Uuuund schon wieder unterwegs.

Kaum zurück aus Frankreich, hab‘ ich’s mir auch schon in Berlin gemütlich gemacht, diesmal als Residenzstipendiatin im LCB

Ich fühl‘ mich schon im besten Sinne wie Hans Castorp, gestern angekommen und schon vollsten Zen-Zustand erreicht. Erklärtes Ziel: Am Ende des Sommers steht ein Manuskript für’s zweite Buch, damit ihr nicht immer alle fragen müsst, wann’s weiter geht. 

Einstweilen so: 

Fensterblick LCB

 

Fensterblick im LCB

 

 

Mit leichter Verspätung ein paar Schnappschüsse unserer sehr schönen Lesereise in Frankreich.

Gemeinsam mit meiner wunderbaren Übersetzerin Isabelle Liber haben wir im Juni in Arles, Montpellier und Marseille die französische Übersetzung von „Weil wir längst woanders sind“ („Notre Ailleurs“, bei Actes Sud) vorgestellt. Herzlicher Dank gilt dem Verlag Actes Sud, dem Maison Heidelberg in Montpellier und La Marelle und dem Goethe Institut in Marseille! Es war wunderbar mit euch allen! 

Notre Ailleurs

Mit Isabelle Liber

Notre Ailleurs

Lesung in Arles

 

Notre Ailleurs

Lesung in Montpellier

Drei West-Östliche Diven im Interview …

Im vergangenen Sommer sprach ich mit der mazedonischen Autorin Rumena Bužarovska, die die israelische Autorin Tehila Hakimi und mich für ihre feministische Radiosendung Peach Preach interviewt hat. Es war ein großer Spaß, kann man hier nachhören, ich komme ca. ab Minute 60 vor. Wir sprechen über #MeToo, über feministische Vorbilder, über feministische Bewegungen in unseren Ländern, über Serena Williams und Dolly Parton. Auf Englisch, natürlich, mein Mazedonisch ist dann doch noch nicht so gut … 

 

Ab sofort gibt es „Weil wir längst woanders sind“ auch in französischer Übersetzung.

Es ist ja immer ein großer Moment, wenn man die eigenen Worte auch in einer anderen Sprache vor sich sieht. Ab sofort gibt es, von Isabelle Liber wundervoll übersetzt, „Weil wir längst woanders sind“ auch auf Französisch unter dem Titel „Notre Ailleurs“. Es erscheint im Verlag Actes Sud, unter anderem auch das verlegerische Zuhause von Nagib Machfus und Alaa Al Aswani, was mich ganz besonders freut! 

Im Juni wird es dann auch eine kleine Lesetour in Frankreich geben. Details folgen!

Manchmal weiß man ja erst, was man im Leben braucht, wenn man ganz plötzlich mitten hinein fällt. 

Vor ein paar Jahren blieb ich mal im Leben stecken. Es ging nicht vor und nicht zurück, alle fühlte sich schwer und falsch an. Damals, es war 2010, packte ich meine Koffer und ging nach Kairo, für fünf Monate. Ich bezog eine kleine Dachhütte im 26. Stock, schaute jeden Tag hinunter auf Sandsteinfassaden, abgeblätterte Farbe, schmiedeeiserne Balkone, Wäscheleinen, staubige Oleanderbäume und ein Meer von Satellitenschüsseln. Ich verliebte mich unendlich in diese Stadt, in ihr Licht, ihren Lärm, ihre Energie. Nach und nach löste sich etwas in mir, der Kopf wurde klarer, mitten im ägyptischen Smog, Gedanken und Seele wieder frei. Täglich ging ich durch die Straßen, abends schrieb ich. Am Ende war die Idee zu einem Roman geboren und ich – musste einfach mal weit weg, um wieder bei mir anzukommen.

Die letzten Monate in Hamburg fühlten sich festgesteckt an. Festgesteckt in einem Manuskript, das nicht vor ging und nicht zurück, festgesteckt in Geldverdienjobs, festgesteckt im Winter. Alles fühlte sich wie Kampf an, war leer, und so gar nicht ich selbst. 

Wie vom Schicksal so gewollt, kam nun die Einladung, als Resident Writer nach Marseille zu fahren, ins Künstlerzentrum La Marelle. Ich flog los, leer, ausgebrannt, ein bisschen wintertrüb. 

Und dann die ewig gleiche Erkenntnis: Der Süden wirkt wahre Wunder. Marseille, je t’adore, denke ich schon bei meiner ersten Zigarette am Flughafen nach der Landung. Das Licht in allen Farben Rot und Rosa, man hört die Möwen, riecht das Meer. Ich beziehe eine Wohnung mit kleinem schmiedeeisernen Balkon, schaue auf Sandsteinfassaden, Wäscheleinen, sogar einen staubigen Oleander gibt es im Hof. Ich verbringe zehn Tage damit, durch die Straßen zu wandern, Farben und Lärm und Energien aufzusaugen, mir das Meer und die Geschichte anzuschauen, mir davon erzählen zu lassen, wie es sich so lebt, hier, in Frankreichs Melting Pot. Jeden Tag kommt ein bisschen mehr Ich zu mir zurück, jeden Tag verblasst der wintertrübe Seelenschatten ein bisschen mehr. Ich lese „Herkunft“ von Saša Stanišić, weine, lache und bin einfach nur glücklich, dass es Menschen gibt, die der Welt solche Bücher schenken.

Auf dem Heimweg eines Abends stehe ich an einer Kreuzung, strahlend vor Glück über das goldene Licht, als ein netter älterer Herr sich aus seinem Autofenster beugt und mir lächelnd zuruft: „Madame, vous-etes très elegante, très charmante!“, lacht, winkt und fährt weiter. Ich rufe nur: „Merci!“ und lache auch, fühle, wie das Lachen und das Licht mein Herz voll macht. 

Man sollte das immer mal wieder tun, jemandem einfach so sagen, dass er oder sie „Très elegante“ und „très charmente“ ist. Das hört doch jeder gern!

Im August darf ich zurück nach Marseille, in die Wohnung mit dem spinnenbewebten Balkon. Ich werde bis dahin schreiben, an dem Manuskript, das bis vor ein paar Wochen so festgesteckt sich anfühlte. Ich kann’s schon jetzt kaum erwarten! 

 

Da schaut man sich mal um, und schon ist ein ganzes Jahr vergangen, und man hat es kaum gemerkt …

Ja, ich habe das Bloggen vernachlässigt in diesem Jahr. Ich gebe zu, es war zunächst auch eine bewusste Entscheidung. Die politische Situation in diesem Land und der ganzen Welt sowieso ist ja nun nicht gerade ein Kindergeburtstag, und nachdem ich mich über zwei Jahre lang sehr viel und sehr intensiv in meiner Arbeit, öffentlich, mit Menschen, auf Bühnen und auch schreibend damit befasst habe, hatte ich irgendwann das Gefühl, ich muss mal einen Schritt zurück treten. Ich fühlte mich ausgebrannt und alles, was ich sagte und schrieb, der ganze „Kampf gegen Rechts“ kam mir vor wie ein Kampf gegen Windmühlen. „Ich lass jetzt mal andere machen“, dachte ich mir, „ich konzentriere mich jetzt mal eine Weile auf neue Dinge.“ 

Also habe ich Einladungen ausgeschlagen und Nein gesagt zu Anfragen, Texte zu schreiben, die sich mit allem beschäftigen, was meine Arbeit in den letzten Jahren bestimmt hat. Für mein eigenes Seelenheil. Man kann sich einfach nicht permanent mit Nazis befassen. 

Nun denn. Das war dann aber auch nur ein Grund für diese ausgedehnte Blogpause. Seit 2015 denke ich jedes Jahr: „Dieses Jahr wird ruhiger.“ Und am Ende jedes weiteren Jahres muss ich dann lachen. 2018 war dann auch so ein Fall. Von wegen ruhig. Ich war wieder viel unterwegs, hab Dinge gesehen, erlebt, Menschen getroffen, gelernt, gearbeitet. 

Da war zunächst einmal eine Reise nach Polen im Frühjahr. Recherche für ein neues Buch.

4 Wochen lang fuhr ich mit meinem kleinen Mietauto durch den Norden und Osten des Landes, schaute mir Dörfer an und kleine Städte, ließ mir Geschichten von Menschen erzählen, schaute mir Bilder in Museen an und vor allem die wunderschöne Landschaft. Notizbücher füllten sich, Bilder prägten sich ein, Geschichten wuchsen. 

 Kaum zu Hause, ging es dann schon weiter. Ich hatte das unfassbare Glück und Privileg, als eine von 28 Resident Writers zum International Writing Program der Universität von Iowa eingeladen worden zu sein.

Drei Monate lang verbrachten wir im amerikanischen Mittelwesten, schrieben, lasen, schlossen Herzensverbindungen, reisten gemeinsam, unterrichteten an der Uni, lasen vor, hielten Vorträge, lebten den Traum aller Schriftsteller. Ich habe all die Erfahrungen und Bilder aus Iowa noch nicht verarbeitet. Zu viel, zu intensiv, zu glücklich war die Zeit, um schon jetzt Revue zu passieren und sie in die Kiste mit Erinnerungen zu packen.

 

Befreundete Autoren, die in der Vergangenheit schon an dem Program teilgenommen haben, sagten mir alle: „Es hat mein Leben verändert!“ Ich glaube, ich kann das unterschreiben. 

Nun bin ich seit 4 Wochen wieder zurück in Hamburg und frage mich, wo das Jahr eigentlich geblieben ist. Ja, ich wollte längst weiter sein mit dem Schreiben eines neuen Buches. Ich hatte so viele Ideen und Pläne. Aber wie meine Oma immer so schön sagte: „Der Mensch macht Pläne und Gott lacht.“ Also – es ist so wie es ist, und ich gehe jetzt wieder an die Arbeit. 

Zum Thema „neues Buch“ sei noch eine Sache gesagt. Kürzlich traf ich eine befreundete Autorin zum Kaffee. Sie arbeitet auch gerade an ihrem neuen Buch, kämpft aber genau wie ich jeden Tag mit sich selbst und den Erwartungen der anderen, weil es vermeintlich nicht schnell genug geht. „Letztens fragte mich ein Journalist, ob ich überhaupt noch schreibe!“, erzählt sie und wir regen uns kurz ein bisschen über diese Unverschämtheit auf. 

Liebe Leute: Ja, ich schreibe noch. Auch meine Freundin schreibt noch. Ununterbrochen sogar. Aber – um jetzt nur mal von mir zu sprechen: In 2 Jahren hatte ich knapp 100 Lesungen aus meinem ersten Buch. Ich hatte das Glück und große Privileg, sehr viel reisen zu können, dem Buch sei dank. Zwischendurch habe ich Bücher übersetzt, Artikel geschrieben und Workshops geleitet. Alles viel Arbeit. Bücher schreiben braucht Zeit. Und auch ein bisschen Ruhe. Also schenkt euch doch bitte solche Kommentare in Zukunft und gönnt uns die Zeit, die es eben braucht. 

In diesem Sinne – Frohe Weihnachten für alle, und ein glückliches und ruhiges (haha) 2019! 

 

 

Ach, was soll’s, dann sag ich halt doch was zum Thema Heimatministerium.

Kürzlich bekam ich eine Anfrage, als Talkgast an einer TV-Sendung teilzunehmen. Es war eine große Sendung in den Öffentlich-Rechtlichen. Thema sollte grob „Heimat“ sein. Na gut, dachte ich, höre ich mal, was die sich so vorstellen, und welche Rolle sie für mich vorgesehen hatten. 

Es kam zu einem recht langen Vorgespräch am Telefon mit der Redakteurin. Durch die Blume wurde recht schnell klar, dass ich mal wieder das Migratenmaskottchen geben sollte. Was ich denn von der Debatte um das Heimatministerium halte, und von der Islamdebatte. Ich hab genervt die Augen verdreht, ein bisschen gegähnt und ungefähr sowas gesagt:

„Das Konzept eines Heimatministeriums ist anachronistischer Schwachsinn und dumpfer Stimmenfang bei Altnazis. Leider ist das so stumpf, dass das selbst der dümmste Nazi durchschaut. Ein Heimatministerium passt nicht in eine globalisierte Welt, wo wir alle permanent in Bewegung sind. Die ganze Debatte ist ein bescheuertes weißes Rauschen, bei der auf Pawlow’sche Reflexe gesetzt wird. Diese vermeintliche Islamdebatte ist genauso bescheuert. Entweder respektieren wir das Grundgesetz und die darin verankerte Religionsfreiheit, oder nicht. Und überhaupt – was sollen diese beknackten Diskussionen, wenn es in der Pflege, in der Bildung und überhaupt überall an Ressourcen und Lösungsansätzen fehlt und ich mir in Hamburg keine größere Wohnung leisten kann, obwohl ich gut verdiene? Mich langweilt das alles.“

Zwei Tage später wurde ich per Mail wieder ausgeladen aus der Sendung.

Ob das jetzt mit dem Vorgespräch zu tun hatte oder nicht, lasse ich mal dahin gestellt. Vielleicht haben sie ein geeignetes Migrantenmaskottchen gefunden, womöglich mit Kopftuch, oder vielleicht haben sie sich einfach was anderes vorgestellt. Wer weiß das schon.

Jedenfalls – falls sich jemand nochmal dafür interessiert, wie ich zu den aktuellen „Debatten“ stehe, kann er das hier nachlesen. Ich stehe als Migrantenmaskottchen nicht mehr zur Verfügung, und ich kümmere mich jetzt um interessantere Sachen! 

 

 

 

 

Das Beste, was man sich dieser Tage tun kann, ist, sich das hier ein, zwei, dreimal anzuschauen. „Man zahlt teuer für die Freiheit.“ Frohe Ostern, zusammen! 

 

Happy women’s day  mit Mona Haydar und einem der top 25 feminist anthems 2017.

Dies ist die Geschichte, wie ich einmal mit 25 Nazis nach Budapest und wieder zurück flog. Have a pleasant flight. 

Sie fallen schon am Gate auf, an diesem sonnigen Wintermorgen am Hamburger Flughafen. Circa 25 Männer, alle so zwischen 20 und 50, die meisten von ihnen mit kahl geschorenem Kopf, andere mit schnittiger HJ-Frisur, die inzwischen auch die Hipster für sich entdeckt haben, Tattoos auf den Armen, lugen aus den Ausschnitten ihrer Pullover hervor, kriechen die rasierten Nacken hoch, zieren die klobigen Knöchel der Hände. Runen, Blitze, 88, Dreispitze, Keltenkreuze. Sie tragen Carmouflage, einige von ihnen Springerstiefel, die obligatorischen Thor Steinar Pullis, die meisten schleppen dicke Siegelringe an den Fingern. Subtil ist anders. Sie gehören nicht alle zusammen, soweit ich das beobachten kann, schön ans äußere Ende meiner Sitzreihe gequetscht, mit meinem Buch und meinem Unwohlsein. Es sind kleinere und größere Grüppchen, mal zu zweit, mal zu viert, teilweise auch Paare. Ja, auch Frauen. 

Es sind zu viele, als dass das ein Zufall sein könnte. Auch, weil sie so eindeutig nicht zusammen gehören. Außer, dass sie zusammen gehören, mit ihren Codes und ihrem Menschenhass. Ich schaue die anderen Passagiere an, die zusammen mit mir und unseren tätowierten Freunden darauf warten, den Flieger nach Budapest zu besteigen. Einige scheinen von den illustren Mitreisenden gar keine Notiz zu nehmen, andere beäugen sie leicht angewidert und schauen dann auf den Boden. Was mag da los sein, und warum wollen die Nazis heute alle nach Budapest?

Im Flieger wird es dann ziemlich eng, nicht nur wegen der ziemlich vollen Maschine. Die Männer sitzen nicht alle zusammen, auch die, die gemeinsam reisen, sind verteilt über das gesamte Flugzeug und kaum dass die Anschnallzeichen erloschen sind, kommen zwei von ihnen in die Mitte, gesellen sich zu ihren Kumpels, die eine Reihe vor mir sitzen. Ich versuche weiter, mich auf mein Buch zu konzentrieren, aber die körperliche Präsenz des Typen mit dem ziemlich schlecht übertätowierten Hakenkreuz im Nacken, keine 2 Meter vor mir, macht es mir ziemlich schwer, mich mit Literatur zu beschäftigen. Also lausche ich. Es wird der Kurs von Euro zum Forint diskutiert, Bierpreise, und wie billig man Fleischplatten essen kann in Ungarn. Nebenbei immer wieder Sprüche wie „Mit Vorwärts kennen wir uns ja aus“. Lautes Gelächter. „Hast du gesehen, Merkel, und ihre Scheiße mit der bunten Gesellschaft!“ Lautes Gegröle. Subtil ist anders. 

In Budapest trennen sich unsere Wege zum Glück dann schnell. Trotzdem bleibt die Frage, was die wohl alle hier wollen, an diesem Wochenende. 
Am Abend treffe ich Freunde. Die aus der bunten Gesellschaft – zwei Brasilianer aus Berlin, einen Schweden aus Österreich, und zusammen besuchen wir eine ungarische Freundin. Dort erzähle ich dann von der komischen Fracht meines Eurowings Fluges. Der Gastgeberin geht sofort ein Licht auf. „Ah, warte mal“, sagt sie, und googlet. „Ah, tatsächlich!“ Und so werden wir alle aufgeklärt: Am 11. Februar begehen die Nazis in Ungarn den sogenannten „Tag der Ehre“ (Ja, genau. Igitt). So wie andere zum Hurricane oder zum Melt pilgern, pilgern Nazis aus ganz Europa nach Budapest und feiern alte Nazis mit neuen Nazis für ihr Nazitum. „Igitt“, sage ich immer wieder. Der österreichische Schwede hält eine flammende Rede auf die Demokratie, und dass Schweden da ja unvergleichlich sei. Der Brasilianer widerspricht, ich erzähle vom neuen deutschen Heimatministerium, und so vergeht der Abend, mit Wein und gutem Essen und irgendwann habe ich die Nazis auch vergessen. 

Am nächsten Tag spazieren wir alle zusammen durch die Stadt. Politik bleibt auch an diesem Tag Thema Nummer eins, unsere ungarische Gastgeberin zeigt uns die breit über die Stadt gepflasterte Anti- George Soros-Kampagne, und ein ziemlich übles Denkmal, mitten in der Stadt. Irgendwie sind doch alle verrückt geworden in Europa. 

Als wir am späten Nachmittag vom Burgpalast wieder hinunter in Richtung Stadt schlendern, hören wir sie dann wieder. Laute Sprechchöre durch Megaphone, überall Polizeiwagen und die passenden Polizisten. Auf einer Brücke über uns hat sich eine kleine Antifa-Gruppe positioniert, lässt Fahnen wehen und skandiert eigene Sprechchöre. Als wir unter der Brücke hindurch laufen, fallen wir quasi direkt in sie hinein – meine „Freunde“ aus dem Flugzeug, die inzwischen noch andere Freunde getroffen haben – man hört Italienisch, Deutsch, Polnisch und auch Schwedisch. Die Präsenz ist – obgleich die Gruppe eher zerstreut wirkt – erdrückend. Glatzen, Springerstiefel und höhnisches Gelächter, Mittelfinger in Richtung Antifa und Polizei, einige singen irgendwas, und ich möchte am liebsten auf die Straße kotzen.  

 

An dem Nachmittag dauert es eine Weile, bis ich mich wieder erholt habe von der Begegnung. Zum Glück steht für uns ein Besuch in einem Jazzclub an, wir sehen ein absolut fantastisches Konzert und ich weiß wieder, warum Kunst so heilsam ist. 

Meine letzte Befürchtung nun – ob die Glatzen wohl alle am Montag auch wieder mit mir zurück nach Hamburg fliegen … Und ja, natürlich sind sie auch am Montag wieder da. Der Flieger ist diesmal kaum halb voll, weshalb sie diesmal noch mehr auffallen als vorher. Die Grüppchen, die sich noch am Freitag in Hamburg nicht kannten, grüßen sich jetzt freundlich, sitzen zusammen, tauschen Geschichten aus. Man zeigt sich, was man alles Schöne gekauft hat – neue Siegelringe, neue T-Shirts mit eindeutigen Zeichen, einer hat sogar einen Stahlhelm in einer Souveniertüte dabei. So sieht also Nazitourismus aus. Schon ziemlich verrückt, dass sie sich wohl stark genug fühlen, sich nicht einmal mehr verstecken zu müssen.

 

Ein letztes Stoßgebet – „Bitte, mach, dass ich nicht auch noch neben so einem sitzen muss im Flieger“, das Pärchen hinter mir in der Schlange fragt mich, ob ich auch auf dem Hinflug schon das Vergnügen hatte, ja, wir seufzen uns gegenseitig zu, bestätigen uns in unserem Ekel. 

Meine Verbindung zur göttlichen Abteilung scheint durch die fiese braune Energie gestört zu sein, neben mir – zum Glück mit einem leeren Platz dazwischen, sitzt ein glatzköpfiger Schrank und ich klopfe mir nach 100 Minuten Flug innerlich für meine Selbstbeherrschung auf die Schulter, dass ich ihm nicht auf den Schoß gekotzt habe. Stattdessen habe ich aus dem Fenster gestarrt und das Hörbuch zu „Why I’m no longer talking to white people about race“ von Reni Eddo Lodge gehört. Schien mir irgendwie passend.

Beim Verlassen des Terminals in Hamburg spreche ich dann noch schnell die Zollbeamtin an, sage, dass da so eine Gruppe mit im Flieger war, die sich ziemlich eindeutig verfassungsfeindlich und volksverhetzend geäußert haben, die kämen gleich hier auch vorbei, vielleicht wolle sie sich die mal näher anschauen. Ob sie’s getan hat, weiß ich nicht, ich muss raus, eine Zigarette rauchen.

In der S-Bahn nach Hause schließlich entspanne ich mich zum ersten Mal. Mir gegenüber sitzt ein ägyptisches Pärchen, neben mir eine Frau aus Indonesien, die Bahn ist voll mit Menschen aller Hautfarben, viele Sprachen werden gesprochen. Ich kann endlich wieder atmen. Normale Welt. Da kommt mir ein Gedanke – so, wie ich mich in dieser Nazi-Airline gefühlt habe, fühlen diese erbärmlichen Typen sich wahrscheinlich jeden Tag in der S-Bahn, und plötzlich habe ich fast ein kleines Bisschen Mitleid mit ihnen. Aber nur fast, und auch nur ein bisschen. 

Trotzdem bin ich ausnahmsweise mal froh, am Nachmittag in meinem friedlich-gentrifizierten Viertel anzukommen, wo die Sonne lacht und ich mir nun ein Curry und ein paar Samosas beim Inder meines Vertrauens bestellen werde.