushs wunderschönen Film Only Lovers Left Alive. Danach waren dann Konzerte in Europa gut besucht bis ausverkauft und vor allem das wohlwollende Kulturpublikum hat sich ihrer angenommen. 

Dieser Tage kommt ein neues Album, Al Jamilat (Die Schönen), Nachfolger des wie ich finde großartigen Ya Nass. Ich finde auch das neue Album toll, auch wenn mir der Vorgänger besser gefällt. Al Jamilat ist insgesamt poppiger, zugänglicher, man möchte sagen „europäischer“, oder (Achtung, dreckiges Wort) „kommerzieller“. Yasmine Hamdans Spezialität sind mystisch-melancholische Elektrostücke, ein bisschen Brian Eno, ein bisschen Folk, versetzt mit Referenzen auf und Verbeugungen vor klassischer arabischer Musik. Ihre Stimme wird immer durch zwei, drei, vier Filter gehaucht, weshalb sie immer irgendwie geisterhaft und abwesend klingt. Von all dem gibt es auf Al Jamilat nun nochmal ein paar Schippchen mehr als auf Ya Nass; ein bisschen raus fällt für mich der Titelsong, Al Jamilat, der irgendwie klingt wie orientalisierter Hippie-Rock.

Das alles muss man mögen, klar. Was mir persönlich aber an Yasmine Hamdan so gut gefällt ist, dass sie so eindeutig die großen Diven der arabischen Musikgeschichte zitiert, vor allem die großartige, ewige Fairuz, Grande Dame arabischer Musik, dabei das Pathos dieser Zeiten ein bisschen beiseite fegt, aber die Melancholie als Essenz dieser alten Songs zu erhalten schafft. In der aktuellen arabischen Musik macht das kaum jemand – cool klingen und trotzdem sichtbar traditionell bleiben. In den Artikeln, die in den letzten Jahren über sie geschrieben wurden, wird sie immer wieder als „Grenzgängerin zwischen den Kulturen“ und all so Quatsch beschrieben. Das würde ja heißen, dass aktuelle arabische Kultur eine Moderne nicht kennt, das ist natürlich völliger Blödsinn. Die Band Mashrou Leila, über die ich hier auch schon geschrieben habe, macht das ja seit Jahren hervorragend, ebenso (wenn auch ganz anders) die wundervolle Souad Massi, von der ich immer noch hoffe, dass sie irgendwann mal auf eine größere Europatour geht. Aber – daher vielleicht der Hype. Oder einfach nur, weil sie halt unfassbar sexy ist … 

Also – Nix Grenzgänger. Das ist wohl nur Code für „kann man auch als weißer Europäer hören“. Es ist moderne arabische Musik. Gute, moderne arabische Musik. Bei Yasmine Hamdan muss man dazu auch sagen, dass sich die Musik live und auf der Bühne nochmal ganz anders anhört, anders arrangiert und transportiert wird als auf dem Album. Im Mai ist sie dann wieder in Hamburg, im Mojo, ich hab natürlich schon meine Karte, und werde dann hier erzählen, wie’s war und ob tatsächlich ein paar orientalische Hippies vorkamen.

Einstweilen hier schon mal das neue Video und ein ganz hervorragendes Interview.

 

Es gibt Bücher, die verändern das eigene Leben, weil sie etwas in einem zum Klingen bringen. Die etwas erzählen, was einen so tief anrührt, dass man die Welt danach anders sehen kann. Und Autoren, von denen man sich wünscht, dass sie nie aufhören, solche Bücher zu schreiben. 

Olga Grjasnowa schreibt genau solche Bücher. Ehe ich aber von ihrem neuen, fantastischen Buch erzähle, muss ich ein paar Dinge vorweg schicken. 

Im Jahr 2010 nahm ich im Rahmen eines Stipendiums an einer Autorenwerkstatt teil. Vorab bekamen wir die Texte der anderen Teilnehmer zur Lektüre, um sie dann in der Werkstatt diskutieren zu können. Unter anderem bekam ich 80 Seiten eines Manuskripts mit dem wundervollen Titel „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ zugeschickt. Der Text hat mich so unglaublich erschüttert, angerührt und glücklich gemacht, weil er nicht nur von der Unmöglichkeit und Verzweiflung von Trauer und Heimatlosigkeit erzählt, sondern sich auch auf eine Weise Rassismus und Politik vornimmt, wie ich es noch nie vorher gelesen hatte – mit ganz viel Gefühl, mit unglaublich sachlicher, brutaler Nüchternheit – und mit giftigem Humor. Beim Lesen lachte ich, weinte ich, immer schön im Wechsel, und war unfassbar beeindruckt und neidisch auf so viel Kraft. Und dachte die ganze Zeit: „Hoffentlich kannst du dich beim Workshop mit der anfreunden!“

Und so kam es dann auch – wir wurden für die Dauer der Werkstatt im selben Zimmer einquartiert und freundeten uns an. Heute, sieben Jahre später, sind wir noch immer befreundet, inzwischen sogar ziemlich eng. Wenn ich also nun hier über ihr neues Buch schreibe, dann nicht als unabhängige Leserin, sondern auch als Freundin, und das ist ja immer so eine Sache, die mitunter den Blick vernebeln kann, oder man bekommt nachgesagt, nur Werbung für die Freunde zu machen. 

Aber ich bin eben auch großer Fan von Olga als Autorin, und ihr neues Buch hätte ich ohnehin ungeduldig erwartet und gelesen. 

Das neue Buch also, „Gott ist nicht schüchtern“, erscheint morgen und handelt, grob gesagt, vom Syrien-Krieg. Genauer handelt es von Amal, einer jungen Schauspielerin, und Hammoudi, einem jungen Arzt. Der Roman setzt ein, als die ersten, zaghaften Proteste im Land losgehen, Ende 2010, Anfang 2011. Amal nimmt an Demonstrationen gegen das Assad-Regime teil und fühlt sich zunächst mal auf Grund der Position ihres Vaters beim Militär unangreifbar. Hammoudi kehrt seinerseits nur für einen kurzen geplanten Besuch nach Syrien zurück, er lebt in Paris, will in Kürze dort eine Stelle antreten und ist mit einer jungen Französin verlobt. In Syrien will er nur seinen Pass verlängern um dann sein neues, altes Leben in Europa wieder aufzunehmen. 

Natürlich kommt dann alles anders als geplant, wie das so ist, wenn von jetzt auf gleich ein Krieg ausbricht. Hammoudi bekommt die Willkür der Behörden zu spüren und keinen neuen Pass. Amal wird verhaftet und gefoltert und wieder verhaftet und wieder gefoltert und schafft es zunächst, nach Beirut zu entkommen. 

Es beginnt das, was Medien allerorten in den letzten zwei Jahren so schön abstrakt als „Fluchtgeschichten“ beschreiben. Wir lesen von der Brutalität und sinnlosen Gewalt des Krieges, von der Willkür von Behörden überall auf der Welt, von Menschen, die eigentlich nie etwas zu tun haben wollten mit der Situation, in der sie grad stecken, denen nun keine Wahl mehr bleibt und die einfach immer weiter machen müssen. Die keine Zeit haben, anzuhalten, es sich anders zu überlegen, umzudrehen, die Menschen und Dinge und Leben verlieren, die sich keine Hoffnung mehr erlauben dürfen. 

All das steht da, auf den knapp 300 Seiten des Romans, in genau der Mischung aus harter Nüchternheit und Gefühl, die schon beim „Russen“ so einnehmend, so fesselnd war, nur nun noch viel besser. „Gott ist nicht schüchtern“ ist absolut. Es lässt keinen Moment einen Zweifel daran, dass es in diesem Krieg (in welchem eigentlich nicht?) kein Richtig und kein Falsch mehr gibt, dass unsere Kategorien, zu urteilen, hier nicht mehr greifen. Und es lässt uns keine Wahl – wir müssen hinschauen. Wir müssen Amal und Hammoudi dabei zusehen, wie ihre Leben ausgehebelt werden und wie sie irgendwie versuchen, die Kontrolle wieder zu gewinnen, ohne dabei ihr Leben zu lassen. Die „Flüchtlingsgeschichten“ bekommen plötzlich Gesichter. Und wen das kalt lässt, dem würde man das Buch gern mitten ins Gesicht dreschen. 

Der Roman strotzt vor Materialfülle, er wurde recherchiert, mit Interviews, mit Reisen an die Orte des Geschehens, mit vielen, vielen Geschichten aus dem echten Leben. Das weiß ich als Freundin, aber das kann man nun auch nachlesen, in Interviews mit der Autorin. Keine Sekunde hat man das Gefühl, das, was da steht, sei nicht wahr, und gleichzeitig will man die ganze Zeit brüllen: „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ 

Es ist das richtige Buch zur richtigen Zeit, ja, aber auch eines für die Zeit danach – weil irgendwie ja immer die richtige Zeit ist, um über Menschen nachzudenken, und darüber, was jeder eigentlich mit sich rumschleppt an Geschichte und Geschichten. Und was das mit den Menschen, aber auch mit ihren Lebensläufen, Lebensträumen und Lebensplänen macht. 

Olga Grjasnowa findet Worte für Dinge, für die es keine Worte gibt. Und allein das ist so mutig, dass man nur den Hut ziehen kann vor diesem Buch. Man sollte es zur Schullektüre machen, es in jedem Wohnzimmer, in jedem Lesezirkel, an jedem Stammtisch lesen. Es ist eines von diesen Büchern, das – und davon bin ich überzeugt – jeden seiner Leser irgendwie verändern wird. Hoffentlich sind es ganz, ganz viele! 

Bildung ist gut. Bildung ist wichtig. Darüber sind sich die meisten einig. Vor allem, seitdem die Welt von einem Tsunami der Idiotie überrollt worden zu sein scheint. Worte sinnvoll und mit Bedacht aneinander reihen zu können, das mutet in diesen Tagen des Geschreis und Gebrülls geradezu wie ein Ausnahmetalent an. Nur einer von vielen Gründen, warum Büchereien nicht sterben dürfen! 

Meine Familie hatte nie übermäßig viel Geld. Wir hatten alles, was wir brauchten, Gott sei Dank, aber gewisse Güter waren eben immer mit den Preisschildern „Ausnahme“ oder „Luxus“ versehen. Dies galt vor allem für Dinge, die die Freizeitgestaltung betrafen – Sportverein, Tanzstunden, Markenkleidung. Zu seinem zehnten Geburtstag wünschte sich mein kleiner Bruder mal explizit „eine Jeans, die nicht von Aldi ist.“ Und auch Bücher gab es meistens nur zum Geburtstag oder zu Weihnachten. 

Eine Mitgliedschaft in der Bücherei kostete damals aber nur einmalig zwei Mark. Dafür bekam man eine Ausleihkarte und durfte so viele Bücher und Hörspielkassetten ausleihen, wie man wollte. Ich war im Himmel. Und verbrachte fortan jeden Samstag in der Gladbecker Stadtbücherei. Jede Woche fuhr ich ein ganzes Fahrradkörbchen voll Bücher mit nach Hause, die ich dann in der Woche darauf wieder eintauschte. Ich las alles. Wirklich alles. Pferde- und Mädchenbücher, Klassiker und Comics. Weil es ging. Weil ich einfach alles in mein Körbchen packen, zur Ausleihe tragen und mitnehmen konnte, unter der einzigen Bedingung, dass ich die Sachen zum eingestempelten Termin wieder zurück brachte. 

Aber der uneingeschränkte Zugang zu Büchern und Geschichten war nicht der einzige Grund, warum die Stadtbücherei meine gesamte Kindheit und Jugend über mein Lieblingsort war. Es war ein Ort, an dem man einfach sein konnte. Da herrschte Stille, man konnte in Ecken und Winkeln sitzen, blättern, Menschen beobachten, Spiele spielen oder stundenlang Hörspiele hören. Ich hatte mich in der Schule nie besonders wohl gefühlt, zu laut, zu langweilig, zu viele Leute. In der Bücherei konnte ich mich konzentrieren. 

Da gab es Leute, die mir etwas über Bücher erzählten, da gab es ein kommunales Kino mit Filmen, die man sonst nirgendwo im Ruhrgebiet zu sehen bekam, da gab es Vorlesestunden, da gab es immer spannende Menschen. Mit anderen Worten – da war immer was los, auch wenn man nicht so viel Geld zur Verfügung hatte. 

Ich verdanke „meiner“ Stadtbücherei eine ganze Menge. Nicht zuletzt die Tatsache, dass ich aus dem Lesen und Schreiben inzwischen meinen Beruf gemacht habe. Vor allem aber, dass ich mich als Kind und Jugendliche weniger alleine gefühlt habe, dank all der Geschichten, die mir für nur einmalig 2 Mark zugänglich waren. 

Im vergangenen Jahr habe ich in vielen Büchereien im ganzen Land gelesen, und jedesmal überkam mich dieses warme, liebevolle Gefühl, zu Hause zu sein. Dort gab es unzählige nette Gespräche mit Lesern und Bibliothekaren. Vor allem aber immer und allerorts die gleiche Klage: Die Stadtbüchereien kämpfen um ihre Existenz. Zu wenig Mittel, zu wenige Mitglieder, nicht genug Aufmerksamkeit von Bürgern und Politik. 

In Frankenthal bei Mannheim, meiner letzten Lesung auf meiner Tour, versprach ich dann der Bibliotheksleiterin, ich würde bei Gelegenheit mal einen Liebesbrief an die Stadtbüchereien schreiben. 
Der Gedanke, dass diese Orte der Geschichten und der Konzentration ganz allmählich verschwinden, ist grauenhaft. Dass Bibliotheken nur noch kalte Orte sind, an denen hauptsächlich Computer stehen, wo man sich nicht mehr umschauen, sich nicht mehr aufhalten kann oder möchte – wer kann das denn wollen oder gut finden? Für mich ist und bleibt die Bücherei nicht nur der Ort, an dem es Bücher und damit Wissen gibt – sondern auch ein Ort, an dem es still ist, wo Konzentration etwas Schönes ist, wo man leise sein muss und sich besinnen kann. 

Und ja, das alles ist romantisch und konservativ und kulturpessimistisch. Ist mir aber egal. Wir alle sehen gerade, wo mangelnde Bildung – Herzens- UND Hirnbildung – hinführt. Und wir alle finden es schrecklich und erschreckend. Da kann es jedenfalls nicht schaden, sich an den Ort zu erinnern, der viel zur eigenen Herzens- und Hirnbildung beigetragen hat und sich zu fragen, was passiert, wenn es diese Orte irgendwann nicht mehr gibt. 

In diesem Sinne möchte ich mich explizit bei allen Bibliothekaren bedanken, dass ihr die Fahnen hoch haltet, vor allem in kleinen Städten, wo es so wenig Angebot für Kinder und Jugendliche gibt, die aus nicht so ganz wohlhabenden Verhältnissen kommen. Und ich freue mich über jede Einladung in eine dieser Büchereien und komme immer sehr gern!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Weil wir längst woanders sind“ – Best of 2016 . Danke an alle, die dieses Jahr dabei waren! Es war wirklich wunderbar.

 

Best of 2016

Best of 2016

Wie die meisten Menschen, die alt genug dafür sind, erinnere ich mich noch sehr genau daran, wie und wo und mit wem ich den 11. September 2001, also 9/11 erlebt habe.

Ich war 22, verbrachte den Sommer mit einigen Freunden in Spanien. Als wir am Abend vom Strand kamen und aus Gewohnheit den Fernseher anschalteten, waren sie da – die Bilder der brennenden, rauchenden Türme, Flugzeuge, spanische Nachrichtensprecher, die viel zu schnell redeten, als dass wir etwas hätten verstehen können. Ich weiß noch genau, dass ich wie versteinert da stand, versuchte, mit meinem alten Nokia Handy eine SMS an meinen Bruder in Deutschland zu schreiben und zu fragen, was da los sei. Ich war völlig fassungslos. Ein Freund aus unserer Reisegruppe schien weniger geschockt, weniger fassungslos als wir anderen. Er saß auf dem Sofa, schaute auf den Fernseher, lachte ziemlich laut und sagte dann so etwas wie: „Jedem das, was er verdient.“

Damals fand ich das schrecklich und zynisch. Ich verstand diese Abgeklärtheit nicht. Heute denke ich oft an diesen Tag und an diese Reaktion. Diesen Satz, „jedem das, was er verdient“. Inzwischen haben wir zahllose Terroranschläge erlebt, Kriege und politische Super GAUs. Ist das denn wirklich das, was wir verdienen? Hatte er wirklich recht, der Freund, damals?

Als ich heute Morgen in einem Hotel irgendwo in Bayern wach wurde und erfuhr, wie sich Amerika entschieden hatte, hatte ich zunächst – wie vermutlich wir alle – gehofft, ich sei noch nicht ganz wach, sei noch in einem bösen Traum gefangen. Dann, als klar war, ich war wach und es ist die gruselige Wahrheit, kam mir sofort wieder dieser Freund von damals, kam mir sofort wieder 9/11 in den Sinn. Wieder dieses Gefühl von Ohnmacht, Nichtverstehen. Aber diesmal kommt noch etwas hinzu. Das Gefühl von Einsamkeit. Da sitze ich in unserem kleinen neuen Utopia – wer hätte es gedacht, am Jahrestag der Reichskristallnacht fühlt sich Deutschland 2016 plötzlich an wie ein kleines, noch halbwegs heiles Paradies zwischen den Großwesiren Putin und Erdogan, zwischen den Nachwuchsdiktatoren Le Pen, Orban, Hofer, Wilders und der Brexitnation –  und  habe ernsthaft Angst. Angst vor der Zukunft, Angst vor der Bundestagswahl 2017.

Alles scheint plötzlich möglich, die schweigende Masse, die immer nur an ihren Stammtischen geblieben ist, geht nun wählen. Und entscheidet sich gegen alles, was ich und viele andere so felsenfest glauben, verteidigen und für richtig halten. Weil es scheinbar nicht für sie funktioniert. Wie soll das weiter gehen, wo sollen wir von hier aus hin?

Ich texte mit einem guten Freund in Hamburg, wir schreiben uns von unserer Angst, von unserer Fassungslosigkeit. „Haben wir das wirklich verdient?“, fragen wir uns.

Vielleicht. Vielleicht haben wir zu lange gelacht über die Idee eines Präsident Trump. Vielleicht haben wir nur unzulänglich und zu langsam Zusammenhänge sehen wollen. Vielleicht geht es uns zu gut und unsere Moralhoheit ist zu gemütlich. Vielleicht – nein, nicht vielleicht – ganz sicher haben wir zu lange still gehalten, haben zu wenig getan.

„Jetzt müssen wir aber wirklich was machen. Ich weiß nicht, was, aber irgendwas müssen wir uns einfallen lassen“, schreibe ich schließlich nach einigen Stunden, in denen der Schock etwas sacken konnte. „Für deine Tochter“, schreibe ich. „Wir wollen doch in ein paar Monaten nicht aufwachen und die Petry ist Kanzlerin!“

Und genau das sollten wir – will ich nun auch. Heute noch, heute verarbeite ich diesen Schock, trauere ein bisschen um all die Werte, das Weltbild, das so tief in mir verwurzelt ist. Aber ab morgen muss etwas anders werden. Wir müssen uns irgendwie organisieren, informieren, verbinden – diese Katastrophe, die da so damoklesschwertig über uns hängt, die muss verhindert werden. Wir alle, alle, alle sind verantwortlich!

Wie das gehen soll, das weiß ich nicht – „Mit einer Schreibmaschine die Katastrophe abwenden wollen“, wie Erich Kästner über Kurt Tucholsky gesagt hat, das scheint naiv. Aber ich kann ja auch nichts anderes. Irgendetwas werde ich mir, werden wir uns überlegen, irgendwas muss man ja tun können. Und ich will einfach nicht nichts tun – weil ich nicht zu denen gehört haben will, die es verdienen, am Ende.

kurt-tucholsky

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge „Migrationstango mit Rasha Khayat“.

Ich bin mal wieder auf Lesetour. In einer norddeutschen Kleinstadt, in der Stadtbücherei, an einem Samstag Nachmittag. In der Stadt sind die Bürgersteige hochgeklappt, irgendwas zwischen Ruhe und Beklemmung beschleicht den Besucher aus dem benachbarten Hamburg. Die Gastgeberinnen sind freundliche weiße Damen mittelalten Semesters, ebenso wie das Publikum, eigentlich alles wie immer.

In der hinteren Ecke der Bücherei sehe ich eine junge Frau mit Kopftuch und mit einem Akkordeon in der Hand und denke sofort: „Oh, bitte nicht!“ Nicht, weil ich etwas gegen kopftuchtragende Akkordeonspielerinnen hätte, im Gegenteil. Mir schwant nur, dass es sich bei der jungen Frau mal wieder um einen „Vorzeigeflüchtling“ handelt, wie sie in letzter Zeit häufiger bei meinen Lesungen angeschleppt wurden.

Ich spreche die junge Frau zunächst auf Deutsch an: „Hey, machst du hier gleich Musik?“, sie entschuldigt sich auf Arabisch, dass sie erst seit 4 Monaten in Deutschland ist und noch kaum Deutsch spricht. Wir setzen uns abseits auf einen Tisch und unterhalten uns auf Arabisch. Sie heißt Haifa, ist 31 Jahre alt, kommt natürlich aus Syrien und wurde von einer der Gastgeberinnen gebeten, in der Pause der Veranstaltung Musik zu machen. „Keine Ahnung“, sagt sie, „ich hab das Akkordeon bekommen und soll jetzt gleich was spielen. Ich kann überhaupt keine Lieder für’s Akkordeon, aber was soll’s.“ Wir lachen beide und tauschen Telefonnummern aus. „Ich komm mal zu dir nach Hamburg und koche dir Molokhiyya“, sagt sie.

Im Foyer der Bücherei wird ein großes Büffet mit arabischen Keksen, Börek und ein Samowar aufgebaut. „Interkulturelle Lesung mit Rasha Khayat“ heißt es auf dem Plakat, und am liebsten möchte ich hinlaufen, durchstreichen und „Orientalistische Lesung“ schreiben.

Die Gastgeber bitten mich nach vorn und das Publikum zur Ruhe, Begrüßungsworte werden gesprochen. Und dann wird Haifa nach vorn gezerrt. Mit eisernem Griff um die Schulter drückt die patente 80er-Jahre-bewegte Sozialarbeiterin Haifa an sich und erklärt ausgesprochen laut, was gleich passiert: „Das ist Haifa!“ (Natürlich hat Haifa keinen Nachnamen. Warum auch) „Haifa kommt aus Syrien.“ (Kurze dramatische Atempause) „Sie ist auch geflüchtet!“ (Was für ein Triumph für die Sozialarbeiterin! Eine Flüchtlingin hat sie mitgebracht!) „Natürlich ist die Verständigung noch etwas schwer.“ (Ach … Aber wenn Haifa weiter so laut angebrüllt wird, dann versteht sie bestimmt bald alles!) „Aber sie ist in einem meiner Deutschkurse für Frauen und aus ihrer Biographie habe ich erfahren, dass sie in Syrien Musiklehrerin war. Da habe ich gleich gedacht, das merke ich mir für die nächste Veranstaltung!“ (Genau! Gib ihr auch noch ein paar Orangen zum Jonglieren, lass das Flüchtlingsmädchen tanzen wie ein Zirkusäffchen!) „Haifa wird nachher in der Pause für uns ein paar Lieder aus ihrer Heimat spielen, dazu gibt es dann vorne arabischen Tee und Gebäck!“ Haifa lässt das alles bewundernswert stoisch über sich ergehen und wirft mir nur ab und zu mal vielsagende Blicke zu.

Ich lese dann zunächst einmal eine Stelle aus meinem Roman vor, wo der arabische Junge von der Lehrerin vor seine neue Klasse gestellt und mit seinem arabischen Vater sehr laut gesprochen wird. Ob’s irgendwer bemerkt hat?! Während ich lese, rauscht im Hintergrund der Samowar und ich fühle, wie sich alle auf die Kekse freuen.

In der Pause springen dann wirklich alle auf und Haifa sitzt allein mit ihrem Akkordeon auf der Bühne vor leeren Stühlen und quetscht stoisch auf das Akkordeon ein, während sich die weißen Wohlwollenden an den orientalischen Keksen laben. Was genau Haifa spielt, kann ich nicht erkennen, schnappe aber neben mir den ausgesprochen empörten Kommentar der Sozialarbeiterin auf: „Das ist ja europäische Musik!! Das sind ja gar keine syrischen Lieder!“ Wie auf Kommando spielt Haifa dann auch noch Jingle Bells, einen Halbton zu tief.

Jetzt muss eigentlich nur noch Bill Murray durch die Tür kommen und das Szenario wäre perfekt. Man kann sich sowas echt nicht ausdenken, auch wenn man’s noch so sehr versuchte … Und nein, das ist keine Ausnahme, kein absurder Einzelfall …

Eine gute Freundin kommentiert die Vergabe des Deutschen Buchpreises an Bodo Kirchhoff vor ein paar Tagen so: „Kann es sein, dass Bodo Kirchhoffs nun preisgekrönter Roman um weiße, hochgebildete Westeuropäer geht, deren existientielle Ödnis von einem stummen braunen Flüchtlingskind geheilt wird?“

Ob das wirklich der Fall ist, weiß ich nicht, ich hab das Buch nicht gelesen, werde es auch nicht lesen. Aber ehrlich gesagt könnte dieser Satz meiner Freundin auch das Fazit der Geschichte von Haifa und dem Samowar sein.

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Ich bin deprimiert. Seit Wochen. Bin müde, ausgelaugt, angespannt, wütend und auch ein bisschen resigniert.

Rechter Terror in Deutschland gehört mittlerweile zur Tagesordnung – und warum sagt eigentlich niemand das T-Wort??! Es ist doch genau das! Es werden gottverdammte Bomben gelegt, aus Fremdenfeindlichkeit! Dinge fliegen in die Luft, Menschen werden schwer verletzt … Der Tag der Deutschen Einheit ist zuletzt zur Farce verkommen. Und auch wenn ich kein großer Fan von Einheitsfeierei bin, dieses Ausmaß von Hass, von verrohtem Vokabular verursacht mir derartige Übelkeit, dass ich eigentlich nur ununterbrochen kotzen möchte. Landtagswahlergebnisse, die keine schöne Zukunft für den Bundestag erahnen lassen. Sobald man das Internetz anklickt, seine Timeline anguckt – Die Fresse von Petry, Afd-Schwachmaten, Pegidisten-Idiotie in Bildern, Videos, Artikeln. Ich kann einfach nicht mehr. Gefühlt potenziert sich Hass, Gewalt, Verrohung und Dummheit eigentlich nur. Wichtige Aktivisten und Journalisten wie Lamya Kadoor und Hasnein Kazim werden bedroht, beschimpft und müssen unter Personenschutz gestellt werden. Das ist doch alles nicht mehr normal!!!

Dazu kommt: Trump, Brexit, Aleppo … Ich will eigentlich nur noch den ganzen Tag Videos von Panda-Babys angucken, nur damit ich dieser (digitalen) Welt ein bisschen entfliehen kann.

Hinzu kommen meine eignen Begegnungen mit Menschen. Ich war auf unzähligen Bühnen und Panels in den letzten Monaten. Habe vorgelesen, geredet, diskutiert, mit Lesern, Veranstaltern und Journalisten. Ich hatte das Gefühl, zum Integrationsmaskottchen zu verkommen, ach guck dir mal das Migrantenmädchen mit den großen Augen an. Unliebsame Grundschulerinnerungen werden wach. Menschen sagen Dinge zu mir wie: „Ja, das muss man ja erstmal sehen, dass das nicht alles Kesselflicker sind, die da kommen“, oder „Ich möchte ja, dass sich die Syrerin in Hamburg wohl fühlt, aber dass sie in meinem Haus betet, das will ich einfach nicht!“ Ich zweifle am Sinn dessen, was ich seit Monaten tue, und denke, wozu eigentlich ununterbrochen gegen all diese verstockten Köpfe und seltsamen Gedanken schreiben, reden, bloggen, arbeiten, wenn sich scheinbar alles nur in die falsche Richtung bewegt…

Kurz gesagt: die ewige Wiederholung des Gleichen, des manchmal sehr, sehr grausamen Gleichen, wie in Dresden in den letzten Wochen. Ich wollte einfach nicht mehr. Wo sind die Panda-Babys …

Und dann war ich gestern aus. Endlich mal wieder aus, raus, mit einer Freundin, einfach so, in Hamburg, erst was essen und dann zu einem Konzert. Gespielt hat die grandiose, wundervolle libanesische Band Mashrou Leila, die ich vor Jahren schon in Cairo einmal live erlebt habe und die damals das Stadion fast abgebrannt haben mit all ihrer Energie. Ich hab mich riesig auf das Konzert gefreut, dachte aber auch, na, ob das so funktioniert, mit den bekanntermaßen sehr steifen Hamburger Konzertgängern … Aber war mir eigentlich auch egal, ich wollte tanzen, wollte Frauke Petry, Dresden und Trump vergessen und einfach nur tanzen und Musik hören.

Mashrou Leila in Hamburg

Mashrou Leila in Hamburg

 

Und dann hat es funktioniert! Es hat aber sowas von funktioniert. In der gut besuchten Fabrik kamen junge Frauen mit Kopftuch, offensichtlich schwule arabische Jungs, weiße Bildungsbürger und Schanzenhipster zusammen, haben sich zunächst ein bisschen skeptisch beäugt, aber kaum dass die Band die Bühne betreten hat, waren alle Grenzen niedergerissen, alle haben die fantastische Musik abgefeiert, haben zusammen getanzt, gejubelt, geklatscht und laut mitgesungen. Alle waren froh und glücklich und bester Laune, auch die Band. Ohne Zwang, ohne dass man irgendwem gesagt hätte: jetzt müsst ihr euch alle lieb haben und integriert sein und weltoffen tun! Es ging einfach so. Ganz natürlich. Mit Musik und Tanz und ein paar Bier!

Da war ich nun wochenlang deprimiert und schwer, und plötzlich ist Musik und alles ist wieder ein bisschen heller. Und ich fühle mich weniger hoffnungslos … Danke dafür, Mashrou Leila! Und an alle anderen: Wenn jemand noch einmal die Wichtigkeit von Kunst infrage stellt, dem sei dies hier eine Lehre! Kunst verbindet, schafft Gemeinsamkeit, geht ans Gefühl, ohne zu belehren, ohne von oben herab zu argumentieren, ohne zu brüllen und zu streiten! Nur Kunst kann das!! Macht Kunst, viel mehr Kunst, und hört auf zu labern!!!

 

… ist kein echtes Wort, hat mein Lektor damals gesagt, als wir an meinem Roman gearbeitet haben, und wollte mich überzeugen, das Wort zu streichen, zu ersetzen.

Habe ich nicht gemacht, ich habe drauf bestanden, dass, wenn man im Englischen so etwas Schönes wie „Displacement“ sagen darf, muss das Deutsche auch so ein Wort bekommen. Es ist ein Wort für’s 21. Jahrhundert. Und wenn’s irgendwann in den Duden aufgenommen wird – denkt dran, ich hab’s erfunden 😉

Und mal wieder drüber geschrieben, also die Entortung. Diesmal für „Art and Thought“, das Magazin des Goethe Instituts, für die Ausgabe – na? – „Displacement“. Den Essay kann man hier auf Deutsch, Englisch oder Arabisch nachlesen. Oder auf das Bild klicken und zum gesamten E-Paper gelangen. Viel Spaß!

Displacement

Displacement

 

Ich freue mich so sehr über diese schöne, ehrenvolle Einladung!

Seit heute bin ich Resident Writer, neben drei weiteren Autoren – aus Schweden, Korea und Russland – im Rahmen des Übersetzungs- und Creative Writing Programms der University of East Anglia, dem British Writers‘ Centre und des British Centre for Translation. Ich freue mich auf spannende Sessions mit Übersetzern, Autoren, Panel-Diskussionen und Buchparties, mit klugen Menschen über schöne Literatur reden 🙂 In diesem Sinne – Cheers aus Norwich, in Good Ol‘ Brexitannia.

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Resident Writer

… und irgendwie nichts mehr in Ordnung ist. So wie heute. Und man dann begreifen muss. Begreifen, dass man die Welt nicht mehr versteht, in der man lebt.

Heute Nacht hat es in Hamburg schwer gewittert. Richtig laut war es, direkt über meinem Haus, es hat geknallt, grell geblitzt, wie aus Eimern geschüttet, fast zwei Stunden lang, zwischen halb 3 und halb 5 morgens. Apokalypse, denke ich.

Ohne zynisch oder esoterisch werden zu wollen – aber das muss doch ein Zeichen gewesen sein, heute Nacht. Ein Sturm über Europa. Wer hat denn damit gerechnet, dass das wirklich passieren kann? Dass eine doch so deutliche Mehrheit der Briten sich gegen Europa entscheiden? Ich persönlich jedenfalls nicht. Dass es knapp wird, okay, geschenkt. Aber am Ende muss doch der gesunde Menschenverstand siegen, hatte ich gehofft.

Und nun ist es Realität, und ich weiß selbst nicht, warum mich das so tief trifft. Ich bin kein Ökonom, ich habe von Wirtschaft oder europäischer Bürokratie keine nennenswerte Ahnung. Was genau dieses Referendum für unsere Märkte, Börsen, Handel bedeutet – Kein Plan.

Ich weiß nur eins: Mich macht diese Nachricht unendlich traurig, besorgt und wütend. Und nicht nur, weil England meine erste große Liebe war, was Auslandserfahrungen angeht, weil ich Literatur (Austen! Bronte! Harry Potter!), Kunst und vor allem Musik (Bowie!) von der Insel so wahnsinnig schätze und immer als Bereicherung begriffen habe.

Wie kann es denn sein, dass Menschen, denen es so gut geht, die alles haben, was man sich wünschen kann – Wohlstand, Sicherheit, Freiheit – sich so verblenden lassen, so kurzsichtig entscheiden, sich von grauenvollen Populisten den gesunden Menschenverstand vernebeln lassen wie die Kinder vom Rattenfänger von Hameln. Das darf doch alles nicht wahr sein …

Ist denn differenziertes Denken mittlerweile so out, weil so schwer und anstrengend, dass man guten Gewissens die Zukunft ganzer Generationen aufs Spiel setzt? Ich könnte echt ausrasten.

Ich sage es immer und immer und immer wieder – solange bis mich jemand hört: Leute, wir haben ALLES in diesem schönen Europa! Dass wir nicht den ganzen Tag Feuerwerke abbrennen, weil Europa so ein geniales Konzept ist und uns so viel ermöglicht – Gegenwart, Zukunft, so Kleinigkeiten halt – das erklärt mir mal!! Klar, es gibt immer und überall Dinge, die man verbessern kann. Aber dann lasst uns das auch machen!! Lasst uns in die Hände spucken und loslegen – wir können dieses schöne Europa mit all seinen Freiheiten und Möglichkeiten doch nicht ein paar engstirnigen, geistig zurück gebliebenen Menschenfeinden überlassen!

Ich habe heute noch mehr Angst vor der nächsten Bundestagswahl als zum Beispiel letzte Woche. Bitte, bitte, bitte baut keinen Scheiß da draußen! Wacht auf! Packt an! Nicht nur auf Facebook oder sonstwo im Internet! Draußen auf der Straße, in der Bildung, in Gruppen, in der Kunst. Den Menschen zeigen, was es wirklich bedeutet, dass unser Gesetz so wunderbare Dinge festlegt wie: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.
Wenn doch eins klar geworden ist gestern, dann dass wir, die wir an diese Idee von Europa glauben, die wir an Recht und Menschlichkeit und Freiheit und Offenheit glauben, genauso leidenschaftlich in Erscheinung treten müssen wie diese rechten Marktschreier.

Was besseres als die Worte von Astrid Lindgren fällt mir dazu nicht ein – die wusste sowieso am besten, wie es geht. In diesem Sinne …

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Astrid Lindgren