Vor genau zwei Wochen, am 25. Januar, begannen die Proteste in Kairo, und seither habe ich fast ununterbrochen am Computer geklebt, um die Ereignisse so gut es ging zu verfolgen.

Das war und ist nicht immer ganz einfach, zum einen wegen der schon erwähnten verschlafenen deutschen Medien, zum anderen wegen der zeitweise abgeschnittenen Internet- und Telefonverbindungen in Ägypten. Tagelang habe ich keine Nachricht bekommen von Freunden vor Ort, erst seit Donnerstag habe ich inzwischen von den meisten gehört, dass es ihnen gut geht, habe gehört, wer an den Protesten teilgenommen hat und wie es inzwischen auf den Straßen aussieht. Schließlich musste ich mich zwingen, mich ein paar Tage vom Internet und dem Verfolgen der Nachrichten abzulenken, um ein bisschen Distanz aufbauen zu können. Die Bilder und Berichte hatten mich zu sehr mitgenommen.

Inzwischen sind ein paar Tage vergangen und es ist Zeit für eine persönliche Zwischenbilanz.

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Alle Augen nach Kairo, die Revolution geht weiter, hat nie aufgehört, und erreicht heute einen weiteren, recht absurden Höhepunkt.

Am Freitag hatten sich hunderttausende Menschen wieder auf dem Midan al-Tahrir versammelt, um ihre Rechte einzufordern. Zuvor machten immer häufiger Gerüchte die Runde, das Interims-Militärregime würde Anhänger der Revolution festnehmen, foltern und in geheimen Militärtribunalen verurteilen.

Außerdem fordern die Demonstranten, dass dem ehemaligen Präsidenten Mubarak und seinen Ministern und Generälen der Prozess gemacht und dass Ermittlungen über Mubaraks Vermögen in die Wege geleitet werden.
Bei den Protesten ist es zu schlimmen Ausschreitungen gekommen, viele wurden verletzt, zwei starben. Heute dann die große Überraschung. Gegen 15 Uhr unserer Zeit kursierten auf einmal Gerüchte auf Facebook und Twitter, Mubarak würde sich in einer Rede auf dem Sender Al Arabiya an die Nation wenden. Und tatsächlich konnte ich die ganze Zeit über keinen Live Stream starten, weil der Server des Senders scheinbar komplett überlastet war. Aber die Rede wurde (offenbar vom Band kommend), tatsächlich ausgestrahlt, wie mir Freunde in Kairo berichteten, und wenig später konnte man sie dann auch auf der Seite des Senders lesen. Leider (bislang) nur auf Arabisch.

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Eigentlich hatte ich gestern vor, hier endlich mal wieder etwas zu schreiben, dass nichts mit der Situation in Ägypten zu tun hat. Immerhin bin ich ja hier kein Nachrichtenticker, und inzwischen kann man sich ja sogar in deutschsprachigen Medien ganz gut informieren.

Auch wenn ich weiterhin eher AlJazeera English, BBC, CNN und dem Guardian vertraue, kann man bei der Süddeutschen, Spiegel Online, der taz und sogar bei der verschnarchten ARD gute Dinge lesen.

Außerdem hätte ich gestern sogar einen aktuellen, persönlichen und freudigen Anlass gehabt, hier eine schöne Geschichte zu schreiben. Eine meiner Lieblingscousinen in Saudi Arabien hat nämlich gestern geheiratet, und ich hätte gern bei dieser Gelegenheit meine Erlebnisse bei der letzten saudischen Hochzeit, die ich im Oktober 2010 besucht habe, hier mit euch geteilt. Naja, beim nächsten Mal.

Aber dann hing ich doch wieder bis um ein Uhr in der Nacht vor dem AlJazeera Livestream und habe Cairo geguckt. Inzwischen muss man sich ja fragen, ob da nicht vielleicht Hollywood seine Finger im Spiel hat und den Menschen eine riesige Tragikomödie mit echten Darstellern bietet. So wie bei Wag the Dog, dem Film, der weltpolitischen Zynismus so furios in Szene setzt.Seit den frühen Abendstunden hatte man also gestern darauf gewartet, dass Präsident Mubarak zu seinem Volk spricht. „All eure Forderungen werden erfüllt werden“, sagte ein Armeesprecher in einer TV-Ansprache. Überall las und hörte man plötzlich, dass sich Rücktrittshinweise verdichten sollten, Obama gab sich euphorisch, die Leute im Tahrir versammelten sich in Riesenmengen, um die größte Party in der Geschichte des Nahen Ostens zu feiern.

Und dann das. Um ca. 22 Uhr unserer Zeit tritt der Tattergreis vor die Kameras und gibt erneut den enttäuschten Vater, wiederholt im Grunde fast wörtlich, was er in seiner letzten Rede gesagt hat, mit kleinen Abweichungen. Schon nach den ersten Minuten der Rede, in denen klar wurde, hier spricht nicht einer, der sich gleich ins Flugzeug nach Dubai setzt und sich auf nimmer Wiedersehen verabschiedet, wurden die Pfiffe, Buh-Rufe und wütende Parolen auf dem Tahrir immer lauter. Die Leute sind nun unfassbar und zu Recht und verständlicherweise wütend. Man fragt sich wirklich, wie verblendet Präsident und sein Vize Omar Suleiman, der kurz darauf vor die Kameras trat, sein müssen. Den Menschen jetzt, zu diesem Zeitpunkt zu sagen: „Geht nach Hause, geht an die Arbeit, das Land braucht euch“ ?? Man fragt sich auch, wer hat diese Rede geschrieben.

Heute also geht der Protest weiter, in seinen 17. Tag, und es sollen mehr Leute werden denn je. Mir persönlich macht das große Angst. Das kann ja nur in einer Katastrophe enden. Wenn heute wieder hunderttausende Menschen in Cairo Downtown ihre Rechte fordern und Mubaraks Sturz herbei wünschen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es zu noch mehr und noch schlimmerer Gewalt kommt als nach Mubaraks letzter Ansprache. Er wird dann seinen internationalen Kritikern zurufen: „Was wollt ihr denn, ich habe doch Zugeständnisse gemacht! Die Leute sind irrational, von internationalen Medien verblendet und wollen nicht auf ihren Übervater hören. Da hilft nur die Peitsche!“ Außerdem, und das hat er ja gestern klar gemacht, lässt er sich sowieso von niemandem etwas sagen. Weder von außenstehenden Mächten, noch von seinem Volk, wie’s scheint.

Er wird bleiben, bis er das Drehbuch für eine weitere gefälschte Wahl im September fertig gebastelt und die Regierungsverantwortung seinen Zöglingen übergeben hat, und er wird auf ägyptischem Boden sterben. Als alter Militärmann ist es wahrscheinlich nicht verwunderlich, dass er diesen seinen Entschluss immer wieder betont. Aber das Ausmaß von Sturheit, das diese Männer gestern einmal mehr an den Tag gelegt haben, das wird ab heute immer gefährlicher. Den Demonstranten bleiben ja nicht mehr viele Möglichkeiten. Das Staatsfernsehen sollten sie besetzten, schrieb gestern jemand auf Facebook. Mit einem gecharterten Helikopter auf dem Dach landen und so die Sicherheitskräfte vor den Toren umgehen. Schöne Idee. Ich sag ja – Hollywood.

Es kann eigentlich nur noch das Militär entscheiden. Das Militär, das ohnehin seit Wochen Puffer und Zünglein an der Waage ist.
Es bleibt zu hoffe, und mehr als hoffen kann ich nicht, dass alles doch noch gut ausgeht. Wer hat den längeren Atem, wer sitzt am längeren Hebel?

Die Schriftstellerin und Aktivistin Nawal El-Sadawi, inzwischen ganze 80 Jahre alt, ist nicht bereit, sich vom korrupten Mubarak-Regime und seinen gekauften Schergen einschüchtern zu lassen. Eine beeindruckende, inspirierende Frau!!

 

In einem Essay im aktuellen Amnesty International Journal schreibt die wunderbare Schriftstellerin Marica Bodrozic über den Zusammenhang von Sprache und dem Kampf um Freiheit. Ein Zusammenhang, den man in den letzten Tagen anhand der Ereignisse in Ägypten geradezu lehrbuchhaft miterleben konnte.

Sprache, so schreibt Bodrozic, gibt den Unterdrückten die Gelegenheit, „ihre Gedanken auf die Möglichkeit der Freiheit auszurichten.“ Genau das geschieht zur Zeit auf den Straßen von Cairo. Die Hemmschwelle des Denken- und Artikulieren-dürfens ist gefallen, weil es andere vorgemacht haben; die anderen, das sind die unmittelbaren Nachbarn, die, die mitunter dieselbe Sprache sprechen. Chöre wie „Al Shaab yurid tagheer el nizam“ (Das Volk will eine Veränderung des Systems) schallen zur Zeit laut durch den gesamten Nahen Osten.

Einfache Sprache, verständliche Sprache, Worte, die eine Wut und ein Verlangen und eine Sehnsucht artikulieren, die sich lange angestaut hat.Was passiert, wenn menschliche Gewalt nicht mehr gegen das Sprachrohr der Tausenden ankommt, konnte man gestern sehen, als Hosni Mubarak zum zweiten Mal seit Beginn der Proteste vor die Kameras des nationalen Fernsehsenders trat und eine weitere Rede hielt, die noch zynischer, noch herablassender in ihrer Wortwahl daher kam als die erste am vergangenen Freitag.Mubarak spricht langsam, bedächtig, wie ein enttäuschter Vater, der seine Kinder rügt, dass sie sein Auto dreckig gemacht haben. Er spricht davon, wie er nie darum gebeten hat, Präsident zu werden, wie er immer versucht hat, im besten Interesse seines Volkes zu handeln. Er sagt, er werde nicht mehr zur Präsidentschaftswahl antreten, werde Gesetzesreformen einleiten. Lippenbekenntnisse und Hinhaltetaktik, sagt ElBaradei kurz nach der Rede im CNN-Interview.

Hat Mubarak wirklich gehofft, ein Volk so von den Straßen zu scheuchen? Ein Volk, das seit Tagen seinen unmittelbaren Rückzug fordert, mit mehr als eindeutigen Gesten? Schon während der Übertragung der Rede pfiffen die Demonstranten, warfen Schuhe auf die Übertragungsleinwände und machten ihrem Ärger einmal mehr mit Worten Luft: „Behandle uns nicht wie kleine Kinder!“ – Da hat wohl jemand unterschätzt, wie leicht seine Rhetorik zu durchschauen ist von denjenigen, die das Wort „Freiheit“ erst einmal laut gedacht haben. Die nächste Konsequenz ist nun heute, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Unter dem Schleier vermeintlich zurück kehrender Normalität – das Internet und auch die Telefonleitungen scheinen über weite Strecken wieder zu funktionieren, die Ausgehsperre wurde gelockert – schickt Mubarak bezahlte Schergen auf die Straßen, vermeintliche Befürworter des Regimes, die mit Gegenparolen, aber auch Waffen versuchen, der neu gefundenen Artikulationsfreude der Ägypter zu begegnen. Es bleibt zu hoffen – und ich glaube ganz fest daran – dass die friedlichen Rufe nach Freiheit und Veränderung sich nicht zum Schweigen bringen lassen, und dass auch dieser neue Versuch nur mit noch lauteren Rufen quittiert wird.

Darüber, welche Schwierigkeiten die westlichen Mächte mit diesem freiheitlichen Sprachduktus haben, und warum sie langsam aber sicher anfangen sollten, die Wörterbücher zu wälzen, bald mehr!

Eine ganze Woche ist seit den letzten Blogeinträgen vergangen, eine ganze Woche, in der so vieles, und gleichzeitig viel zu wenig passiert ist. Seit acht Tagen verbringe ich jede freie Minute vor dem Computer und verfolge über verschiedene Kanäle die Situation in Cairo.

Seit acht Tagen wechseln sich Hoffnung, Aufregung und die Furcht vor dem, was kommen mag in Ägypten und im gesamten Nahen Osten. Seit acht Tagen versuche ich Freunde in Cairo zu erreichen, und kaum jemand antwortet. Von anderen Freunden weiß ich, dass sie sich mitten unter den tausenden von Menschen befinden und miterleben, wie Geschichte geschrieben wird. Neid einerseits und viel Bewunderung, aber auch Sorge. Natürlich.

Was zur Zeit in Ägypten passiert, übersteigt meine kühnsten Vorstellungen. Vor knapp 9 Monaten noch war ich dort, habe einige Monate dort gelebt, bin jeden Tag spazieren gegangen dort, wo sich heute zwei Millionen Menschen um Panzer scharen, am Midan at-Tahrir, dem Platz der Befreieung. Ein Platz, der mitnichten diesen Namen verdient hat – Platz. Bis jetzt. Bis jetzt war es ein riesiger Kreisverkehr, tagtäglich verstopft von hunderten von Autos. Und jetzt – ein Platz, ein Ort der Versammlung, für hunderte, tausende Menschen.

Die deutsche Presse und die deutschen Medien im allgemeinen haben bei der Berichterstattung der letzten Tage nicht gerade eine Glanzleistung hingelegt. Viel zu spät, viel zu langsam, über weite Strecken nur marginal bis gar nicht informierte Korrespondenten. Kaum eine der Einschätzungen in der letzten Woche ging über vage Aussagen wie „Man kann nicht genau sagen, was jetzt passieren wird“ hinaus. Kein einziger deutscher Sender war live dabei, als Hosni Mubarak am letzten Freitag seine lang erwartete (und dann so zynisch klingende) Rede gehalten hat. Wer das sehen wollte, musste auf den live stream von CNN zurück greifen. Wer informiert sein will hierzulande, griff und greift auf englische und internationale Medien zurück. Al Jazeera streamt nach wie vor live aus Cairo, der britische Guardian hat seit den ersten Stunden des Protests einen hervorragenden Live-Blog eingerichtet, der Informationen aus verschiedensten Quellen zusammen trägt und aufarbeitet. Journalisten vom Guardian sind unter den Demonstranten, liefern o-Töne. Mohamed ElBaradei, einer der größten Hoffnungsträger in Ägypten zur Zeit, gibt sein erstes und exklusives Interview dem wunderbaren Robert Fisk des britischen Indipendent.

Man fragt sich – wo sind die deutschen Medien? Wo die deutsche Außenpolitik? Man sieht keinerlei Haltung, nur Zögern. Woran liegt das? Das einzige Thema, was sowohl deutsche Politik wie Medien gleichermaßen intensiv aufzugreifen scheinen, ist das Thema „Muslimbrüderschaft“. In der Berichterstattung wird die Angst geschürt, diese Proteste könnten sich ganz leicht in eine Islamische Revolution verwandeln, und die Muslimbrüder warteten nur darauf, die Herrschaft über Ägypten zu übernehmen. All die Bilder, Berichte von Menschen vor Ort und Einschätzungen internationaler Experten sprechen jedoch dagegen. Es heißt, sobald religiöse Parolen in der Menge gerufen werden, bringe man sie zum Schweigen. Die Menschen wollen Freiheit und Demokratie, und sie scheinen sehr genau zu wissen, was das ist. Sie brauchen nicht uns, den arroganten Westen, dem vor Angst schon die Knie schlottern, weil er fürchtet, die „Wilden“ könnten Demokratie mit religiöser Autokratie verwechseln. Lediglich Stefan Weidner zeichnet sich in seinem Text im aktuellen Qantara Magazin einmal mehr als einer der klügsten und kenntnisreichsten Beobachter des Nahen Ostens aus. Ich werde weiterhin den Menschen in meinem geliebten Land dabei zusehen, wie sie um ihre Freiheit kämpfen, werde hoffen und mir wünschen, dass dies nicht ein zweiter Iran, ein zweiter Libanon wird, dass Mubarak einsieht, dass seine Zeit vorbei ist und dass dieses starke, stolze und mutige Volk in freien und gerechten Wahlen einen Präsidenten und eine Regierung wählen kann, die seiner würdig sind und es in eine bessere Zeit führt.

Und ich werde weiter hoffen und mir wünschen, dass nicht mehr viel Zeit vergeht, bis ich zurück fahren und wieder über einen mit Autos verstopften Midan at-Tahrir spazieren und mich mit den Menschen in Zamalek, Mohandessin und Agouza unterhalten und die Geschichten von einer erfolgreichen Revolution hören kann.

Nach Tunesien scheint sich auch in meiner Wahlheimat Ägypten die Unruhe über die mehr als dreißig Jahre Mubarak-Regime laut breit zu machen.

Die BBC meldet Unruhen im ganzen Land, Demonstrationen von Tausenden. Auf einer Facebook Seite werden die Aktivitäten der Regime-Gegner koordiniert. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Social Network im Land der Pharaonen gesperrt wird. Seit Mai schon können die Ägypter über die offiziellen Provider kein Skype mehr nutzen. Aus Kairo ist zu hören, dass seit gut einer Stunde angeblich auch der Nachrichtendienst Twitter geblockt sein soll.

Ich kann nur hoffen, dass sie es schaffen, die Ägypter. Hosni Mubarak gehört längst nicht mehr an eine Staatsspitze. Eine Chance für Mohammed El-Baradei!

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