Heimat, das ist ja vor allem in letzter Zeit, dank dem ganzen Schwachsinn von Pegida und der CSU-Offensive, Migrationsmitbürger, mögen doch bitte nur noch Deutsch sprechen, ein bisschen ein dreckiges Wort.

Überhaupt ist es vor allem unter vermeintlichen intellektuellen Menschen ein ziemlich uncooler Begriff. Benutzt man ihn, wird man belächelt, ja gar ausgelacht. Und trotzdem stolpert man immer wieder darüber, wenn mal wieder ein neuer „Heimat“-Roman erscheint, die vermeintliche Renaissance des „Heimat“-Films ausgerufen wird. Man beachte allerdings die Anführungsstriche. Ohne die kleinen Ironiehäkchen darf man ja solche Begriffe („Liebe“ ist auch so ein Wort) nicht mehr verwenden heutzutage. Zu schnell wird man sonst in die rechtskonservative Ecke gestellt.

Menschen mit komischen Namen, wie ich, oder mit dunkler Haut und dunklen Haaren bekommen solche Begriffe aber auch gern mal ganz ironiefrei an den Kopf geworfen. „Ah, fahren Sie in die Heimat über die Feiertage?“, fragte mich mal eine wohlwollende Dame am Schalter, als ich vor Jahren mal ein Busticket nach Prag über Silvester kaufte. Ich lächelte artig und erklärte, nein, ich wolle nur mit meinem Freund ein paar Tage Urlaub machen.

Völlig ironiefrei beschäftigt sich dieser Tage auch das DB-Magazin Mobil mit dem Thema und befragt diverse Autoren, Künstler und Promis zu ihrem Heimatbegriff. Eine Freundin brachte mir das Blatt mit und wies mich auf den Text von Fatih Akin hin. „Ich hab viel an dich gedacht dabei“, sagt sie. „Heimat sei ein Zustand im Kopf“, sagt Fatih Akin, der selbst durch und durch Hamburger (um genau zu sein, Ottenser) ist.

Kürzlich bekam ich auch ein Buch geschenkt von einem Freund, der selbst vor nicht allzu langer Zeit nach Hamburg gezogen ist. Vorn aufs Vorsatzblatt schrieb er mir eine Widmung, die mir fast die Tränen in die Augen trieb: „Weil Du Hamburg zum Zuhause machst.“

Mit anderen Worten, der Heimatbegriff hat sich in den letzten Tagen und Wochen mal wieder in mein Bewusstsein geschlichen und ich mache mir Gedanken darüber. Hat auch mit meiner letzten Reise zu tun, auf der ich mich zum 1000sten Mal gefragt hab, „verdammte Scheiße, wie kann man sich bloß an so unterschiedlichen Ecken dieser Welt gleichermaßen derart zu Hause fühlen?“ Das ist nämlich ehrlich gesagt ganz schön anstrengend mitunter.

Als ich vor genau einem Jahr nach Hamburg zurück gezogen bin, war das so ziemlich der schönste Tag meines Lebens. Mein Zuhause hatte mich wieder, und ich mein Zuhause. Für mich war und ist das was sehr Besonderes, einen solchen Ort gefunden zu haben, der so viel Raum in meinem Herzen erobert hat, dass ich ihn wohl nie mehr freiwillig verlassen werde. Zumindest nicht für länger. Und dann komme ich aber wieder nach Kairo, oder wie im Frühjahr nach Jeddah, und fühle mich genauso wohl, will genauso wenig weg und habe Heimweh und große Sehnsucht, sobald ich im Flieger sitze. Wohin und in welche Richtung, das weiß ich dann immer gar nicht so genau. Nur, dass ich dann immer schrecklich durcheinander bin und tagelang herum laufe wie Falschgeld, im Versuch, mich zu sortieren.

Wenn ich aufzählen sollte, was „Heimat“ oder „Zuhause“ für mich ist – dann fallen mir so viele verschiedene Dinge ein – die Hafenkräne gegenüber der Landungsbrücke 10 mit all den Möwen und Schiffen, das Wohnzimmer meiner Tante in Jeddah mit dem ganzen Lärm einer riesigen Verwandtschaft, der Midan Tahrir in Kairo mit all seinem Smog und 24-Stunden-Stau. Und wenn all diese Bilder sich vermischen, sich überlagern, einander in die Quere kommen, dann ist „Zuhause“ das stundenlange Telefonat mit meinem besten Freund, der mich immer auffangen, einloten und beruhigen kann.

Und wenn ich in der Zeitung von Nazi-Aufmärschen in Köln oder von Steinigungen in Saudi Arabien oder großflächigen Verhaftungen in Ägypten lese, dann fällt mir auch wieder ein, dass „Heimat“ eben nicht nur schön und gut ist, sondern eben auch weh tut und Dinge anstellt, mit denen man ganz und gar nicht einverstanden ist.

„Heimat im Kopf“ finde ich deshalb auch schwierig. In meinem Kopf mischen sich da zu viele Dinge, werden zum Nebel über der Elbe oder eben dem Smog über dem Nil. Heimat, denke ich dann, sollte was Klare sein, ein eindeutiges, klares Gefühl. Wie Liebe. Andererseits – wie klar oder eindeutig ist man schon manchmal in diesen großen, komplexen Dingen wie Liebe. Oder eben Heimat.

Dann halte ich es lieber mit meinem Freund Rudi, der mir diese herrliche Widmung geschrieben hat, und denke, Heimat, das ist wohl die glückliche Kombination aus einem Ort und einer Handvoll Menschen, in der einem sowohl das eine wie das andere gleichermaßen am Herzen liegt. Und glücklich ist, wer das wenigstens einmal in seinem Leben erleben darf. Ich selbst, so denke ich inzwischen, nachdem sich die Unruhe und der Nebel über Heimatlosigkeitsgefühl und Zerrissenheit mal wieder gelegt hat, habe noch viel mehr Glück – ich habe viele Heimaten, mindestens drei bis vier Orte, an denen ich Menschen und Dinge finde, die mir ein Zuhausegefühl geben. Und wo ich auch einfach mal bleiben könnte. Oder hin zurückkehren kann. Das ist es wohl – Heimat ist da, wo man immer wieder gern hin zurück kommt …

Jetzt an Weihnachten ist Zuhause dann auch wieder Mamas Nussecken, Peter Alexanders Weihnachtsalbum und jede Menge Sekt mit meinen Cousinen. Im Januar ist es dann wieder mein Hafen mit seinen Kränen, und im Februar … wer weiß…

Liebe Leute – ich sage euch also: Bitte legt die Menschen nicht so fest mit diesem „Heimat“-Dings. Gerade wir, die wir komische Namen oder ein anderes Aussehen haben, wir brauchen eben manchmal mehr als nur einen Ort, mehr als nur eine Sprache, mehr als nur einen Schlag Mensch. Und dafür brauchen wir gefälligst weder ein Deutsch-Gebot noch Integrationspolizei!

Zum Schluss noch ein „Heimat“-Lied, ganz ohne Ironie, von der tollen, tollen Anna Depenbusch. Heimat ist halt nicht einfach. Wie Liebe. Hört man ja.

In diesem Sinne – Frohe Weihnachten! Am besten mit einer Portion Heimatfilme!!

 

Aufmerksame Leser dieses Forums wissen ja mittlerweile, wie sehr ich Cairo, dem ganzen ägyptischen Land und den Menschen dort zugetan bin. Für mich ist das hier mein zweites Zuhause.

Die ganze Revolutionsbewegung dort hat auch diesen Blog mitinspiriert. Und seither verfolge ich, wie viele andere wohl auch, mal mit Freude, oft mit Sorge, Wut und Traurigkeit, wie es politisch und gesellschaftlich dort weiter geht.

Speziell bei diesem letzten Aufenthalt hatte ich so gespaltene Gefühle wie selten zuvor. Die politische Situation in Cairo ist alles andere als spaßig zur Zeit. Präsident Sisi hat das Land unter ein festes Joch der Militärdiktatur eingespannt, die Zahl der politischen Häftlinge rangiert seit seinem Amtsantritt irgendwo in den hohen 10.000ern, sagt und liest und hört man, Menschenrechte gibt es de facto nicht mehr. Meine Gastgeberin dieses Jahr, die bereits seit zehn Jahren in Cairo lebt und für verschiedene NGOs arbeitet, meint, es sei so schlimm wie noch nie. Viele ihrer Freunde sitzen im Gefängnis, man hat keinerlei Redefreiheit mehr, Paranoia hat sich blitzartig ausgebreitet unter der Bevölkerung. Vermehrt sieht man wieder Bilder von Sisi in Läden, auf der Straße und an Autoscheiben kleben. Die Propaganda-Maschine sei so effektiv, so meine Mitbewohnerin, dass sie selbst völlig erschrocken war, wie sie letztes Jahr plötzlich den Wahlslogan „Sisi-Ra’esi“ (Sisi – Mein Präsident) nicht mehr aus dem Kopf bekam. „Das ist die totale Gehirnwäsche, die nach dem Fuck-up der Muslimbrüder auf komplett fruchtbaren Boden gefallen ist“, meint sie.

Grad gestern hat ein befreundeter Journalist noch ein Bild getwittert, auf dem zu sehen ist, wie er und seine Kollegen von einem Polizisten in Zivil und mit Waffe im Hosenbund abgeführt werden, weil sie am Tahrir drehen wollten. „Wir hatten alle Genehmigungen, trotzdem mussten wir mit“, sagt er. Eine Journalistenfreundin erzählt mir, bei ihr werde wöchentlich angeklopft, Equipment abgeholt, Kollegen zum Verhör zitiert. Das also ist nun wieder Alltag in Ägypten …

Für heute und morgen sind Demonstrationen angekündigt, Islamisten wollen auf die Straße gehen und haben zu Protesten aufgerufen. Die Regierung ihrerseits hat offen angekündigt, dass scharf geschossen werden darf, sollte jemand tatsächlich wagen, zu demonstrieren. Alles widerlich.

Auch die Rolle des Westens, mal wieder – sie haben in Sisi dann auch wieder einen Partner im sogenannten Kampf gegen die Islamisierung gefunden, auch Deutschland füttert den Polizeistaat ordentlich. Alles im Namen der Sicherheit.

Handfeste Diktatur ist zurück im Land, „Sout el Horeyya“, das war mal, ayyam zaman.

Das war also die Woche in Cairo – und dann, dann kam Luxor.

Meine Freundin und ich wollten noch eine Woche Urlaub dranhängen und fliegen in den Süden. Ein bisschen bedrückt von der Stimmung und die Befürchtung, es könnte wohl reichlich anstrengend werden, wenn zwei Mädels irgendwo Urlaub machen, wo allem Anschein nach kaum mehr ein Tourist hinkommt und man alle 1,5 Meter Kamele, Pyramiden, Papyrus, Felukken und Kutschfahrten angedreht bekommt.

Der Ehrlichkeit halber sage ich gleich, ja, auch das war zwischenzeitlich der Fall. Aber … sehr, sehr viel weniger als befürchtet, und in erster Linie waren sämtliche Menschen, mit denen wir zu tun hatten, wahnsinnig nett, aufgeschlossen, freundlich und sanft. Ich hatte unglaublich schöne Gespräche mit den Jungs im Hotel, mit Leuten in Restaurants, mit Menschen an den Archäologischen Sehenswürdigkeiten. Der Anblick des leergefegten Tal der Könige bricht einem fast das Herz. Wo vor ein paar Jahren noch tausende Menschen täglich an den Königstempeln Schlange standen, waren wir komplett alleine.

Gähnende Leere im Tal der Könige

Gähnende Leere im Tal der Könige

 

Für uns als Touristen war das natürlich fantastisch – wann kann man sich schon mal so in Ruhe und ohne Gedränge solche einmaligen Dinge ansehen. Aber für die Menschen dort ist es eine absolute Katastrophe. Dass sich Touristen auch 3 Jahre nach der Revolution noch nicht trauen, das Land zu bereisen, bricht dem Land wirtschaftlich komplett das Genick. „Zum Glück haben die meisten hier große Familien, die auch Landwirtschaft betreiben, so können sie sich gegenseitig ernähren“, meint Moussa, der Typ, der unser Hotel leitet. Er hat es im Gegensatz zu vielen anderen geschafft, auch während der Krise seinen Laden am Laufen zu halten, mehr schlecht als recht. Und er hat Visionen. „Ich will Eco-Tourismus in Ägypten voran treiben, mit Kindern hier arbeiten, damit sie ein Bewusstsein für Umwelt und ihr Erbe bekommen. Aber wie denn ohne Touristen? Ich mein, Leute, es sind jetzt vier Jahre, es reicht langsam.“

Der Staat, so eine Bekannte, zahlt inzwischen sogar Futterbeihilfe an Besitzer von Pferdekutschen in Luxor und Umgebung, damit die Tiere nicht verenden. Das Bild ist wahnsinnig deprimierend und bricht mir das Herz. Zumal man bei den Leuten kein bisschen Bitterkeit spürt, oder Resignation. Sie machen weiter. Und warten tapfer ab, fegen vor ihren Läden, beleuchten ihre Schaufenster, dekorieren ihre Felukken, falls sich heute doch mal ein Tourist verirrt.

Am deutlichsten wird die Situation, wenn man am Nilufer die Flotte gähnend leerer, still vor sich hin schlafender Nil-Kreuzer anschaut. Davon fuhren früher täglich 3-4 den Nil rauf und runter. Heute verrosten und verstauben sie.

Die schlafenden Schiffe von Luxor

Die schlafenden Schiffe von Luxor

 

Ich komme mit all den Eindrücken noch immer nicht klar, auch jetzt, ein paar Tage nach meiner Rückkehr ins schöne, gemütliche, meinungsfreie, satte Deutschland nicht. Klar, Militärdiktatur ist großer, großer Mist, und dafür sind seit 2011 sicher nicht hunderte Menschen gestorben und tausende ins Gefängnis gewandert. Aber wenn man so auf die schlafenden Dampfer von Luxor schaut, denkt man sich, dass es auch okay ist, wenn den Leuten hier Demokratie grad herzlich egal ist, hauptsache, die Familie bekommt mal wieder was zu essen.

Das wurde ja auch mal wieder Zeit. Endlich zurück in Cairo, endlich zurück in der tollsten, lautesten, lebendigsten Stadt der Welt.

Ich hatte das große Glück, eingeladen worden zu sein als Teilnehmerin eines Workshops für deutsch-arabische Übersetzer, veranstaltet vom Deutschen Übersetzerfonds und vom Goethe Institut. Zusammen mit neun anderen Kollegen aus Deutschland und Ägypten haben wir eine tolle, intensive, hochspannende Woche verbracht, voll mit Eindrücken, Erlebnissen und natürlich Literatur.

Goethe Kairo

Goethe Institut Cairo

 

Was haben wir gemacht? Jeder der zehn Teilnehmer hat ein Projekt mitgebracht, einen Roman, ein Theaterstück, Gedichte, die er oder sie übersetzt, entweder aus dem Arabischen ins Deutsche oder eben umgekehrt. Und dann wurde gearbeitet. Texte wurden auseinander gepflückt, Formulierungen diskutiert, Schwierigkeiten geteilt, Probleme gelöst und hitzige Diskussionen geführt: „Wie sehr darf ich als Übersetzer in den Text eingreifen?“, „Was mache ich mit starken Dialekten?“, „Wie löse ich Wortspiele auf, die in der Zielsprache keine Entsprechung haben?“, „Darf ich einen Text ‚verbessern‘, wenn der Ursprungstext holperig und schief klingt?“, „Dient die Übersetzung in erster Linie dem Text oder dem Leser?“, „Was mache ich, wenn mich der Text so sehr aufwühlt, dass ich kaum mehr Abstand einnehmen kann?“.

Wahnsinnig spannend, was da so bei rumkommt – man macht sich ja als Nichtübersetzer, bzw als normaler Leser wohl selten Gedanken darüber, wie sehr sich Übersetzer den Kopf manchmal zerbrechen. Manchmal sicher sogar mehr als die Autoren selbst, meinten einige Kollegen. Ich selbst habe auch ganz neuen Respekt vor der deutschen Sprache gewonnen, nachdem eine der arabischen Kolleginnen ihr Projekt, „Das amerikanische Hospital“ von Michael Kleeberg vorgestellt hat – wie zum Teufel überträgt man 5 Seiten ins Arabische, auf denen der Autor wahnsinnig gekonnt, fein und subtil mit der Doppeldeutigkeit von „dahin“ spielt – „dahin“ im Sinne von „weg, vorbei“, und eben „dahin“ als Richtungsangabe.

Wir deutschen Teilnehmer sind dann auch ein wenig neidisch aus der Woche gegangen – denn während arabische Literatur auf dem deutschen Markt aus ihrer winzigen Nische nicht hinaus zu kommen scheint, sich weder Verlage noch Leser offenbar für die literarische Vielfalt der arabischen Länder interessieren, ist deutsche Literatur in den arabischen Ländern offenbar nicht nur sehr beliebt, sondern auch gefragt. Wir besuchen zum Beispiel das „National Center for Translation“, eine staatliche Organisation in Ägypten, die ausschließlich dafür zuständig ist, Übersetzung zu fördern und übersetzte Bücher heraus zu bringen … Hallo Deutschland, wo bleibt denn das Gegenstück hier?!

 

Ich vor dem National Centre for Traslation in Cairo.

Ich vor dem National Centre for Traslation in Cairo.

 

Immer wieder kamen wir auf die Frage, warum kaum ein deutscher Verlag Mut und Lust hat, sich diesem Teil der Welt zu widmen. Freilich gibt es den sehr engagierten kleinen Lenos Verlag, und eben den schweizer Unionsverlag, die bereits seit Jahrzehnten vorbildliche Arbeit leisten, aber warum schafft es so selten ein guter arabischer Roman ins Programm eines Mainstreamverlages? Sind deutsche Leser wirklich so wenig interessiert? Sind die Geschichten dann doch zu fremd, zu weit weg? Liegt es an den Übersetzungen? Warum sind so viele zeitgenössische, auch wirklich gute Titel zwar in englischer, französischer und vermehrt auch italienischer Übersetzung erhältlich, während man als Übersetzer bei den deutschen Verlagen nach wie vor gegen Wände rennt?
Was meint ihr?

Wir konnten es uns auch nicht erklären … Vielleicht wisst ihr als Leser ja mehr als wir … Dann weiht uns bitte ein!

So oder so – für mich war es eine großartige Woche, in der ich viel gelernt habe, und trotz aller grau-schwarzen Prognosen in Sachen arabischer Literatur in Deutschland nehme ich viel neue Lust und Motivation mit an den heimischen Schreibtisch. Und so als ganz persönlichen Schlusssatz – Danke, liebe Leute, Kollegen, Organisatoren, Ermöglicher!! Es war super!

In diesem Sinne: Leute, lest mehr arabische Romane, Gedichte, Theaterstücke!

Zu allererst eine Vorwarnung: Dies ist kein objektiver Bericht, keine neutrale Analyse. Was nun folgt, ist sehr persönlich, eine Liebesgeschichte von epischem Ausmaß. Eine Geschichte, die kürzlich jemand „deine Cairomance“ genannt hat.

Wen also harte Fakten, objektive Analysen und kreischende Nachrichtensensationen interessieren, sollte genau jetzt aufhören zu lesen.

Für alle anderen – This is about me and my Cairomance.

Sonne, Hitze, Staub, dreckige Füße, Schwarz unter den Nägeln, Menschen über Millionen von Menschen, nie auch nur eine Minute Stille, Licht, elektrisches und natürliches, der Geruch nach Bleiche, chemischem Insektengift und süßlichem Waschpulver. Staub auf frisch gewaschener Wäsche, Sandwiches mit gegrillter Leber für 45 Cent, Autohupen, das den Gebetsruf zu jeder Tages- und Nachtzeit übertönt. Menschen, die dir ständig und zu jeder Zeit ihre Lebensgeschichte erzählen, so oft, dass es auffällt, wenn ein Taxifahrer mal die Klappe hält. Gechlortes Duschwasser und brüchige Haare, ein Fluss mitten in der Stadt, über den man tagtäglich mehrmals fährt, mit dem Taxi, oder unten durch mit der Metro, und jedes Mal denkt: „Verdammt, der NIL!“

Nachts, ganz spät, auf dem Dach des Zamalek Hotel, der Ort staubig, runtergekommen, auf den Gängen die Zementsäcke, der Wandbruch, die Bilder noch aus Nassers Zeit, Zeit ist kein Faktor hier, ist stehen geblieben, irgendwo zwischen Wille und Vorstellung, zwischen Traum und Trümmer.

Das Dach mit der Bar, Bier und Shisha, unter löchrigen Netzen und Baldachinen, die gespannt sind, Wind, oben über der Stadt, und es ist trotzdem noch laut und heiß.

Vom Fluss her lärmen die Boote mit den Feiernden, und auf dem Dach, da reden sie über Kunst und Fußball und Politik und fühlen sich ein paar Stunden lang frei.

Dann setzt der Regen ein, leicht, und warm, nieselig, durch die Löcher im Baldachin, auf dem Boden Staub und Asche, glückliche Gesichter in den Stühlen, Beseeltheit, Poesie und Mystik, Erbschaft und Geschichte. Nach Hause laufen in dem leichten Niesel, beseelt und voll mit Leben.

Luft, die nach Abgasen und gegrilltem Fleisch, süßem Tabak und Stadt richt, Falafel und Foul an der Straße, alles unter einem Euro, Cafés, in denen 24/7 Fußball läuft, egal welches Land, egal welche Liga. „Welcome, welcome to Eeee-jibt“, man hört es täglich zehnmal und mehr. Stadt im Dauerstau, Autofahrten am Rande der Todesgefahr, Lebenslust und Mut und Humor, egal wo man hinschaut. Tanzen bis Nachts um fünf in der ersten Disko der Stadt, irgendwas zwischen deutschem Gasthaus, linker Eckkneipe und Jazzschuppen aus den 60ern, die Band spielt mit 6-9 Instrumenten, Traditionelles und Eigenes, die Mischung zwischen Livemusik, Habibi-Pop und Dance-Trash aus dem Westen, und alle rasten aus und fühlen sich wohl. Altersdurchschnitt: 25-65. Und keinen stört’s .

Abgeblätterte Farbe, ausgetrocknetes Holz, jahrealter Staub auf noch älteren Autos. Meer aus Satellitenschüsseln, graubraune Hauswand, die mit der braungrauen Luft verschmilzt. Abende, die langsam kühler werden,

Klimaanlagen, die einen steifen Nacken und einen rauen Hals machen.

Neues auch, Menschen, die plötzlich über Politik reden, Wände ansprühen, keine Angst mehr haben. Parolen überall, auch Resignation dazwischen, und überall die ungebrochene Freundlichkeit über allem.

Cairo mon amour, was soll ich sagen. Die Angst, es könnte anders oder weniger oder fremder sein als vor 2 Jahren, war völlig unbegründet. Hier ist mein Herz, hier ist Bewegen leicht. Die Stadt will nicht mit mir kämpfen, nicht wie Berlin, sie ist einfach da, und scheint zu sagen: „Mach du mal“.

Und über allem der tiefe Wunsch, einfach zu bleiben.

To be continued….Dann auch mit Bildern, bei hoffentlich besserer Internetverbindung.

 

Vor genau zwei Wochen, am 25. Januar, begannen die Proteste in Kairo, und seither habe ich fast ununterbrochen am Computer geklebt, um die Ereignisse so gut es ging zu verfolgen.

Das war und ist nicht immer ganz einfach, zum einen wegen der schon erwähnten verschlafenen deutschen Medien, zum anderen wegen der zeitweise abgeschnittenen Internet- und Telefonverbindungen in Ägypten. Tagelang habe ich keine Nachricht bekommen von Freunden vor Ort, erst seit Donnerstag habe ich inzwischen von den meisten gehört, dass es ihnen gut geht, habe gehört, wer an den Protesten teilgenommen hat und wie es inzwischen auf den Straßen aussieht. Schließlich musste ich mich zwingen, mich ein paar Tage vom Internet und dem Verfolgen der Nachrichten abzulenken, um ein bisschen Distanz aufbauen zu können. Die Bilder und Berichte hatten mich zu sehr mitgenommen.

Inzwischen sind ein paar Tage vergangen und es ist Zeit für eine persönliche Zwischenbilanz.

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Alle Augen nach Kairo, die Revolution geht weiter, hat nie aufgehört, und erreicht heute einen weiteren, recht absurden Höhepunkt.

Am Freitag hatten sich hunderttausende Menschen wieder auf dem Midan al-Tahrir versammelt, um ihre Rechte einzufordern. Zuvor machten immer häufiger Gerüchte die Runde, das Interims-Militärregime würde Anhänger der Revolution festnehmen, foltern und in geheimen Militärtribunalen verurteilen.

Außerdem fordern die Demonstranten, dass dem ehemaligen Präsidenten Mubarak und seinen Ministern und Generälen der Prozess gemacht und dass Ermittlungen über Mubaraks Vermögen in die Wege geleitet werden.
Bei den Protesten ist es zu schlimmen Ausschreitungen gekommen, viele wurden verletzt, zwei starben. Heute dann die große Überraschung. Gegen 15 Uhr unserer Zeit kursierten auf einmal Gerüchte auf Facebook und Twitter, Mubarak würde sich in einer Rede auf dem Sender Al Arabiya an die Nation wenden. Und tatsächlich konnte ich die ganze Zeit über keinen Live Stream starten, weil der Server des Senders scheinbar komplett überlastet war. Aber die Rede wurde (offenbar vom Band kommend), tatsächlich ausgestrahlt, wie mir Freunde in Kairo berichteten, und wenig später konnte man sie dann auch auf der Seite des Senders lesen. Leider (bislang) nur auf Arabisch.

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Wie ein Krimi, wie ein Traum war das die letzten drei Wochen. Wer hätte das gedacht, noch vor einem Monat oder zweien? Ein Mann, der sich dreißig Jahre lang an einer Staatsspitze festgezeckt hatte, der sein Land und seine Menschen unterdrückt, gefoltert, geknebelt und ausgeblutet hat – dieser Mann ist nicht mehr.

Zumindest nicht mehr auf seinem Stuhl. Und seine Menschen, diese gefolterten, geknebelten und ausgebluteten, die haben es geschafft, mit unglaublicher Würde, Ausdauer, Frieden und Schönheit, was niemand für möglich gehalten hat.

Ich bin immer noch ganz überwältigt von den Bildern der letzten Wochen und der vergangenen Nacht. Ich, die ich zwar dem Pass nach keine Ägypterin, aber dem Genpol nach zumindest Araberin – ich fühle mich ohnehin seit ein paar Jahren und seit gestern erst recht im Herzen diesem Land und diesen Menschen zugehörig.Ich hatte so viel Glück bisher in meinem Leben, und wenn sich meine Eltern vor zwanzig Jahren anders entschieden hätten, wäre ich vielleicht auch in einem totalitären Regime groß geworden und würde da leben, wo es ein großer Teil meiner Familie noch heute tut. Und deshalb gehen meine Wünsche, die ich an diese Revolution habe, auch über Kairo, über Masr und die arabische Welt hinaus.

Ich wünsche mir, dass niemand von uns diese Bilder je vergisst, diese Freude, diesen Optimismus, diesen unbedingten Siegeswillen im Namen der Freiheit und Gerechtigkeit. Unser so typisch deutscher Zynismus, unsere Miesepetrigkeit hat zumindest für den Moment hier wirklich keinen Platz! Ich wünsche mir dieses Gefühl der Einigkeit, des füreinander Einstehens und Kämpfens für eine gemeinsame Idee auch hier, bei uns, wo kaum jemand Kraft und Lust hat, für etwas zu kämpfen, und sich meistens schämt, etwas zu fühlen.

Ich wünsche mir, dass diese Revolution für Ägypten gut ausgeht, dass der 11. Februar als der Tag in die Geschichte eingeht, an dem in „Umm ad-Dunya“ (Mutter der Welt – wie man Masr dort nennt) die Demokratie eingekehrt ist, und nicht als der Tag, an dem ein Depot den anderen abgelöst hat.

Ich wünsche mir, dass wunderbare Dichter und Denker frei reden, schreiben und sich mitteilen können, auch, damit wir sie hier bei uns endlich zu hören bekommen.

Ich wünsche mir, dass der Funke überspringt nach Palästina, dass sich auch da die Jugend ohne Waffen befreien kann.

Ich wünsche mir, dass wir im Westen unsere Freiheit mehr schätzen und jeden Tag zumindest einen Moment lang dafür dankbar sind.

Ich wünsche mir, dass Thilo Sarrazin sich beim Anblick der Bilder aus Cairo in Grund und Boden schämt für seine bodenlosen, blasierten Dummheiten, die ihm Millionen gebracht haben. Da konnten Kopftuch- und Bartträger wohl doch ’n bisschen mehr als Gemüse und Döner verkaufen!!!

Und zu allerletzt wünsche ich mir sobald wie möglich ein Flugticket nach Cairo, um es in die Arme zu schließen von der Dachterrasse aus, auf der ich letztes Jahr schon über dem Nil getanzt habe. Und zu guter Letzt noch das Bild, das für mich diese letzten Tage geprägt hat und mir immer wieder die Tränen in die Augen treibt. (ich wollte eigentlich mehrere Bilder zusammen stellen, aber ich konnte mich nicht entscheiden … es wäre unendlich geworden. also nur dies eine …) Und damit ist dann auch erstmal genug von der Revolution … vorerst.


 

Eigentlich hatte ich gestern vor, hier endlich mal wieder etwas zu schreiben, dass nichts mit der Situation in Ägypten zu tun hat. Immerhin bin ich ja hier kein Nachrichtenticker, und inzwischen kann man sich ja sogar in deutschsprachigen Medien ganz gut informieren.

Auch wenn ich weiterhin eher AlJazeera English, BBC, CNN und dem Guardian vertraue, kann man bei der Süddeutschen, Spiegel Online, der taz und sogar bei der verschnarchten ARD gute Dinge lesen.

Außerdem hätte ich gestern sogar einen aktuellen, persönlichen und freudigen Anlass gehabt, hier eine schöne Geschichte zu schreiben. Eine meiner Lieblingscousinen in Saudi Arabien hat nämlich gestern geheiratet, und ich hätte gern bei dieser Gelegenheit meine Erlebnisse bei der letzten saudischen Hochzeit, die ich im Oktober 2010 besucht habe, hier mit euch geteilt. Naja, beim nächsten Mal.

Aber dann hing ich doch wieder bis um ein Uhr in der Nacht vor dem AlJazeera Livestream und habe Cairo geguckt. Inzwischen muss man sich ja fragen, ob da nicht vielleicht Hollywood seine Finger im Spiel hat und den Menschen eine riesige Tragikomödie mit echten Darstellern bietet. So wie bei Wag the Dog, dem Film, der weltpolitischen Zynismus so furios in Szene setzt.Seit den frühen Abendstunden hatte man also gestern darauf gewartet, dass Präsident Mubarak zu seinem Volk spricht. „All eure Forderungen werden erfüllt werden“, sagte ein Armeesprecher in einer TV-Ansprache. Überall las und hörte man plötzlich, dass sich Rücktrittshinweise verdichten sollten, Obama gab sich euphorisch, die Leute im Tahrir versammelten sich in Riesenmengen, um die größte Party in der Geschichte des Nahen Ostens zu feiern.

Und dann das. Um ca. 22 Uhr unserer Zeit tritt der Tattergreis vor die Kameras und gibt erneut den enttäuschten Vater, wiederholt im Grunde fast wörtlich, was er in seiner letzten Rede gesagt hat, mit kleinen Abweichungen. Schon nach den ersten Minuten der Rede, in denen klar wurde, hier spricht nicht einer, der sich gleich ins Flugzeug nach Dubai setzt und sich auf nimmer Wiedersehen verabschiedet, wurden die Pfiffe, Buh-Rufe und wütende Parolen auf dem Tahrir immer lauter. Die Leute sind nun unfassbar und zu Recht und verständlicherweise wütend. Man fragt sich wirklich, wie verblendet Präsident und sein Vize Omar Suleiman, der kurz darauf vor die Kameras trat, sein müssen. Den Menschen jetzt, zu diesem Zeitpunkt zu sagen: „Geht nach Hause, geht an die Arbeit, das Land braucht euch“ ?? Man fragt sich auch, wer hat diese Rede geschrieben.

Heute also geht der Protest weiter, in seinen 17. Tag, und es sollen mehr Leute werden denn je. Mir persönlich macht das große Angst. Das kann ja nur in einer Katastrophe enden. Wenn heute wieder hunderttausende Menschen in Cairo Downtown ihre Rechte fordern und Mubaraks Sturz herbei wünschen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es zu noch mehr und noch schlimmerer Gewalt kommt als nach Mubaraks letzter Ansprache. Er wird dann seinen internationalen Kritikern zurufen: „Was wollt ihr denn, ich habe doch Zugeständnisse gemacht! Die Leute sind irrational, von internationalen Medien verblendet und wollen nicht auf ihren Übervater hören. Da hilft nur die Peitsche!“ Außerdem, und das hat er ja gestern klar gemacht, lässt er sich sowieso von niemandem etwas sagen. Weder von außenstehenden Mächten, noch von seinem Volk, wie’s scheint.

Er wird bleiben, bis er das Drehbuch für eine weitere gefälschte Wahl im September fertig gebastelt und die Regierungsverantwortung seinen Zöglingen übergeben hat, und er wird auf ägyptischem Boden sterben. Als alter Militärmann ist es wahrscheinlich nicht verwunderlich, dass er diesen seinen Entschluss immer wieder betont. Aber das Ausmaß von Sturheit, das diese Männer gestern einmal mehr an den Tag gelegt haben, das wird ab heute immer gefährlicher. Den Demonstranten bleiben ja nicht mehr viele Möglichkeiten. Das Staatsfernsehen sollten sie besetzten, schrieb gestern jemand auf Facebook. Mit einem gecharterten Helikopter auf dem Dach landen und so die Sicherheitskräfte vor den Toren umgehen. Schöne Idee. Ich sag ja – Hollywood.

Es kann eigentlich nur noch das Militär entscheiden. Das Militär, das ohnehin seit Wochen Puffer und Zünglein an der Waage ist.
Es bleibt zu hoffe, und mehr als hoffen kann ich nicht, dass alles doch noch gut ausgeht. Wer hat den längeren Atem, wer sitzt am längeren Hebel?

Die Schriftstellerin und Aktivistin Nawal El-Sadawi, inzwischen ganze 80 Jahre alt, ist nicht bereit, sich vom korrupten Mubarak-Regime und seinen gekauften Schergen einschüchtern zu lassen. Eine beeindruckende, inspirierende Frau!!

 

Während die Situation in Cairo seit gestern Mittag mehr und mehr zu eskalieren scheint, hat die verschnarchte deutsche Presse nur teilweise zu den weitaus schnelleren, kompetenteren und engagierteren internationalen Kollegen aufgeholt. Während die Situation in Cairo seit gestern Mittag mehr und mehr zu eskalieren scheint, hat die verschnarchte deutsche Presse nur teilweise zu den weitaus schnelleren, kompetenteren und engagierteren internationalen Kollegen aufgeholt.

Zumindest Spiegel Online hat inzwischen auch einen Liveticker eingerichtet, der jedoch in seiner Akkuratesse, Geschwindigkeit und Quellenvielfalt nach wie vor weit hinter den Liveblog des Guardian zurück fällt. Wo beispielsweise in den deutschen Medien, sei es Print, Netz oder TV, konnte man diese Bilder sehen, die Ausweise zeigen, die bei den sogenannten Mubarak-Verfechtern gefunden wurden. Polizeiausweise, Parteiausweise von Mubaraks Nationalpartei. Wo Kommentare lesen wie die von Jack Shenker, der gestern nicht nur Mohamed El Baradei interviewt, sondern auch mit Leuten gesprochen hat, die angeben, das man ihnen 100 LE (ca. 20 Euro) gezahlt hat, um in organisierten Schlägertrupps im Stadtzentrum Unruhe zu schaffen?

Während gestern um die Mittagszeit dutzende Männer auf Kamelen und Pferden in die Mengen der Demonstranten am Midan at-Tahrir geritten sind und die Menschen nieder geknüppelt haben, lief im ZDF eine Kochsendung. Über die Begründung, die offenbar seitens N24 und n-tv für dieses Versagen gegeben wird, ist mehr als nur hanebüchen: Mangelndes Zuschauerinteresse an einer Dauerberichterstattung. Danke, Fernsehen, dass du uns einmal mehr vorgibst, was wir sehen wollen!Auch sogenannte Hintergrundberichte in Print und TV lösen bei mir und auch anderen Kollegen, die die Region gut kennen und regelmäßig darüber berichten, nur Kopfschütteln aus. Das letzte Beispiel hierfür ist die absolut peinliche Vorstellung bei Hart aber Fair gestern Abend. Kann mir mal jemand erklären, warum man immer, immer, immer, sobald irgendwo das Wort „Gottestaat“ fällt, Michel Friedman aus der Mottenkiste kramen muss? Ein Anruf bei der Deutschen Welle hätte genügt, liebe ARD, und ihr hättet Studiogäste haben können, die die Situation im Nahen Osten nicht nur besser einschätzen können, sondern – ein entschiedener Vorteil gegen die meisten anderen Korrespondenten der Öffentlich-Rechtlichen – sogar die Sprache sprechen und vielleicht sogar ein bisschen mehr Interesse für ein Thema aufbringen, als Plasbergs Gäste, die sich scheinbar eine Stunde vor Aufzeichnung noch schnell bei Wikipedia informiert haben.

Diese Verhalten verärgert mich von Tag zu Tag mehr, auch weil ein solches Nachhinken mangelnde Haltung erkennen lässt. Mangelnde Haltung, das trifft auch auf die deutsche Politik zu. Während David Cameron, englischer Premier – zugegeben auch etwas verspätet, aber zumindest mit Nachdruck – sich bereits gestern Vormittag geäußert hat, brauchte die Bundesregierung tatsächlich bis heute Vormittag, um ein Statement gemeinsam mit den anderen EU-Staaten zu veröffentlichen. Was sagt uns das denn über die Positionierung der europäischen Außenpolitik? Timothy Garton Ash hat im Guardian einen sehr schönen Kommentar dazu verfasst. Lieber Westen, überlegt euch was!

Positives gibt es von kleineren, unabhängigen Publikationen zu vermelden. So hat die aktuelle Ausgabe von Jungle World ein sehr schönes Cover und Themenheft hinbekommen. Auch das Magazin Zenith sowie natürlich Qantara von der Deutschen Welle sind hier unbedingt zu nennen.

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