Es gibt Fragen, die stellen sich einigen Menschen nie.Menschen, die zum Beispiel immer ein Auto hatten, haben immer mal wieder Schwierigkeiten, wenn es um die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel geht (als Ruhrpottkind weiß ich, wovon ich spreche…).

Menschen, die immer Geld hatten, werden sich selten fragen, wie sie ihre nächste Miete oder ihr nächstes Abendessen zahlen können.

Sich solche Fragen stellen zu können, selbst wenn man nicht in der entsprechenden Situation ist, es zu müssen, hat viel mit Empathie, aber auch mit Demut zu tun. In letzter Zeit, das hat mit meiner Arbeit im Moment zu tun, aber auch mit der Tatsache, dass ich derzeit immer mal wieder neue Menschen kennen lerne, mit denen man sich über das übliche „Und was machst du so?“ hinaus unterhält, wird mir wieder öfter die Frage gestellt, wo ich denn eigentlich herkomme.

Dabei krampft sich bei mir regelmäßig etwas zusammen. Zu alt und ungut die Erinnerungen, die mit solchen Gesprächen verbunden sind. Menschen, die plötzlich besonders laut und deutlich mit mir sprechen, als sei ich taub, die mir ein Kompliment aussprechen wollen, indem sie mein Deutsch loben.

Wenn ich sage: „Aus Hamburg“, folgt unweigerlich die Frage: „Ja, aber wo kommst du ursprünglich her?“ Antworte ich dann wahrheitsgemäß, ich sei in Dortmund geboren, wird meist entgegnet: „Aber woher kommt denn dein Name?“

Dann geht das Gespräch meistens richtig los. Saudi Arabien – ah, interessant. Schleier, Waffenexporte, Ölquellen, Islamisten. Wissen deine Eltern, dass du Alkohol trinkst? Was bedeutet das Tattoo auf deinem Arm? Jihad?

Einige Gespräche werden dann sehr schön, spannend und auch zu einem echten Austausch. Ich erfahre echtes Interesse an den Dingen, die ich über das Land, in dem ich aufgewachsen bin, zu sagen habe und es ergeben sich für alle Seiten bereichernde Diskussionen. Oft aber bleibt es an der Oberfläche, die trotz (oder vielleicht grad aufgrund?) des Aufgeklärtheitsgrades meiner Gegenüber mit Vorurteilen gepflastert sind. Vorurteile, die sich ganz offenbar nur schlecht auflösen lassen und manchmal sogar in Selbstgerechtigkeit und ein ganz eigentümliches Mitgefühl kippen.

Ich vermeide solche Gespräche am liebsten. Sie frustrieren mich. Ich bemitleide ja auch die Leute nicht offen und ins Gesicht, die zum Beispiel aus einem fränkischen Dorf oder der hessischen Provinz kommen.

Das alles wäre nicht wirklich ein Problem, wenn man einfach damit spielen dürfte, wie meine doppelblütigen Freunde (Teilfranzosen, Teillibanesen, Teilrussen, Teilirgendwas) und ich es meistens vor allem untereinander tun. Aber die Diskussion um die Herkunft in Deutschland geht immer noch einen Schritt weiter. Kaum hat man sich Menschen etwas persönlicher angenähert – egal ob im Job, damals in der Schule, oder unter potenziellen Freunden und Partnern – bekommt man suggeriert, dass es doch auch ein bisschen übertrieben sei und schräg, sich permanent über diese Herkunftsfrage zu definieren. „Aber du bist doch hier aufgewachsen. Hier zur Schule gegangen. Hast hier studiert.“ Was anfangs noch interessant, exotisch und von der anderen Seite her produzierter Gesprächsstoff war, ist jetzt geklärt, und man kann und muss sich doch jetzt bitte wieder integriert und auf derselben kulturellen Ebene unterhalten.

Das Problem, liebe Leute, ist nicht, dass ich mich selbst gern den ganzen Tag von euch, die ihr einzig euer Paderborn, Kaufbeuren oder Buxtehude kennt, abgrenzen möchte, sondern dass ich mit solchen Gesprächen schon auf den Sonderposten gesetzt, exponiert und als „Das Andere“ definiert, um nicht zu sagen exotisiert werde. Und dass man dann doch bitteschön doch aber auch wieder passend gemacht werden möchte, das kann man doch verstehen.

Als ich vor einigen Jahren mal eine Weile in London leben durfte, habe ich den frappanten Unterschied zu diesem, meinem Deutschland festgestellt. Ein Land wie England, das lange Erfahrungen mit Imperialismus und Einwanderern verschiedensten Ursprungs hat, hat natürlich auch durchaus mit Rassismus und solchen Problemen zu kämpfen. Aber diese wohlmeinende Exotisierung, die empfinde ich als etwas wahnsinnig Deutsches. Als Versuch, das Andere zu verstehen und sich selbst mundgerecht zu machen. In England bin ich nie gefragt worden, wo ich denn nun wirklich herkomme.

Empathie, das heißt nicht nur, versuchen zu verstehen, sondern auch Reinlassen. Sich hineinversetzen und annehmen, dass da jemand anders ist, mit anderen Erfahrungen, anderen Parametern, anderen Vorstellungen von der Welt und dem Leben. Und es als absoluten Luxus, und nicht als Selbstverständlichkeit zu begreifen, nicht permanent infrage gestellt zu werden und sich somit zumindest sehr viel leichter richtig zu fühlen in der Welt, die einen umgibt.

Und solange ich noch immer, im Jahr 2014, mit mittlerweile über 20 Jahren Deutschland-Leben auf dem Buckel gefragt (und damit in Frage gestellt) werde, wo ich eigentlich herkomme, wird es mir schwer fallen, zu sagen: „Aus Deutschland.“

Der große Autor, Denker und Orientalismusforscher Edward Said hat dieses Gefühl von Fremdsein und Anderssein und von allen Seiten passend gemacht werden zu müssen, in seiner Autobiographie „Out of Place“ ganz wunderschön eingefangen und in Worte gegossen: „With so many dissonances in my life I have learned actually to prefer not being quite right and out of place.“

Hier kann man sein letztes Interview sehen, in dem es sehr klug um genau diese Fragen geht.

edward-said-portrait

Beim Fußballschauen letzte Woche hat mich jemand gefragt, ob ich Brasilianerin sei. Die Haare, die Hautfarbe und das Temperament waren wohl der Grund dafür. Ich hab einfach mal „Ja“ gesagt. Dann war auch Ruhe im Karton. Es gibt sie nämlich doch, die Guten und die Schlechten Ausländer.

 

 

Wenn ich mir von einer guten Fee etwas wünschen dürfte, dann würde ich sagen: „Hey, Fee. Mach doch mal, dass der Orientalismus in der selbsternannten Ersten Welt im 21. Jahrhundert endlich verschwindet!“

Komischer Wunsch, ich weiß, man könnte sich ja auch neue Schuhe wünschen, oder eine Weltreise, oder den Nobelpreis. Aber mich ärgert der alltägliche Orientalismus um mich herum einfach über alle Maßen, und ich glaube wirklich, könnte die gute Fee den beseitigen, ginge es mir sehr viel besser.

Gestern beispielsweise habe ich mich mit einer Kollegin unterhalten. Die hat beruflich auch hin und wieder mit arabischer Literatur, Musik und Politik zu tun, und erzählte folgende Anekdote:

Sie zeigt einem Kollegen ein Video auf Youtube, wo eine junge ägyptische Dichterin ein Werk vorliest, und zwar auf einer Bühne, vor Publikum. Ich kenne das Video, und glaube zu wissen, was als Nächstes kommt. „Lass mich raten“, sage ich, „der hat sich dran gestört, dass sie Kopftuch trägt, obwohl sie Anfang zwanzig ist und zur Bildungselite gehört!“„Ne, viel schlimmer“, sagt die Kollegin. „Am Ende klatschen die Leute im Publikum ja. Und der Typ meinte ernsthaft: ‚Ja, das ist ja jetzt schon sehr westlich, dass die applaudieren, ne?’“

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