Eines meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre ist „Das Yacoubian Haus“ von Alaa Al Aswani.

(Ich empfehle übrigens dringend die englische Übersetzung für alle, die nicht arabisch lesen. Die deutsche Fassung greift mal wieder zu tief ins Blumenbeet, wabert sprachlich allzu dicht an der Kitschgrenze und nimmt dem Buch seinen Biss). Es geht um ein berühmtes Haus in der Innenstadt von Cairo, und all die Schicksale, die sich darin abspielen – privat wie öffentlich, persönlich wie universell. Das Ganze wird dann natürlich zu einer Parabel auf die moderne ägyptische Gesellschaft, liest sich aber dank der hinreißenden Erzählgabe des Autors weit weniger plakativ als es hier vielleicht klingt.

Bei unserem diesjährigen Besuch in Jeddah hatte ich dann mein ganz eigenes „Yacoubian“-Erlebnis.

Mein Onkel – so was wie der Patriarch der Familie – hat ein großes Haus gebaut. Sieben Stockwerke, Grand Hotel Style, von denen meine Tante und er die obersten zwei bewohnen und er sich seine Büros im Erdgeschoss eingerichtet hat. Die Stockwerke 2-5 werden nun aber von meinen Cousins und deren Familien bewohnt. Wo sich die Familie vorher noch über die Stadt verteilte und zumindest noch ein Auto bestiegen werden musste, um sich gegenseitig mehrmals die Woche zu besuchen, steigt man jetzt nur noch in den Aufzug und klingelt bei den Nachbarn.

Jeddah Haus

Die Frage, warum diese Menschen nun alle unter einem Dach leben, will ich hier gar nicht beantworten. Es sei dazu nur gesagt, dass der Druck von Geld und Familie überall auf der Welt gleichermaßen stark sein kann und eben auch (oder vor allem) erwachsene Männer in die Knie zwingt.

Die Vorstellung, dass es keinesfalls konfliktfrei ablaufen kann, wenn 20 miteinander verwandte Menschen plus Hausangestellte unter einem Dach leben, erfordert auch nicht viel Fantasie. Auf meine Frage, wie das denn so sei, mit allen Brüdern, deren Frauen und Kindern in einem Haus zu wohnen, auf deren Dach auch noch die eigenen Eltern sitzen, sagte mein Cousin nur: „Du wirst es ja sehen. Ich sage nur eins: Desperate Saudi Housewives. Ich arbeite schon an dem Drehbuch.“ Sprach’s und lacht … ein bisschen bitter.

Aber mal ohne Witz: kurz vor unserem Trip meinte mein Bruder noch, dass es so schade sei, dass er von dem Land kaum was kenne außer jede Menge Wohnzimmer. Ich sage: Was erzählt eigentlich mehr über das Land, als ebendiese Wohnzimmer? Der Trend zur kompletten Überreizung durch Medien, Filme, Musik, Konsum und Kommunikations-Spielzeuge. Die komplette Abwesenheit von Büchern, außer dem Koran. Die Größe der Salons. Die Beschaffenheit der Zimmer für die Dienstmädchen. Wie lebt es sich als Junggeselle, wie als Familienvater mit Geldproblemen, wie als nicht geouteter Schwuler, wie als dreifach Geschiedener mit zwei Kindern? Wie lenkt man sich ab von diesem Käfig-Land, wo schafft man sich seine Oasen, seine Freiheiten, seine kleinen Geheimnisse und Häfen? Wie will man wahrgenommen werden und was darf die Familie auf keinen Fall wissen? Wie hält man das Getratsche der Schwägerinnen aus? Wie stellt man sicher, dass man auf der guten Seite der Schwiegermutter steht, wie erzieht man seine Kinder zu frei denkenden Menschen, wenn von allen Seiten ein Cerberus (in Gestalt der Schwiegermutter, wohlgemerkt, nicht die Mutawwaa) lauert.

Und dann auch noch die Lage dieser Wohnzimmer unter ein und demselben Dach? Damit scheint nämlich ein Trend eingetreten zu sein im Land. Ganze Viertel mit Mehrfamilienhäusern sind entstanden, wo früher kleinere, herrschaftliche Villen standen. Ob da auch fast ausschließlich ganze Clans wohnen, will ich wissen. „Ja, ich würde schätzen, in 70% der Häuser schon. Weißt du, die Generation unserer Eltern hatte noch viel mehr Geld, viel geringere Lebenserhaltungskosten und bessere Bezahlung. Das wird immer schwieriger. Das Leben im Land wird teurer, die Arbeitslosigkeit bei den jungen Leuten ist hoch, die sparen einfach Geld, wenn sie bei den Eltern eine Wohnung im Haus haben.“ Hm. Kommt uns das irgendwie bekannt vor?

All das sieht und lernt man in diesen Wohnzimmern. Und langsam wird mir auch klar, warum das Image des Landes und das tatsächliche Wesen seiner Gesellschaft mitunter so weit auseinander klaffen. Wer kommt denn schon in diese Wohnzimmer und schaut sich so genau um.

Das „Yacoubian Haus“ ist übrigens auch ganz wunderbar verfilmt worden. Kann man sich mit Untertiteln sogar bei Youtube anschauen.

Nachdem Mubarak nun schon über eine Woche seinen Posten geräumt hat und die Revolution nun in die nächste, anstrengende Phase geht, nachdem Gaddafi in Libyen grade sein halbes Volk abschlachtet und mal wieder kaum Empörung von Politik, Öffentlichkeit und Medien zu hören ist, nachdem die Mehrheit der Menschen Bahrein immer noch auf der Landkarte suchen, kommen die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ganz allmählich aus ihrem Winterschlaf und holen nach, was sie schon vor Wochen hätten beginnen müssen. Sie versuchen zumindest, zu informieren. Manchmal sogar ganz gut.

Einen Beitrag, den ich sehr gelungen finde für ein populäres Kulturformat, ist dieser hier von Titel Thesen Temperamente.  Der Schriftsteller Alaa Al-Aswany und der ägyptische Intellektuelle Amr Hamzawy machen deutlich, dass die Situation im Nahen Osten von uns bisher bewusst ignoriert worden ist, und dass man sich nur wundern kann, dass wir uns wundern. Schön. Überhaupt, ich empfehle jedem, der sich jetzt oder auch schon früher für Ägypten und insbesondere für Kairo interessiert, Alaa Al-Aswanys Roman Der Jakubijan-Bau. Ein schönes Stück gut lesbare Literatur über die ägyptische Gesellschaft im 20. Jahrhundert. Gibt’s auch als sehr sehenswerten Film, allerdings nur in arabischer Sprache und mit englischen Untertiteln.
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